Laufrausch, der zweite Tag …

75 Kilometer waren erst gelaufen, die Lauflust war auch am nächsten Tag nicht wieder gekommen, obwohl der Regen seit zwei Uhr aufgehört hatte. Nur Susanne, die Konsequente, wollte weiterlaufen. Hauke war träge und ich war vollkommen demotiviert. Mir war kalt und ich fand es „usselig“, um den Ruhrpott-Begriff mal zu verwenden. Zwei gute Gründe, unter der wärmenden Decke liegen zu bleiben, fand ich.
Gegen Susannes Hartnäckigkeit half auch Haukes eingebildete Trägheit wenig und so erbarmte er sich nach vielleicht zehnmaligen Aufrufen von Susanne doch noch, aufzustehen und weiter zu laufen. Ich aber blieb hart wie ein 6-Minuten-Ei.
Ich stieg erst nach dem Frühstück wieder in den Lauf ein. Ich war aber rechtzeitig da, als das erste Mal ein Schild auf einem Baum zu sehen war mit dem Namen unseres Ziels. „Hamburg 280 Kilometer“ stand da, aber damit war bestimmt nur die Strecke in der Luftlinie gemeint. Außerdem waren dort Paris, Moskau, Singapur und auch viele andere hübsche Metropolen dieser Welt erwähnt und mit Entfernungen versehen.

Dieser Baum hat es aber auch nicht geschafft, wieder Elan und Hoffnung in meinen Lauf zu bringen. Wir hatten uns zu dritt schon langsam damit abgefunden, bis Montag Abend zu laufen und dann irgendwo vor Hamburg zu enden, 10 Kilometer, 100 Kilometer oder sogar 1.000 Kilometer. „Es ist ja eh‘ egal,“ dachten wir, „dieser Lauf hat schon so schlecht begonnen, dann darf er auch schlecht zu Ende gehen.“

Und dann geschah das kleine Wunder. Es kam unverhofft in Form einer MMS.
In Wort und Bild stand da etwas von „Haukes irrem Lauf“, das Foto von Hauke war darauf zu sehen, das Foto, das wir am Vortag in Dresden gemacht hatten und die MMS zeigte, dass es sich nicht um einen Artikel im Eutiner Käseblättchen handelte, sondern um einen Artikel in der großen „Hamburger Morgenpost“.
Auf mich wirkte die MMS wie Doping, Susanne wiederum fühlte sich nun unter Druck gesetzt und brauchte sehr lange, um mit dieser neuen Situation umzugehen. Hauke wiederum erklärte, dass er nun auf jeden Fall bis Hamburg laufen werde, egal, wann er dann ankommen würde.

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Wir diskutierten einige Lösungsvorschläge, die Handys liefen heiß und die Aktien der Mobilfunkanbieter stiegen angesichts dieser Kosten ins Unermessliche. Damit auch unser Fahrer Thomas zeitnah über diese Wende informiert war, beschleunigte ich das Tempo und lief über 1o Kilometer in einer Pace von unter 5:00 Minuten je Kilometer. Squeezy, PowerBar Gel oder welche Hilfsmittel auch immer: nichts treibt mich so sehr an wie die Erwartungshaltung von Anderen. In diesem Moment konnte ich fliegen.
Und wieder erkannte ich den „Magic Moment“, den wundersamen Moment, in dem mir stets klar wird, wie glücklich wir Läufer sein dürfen, dass wir diesen Zauber erleben können.

Am Ende setzte sich bei uns der Lösungsansatz durch, dass Hauke nach Hamburg laufen wollte, egal, wie lange es dauern würde, Susanne und ich wollten teilweise zusammen mitlaufen, teilweise aber auch alleine. Auf jeden Fall sollte Hauke stets zumindest von einem von uns begleitet werden.
Die Probleme aber würden ab Montag entstehen. Thomas hatte den folgenden Dienstag fest als Reisetag in den Süden eingeplant. Er hatte ein „Ententreffen“ in Süddeutschland organisiert und sagte, dass es nicht überzeugend wäre, wenn der, der das Treffen organisiert hat, nicht anwesend wäre.
Ich wiederum hatte mich auch fest auf das Ende des Laufs am Montag Abend eingestellt und hatte für den Dienstag geschäftiche Termine vereinbart, die ich nicht verschieben konnte. Mir wird schon die Arbeitswoche fehlen, in der ich um den Mont Blanc laufen werde.
Susanne hat auch auf der Arbeit gesagt, am Dienstag wieder zurück zu sein, aber sie entschied spontan, noch ein paar Überstunden abzubauen, also rief sie auf der Arbeit an und fragte, ob das so möglich wäre. Statt des befürchteten Unverständnisses erfuhr Susanne Lockerheit, Verständnis und Zustimmung. Sie war glücklich und wir hatten eine Lösung.

