Ein 5.000 Meter Lauf mit reichlich Anlauf…

Ich neige dazu, Geschichten von hinten nach vorne zu erzählen, also mit dem Finish zu beginnen. Das stimmt. Und nicht immer ist das richtig, aber bei meinem Wochenendlauf ist das ein „MUSS“.

Wenn Du um 8.20 Uhr nach einer kühlen und nebligen langen Nacht im Ziel einläufst und Dir ein großes Bettlaken entgegen gehalten wird, auf dem steht: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ und Du in diesem Moment vor Glück zu zerspringen drohst, dankbar, aber auch ein wenig verschämt wegen dieses Empfangs bist, wenn Du Dich umsiehst und viele Menschen entdeckst, die alle es wert sind, Freunde genannt zu werden, dann weißt Du, dass es diese Situation zweifellos verdient hat, als erstes genannt zu werden.

Oft habe ich mich schon gefragt, ob es die einzig denkbare Art ist, Hunderte von Kilometern durch die Gegend zu fahren oder sogar zu fliegen, um dann 42 Kilometer und 195 Meter weit zu laufen. Und ich habe manchmal spöttisch festgestellt, dass die Rolltreppe, die zum Fitness-Studio im ersten Stock führt, eigentlich nicht notwendig wäre.
In einem Buch eines amerikanischen Autors über die Merkwürdigkeiten des amerikanischen Lebens habe ich von einer Frau gelesen, die die nur rund 400 Meter von zu Hause bis ins Fitness-Studio mit dem Auto zurücklegt, um dann dort im Studio aufs Laufband zu steigen und zu laufen. Als der Autor sie fragte, warum sie das Auto nehmen würde, da antwortete die agile Lady souverän: “Weil sonst der Kilometer, den ich laufen würde, umsonst wäre. Ich kann den ja dann nicht in mein Trainigs-Tagebuch eintragen!“ Stimmt doch, irgendwie.
Andererseits gibt es auch beeindruckende Beispiele wie der unbekannte Läufer beim „Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul, der mit dem Fahrrad zum Wettkampf gekommen ist, um dann, nach 24 Stunden Treppen auf- und ab gehen, damit auch wieder nach Hause zu radeln.
Oder „Trailschnittchen“ Julia Böttger. Sie wollte am UTMB in Chamonix teilnehmen und beschloss, die rund 814 Kilometer vom oberbayrischen Hinterriss ins französische Chamonix über die Alpen zu laufen und dabei rund 42.400 Höhenmeter zu bewältigen.


Es waren diese Beispiele, die mir durch den Kopf gegangen sind, als ich überlegt habe, was ich in Ratingen-Breitscheid denn laufe. Durch ein paar DNFs wäre Breitscheid mein „Marathon und länger“ (MuL) Nummer 99 gewesen, der Münster-Marathon meine Nummer 100, aber das motivierte mich nicht ausreichend. Der 24-h Lauf in Breitscheid ist eine Benefiz-Veranstaltung und da sieht man vieles eher locker. Nichts für Bestwerte, nichts für Bestzeiten. Aber eben etwas von Freunden für Freunde.

Mir kam dann ganz plötzlich die Idee, dort hin zu laufen. Bis Köln kenne ich die Strecke gut, in Köln denke ich an den KÖLNPFAD, wo ich mich an den Kölner Ford-Werken in der Nacht verlaufen habe, zwischen Köln und Ratingen aber gibt es nur die Autobahn für mich. Das sollte sich ändern, dachte ich und druckte mir den Reiseweg von map24.de aus. Die gewählte Option war „Fußgänger“ und ich kam auf erst auf rund 93 Kilometer (Ratingen) und dann auf rund 99 Kilometer (Breitscheid, Mintarder Weg). Perfekt, dachte ich.

Mit den Nachtläufen hatte ich ja so meine Probleme in der letzten Zeit. Beim Elbelauf von Dresden nach Hamburg war ich in der ersten Nacht indisponiert und in den nächsten Nächten „schwächelte“ Hauke König ein wenig, einmal wegen des Verlaufens im Stoppelfeld und einmal, weil es einfach nicht gepasst hatte.
Beim PTL war die erste Nacht ja nach dem Spätstart um 22 Uhr relativ kurz, das ist ja noch verhältnismäßig einfach, und in den beiden nächsten Nächten hatte ich ja 3 Stunden bzw. 2 ¼ Stunden geschlafen. Ich wollte aber mal wieder die Nacht durchlaufen.

Als ich die Idee bei FACEBOOK gepostet habe, ärgerte ich mich schon schnell darüber, weil es nicht unbemerkt blieb. Und wenn es bemerkt wird, dann entsteht ein gewisser Druck und das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil es mich zwingt, ein wenig das Weichei-Dasein zu verlassen und aus der Wohlfühlzone zu fliehen, schlecht, weil ich dann unter Zugzwang bin. Also laufen, schön parallel mit den Breitscheidern, Start war also am Freitag um 18.00 Uhr, pünktlich.

