In Kalterherberg wurde es mir warm ums Herz …

Monschau1„Eigentlich hätte Jürgen Sinthofen diesen Bericht schreiben müssen“ schrieb ich im Vorjahr in meinem Bericht über den Monschau-Marathon („New York, Monschau, Tokyo„). Jürgen ist ein „Sammler“ von Hauptstadt-Marathons auf dieser Welt. Und weil Monschau ja die heimliche Hauptstadt der Eifel ist, dachte ich, dass das ein Lauf für ihn sein müsse.

2015 war es dann so weit. Jürgen trat die weite Fahrt nach Konzen bei Monschau an, um diese 42,2 Kilometer unter die Füße zu nehmen.
Heraus kam ein netter und detailreicher Bericht, den zu lesen ich Dir gerne ans Herz lege.
Nur wiederholen will ich nicht, was da schon geschrieben steht.

Muss ich ja auch nicht. Der Monschau-Marathon hatte für mich heuer sowieso eine ganz andere, eine eigene, eine fast heilige Bedeutung.
Nachdem es mir in der Türkei nicht vergönnt war, meinen 200. „Marathon und länger“ (MuL) zu laufen, mir der Mauerweglauf in Berlin zeitlich zu weit weg war und weil ich mich auch richtig frisch und fit fühlte und das gerne überprüfen wollte, dachte ich: „Monschau – this is the place!“
Welcher Lauf wäre denn besser für solch eine „200“ besser geeignet?Monschau2Monschau-Marathon, das ist Heimat.
Nur rund 80 Kilometerchen von meinem Wohnort in der Grafschaft entfernt ist es einer der ganz besonders nahe gelegenen Marathons. Und Monschau und das Umland sind sehr ähnlich wie Ahrweiler und sein Umland. Ein Blick und Du scheinst alles und alle dort zu kennen.

Monschau-Marathon, das sind Freunde.
Obwohl ich dort erst zum zweiten Mal gelaufen bin, kenne ich viele der handelnden Personen. Ich kenne die Stellen, an denen die VPs stehen, ich kenne viele Menschen, die an den HotSpots die Strecke säumen, um uns zuzujubeln und viele der Helferinnen und Helfer, die Dir Wasser, Iso, Tee, Cola, den berühmten Löffel Honig, Riegel, Bananen, Orangen reichen oder eben Schwämme, die Du zur Abkühlung gerne nimmst.

Monschau-Marathon, das ist Familie.
Allein aus meinem, aus Deinem, aus unserem engsten läuferischen Umfeld, standen so viele Namen lieber und liebster LäuferInnen aus der Familie auf der Startliste, dass das Lesen derselben allein schon ein Genuss war. Meine Lauftruppe des TV Altendorf-Ersdorf war mit einer Zweierstaffel vertreten, „statt Köln“ (Margit und Andreas) und beim Marathon lief Frank, mit dem ich die erste Hälfte der Strecke genießen durfte.
Joe Kelbel war auf der Ultrastrecke, ebenso Christian Pflügler, Holger Boller, Thomas Hildebrand-Effelberg, Helmut Hardy, Hans Würl und Lars Schläger, um nur einige der drei Handvoll enger Freunde zu nennen. Betty Mecking, Nile Niederreuther und Jörg Segger als KÖLNPFAD-Läufer waren ebenfalls auf der Ultrastrecke unterwegs.

Und von den 433 Finishern des Marathon will ich erst gar keine Namen heraus picken, es sind einfach zu viele.
Einen aber, der für mich mindestens auch „Familie“ ist und den ich viel zu selten sehe, will ich aber doch erwähnen:
R(ud)olf Mahlburg gab sich die Ehre, als Walker nur, da er zurzeit besser Trecker fährt als läuft, wie er selbst sagt. Meine Ultralauf-„Karriere“ ist eng mit seinem Namen und seinen Veranstaltungen von Laufendhelfen.de verbunden. Mindestens ein gutes Dutzend meiner 200 MuL habe ich bei ihm und mit ihm hinter mich gebracht.Monschau3Und weil es ja dieses Jubiläum war hatte ich tatsächlich gar keine Ziele. Ob ich wieder die 4:18:30 Stunden aus dem Vorjahr erreichen würde, ob es 4:30:00 Stunden oder auch 5:00:00 Stunden würden, es war mir vollkommen egal. Ich war entspannt und glücklich. Für die meisten, die ich überholen durfte, zumeist Ultras, hatte ich die Zeit, ein paar Worte mit ihnen zu wechseln, ein Drücker hier, ein Küsschen da, ein paar Worte über dies und das und ein paar Hundert Meter mit R(ud)olf – es war herrlich, wunderbar.
So entspannt war ich noch nie, so ziellos, so wenig ergebnisorientiert, war ich noch nie.