Und wir liefen weiter, den ganzen Tag durch. Irgendwann machte ich eine Pause, um für uns alle Nudeln zu kochen. Hauke hatte Vollkorn-Nudeln besorgt und es gab eine vegetarische Sauce dazu. Susanne und Hauke liefen aber dann nicht zum vereinbarten Treffpunkt, sondern sie landeten eine Ortschaft weiter dort auf dem Marktplatz. Von dort aus riefen sie uns an, damit wir dorthin kommen können.
Schade, dachte ich, ich hatte den Tisch so schön gedeckt. Irgendwie hat es aber doch geklappt, das Geschirr wurde abgedeckt, die Nudeln warmgehalten und auch die Sauce wurde wieder ins Glas zurück geschüttet. Und obwohl wir kein Salz im Wohnmobil hatten, waren die Nudeln lecker. Gewundert hat mich jedoch, dass Thomas glatte 12 Minuten gebraucht hat, um endlich loszufahren.

In der Nacht lief ich dann mit Hauke. Ich war richtig gut drauf und freute mich darauf, die ganze Nacht durchzulaufen, um die kommenden Laufnächte am Mont Blanc zu simulieren. Ich war genau so lange motiviert, bis die letzte Etappe kam, eine Etappe von nominal etwa 12 Kilometern. Wir wollten sie in 1 1/2 Stunden abhaken. Was für ein Irrtum!

Weil die Fähre in der Nacht nicht mehr fuhr, sahen wir eine Alternative über normale Straßen zu einer großen Brücke und direkt danach wollte Thomas mit dem Wohnmobil warten. Anfangs ging es gut voran. Es waren kleine Straßen, die wir liefen, aber die Landkarte, die wir dabei hatten, schien genau und aktuell zu sein. Ein Mal verliefen wir uns, als wir eine Abzweigung verpassten. Aber das merkten wir relativ schnell im nächsten Örtchen.
Später dann ging es um ein Wasserschloss herum und der Weg sah auf der Karte aus wie ein Rechteck. Lange schein alles in Ordnung zu sein, aber dann wussten wir nicht mehr weiter. Da fehlte ein Weg, den wir laufen wollten, dafür war da sehr viel Wasser. Drei Mal gingen wir einen Weg entlang, stets in der Hoffnung, die für uns entscheidende Abzweigung doch noch irgendwo zu finden. Am Ende des Weges war ein Bauernhof und die Straße war mit einem privaten Gatter geschlossen.

Irgendwann haben wir dann doch eine Abzweigung gefunden und wir verbanden damit die Hoffnung, nun doch noch zügig beim Wohnmobil anzukommen. Weit war es nicht mehr, vielleicht noch drei oder vier Kilometer, schätzten wir, wenn, ja wenn das der richtige Weg gewesen wäre. War er aber nicht.
Das merkten wir aber erst sehr spät, als wir uns lange Zeit durch hohes Gras gekämpft hatten und dann doch wieder am Wasser standen. Es half nichts, wir mussten querfeldein, einfach nach Gefühl. Ein riesiges Stoppelfeld schrie danach, von uns begangen zu werden. Meine Stirnlampe war schon lange aus und ich war froh, dass Hauke ein paar Ersatzbatterien dabei hatte.
Dann war das Stoppelfeld zu Ende, die Autobahn nah und der Zaun zwischen uns und der Autobahn war kein echtes Hindernis für uns. Die Autobahn aber schon.

Mittlerweile war es fast drei Uhr nachts, wir liefen schon bald drei Stunden lang durch die Dunkelheit und ich hatte die Nase gestrichen voll.
Ich wollte einfach über die Autobahn laufen, aber Hauke war dagegen, weil es sicherlich viel zu gefährlich gewesen wäre. Also kletterten wir wieder über den Zaun und folgten Zaun und Autobahn für ein paar Hundert Meter, bis wir einen Tunnel unter der Autobahn ausmachten.

Thomas rief ja vor Stunden an und sagte, dass er unter der Autobahn bei einem Tunnel warten würde, fiel mir ein. War das der richtige Tunnel?
Wir gingen durch und suchten das Wohnmobil, aber ohne Erfolg.