Mein GARMIN-Ührchen aber wollte 14 Minuten lang nicht mit mir spielen und weigerte sich, die Satelliten zu finden. Ich lief also vielleicht zweieinhalb Kilometer, bis GARMIN-Ührchen sich erbarmte und für mich da war.
Ich hatte mich seit langem wieder einmal für ein ERIMA Outfit entschieden, auch, weil ich in der kurzen X-BIONIC-Hose bei der TorTOUR de Ruhr und beim PTL das hübsche Spiel „TOM und der böse Wolf“ gespielt hatte. Das führte bei der TTdR230 dazu, dass zwei ältere Herren, mutmaßlich Menschen mit einem erhöhten Maß an Schamgefühl, mich verbal attackierten, weil ich die Hose dann so weit nach unten gezogen hatte, dass zwar die Schmerzen weg waren, dafür war aber der obere Teil meines Hinterns zu sehen. Um es kurz zu machen: die beiden Herren fanden das sehr anstößig.
Also ERIMA und einen kleinen Camelback mit 2 Litern Wasser, ein paar Riegel, wenige Salztabletten und etwas Magnesium. Und natürlich meine geliebte Petzl-Stirnlampe mit drei Ersatzbatterien, Größe AA, man weiß ja nie, wie lange die alten noch halten.
Aber leider ist meine Petzl seit dem PTL verschwunden. Trotz intensiver Suche ist sie nicht mehr aufzufinden und ich frage mich, ob ich sie im letzten Nachtlager habe liegen lassen. Ich erinnere mich nicht mehr, ich weiß nur noch, dass ich sie dort abgenommen und zu meinen Sachen gelegt hatte. Von da an war alles hell, nur in meinem Oberstübchen bleibt es diesbezüglich eher dunkel.
Also habe ich schnell umdisponiert und eine andere Stirnlampe eingepackt. Die Nacht wird ja lang und dunkel.

Meine Motivation war schon kurz hinter Wesseling am Boden und ich fragte mich, was mich wohl getrieben hat, eine so doofe Idee zu verfolgen. Menschen bewegen sich seit Jahrtausenden vernünftigerweise in Autos, warum tue ich das nicht? Dabei war die Strecke wirklich schön, immer den Rhein entlang, hübsche Häuser auf der linken Seite, ein ziemlich voller Rhein auf der rechten Seite. Für die, die mitdenken, sei gesagt: Ja, ich lief auf der „richtigen“ Rheinseite!
Bei Köln-Sürth und Köln-Rodenkirchen wurde es noch schlimmer, die Nacht brach herein, die Ersatz-Stirnlampe funzelte vor sich hin und die Muskeln schmerzten. Und ich fragte mich, wie ich jemals in meinem Leben wieder einen Marathon bestreiten könne, wenn ich jetzt hier, bei diesem niedrigen Lauftempo, schon Muskelprobleme hätte. Zudem schmerzte das linke Knie, leider laboriere ich schon ein paar Monate mit diesem Problem.
In Köln wurde ich dann von einem schnellen Läufer überholt, der aber ein paar Minuten später japsend und hechelnd am Wegesrand stand. Ich sprach mit ihm und nahm ihn mit. Es war ein nettes Gespräch mit einem, der auf seinen 2. Marathon hin trainiert und der – natürlich – den Köln-Marathon vor Augen hat.
Und wir liefen gemeinsam durch Köln-Mitte an den Kranhäusern vorbei, wir passierten das ehemalige Stollwerck Schokoladenmuseum, das jetzt aber das Lindt Schokoladenmuseum ist.
Nach dem Verlust der Köln-Arena geht mit dem Stollwerck Museum wieder ein Stück Heimat weg. Eine Schande ist das …


Und wir sahen die Absperrungen für den KÖLN 226 Triathlon am nächsten Tag und Dutzende von Motorhomes, in denen die Triathleten nächtigten. Ganz bestimmt wäre es schön gewesen, einfach zu bleiben und am nächsten Tag dort zuzuschauen.
Mich aber hat dieser gemeinsame Laufabschnitt wieder richtig motiviert. Wenn Du das Gefühl hast, etwas weitergeben zu können, jungen Läufern eine Ahnung geben zu können, was es heißt, etwas anderes zu laufen als flache Straßen, wie es schmeckt, gesunde Bergluft zu atmen, wie viel Spaß es macht, Kühe wegzuscheuchen und auf hohen Gipfeln zu schwitzen, dann fühlst Du Dich schnell wieder besser.


Als ich wieder alleine war, beschloss ich, an der Mülheimer Brücke auf die „schäl Sick“ zu wechseln, um den Wegen bei den Ford-Werken zu entgehen. Es war ein Fehler, obwohl ich bis kurz vor Leverkusen dort fantastische neue Luxuswohnungen gesehen habe und edle gediegene Alt-Villen.
Ich sah immer seltener das Fahrradweg-Zeichen und landete in einem Teil, das eigentlich für „nicht Befugte“ verboten war. Irgendetwas von Wasserbehörde stand da, aber ich hatte einfach keine Lust, zurück zu gehen und den richtigen Weg zu suchen. Am Ende traf ich dann doch noch auf den normalen Weg, aber ich hatte viel Zeit verloren.

Kurz bevor ich auf dem Damm wieder den richtigen Radweg betreten konnte, wurde es gefährlich. Da stand ein Schild, das darauf hinwies, dass es keinen Winterdienst gäbe und dass das Begehen des Dammes auf eigene Verantwortung stattfinden würde. Auf eigene Verantwortung? Das hatte ich ja noch nie gemacht. Immer ist doch irgendjemand für mich verantwortlich. Aber das war es nicht, was mich störte. Mir fiel auf, dass gerade eben meine Ersatz-Stirnlampe ausgegangen war.
Aber ich hatte Glück, es war eine Bank genau zur rechten Zeit da, ich hatte die Ersatzbatterien –  was willst Du mehr, TOM?

Leider hatte ich erst die Ersatzbatterien eingepackt und wollte dann die Petzl-Stirnlampe dazu packen. Als ich die nicht finden konnte und umdisponierte, dachte ich aber nicht mehr an die Ersatzbatterien. Und die Batterien der Ersatz-Stirnlampe waren kleiner, Größe AAA. Du kannst machen, was Du willst, Du bekommst die großen AA Batterien da einfach nicht rein.
Ich habe dann den Strahler ausgeschaltet und eine kleine LED eingeschaltet, weil die nur wenig Strom braucht. Dafür war noch ein wenig Reserve da, aber die Nacht wurde fortan deutlich dunkler und ich durfte mir den Satz ins Stammbuch schreiben, dass Ersatzbatterien alleine nicht glücklich machen, es sollten schon die richtigen sein!