Nach der halben Strecke ließ ich Frank stehen, um die zweite Hälfte etwas schneller zu laufen. 2:11:00 Stunden für die erste Hälfte war ja angesichts der Steigungen gar nicht so schlecht, aber da ging noch was, dachte ich. Und eine durchschnittliche Pace von 6:20 Minuten pro Kilometer ist ja auch nicht zu verachten. Zu schnell für Berlin ist sie auf jeden Fall.
Aber wenn man es dann mal lauen lässt, dann sinkt die kumulierte Zeit kontinuierlich und irgendwann war sie dann unter 6:10 Minuten pro Kilometer.
Das war dann in Kalterherberg, am höchsten Punkt der Strecke, dort, wo so viele Menschen unserem bunten Treiben beiwohnten.
Das war der Moment, in den ich beschloss, nun doch auf Zeit zu laufen.
Eine „unter 6“ musste her bei meinem 200. MuL, so der Vorsatz. Und die Menschen an der Strecke klatschten, dass mir warm ums Herz wurde.
Ganz besonders feuerte mich immer wieder eine Lady an, der mein KÖLNPFAD Shirt so gut gefiel. Ich bin zwar sicher, dass sie nicht wirklich wusste, was der KÖLNPFAD ist und wie lange man dafür laufen muss, aber sie las nur „KÖLLE“ und rief jedes Mal „Kölle Alaaf!“ und reckte einen Daumen nach oben.

Das mit der weiteren Beschleunigung funktionierte gut, trotz einiger Steigungen, die mich immer wieder zurück warfen, ich lief auf der Ebene nun meist eine Pace von 5:20 Minuten pro Kilometer, runter bis zu einer kumulierten Zeit von 5:58 Minuten pro Kilometer, mit der ich dann ins Ziel einlief. Nach 4 Stunden, 12 Minuten und 5 Sekunden.

Es flossen keine Tränen bei mir, aber ich war weiterhin entspannt und ich genoss den Moment und die schöne Zeit danach.
Ich traf noch Holger, Lars, Jürgen, Thomas und auch noch Andere, es gab ein Drücker hier, eine Gratulation da.
Was es aber nicht gab, war eine Rose.
Die gab es nämlich nur für die Damen, nicht für die, die ihren 200. MuL gefinished haben.

Und wenn ich nach 2016 schaue und alles einigermaßen nach Plan läuft, dann werde ich dort in Konzen bei Monschau am 14. August 2016 meinen vielleicht 222. MuL finishen.
Denn Monschau-Marathon, das ist Kult.

Laufen in Lappland

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(Klicken zum Vergrößern …)

Lappland ist der Landesteil von Skandinavien, der nördlich des Polarkreises liegt, dachte ich immer. Lappland ist das Land der Rentiere, dachte ich und da gibt es auch die Lemminge, den Vielfraß und die Elche.
Und nicht zuletzt ist Lappland sehr dünn besiedelt, extrem dünn besiedelt sogar.
Dachte ich. Bis gestern.
Gestern war ich also in Lappland laufen.
„Laufen in Lappland“, so sagte Daniel Heideck vor der Veranstaltung.

Aber dieses Lappland liegt nun mal doch weniger weit nördlich wie gedacht, eher auf den Eifelhöhen eine Biel-Lauflänge von meinem Heim entfernr.
Und statt Rentieren sah ich ungeheuer viele Renntiere, die wie Lemminge hintereinander her liefen. Ich war einer dieser Lemminge. Und ich war es gerne.
DSC_3922Aber dünn besiedelt ist diese Gegend auf den Eifelhöhen auch, wenngleich nicht ganz so dünn wie das Lappland im Norden Europas, wo ja nur rund 2 Einwohner auf jeden Quadratkilometer kargen Landes kommen.
Lappland in der Eifel ist also das Lauf- und Lebensgebiet von Holger Lapp, „Asics Frontrunner“ und Held von „Trailrunning Eifel“ und dem Blog www.trampelpfadlauf.de.
Ach so, Daniel, dachte ich und verstand, warum Lappland so weit nach Süden verschoben scheint.
Und weil Holger Lapp und die Seinen im Gebiet rund um Monschau jeden Stein auf den Trails beim Vornamen kennen, weil sie dort zuhause sind, wo die Strecke des Monschau-Marathons zu finden ist und weil Holger Lapp und die Seinen gleichsam schnell und eifeltrailerfahren sind, waren sie alle schneller als ich, Daniel Heideck inklusive.