Nun waren wir auf der anderen Seite der Autobahn und wir folgten ihr unten bis zur Elbe. Weiter ging es natürlich nicht. Jetzt war ich endgültig bedient und wollte nur noch schlafen. Auch Hauke war genervt und nervös und das Handy erwähnte durch eifriges Klingeln, auf „Battery low“ zu stehen. Was würde passieren, wenn wir den Weg nicht finden würden und sich gleichzeitig auch noch das Handy verabschieden würde? Langsam machte ich mir tatsächlich Sorgen. Wieder überstiegen wir einen Zaun, wieder scheiterten wir an der Autobahn und wieder kletterten wir über den Zaun zurück.
Jetzt waren wir richtig genervt.

Also beschlossen wir, Thomas anzurufen und uns abholen zu lassen. Hauke hatte ein Schild entdeckt. Da war ein Autobahnparkplatz in 900 Metern Entfernung und dort wollten wir uns treffen. Also sagten wir Thomas, dass er dorthin fahren solle.
Es hätte uns so gut getan, wenn er sich mit ein paar warmen Worten nach unserem Zustand erkundigt hätte, gefragt hätte, ob wir gesund wären, was passiert wäre und all die Dinge, die Frauen perfekt können und wegen derer wir unsere Frauen ganz besonders lieben.
Aber Thomas wollte einfach nicht geliebt werden.

Wir gingen also zurück in Richtung dieses Autobahnparkplatzes, bis uns ein mal wieder abgesperrter Weg auffiel, der Rettung versprach. Während Hauke sich noch fragte, wohin dieser Weg führen würde, war ich schon dabei, den Weg zu inspizieren. Ich war so glücklich, als ich sah, dass er neben der Autobahn über die Elbe führte. Wir riefen sofort Thomas an, damit er nicht allzu weit fahren würde. Aber er hatte noch nicht einmal den Motor gestartet, vielleicht hätte er das auch erst nach weiteren Stunden verzweifelten Suchens gemacht. Wichtig war zuerst, den Fahrtweg in die Landkarte einzutragen und das Navigationssystem zu befragen. Nur losfahren und uns retten war nicht wichtig.

Als wir dann über die Brücke gelaufen waren, das Wohnmobil entdeckten und uns bewusst wurden, dass diese Odysee nun gleich vorbei sein würde, fielen mir Tausend Steine vom Herzen. Es war kurz nach vier Uhr, als uns Susanne entgegen kam und uns ganz fest drückte. Endlich fühlten wir uns wieder geliebt!

Über vier Stunden für 12 Kilometer! Ans Weiterlaufen war nicht zu denken, wir wollten nur noch schlafen …
So endete der zweite Tag im Laufrausch, weiter geht es im nächsten Beitrag.

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Ein wirklich extremer Lauf …

Wenn man seinen eigenen Nonstop-Längenrekord deutlich verbessert, dann sollte man glücklich und stolz sein. Ich aber bin vor allem dankbar. Nicht nur, weil diese zwei Lauftage ohne einige Menschen nicht möglich und nicht denkbar gewesen wären, sondern weil ich mir spätestens jetzt im Klaren bin, dass sich andere Menschen wirklich für mich interessieren und sich um mich sorgen.

Mein erster Dank geht natürlich an Jens Vieler, den Veranstalter der TorTOUR de Ruhr. Wenn man sieht, worum er sich schon im Vorfeld gekümmert hat, wie viele Briefing-Mails er vorab geschickt hat, wie er im Rahmen seiner Budgets versucht hat, es den Läufern möglichst angenehm zu machen, dann beschleicht Dich fast so etwas wie Demut. Und auch beim Lauf selbst war er omnipäsent, von Q wie Quelle bis Z wie Ziel gewissermaßen. Jens war an den Verpflegungsstellen, Jens war ständig telefonisch erreichbar und er war auch beim Zieleinlauf da.
Und Jens hat „seine“ Läufer auch gesucht. Nach der vorletzten offiziellen Verpflegungsstelle, die von Peter J. Hunold, ebenfalls einem erfahrenen und allseits geschätzten Ultra-Marathonläufer, betreut wurde, habe ich mich, warum auch immer (dazu später mehr), entschlossen, mir im Auto meiner Frau Gabi ein Schläfchen zu gönnen. Später rief dann Jens an, um sich zu erkundigen, wie es mir ginge, ob ich dabei sei und auch dabei bleiben würde.