Und so ging es weiter, bis ich den Rhein auf der linken Seite hatte und den langen Zaun der BAYER-Werke auf der rechten Seite, ganz lang weiter.
Dann aber endete der immer schlechter werdende Weg im Rhein, einfach so.

Ich hätte nie gedacht, dass das BAYER-Gelände doch so groß ist! Wenn Du fast das ganze Gelände zurück laufen musst, dann das Gelände in der Breite abläufst und dann irgendwann das Gelände auf der anderen Seite erneut abtrabst, dann weißt Du, dass dort sehr viele Menschen arbeiten müssen.
Meine Probleme waren dann aber noch nicht vorbei. Die Beschilderung war miserabel, oft hattest Du an einer Kreuzung zwei Fahrradweg-Zeichen, eines nach rechts, eines geradeaus. Dann denkst Du Dir, dass Du durchaus siehst, dass das Fahrradwege sind, aber wohin führen die?
Und wenn dann mal eine Beschilderung nach Ortschaften vorhanden war, dann steht da nicht „Langenfeld“ oder „Hilden“, sondern „Leverkusen-Hitdorf“, „Leverkusen-Opladen“ und andere Teilorte Leverkusens, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.
Wie genau war denn noch einmal die Aufreihung der Teilorte Leverkusens gewesen?

Ich lief wohl kreuz und quer in dieser Zeit und deshalb beschloss ich, dem Rhein „Lebewohl“ zu sagen und dem ausgedruckten Plan zu folgen, den ich dabei hatte. Aber ich war ganz woanders und musste erst einmal einen Punkt finden, der auf der Liste verzeichnet war. Zwei „Red Bull“ Dosen halfen mir durch die erste Hälfte der Nacht, zudem leerte ich eine große Flasche Apfelschorle. Der Kioskbesitzer, ein Perser, war nett und füllte sogar meinen Camelback mit frischem Wasser. Später dann half mir ein ganzer Liter „Take Off“, auch so ein Energy-Drink, durch die zweite Nachthälfte.

Wenn Du um 2.00 Uhr, 3.00 Uhr oder 4.00 Uhr auf der Straße jemanden etwas fragst, dann realisierst Du, dass zu dieser Zeit jeder betrunken ist. Bei unseren Nachtläufen fällt das kaum auf, weil die Menschen um Dich herum auch Läufer sind, die Wege markiert sind und die Zaungäste nur klatschen. Reden tust Du mit denen ja nie. Aber hier war das vollkommen anders. Ich musste wissen, wie ich nach Langenfeld komme, nach Hilden, nach Ratingen und nach Breitscheid.
Wenn die Gefragten noch lallen konnten, dann war ich einigermaßen zufrieden, die Antworten aber waren meist sehr dürftig. Und während ein Russe mich in Russisch zutextete und seine Freundin halb verständlich versuchte, das alles zu übersetzen, was ihr aber nicht gelang, war eine Gruppe von vielleicht 8 oder 10 jungen Leuten in Langenfeld, die auf einer Empore saßen, schon kreativer. Der erste hielt mir eine Whiskey-Flasche vor die Nase und fragte mich, ob ich etwas Whiskey haben wolle, der zweite empfahl mir „Berentzen musst Du trinken!“ und ich weiß nicht, welche Angebote ich noch bekommen hätte, wenn ich das alles nicht unterbrochen hätte.
Manche bezeichneten mich als Alien, wahrscheinlich wegen der Stirnlampe, andere als Schneemann und einer fragte mich verwundert, ob ich den Lauf „als Sport“ machen würde. Ich denke, er war in Sorge, ich könnte antworten, dass ich mir das Busticket durch die Nacht nicht leisten könne.

Dem Gefragten in Ratingen war meine Frage, wie ich von Ratingen denn nach Ratingen-Breitscheid kommen würde, einfach noch zu früh am Morgen und die Frau, die ich danach ansprach, sagte, dass „da vorne links“ der Busbahnhof sei und dort solle ich den Bus nehmen.
Dort, es war dann der Ostbahnhof, habe ich einen Taxifahrer nach dem Weg gefragt, den er mir zuerst gar nicht und dann falsch erklärte. Zudem bemerkte er: „Das ist aber weit! Mindestens 10 Kilometer!“ Aber ich wollte nun wirklich nicht Taxi fahren und obwohl er mir zwei Kreuzungen weit folgte, verirrte ich mich nicht in sein Taxi. Irgendwann gab er entnervt auf und ließ mich weiter ziehen, zum Glück gab es dann irgendwann einen detaillieren Stadtplan von Ratingen, an den ich mich halten konnte.

Gerade war ich auf der Mülheimer Straße aus Ratingen heraus gelaufen, rief mich Susanne Alexi an, um nachzufragen, wo ich denn bliebe. Ich hatte ja gesagt, dass ich um 8 Uhr beim gemeinsamen Frühstück vor Ort sein wolle. Sie gab mich dann weiter an Stefan, der mir den weiteren Weg erklärte. Also erst nach Breitscheid herein bis zum Kreisverkehr mit den beiden Tankstellen und dann noch einen Kilometer bis zu einer skurrilen modernen Kirche, die als rote Pyramide ausgebildet war. Dort hat Stefan mich abgeholt und ist als Radbegleitung mit mir den letzten Kilometer durch das Wohngebiet geradelt.

Dort, auf dem Sportplatz von Breitscheid, gab es dann den „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ Empfang, Frühstück, nette Gespräche und ein Nickerchen für mich. Lust auf einen Marathon, Lust auf meine „Nummer 99“, hatte ich aber nicht mehr.

Als die Sonne dann wärmte, lief ich mit Susanne Alexi und Joachim Siller eine 5.000 Meter „Ehrenrunde“, eine Runde, für die ich wirklich reichlich Anlauf genommen hatte.