Aber das war ja klar. Ich wollte ja gemütlich ein paar finale Kilometer vor dem SwissIronTrail in die Beine bekommen und das gelang mir auch einigermaßen, zumindest bis zum Halbmarathon-Punkt. 2:16 Stunden für die erste Hälfte des „MM“, des Monschau Marathons, fast exakt 6:30 Minuten für jeden der durchaus anspruchsvollen Kilometer runter und meist rauf auf die Hügel der Eifel.
DSC_3946Aber dann war es das mit der Gemütlichkeit, mit der Kontrolle und ich wurde schneller. Erst nur, weil ich dachte, dass zwei Mal 2:16 Minuten doof sind und ich gerne unter der Marke von 4:30 Stunden für den Marathon bliebe. Also musste die zweite Hälfte schneller sein als die erste.
Dann aber auch, weil ich sehen wollte, ob ich überhaupt noch laufen kann nach dem vielen Speedhiken in England, Andorra und in Kirgistan.
DSC_3921Und wenn Du, wie ich am Sonntag, weit hinten startest, dann wird so ein Marathon besonders interessant. Du hast ständig neue Läuferkollegen! Das ist wirklich richtig interessant.
Bei manchen Läufen hast Du vom Start bis zum Ziel die gleichen Leute um Dich herum. Das ist das Zeichen, dass Du Dich im Pulk richtig eingeordnet hast. Die Schnellen sind vorne und entfernen sich immer mehr von Dir und die Langsamen sind hinten und auch die entfernen sich immer mehr von Dir, wenngleich das in die andere Richtung geschieht.
Den ganz eifrigen Läufern, denen, die sich mutig und frech vorne bei den Cracks einordnen, geht es dabei oft so, dass sie ständig nach hinten durchgereicht werden. Auch die laufen immer mit neuen Kollegen um sie herum.
Und ich startete nun wirklich weit hinten und arbeitete mich sukzessive nach vorne. Und der Umstand, ständig auf neue Läufer aufzulaufen, motivierte mich derart, dass ich in der zweiten Hälfte des Rennens keinesfalls wieder eben gewonnene Plätze verlieren wollte.
DSC_3958Dazu kam, dass Du auch regulär die Vielzahl der Walker, die schon bis zu zwei Stunden vor den Marathonis gestartet waren, überholst. Und Du überholst auch noch einen Gutteil der Ultra-Marathonis, die mit einem Vorsprung von 1:55 Stunden zuerst die 14 Kilometer-Schleife liefen, um dann auf die Marathonstrecke einzubiegen. Die meisten Ultras hatten dann noch rund 15 Minuten Vorsprung auf die Marathonläufer. Und die waren dann irgendwann auch weg.

Und so kam ich dazu, regelmäßig zu grüßen, zu drücken und zu herzen. Ob es der typische Laufstil eines Bernd Rohrmanns war oder die schöne bunte Welt eine Bettina Mecking, es war einfach schön, auf diesem wunderschönen Lauf sich nicht alleine zu fühlen.
Schon vor dem Start waren da einige, die ich schon lange nicht mehr auf den Laufstrecken dieser Welt gesehen hatte. Willi Mütze mit seinen niederländischen Freunden, Helmut Hardy und andere Aachener Läufer.
Und ich traf auch mal wieder Daniel Heideck, mit dem ich gerade in diesem Jahr recht viel Gemeinsames hatte und ich traf eben auch Holger Lapp und seine Freunde.
DSC_3951Die Strecke des Monschau-Marathons ist schnell beschrieben. Da gibt es die historische Altstadt von Monschau, die ist so schön, so romantisch, die müsste unbedingt erfunden werden, wenn es sie noch nicht gäbe. Und durch diese schöne Stadt geht der Weg durch, vorbei an der historischen Senfmühle (Senf aus Monschau ist so berühmt wie die Stadt Monschau) und an anderen historischen und liebevoll restaurierten Gebäuden.