Jens, selbst nicht nur ein geschätzter Ultra-Marathonläufer, sondern auch noch einer, der mit besonderen Resultaten und Platzierungen aufwarten kann, nimmt Dich gewissermaßen mental in die Arme, pudert Dich und pampered Dich. Nur noch laufen musst Du noch selbst.


Mein zweiter Dank geht mal wieder an meine Frau Gabi. Als Supporterin ist sie schon einigermaßen erfahren, 2009 war sie schon meine Batterie und Motivation bei der 24-h DLV Challenge in  Delmenhorst, aber vor allem den KÖLNPFAD hätte ich nicht ohne ihre Unterstützung bewältigen können. Ihr Support ist so herausragend, dass sie von meinen Mitläufern Hans-Peter Gieraths beim KÖLNPFAD genauso gelobt wurde wie dieses Mal von Hauke König, mit dem ich so lange gemeinsam gelaufen bin.
Ich danke ihr außerdem, weil sie nicht nur sah, dass es mir richtig schlecht ging, sondern sie versuchte auch, den Zustand zu verbessern. Sie zwang mich kurz nach dem oben erwähnten vorletzten Verpflegungspunkt zu einem Schläfchen in ihrem Auto, weil sie merkte, dass ich schon anfing zu lispeln, keine klaren Sätze mehr artikulieren konnte und wohl auch richtig schlecht aussah. Wenn man so umsorgt wird, dann weiß man, was Liebe ist.

Mein dritter Dank geht an die beiden Mitläufer Martin Raulff und eben an Hauke König, ohne die die TorTOUR noch mehr zur Tortour geworden wäre. Dass beide nicht finishen konnten, lag teilweise auch an mir und deshalb fühle ich mich ein wenig schuldig und ich schäme mich. Zumindest bei Hauke hätte ich darauf bestehen müssen, dass er sich von mir absetzt, aber sein Pflichtbewusstsein und sein „Helfersyndrom“ sind so stark ausgeprägt, dass er bei mir blieb. Schlussendlich hat ihm dann seine Archillessehne gesagt, dass er mich verlassen muss. Da war es aber schon zu spät.
Ich erinnere mich in solchen Situationen immer an das, was mein Laufpartner Heiko Bahnmüller vom TransAlpineRun 2008 zu mir gesagt hat: „Du hast keinen ersten Gang!“
Damit meint er, dass ich schnell gehen kann, sehr schnell sogar. Und ich kann auch laufen, aber ich kann nicht sehr langsam laufen.
Das wiederum führt dazu, dass ich, wenn mein Akku leer ist und ich auf das Gehen umstellen muss, meinen Mitläufern Schwieriges zumute. So schnell zu gehen wie ich gelingt nur den Wenigsten und das führt zu einer Mischung aus Gehen und Tippeln – sehr belastend für die Archillessehne. Ich hätte Hauke das sagen müssen.

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Dankbar bin ich auch für die vielen schönen Momente, die ich bei der TorTOUR de Ruhr erleben durfte.

Einer davon war zum Beispiel, als Bernd Krayer mich überholte. Bernd ist nicht nur ein hervorragender Ultra-Marathonläufer, sondern auch noch der Motor des TuS Breitscheid e.V., einem Verein, dem ich bin heute zutiefst verbunden bin. Mit den Läufern dieses Vereins habe ich am 3. Oktober 2005 zum ersten Mal die Längenmarke „Marathon – 42.195 Meter“ überwunden. Und ohne den Einsatz von Robert Zeller, einem erfahrenen Trainer dort, hätte ich das auch nicht geschafft.
Er aber zeigte mir nach 45 km, dass man weiter kommt, wenn man die Geschwindigkeit reduziert. Und auch wieder regeneriert. Der Seniorenmeister im Langstreckenlauf, das war er zumindest in dieser Zeit, kümmerte sich liebevoll um mich und so konnten wir ab km 55, als ich wieder bei Kräften war, noch eine Läuferin einsammeln, die beim Ratinger Rundlauf die Kilometer von 30 bis 60 laufen wollte und nach 25 Kilometern vollkommen am Ende war.