Und da waren noch die Gespräche mit Sigi Bullig, der mich nicht nur mit einem Altbier verwöhnte, sondern mir auch einen Schlafsack um die Schultern legte, weil er sah, wie sehr ich fror und die mit Bernd Nuss, mit dem ich über seinen Geburtstagslauf „Rund um den Seilersee“ geredet habe, über den heftigen Regen in der damaligen Nacht, über Jeffrey Norris, den ich dort zum ersten Mal gesehen habe und über Gott und die Welt, eben über all das, was uns Läufer vereint.

Und wieder wurde mir klar, dass wir Ultra-Läufer nie alleine sind und nie alleine laufen: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“

Danke, lieber Bernd Krayer, liebe Susanne Alexi, liebe Breitscheider Freunde, für diese Nacht, für diesen Tag.

Verbier – oder an fremden Wassern weinen …

Ich bin wieder zurück. Eine ganze Nacht durchgefahren, 700 Kilometer durch die Nacht, immer wieder mit einem kleinen Stop auf einem Parkplatz neben der Autobahn, immer dann, wenn die Augen zuzufallen drohten. Und ich bin immer noch traurig, deprimiert und noch immer weine ich ein wenig.

Der Trail Verbier St. Bernard sollte der letzte große Alpentest sein vor dem PTL und daher hatte ich nur wenig Ziele. Ankommen wollte ich, nicht mehr. Nicht auf Zeit laufen, nicht auf eine Platzierung laufen, nur ankommen. Als ob das so leicht wäre …
Immer gingen mir die Bilder vom Trail des Canyon du Verdon durch den Kopf, von dem Trail, bei dem ich nach 45 Kilometern Schluss gemacht hatte. Ich wusste genau, warum mir das passiert ist und deshalb habe für den Trail Verbier St. Bernard alles anders, alles richtig gemacht.

Ich bin alleine angereist, damit ich den Kopf frei hatte und sich keine Gedanken ins Bewusstsein schleichen können, was passiert, wenn Du früher oder später ankommst. Ich bin langsam losgelaufen, das allererste Mal wirklich von ganz hinten. Und ich habe mich immer geschimpft, wenn ich mal wieder angefangen habe, zu rechnen, nachzurechnen und zu spekulieren, nach jedem Kilometer neu zu prognostizieren, wann Du an welchem Punkt sein könntest.
Es war so entspannend, so schön.

Ich startete schon am Freitag, am Vortag und gönnte mir noch einen Abstecher zu meinen Eltern, die fast an der Fahrtstrecke wohnen. Später dann hörte ich im Schweizer Radio eine Live-Übertragung des WM-Fußballspiels Niederlande gegen Brasilien und war begeistert, wie „Usgliech“ (Ausgleich), „Corner“ (Ecke) und andere fußballtypische Begriffe auf Schweizerisch klingen.

Erst auf den letzten Kilometern, der Serpentinenstraße aus dem Tal hinauf in das wunderschöne Bergstädtchen Verbier, begann es zu regnen. In diesem Moment hörte ich gerade das Lied von Rosenstolz „Lass‘ es Liebe sein …“

Rosenstolz – Lass‘ es Liebe sein …

Hast du nur ein Wort zu sagen
nur ein Gedanken dann
lass es Liebe sein
Kannst du mir ein Bild beschreiben
mit deinen Farben dann
lass es Liebe sein

Wann du gehst
Wieder gehst

Schau mir noch mal ins Gesicht
sags mir oder sag es nicht
Dreh dich bitte nochmal um
und ich sehs in deinem Blick
Lass es Liebe sein, lass es Liebe sein

Hast du nur noch einen Tag
nur eine Nacht dann
lass es Liebe sein
Hast du nur noch eine Frage
die ich nie zu fragen wage dann
lass es Liebe sein

Wann du gehst
Wieder gehst

Schau mir noch mal ins Gesicht
sags mir oder sag es nicht
Dreh dich bitte nochmal um
und ich sehs in deinem Blick
Lass es Liebe sein, lass es Liebe sein

Das ist alles was wir brauchen
noch viel mehr als große Worte
Lass das alles hinter dir
fang nochmal von vorne an

Denn

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Lass es Liebe sein

Das ist alles was wir brauchen
noch viel mehr als große Worte
Lass das alles hinter dir
fang nochmal von vorne an

Denn

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Lass es Liebe sein
Lass es Liebe sein

Aber es war keine Liebe, es war Wasser, Regen und davon richtig viel, zumindest dachte ich das. 24 Stunden später hätte ich den Regen wohl als „eher durchschnittlich“ eingestuft, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ich war froh, dass die Kontrolle der Ausrüstung problemlos funktioniert hatte und dass dann Christian Zimmer kam, um mit mir unsere kleine private Pasta-Party zu veranstalten, er mit Spaghetti Bolognese und ich mit Spaghetti Pesto, natürlich fleischlos, dafür aber mit viel Würze und italienischem Temperament.

Christian hatte schon sicherheitshalber vorab für uns beide die Schlafplätze im Bunker gesichert, sodass wir keine Hektik mehr hatten und einen schönen Abend hätten verleben können, wenn die Weckzeit 3.00 Uhr nicht gewesen wäre. Der Regen hatte aufgehört, als ich einzuschlafen versuchte.