Der Rest der Strecke ist die Landschaft der Eifel pur. Hügel rauf, Hügel runter, grüne Landschaft, so weit das Auge blickt. Nichts für Bestzeitenjäger, aber auch kein Hardcore-Lauf und meine 4 Stunden und 18 Minuten für den Marathon erzählen genau davon. In der flachen City wären es vielleicht 3 Stunden 45 Minuten gewesen, in den Bergen hätte ich wohl eine deutliche Weile mehr gebraucht.
DSC_3928Eines aber fällt jedem auf, wenn man in Monschau läuft. Es ist ein Lauf von Leuten, die das Laufen lieben, von Leuten, die die Läufer lieben.
Und diese Liebe geht bis ins Detail.
Der Monschau-Marathon findet mitten im deutschen Sommer statt. Und oft ist es dort heiß, manchmal brüllend heiß. Und deshalb gibt es alle 3,5 Kilometer zumindest etwas zu trinken, meist sogar noch etwas zwischen die Zähne. Es ist leicht, von diesem Marathon schwerer nach Hause zu kommen wie man vor dem Marathon war, weil es eben so viele Verpflegungspunkte gibt, an denen man die verbrauchten Kalorien mehr als vielfach wieder ausgleichen kann. Lappland – Vielfraß, da war doch was …
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Und dennoch gab es neben den guten Leckereien auch zwei Sachen, die mich wirklich beeindruckt haben. Ich lamentiere ja gerne darüber, dass es selten Salz und noch seltener Salztabletten gibt. Selbst bei harten Ultraläufen vermisse ich dieses Wundermittel häufig und deshalb habe ich meine Tablettchen eigentlich immer dabei.
In Monschau wäre das nicht notwendig gewesen, endlich ein Lauf, bei dem man an diese wichtige Kleinigkeit gedacht hat.
DSC_3959Und ganz am Ende, am letzten Verpflegungspunkt, rund 3,5 Kilometer vor dem Ende, da reicht Dir dann jemand einen kleinen Plastiklöffel, an dem ein Batzen Honig hängt. Als „natural shot“ für die letzten Meter.
Klar, das ist nichts für Veganer, aber Agavendicksaft wäre hier einfach zu flüssig. Ich jedenfalls fand diese Idee klasse und wünschte mir, auch andere Läufe würden diese Liebe zu den Läufern zeigen.
Und dann, vielleicht zwanzig Minuten später, bist Du dann drin. Am Ende geht es immer mal wieder rauf und Dich trägt noch immer der Gedanke an den Honig-Shot über die Strecke. Es gibt ein paar warme Worte des Moderators, der seine Sache sehr gut gemacht hat, sehr schnell Deinen Namen und Deine Daten präsent hat, auch wenn Du, wie ich, die Startnummer so unglücklich hängen hast, dass der „Vorgucker“, der dem Moderator schon vorab die Nummern der einlaufenden Helden mitteilt, diese nicht lesen kann.
DSC_3929Wenn Du dann schnell noch versuchst, diese Nummer nach vorne zu drehen und der Moderator tatsächlich nur wenig Zeit hat, auf der Teilnehmerliste nach Dir zu suchen, selbst dann findet er Dich, Dein Name hallt über die überfüllte Partymeile im Ziel, Deine Freunde hören, dass auch Du auf dieser Strecke unterwegs warst und dann wirst Du Dutzendfach angesprochen und immer wieder mit der gleichen Frage konfrontiert, der Frage, die mir auch schon die lieben und fleißigen Ultraläufer auf der Strecke gestellt haben:

„Hey Tom, was machst Du denn auf der Kurzstrecke?“

Aber Kurzstrecke laufen in der Eifel, in Land Holger Lapps, auf anspruchsvollen, aber nicht übermäßig fordernden Trails, in so viel Natur, wie es sich manche Städter gar nicht vorstellen können, das reicht dann auch, finde ich.
Nur ganz vielleicht werde ich beim nächsten Besuch dort doch auch mal den Ultra probieren, das aber nur, weil sie alle so nett sind, dort oben im Norden, im Lappland der EifelDSC_3927
Den entsprechenden Bericht auf www.laufspass.com gibt es hier …