Ich wusste gar nicht, dass Bernd meinen Laufweg beobachtet hatte und wurde mir dessen erst bewusst, als er mir eine Mail schrieb, dass er sich für den Bambini-Lauf der TorTOUR de Ruhr angemeldet hat und mit Freude sah, dass ich mich für die große, die ganze Strecke des Ruhr-Radwegs von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein entschlossen habe. Als Bernd mich dann überholte, hatte ich schon mindestens 150 Kilometer hinter mir und befand mich im totalen Tief.
Schade, denn sonst wäre die Begrüßung wesentlich herzlicher ausgefallen. Falls Du, Bernd, diese Zeilen also lesen solltest, dann sehe mir das nach und fühle Dich nachträglich gedrückt und geherzt.

Ein anderer dieser Momente war, als ich bei der Verpflegungstelle „130 km“ ankam. Dort begrüßte mich ganz herzlich mein lieber Lauffreund Rainer Wachsmann aus dem westfälischen Münster. Ihn hatte ich zuletzt beim Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon gesehen, den er in beeindruckender Weise finishte. Mit ihm hatte ich gar nicht gerechnet und er war auch nur da, um die Einführungsrunde für die 100 Meilen-Läufer zu laufen. Ein kleiner Lauf, aber ein TorTOURist ist er immerhin schon. Und auch sonst hat er fast alles gefinished, was auf der Agenda der meisten Ultra-Marathonläufer steht.

Für andere Momente sorgten die vielen Fahrradfahrer und Spaziergänger auf der TorTOUR-Strecke. Viele wussten, was wir hier trieben, manche aber stellten die immer gleichen Fragen: „Was ist das für ein Lauf? Wie weit lauft ihr?“
Wenn Du die letzte Frage mit: „230 Kilometer“ beantwortest, dann kommt ein entsetztes „Was?“ zurück und auch die besten Wünsche. Einer der vielen ungeplanten Zaungäste fragte mich so vieles. Er wollte alles wissen. Warum wir so etwas tun, wie wir leben und arbeiten, wie wir uns vorbereiten. Und er verriet mir, dass er selbst Marathons laufen würde. Weiter aber, so ergänzte er, hätte er sich noch nie getraut. Ein interessierter, wirklich netter Mann. Vielleicht bekommt er irgendwann auch den „Kick“ und er gönnt sich die Vorsilbe „Ultra“ vor dem Wort „Marathoni“?


Kurz vor dem Ende, vielleicht bei km 217, passierte ich zwei junge Männer, die, beide einheitlich mit einer Flasche Bier und einer Zigarette bewaffnet, sich lautstark unterhielten Der eine sagte zum anderen: „Ich bin kein schlechter Mensch! Ich bin kein schlechter Mensch, nur weil ich …“
Zu gerne hätte ich erfahren, was ihn vielleicht zum schlechten Menschen gemacht hätte, aber da war ich schon zu weit von den beiden entfernt.

Schon kurz danach gab es ein Problem. Der Ruhr-Radweg verlief durch ein Gebiet, auf dem eine riesige Pfingstfeier stattfand. Ich war irritiert und fragte zwei der Gäste, wie ich von hier (ich zeigte auf den Punkt auf der Karte) nach da (wieder zeigte ich auf die Karte) käme. Beide Gäste waren, wie eigentlich auch alle anderen auf diesem Fest, schon aus der Phase des Biertrinkens heraus. Mehr wäre wohl auch nicht mehr gegangen.
„Mann, was ist denn hier los? Alle wollen hier durch!“ Sein Kumpel antwortete daraufhin: „Na, das ist doch die Marathon-Scheiße.“
Und dann erklärte er mir den richtigen Weg.

Ohne diese schönen Momente, diese „Magic Moments“, wie Amerikaner sie nennen würden, hätte ich diesen Lauf wohl nicht gepackt.
So bleibt mir die Erinnerung an die vielen „Magic Moments“, an Lauffreunde, die mir sehr, sehr nahe stehen, an einen Lauf, bei dem ich mich zwar oft verirrt, aber nie verloren gefühlt habe. Mir bleiben intensive und ehrliche Gespräche vor allem mit Hauke König und mit Martin Raulff. Und mir bleibt das Bewusstsein, dass wir Läufer irgendwie alle zusammen gehören, zusammen hängen, dass die Welt zugleich riesengroß und auch so winzig klein ist.

Und wenn ich heute Beschwerden an den Füßen habe, dann sind sie geringer als bei anderen Großevents. Wenn ich nur schwer in die Senkrechte komme, dann immer noch leichter als nach anderen Events. Eines aber wird mir sicher in Erinnerung bleiben, aber darüber schreibe ich das nächste Mal.