Wenn Du mitten in der Nacht um 3.00 Uhr geweckt wirst, dann fragst Du Dich erst einmal kurz, wo Du jetzt bist, ordnest und sortierst Dich, um dann festzustellen, dass jetzt alles sehr schnell gehen muss. Die Vorbereitung auf den Lauf geht mittlerweile leicht von der Hand, so viel Routine nach fast 100 „Marathon und länger“ habe ich doch schon erworben. Die Pflaster für die Brustwarzen, der Brustgurt, die präventiven Compex-Pflaster auf die gefährdeten Stellen an den Füßen, das Melkfett, die Kompressionsstrümpfe, die Laufhose, das Laufshirt, die Armlinge, die Uhr, einen Buff über das rechte Handgelenk, einen über das linke Handgelenk, den MP3-Player, den Du mal wieder nicht benutzen wirst, die dünne SKINFIT – Jacke..
Zuletzt noch die Schuhe, die Stöcke und den schon vorbereiteten Rucksack und dann ab zum frühen Frühstück.

Dort war ich gleich doppelt überrascht. Das Frühstück war für französische Verhältnisse gut und üppig, ein Beleg mehr dafür, dass nicht überall Frankreich ist, wo Französisch gesprochen wird. Und da war auch Grace. Meine liebe und tapfere Lauffreundin Grace Sacher, die Inkarnation der Fitness, umarmte mich und stellte mich ihren Freunden vor. So beginnt ein Tag, der ein ganz großer Tag sein soll.

Im Startbereich traf ich viele andere Deutsche. Dr. Alfred Witting zum Beispiel, mit dem ich 2010 schon den MdS, den Marathon des Sables in Marokko, gelaufen bin. Und der Alfred Witting, der, wie ich auch, beim Trail des Canyon du Verdon in Moustiers Sainte Marie ausgestiegen ist. Weil ihm die Strecke zu „abartig“ war.
Es ist schön, zu wissen, dass es andere Läufer gibt, die manche Dinge ähnlich sehen wie Du es tust.
Und da war der Rest der Wuppertaler Laufgruppe, vielfach bewährt und teilweise auch beim Trail des Canyon du Verdon dabei.
Christian Zimmer war nicht am Start, sein Start war erst um 12 Uhr, weil er ja nur für die kurze Distanz eingeschrieben war. Welch eine verrückte Parallelität, dass wir am Ende dann doch eigentlich die gleiche Distanz gelaufen sind.

Verbier liegt ganz romantisch angeschmiegt an die mächtigen Berge der Region. Wasserfälle sind allgegenwärtig in und um Verbier und in einer wasserreichen Zeit wie jetzt sind diese auch schön und gut gefüllt, zumindest dachte ich das. „Wallende Wasser“ dachte ich, als ich die Serpentinen nach Verbier hochgefahren war, heute aber, nach diesem Lauf, weiß ich, wie viel mehr Wasser in solche Wasserfälle passt.
Schon vor dem Startschuss wunderte ich mich über meinen hohen Puls, den Dr. Alfred Witting mit der Höhe über Normalnull begründete. Das sei einer der Gründe, warum er den PTL wohl nie wieder versuchen würde. Wasser in den Lungen, Blut in der Leber, gesund erreicht da niemand das Ziel, außer er ist an die Bergwelt angepasst. Und wer von uns Flachland-Tirolern kann das schon von sich behaupten?
Aber der Puls interessierte mich nicht, Sorgen machte mir nur, dass ich vergessen hatte, die Sonnenmilch einzupacken.
Die Strecke ging aber sehr dicht an dem Parkplatz vorbei, wo mein Auto stand, also bin ich abgebogen und habe das Vergessene noch eingepackt. Daher fand ich mich gut 100 Meter hinter den letzten Läufern abgeschlagen hinten wieder. Das ist ein interessantes Gefühl, weil Du den Zuschauern, die Dich als „Träger der roten Laterne“ anfeuern, zu erklären versuchst, warum Du hinten und sogar so weit hinten läufst. Totaler Quatsch eigentlich, aber so sind wir Männer nun mal. Wir laufen auch immer dann ein wenig schneller, wenn Zuschauer an der Strecke sind …

Die Landschaft dort bei Verbier ist grandios. Ein Gutteil der Strecke deckt sich mit der Strecke des UTMB, nur geht die Reise anders herum. Also erst Champex-Lac, dann La Fouly. Dort war es auch, wo der erste Regen begann, aber er war nicht schlimm. Eher hat er gut getan hat nach der Hitze des Tages und ganz schnell war der Regen auch wieder vorbei und die Hitze kam zurück.
La Fouly liegt auf rund 1.600 Metern über N.N. und von dort aus geht es knapp über 1.000 Höhenmeter nach oben, zur Doppelspitze um den Großen St. Bernhard, den „Col du Grand Saint-Bernard“ herum. Und obwohl wir stetig höher kamen, wurde es heißer und drückender. Was für ein Glück, dass wir etliche Gebirgsbäche über- und durchqueren mussten. Immer wieder tauchte ich die Arme in das kalte Nass, immer wieder ließ ich Unmengen an kaltem Wasser mittels meiner Kappe über den Kopf, die Brust und den Rücken laufen.

Die letzten vier Kilometer dieses Anstiegs aber werde ich wohl lange nicht vergessen. Der Weg führte uns weitgehend über Schneefelder, weich, verharscht und glitschig und wegen der Steigung rutscht Du fast so weit nach hinten, wie Dich Dein Schritt nach vorne getragen hat. Eigentlich bin ich kein schlechter Bergläufer, aber die Psyche, die Oberschenkel und die Atmung zwangen mich zu mancher kurzen Pause. Vier Kilometer in 95 langen Minuten!
Mittlerweile war mein Wasservorrat leer, ich war durstig und froh, dass ich oben an der Kontrollstelle von der Kontolleurin einen Rest Wasser von ihrer Flasche bekommen hatte, den ich in einem Zug austrank. Es war schwül und heiß, obwohl wir auf einer Höhe von 2.698 Metern waren. Sogar die Geschwindigkeit einer kampferprobten Landschildkröte ist wahrscheinlich höher als meine an diesem Berg.


Im gleichen Moment, in dem ich die Wasserflasche zurück gab, begann der richtige Regen
. Regen? Nein, was passierte, war schlichtweg unbeschreiblich. Der Himmel machte alle Schleusen zugleich auf und Du denkst, dass jetzt die Welt untergeht.
Du gehst ein Schneefeld herunter, in das zwei schuhbreite Rinnen wie von schweren Langlaufskiern gegraben waren. Du rutscht in diesen Rinnen, Du hast Angst und Du freust Dich, dass Dir wenigstens die Stöcke ein wenig Halt und Sicherheit geben. Und von oben prasselt es. Du frierst und zitterst und überlegst, ob Du das aushalten sollst oder in dem Regen anhältst, um Handschuhe und eine Regenjacke anzuziehen. Ich entschied mich für das Aushalten.


Von oben kam ein anderer Läufer. Mittlerweile waren wir auf Grasebenen, die vollständig von fließendem Wasser bedeckt waren und die Bächlein, die wir überqueren mussten, waren Bäche geworden. Mein Laufpartner ging direkt durch das Wasser, während ich in gutem Glauben war, doch noch Steine zu finden, um den Weg durch die Fluten zu vermeiden. Nur zwei Bäche später war es mir egal und ich tat es ihm gleich. Bis zum Knie ging es durch die Fluten. Kurz vor der Versorgungsstelle an der Statue des St. Bernhard ging der Trail unterhalb der Straße weiter und mein leider nur französisch sprechender Laufpartner schlug vor, über die Straße zu gehen, durch den seitlich halb offenen Tunnel.
Ich fragte ihn in meinem mäßigen Französisch, ob er sich sicher sei und er nickte. In der Not versteht man sich auch ohne viele Worte. Die Straße war vier, fünf Zentimeter unter Wasser, das von oben über unsere Füße nach unten floss. Die Regentropfen von oben schlugen ein wie kleine Bomben und die von den Fluten über die Straße verteilten Steine brachen das fließende Wasser und es bildeten sich kleine Fontänen. Ein wunderschönes Bild, wenn man es im Trockenen hätte beobachten können. Wir kamen gut voran und ich bedauerte die drei Läufer, die ich weiter unten auf dem Trail laufen sah.

Direkt nach dem Tunnel querte der Trail die Straße und ging nach oben weiter. Wir folgten dem Tail und schon bald wusste ich, dass das ein Fehler war. Der Trail war kein Weg mehr. Es war eine einzige, mehrere Hundert Meter lange Pfütze. Und ich beneidete die drei Läufer, die ich weiter unten auf der Straße laufen sah.
Strike – Bingo – Ausgleich für die Drei!

Es war sehr voll am Verpflegungspunkt, auch die Läufer waren da, die mich zuvor am Berg überholt hatten. Warum waren die noch da? Sich unterstellen macht doch keinen Sinn, dachte ich. „Wir dürfen nicht weiterlaufen, es ist zu gefährlich!“ wurde ich belehrt. „Wir dürfen aber da unten in die Caritas Hospiz gehen und warten.“ Ein wenig froh war ich schon, dass ich die Gelegenheit nutzen konnte, mir frische Sachen und eine Regenjacke anzuziehen, also ging ich dort auf die Toilette und kramte in meinem Rucksack.
Weißt Du, was Klamotten sind, die bei so einem Regen im Rucksack waren? Richtig. Nass. Richtig nass, keine Verbesserung gegenüber dem, was Du am Körper getragen hast, aber dennoch habe ich die Sachen getauscht. Die Schuhe quietschten vor Nässe, das Shirt und die Hose waren nass, die Regenjacke war nass. Ekelhaft. Aber wir durften nicht weiterlaufen. Man überlege noch, wurde uns gesagt, wie es weiter gehen könne. Für diesen Fall gab es offensichtlich keinen „Plan B“.

Wir bekamen heißen Tee und mit abnehmender Körpertemperatur fing ich stärker an zu frieren, regelrecht zu zittern. Mehr als zwei Stunden waren wir dort, als uns gesagt wurde, dass man eine Fortsetzung des Trails unterhalb des Berges markiert hätte. Es würde aber auch ein Bus kommen für all diejenigen, die aufhören wollten, hieß es. Ich war nicht hin- und hergerissen, ich fror, ich hatte Sorge, meinen Rücken wieder zu verkühlen, ich war demotiviert, enttäuscht und wütend. Ich wollte weg.
Wenn ich weitergelaufen wäre, dann hätte ich minutenlang richtig Gas geben müssen, um wieder eine höhere Körpertemperatur zu erreichen. Wie aber machst Du das, bergab, auf nassem, glitschigen Gelände? Ich dachte aber auch daran, dass ich für mich gesagt habe, dass dieser letzte Alpentest für mich der Lackmustest dafür sein sollte, ob ich wirklich beim PTL antrete. Wenn ich das nicht schaffe, dann laufe ich auch nicht den PTL, dachte ich beim Start.
Jetzt denke ich, dass der Abbruch des Laufs mit Vernunft und mentaler Stärke zu tun hat und nicht mit psychischer und physischer Schwäche wie beim Trail des Canyon du Verdon, also werde ich davon nicht meinen Start beim PTL abhängig machen.
Ich starte dort, weil ich es will und weil ich es kann. Und ich werde dort auch finishen, allen Warnern zum Trotz, weil ich es kann und weil ich es will. Das ist meine Botschaft, die ich in den Fluten des Großen St. Berhard in großer Höhe gelernt habe!

Als der Bus uns dann zurück brachte, fuhren wir an vielen Wasserfällen vorbei, die ich einen Tag zuvor auch passiert hatte. Aus den wallenden Wassern sind stürzende Wasser geworden, die vertraute Optik hübscher Bergwasserfälle wechselte zu fremden, gefährlichen Sturzbächen, die sich in die Tiefe stürzten. Und ich weinte. Ganz leise.
In Verbier angekommen wollte ich nicht einmal mehr duschen. Ich wollte nur noch weg. Weg aus der Gegend, die meinem Selbstwertgefühl so sehr zugesetzt hatte.

Es regnete noch bis kurz vor Basel, ich war hundemüde und ich hörte immer und immer wieder Rosenstolz „Lass‘ es Liebe sein …“

Der Bad Arolsener Waldmarathon …

… modern ist was anderes!

Seit dem KiLL50 bin ich keinen „Marathon und länger“ mehr gelaufen. Trainiert habe ich auch viel zu wenig. Und ich merke, wie unausgeglichen ich geworden bin und wie ich dem nächsten langen Lauf entgegen fiebere. Aber die Schmerzen beim Laufen, die ich beim Hachenburg Marathon, beim „schrägen O. Weg“ rund um Oberhausen und nicht zuletzt beim KiLL50 rund um Hildesheim hatte, machen mir noch immer Angst. Angst davor, dass sie wieder kommen und ich mich wieder Kilometer für Kilometer quälen muss. Angst aber auch davor, dass sich so etwas einläuft, was am Ende chronisch wird.

Heinrich Kuhaupt beim Briefing vor dem Start

Zwar hat der Doc Arndt Kirchner aus Köln die Schiefstellung des Beckens weitgehend repariert und ich habe seither auch beim Tennis keine Schmerzen mehr, aber ich traue diesem Frieden, den mir mein Körper angeboten hat, nicht wirklich weit. Am Montag, 15 Uhr, beginnt in Bad Neuenahr-Heppingen bei meinem Freund Roger Steiner meine Physiotherapie. Nach maximal 6 Therapie-Einheiten und eventuell weiteren 6 Wärmetherapie-Einheiten sollte alles wieder sein wie früher. Aber bis dahin bleibt die Angst, bleiben die Sorgen.

Aber das sollte mir egal sein, dachte ich vorgestern Abend und suchte mal nach einem Marathon am Samstag. Den einzigen Marathon, den ich fand, war der Bad Arolser Waldmarathon. Es ist ein legendärer Lauf, mit dem mich verbindet, dass ich dort schon im Vorjahr nach meiner Laufpause nach dem TransAlpineRun 2008 getestet habe, ob ich wieder laufen kann, um sicher zu sein, dass ich mich zum „Unter-Tage-Marathon“ in Sondershausen traue.
Im Vorjahr bin ich nach dem Halbmaratathon ausgestiegen, aber ich wusste, dass ich eine Woche später zumindest finishen kann. Aber mir ist in Erinnerung geblieben, dass ich Bad Arolsen als den „Marathon der alten Männer“ erlebt habe, weil so viele Seniorenläufer des 100MC anwesend waren, als eine Personality-Show des Heinrich Kuhaupt, aber eine Show, die von der überwiegenden Mehrzahl der Läufer geliebt wird. Ich erinnere mich an Schneefall am Tag zuvor und an Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und ich erinnere mich daran, dass ich damals für mich gesagt habe, dass ich diesen Lauf irgendwann einmal finishen muss.

Am gestrigen Freitag Nachmittag entschied ich mich, dass meine Gier zu laufen größer ist als mein Respekt vor den möglichen Schmerzen und ich schaute mir die Homepage des Waldmarathons an. Eine schöne Webseite ist das nicht wirklich, aber sie bietet alle notwendigen Informationen und sie ist werbefrei, immerhin. Aber die Homepage verrät, dass Nachmeldungen am Starttag nicht möglich sind. Für mich gilt so etwas ja nicht, dachte ich, und ich rief die Familie Kuhaupt an, um meinen Start anzukündigen und nach ein paar Minuten der Verhandlung wurde mir gestattet, mich doch noch am Starttag einzuschreiben, weil ich nicht schon am Freitag Abend anreisen will. Bad Arolsen ist nur 150 Autominuten weg, da will ich dort nicht übernachten.

Um 11.00 Uhr am Samstag soll der Start sein, mir wurde aber gesagt, dass ich spätestens um 9.00 Uhr vor Ort sein muss, sonst wäre eine Einschreibung nicht mehr möglich. Ich wies darauf hin, dass meine Daten dort vorhanden wären, es half nichts. Ich bot an, meine Daten eben noch per eMail zu senden, weil ich das Gefühl hatte, dass es keine Läufer-Datenbank gibt. Und ich erfuhr, dass die eMail gar keine gute Idee ist.
Und ich erinnerte mich wieder an das Vorjahr, wo ich ähnliche Probleme hatte. Der „Marathon der alten Männer“ wird nicht nur von alten Männern gelaufen, sondern auch von alten Männern organisiert, schade. Deshalb gibt es auch keine Starterliste, die man online abrufen kann, es gibt nicht die Möglichkeit einer Online-Anmeldung, auch nicht, wenn ich früh genug an diesen Lauf gedacht hätte, es geht technisch schlichtweg nicht und dass es überhaupt eine Webseite gibt, grenzt an ein Wunder.

Auf der Webseite steht: „Meldungen: werden ab sofort angenommen auf beigefügtem Anmeldeformular, können aber auch formlos mit sämtlichen Angaben (Jahrgang!) gemacht werden. Sie haben jedoch nur Gültigkeit bei gleichzeitiger Zahlung der Startgebühr, durch Scheckbeilegung oder bar. Keine Meldebestätigung.“

Einen Scheck der Anmeldung beilegen geht nur, wenn ich die gute alte Post bemühe und einen Umschlag ausfülle. Ist das nicht wirklich mittelalterlich? Wenn Du so etwas tust, dann hoffst Du inständig, dass der der Anmeldung beiliegende Scheck möglichst bald Deinem Konto belastet wird, damit Du weißt, dass Dein Brief angekommen ist. Tagelang denkst Du über die Anmeldung nach anstatt Dich online zu registrieren und sofort eine Bestätigungs eMail zu erhalten … dass es so etwas noch gibt!

Und ich erinnerte mich wieder an das Vorjahr, wo der Veranstalter mir vorgeschlagen hatte, die Startgebühr in bar in einen Umschlag zu stecken und zuzusenden. Ich habe das damals gemacht, aber ich hatte ein wirklich blödes Gefühl und hatte gehofft, dass die Sendung nicht verloren geht, dass sie rechtzeitig ankommt und dass ich auf der Starterliste sein werde. Es ging damals gut, aber dieses Erlebnis unkonventioneller Startgeldzahlung war schon einmalig.

Gut, wenn ich am Samstag um 9.00 Uhr in Bad Arolsen sein muss, dann muss ich um 6.15 Uhr losfahren, also irgendwann zwischen 5.00 Uhr und 5.15 Uhr aufstehen, meine Sachen fertig packen, eine Kleinigkeit essen und alles noch einmal kontrollieren. Ich hasse es, wenn ich etwas vergessen habe. Ein Lauf ohne Startband oder mit einem Laufshirt, das ich nicht wirklich schön finde, geht nicht. Ich denke dann die ganze Zeit an das vergessene Teil und bemerke, was für ein Spießer ich in dieser Beziehung sein kann.

Mein Terminplan am gestrigen Freitag war eng gestrickt. Um 16.30 Uhr hatte ich ein Meeting mit den Tennisspielern einer neuen Tennisgruppe, zu der ich über den Winter für Freitags, 17.00 Uhr bis 19.00 Uhr eingeladen wurde. Ich kann ja nicht „nein“ sagen, wer mich besser kennt, der weiß das. Also 2 Stunden Tennis Doppel mit alten Männern am Freitag Spätnachmittag, 2 Stunden Tennis Doppel mit der üblichen Tennistruppe am Sonntag Vormittag und eine Stunde Tennis Einzel am Sonntag Abend. Warum tue ich mir so etwas an?
Das Meeting diente dazu, damit wir uns alle mal kennen lernen und das war gut so.
Um 17.00 Uhr begann also das Tennisspiel und am Ende zog ich den Tennisdress aus, um in meine Skinfit Laufsachen zu steigen. Keine Zeit für eine Dusche, es ging gleich rüber nach Ahrweiler, weil um 19.30 Uhr meine freitägliche Spinning-Stunde, die von meinem Freund Rainer Kehrbusch vom TuS Ahrweiler angeboten wird, beginnt. Rainer macht auch den Instructor und das sorgt für reichlich Schweiß rund um mein Trainingsfahrrad. Ich liebe es!

Diese Spinning-Stunde gab mir auch die Möglichkeit, das erste Mal „mein Liebchen“ auszuführen. Erst diese Woche konnte ich die GARMIN 310XT laden, die neue Software auf meinem Rechner installieren und überhaupt mal probieren, wie denn hier alles geht. Und gestern abend schmeichelte sie also meinem Handgelenk. Verliebt war ich ja schon, aber jetzt bin ich erst recht verstrickt in tiefen Gefühlen für meine neue Liebe!

Nach der Spinning-Stunde fuhr ich sofort nach Hause, weil ich mit meiner Frau Gabi vereinbart hatte, dass ich zu Hause dusche und sie in der Zeit ein paar Sachen ins Auto packt, die wir noch einem Mitarbeiter übergeben wollten. Also kurz geduscht und dann sind wir zum Spätabend-Shopping in das Bornheimer porta! – Möbelhaus gefahren, das gestern bis 23.00 Uhr geöffnet war. Gekauft haben wir nichts, aber dennoch war der Shoppingbesuch sehr nett.
Nun noch kurz nach Erftstadt zu einem Mitarbeiter, dort etwas abgegeben und dann nach Hause. Es war fast 1.00 Uhr in der Nacht, als wir zu Hause ankamen und mich beschlichen die Zweifel, ob ich wirklich nach Bad Arolsen fahren sollte. Immerhin habe ich den Wecker im Handy auf 5.15 Uhr gestellt, aber mein Unterbewusstsein hat dafür gesorgt, dass ich das Handy im Wohnzimmer vergessen habe und nicht mit ans Bettchen genommen habe.

Als ich heute um 7.15 Uhr aufgewacht bin, wusste ich, dass Bad Arolsen ohne mich glücklich werden muss. Ich bin nicht sicher, ob ich mich darüber freuen darf oder ob ich mich statt dessen lieber abgrundtief ärgern sollte …

Auf jeden Fall habe ich heute dann deutlich mehr Zeit als geplant, ein langes Trainingsläufchen durch den Wildschwein-Wald bei Altenahr sollte es dann schon sein heute. Aber mein „MuL“ Nummer 84 muss noch eine Woche warten …

Das Neueste gibt es heute auf der HP …

… ich habe meine normale Laufseite www.marathonundlaenger.de schon lange ein wenig vernachlässigt.
Deshalb habe ich meinen ersten Bericht über den UTMB dort eingestellt und nicht hier im Blog.

Dort habe ich auch eine Unterseite speziell für den UTMB, die Du Dir ansehen solltest: UTMB.html

Hier im Blog will ich von morgen an möglichst täglich einen kurzen Beitrag über meine Lauffreunde und Lauffreundinnen beim UTMB schreiben, weil ich glaube, dass Du schon genug Berichte darüber gelesen hast, wie der Weg war, wer gewonnen hat, wie kalt es in der Nacht war und wie heiß am Tag. Aber die persönlichen Erfolge und das persönliche Leid, das meine Freunde erfahren und erlitten haben, davon gibt es zu Hauf zu erzählen. Das will ich tun.

Jetzt erst mal viel Freude mit meinem ersten Bericht auf: UTMB.html