Wer zu früh geht, der verpasst das Dessert …

„Ein freies Wochenende!“ So hieß es plötzlich in der vergangenen Woche.
Die Reise nach Russland, um am Elbrus Race teilzunehmen, musste ich ja leider absagen. Mit argem Bedauern, einem gewissen Neid und größtem Interesse lese und schaue ich, was die Truppe um Michi Raab, vor allem unser Freund Gerald Blumrich, im Kaukasus anstellen. Großartige Geschichten, fantastische Fotos, jeden Tag gibt es neue Fotos von Michi und Co.

Ich also hatte frei, musste nicht arbeiten und war auf der Suche – nach einem Lauf. Ein Ultralauf sollte es schon sein, also schieden der Düsseldorf Marathon und der OEM, der Oberelbe-Marathon, schon aus.
Gefunden habe ich den Helipad, einen 140 K Landschaftslauf auf GPS Basis,

„een ultraloop door Nederland, België en Duitsland“,

dennoch nur einer holländisch-sprachigen Webseite (http://www.helipad.tk/).
Auf der Starterliste fand ich einige Bekannte: Wim Reumkens zum Beispiel, den KÖLNPFAD-Läufer Herman Krijnen, die RheinBurgenWeg-Läufer Renske und Ernst-Jan Vermeulen und nicht zuletzt den JUNUT-Läufer Arno Lux.
Ich verstand einige Details aus der niederländischen Beschreibung nicht, deshalb schickte ich eine kleine Mail über die deutsch-niederländische Grenze, die aber wahrscheinlich an den neu eingerichteten Grenzkontrollen hängen blieb.

Ich fand die drei Bewerbe am Brocken, den Hexenstieg, den Hexentanz und den Hexenritt. Aber der Brocken ist weit und der Hexenstieg noch viel, viel weiter. Und für so viel Länge und Höhe fühlte ich mich nicht ausreichend vorbereitet. Weiterlesen

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Wer bis 2 zählen kann hat Vorteile …

Es war ein echtes Lauf- und Autofahrer – Wochenende für mich. 1.350 Kilometer Autobahn oder Bundesstraßen, ein Marathon und ein kleiner Ultra. Du kannst schnell zusammen rechnen, wie viel Zeit das alles in Anspruch nimmt:
Vielleicht 15 Stunden hinter dem Steuer und 9 bis 10 Stunden laufen, etwas Zeit für das Schlafen dazu rechnen, etwas Zeit für die Zeit vor den Starts …

Mein Wochenende begann also um 5.00 Uhr mit dem klingelnden Wecker. Am Abend zuvor haben wir noch den 18. Geburtstag unseres Sohnes Pascal gefeiert – im edlen Restaurant „Vieux Sinzig“ in Sinzig, dem Restaurant, das seine Bekanntheit nicht nur der expliziten Erwähnung in den berühmten Eifel-Krimis verdankt, sondern auch dem engagierten französisch-normannischen Patron Jean-Marie Dumaine, der auch selbst einige Koch- und Naturbücher geschrieben hat.
Vor allem die verschiedenen echten und falschen Trüffelpilze dieser Welt und auch die Naturkräuter haben es dem „Wildkräuter-Papst“ Jean-Marie Dumaine angetan. Dabei organisiert er noch Veranstaltungen wie das „Trüffel-Symposium“, Du kannst dort Kochkurse besuchen oder an Naturwanderungen teilnehmen.
Der Abend wurde auch deshalb lang, weil neben den drei Gängen des Menüs, dem obligatorischen „Amuse-Gueule“ und dem Brot mit Walnuss-Tapenade auch noch ein Apetizer für das Dessert gebracht wurde, damit sich der Gaumen schon langsam an die Süße gewöhnen kann.
Und die viele Zeit fehlte mir am nächsten Tag.

Schnell noch für die beiden kommenden Tage und Läufe packen hieß es also um 5 Uhr. eine kurze und eine knielange Laufhose, 1 Paar Kompressionsstrümpfe, 1 Paar kurze Laufstrümpfe, ein Paar Schuhe reichen, Laufshirt, lange Laufjacke, Laufweste, Laufuhr, 2 Buffs, eine Winter- und eine Sommermütze, dünne Laufhandschuhe …
… fehlte da nicht etwas?

Natürlich! Das zweite Laufshirt und auch die Entscheidung für nur ein Paar Schuhe war falsch, weil ich Leipzig nicht so schlammig und nass erwartet hatte, dass die Schuhe danach keinesfalls für einen zweiten langen Lauf hätten verwendet werden können.
Meine Lösungen waren zum einen, ohne Laufshirt nur mit der Laufweste zu laufen. Wie viele schmerzende Scheuerstellen das gab kann ich nicht sagen, aber ihc kann sicherlich bis über 10 zählen und die wunden Stellen auf beiden Seiten unter den Armen, am Schlüsselbein und auf der Brust waren mehr …
Und zum Laufen nahm ich die Brooks-Laufschuhe, die ich eigentlich nur als Zierde zu meinen Jeans als „casual wear“ trage. Für lange Läufe sind die nicht gemacht, vor allem haben sie nicht die zusätzliche Länge, die wir Marathonis oder Ultramarathonis stets unseren Laufschuhen gönnen. Das habe ich dann nach dem Ultra mit einer dicken und äußerst schmerzhaften großen Blutblase am zweiten rechten Zeh bezahlt.
Aber wer nicht bis zwei zählen kann …

Die beiden Läufe aber kompensierten all den Ärger, den ich über mich selbst hegte. In Leipzig war es ein 3-er Teamlauf, für den ich schon im November 2011 zwei ostdeutsche Laufpartner gefunden hatte. Matthias, ein Unternehmer mit bis dahin 8 Marathons in seiner persönlichen Statistik, mit einer PB, die fast exakt gleich ist wie meine aus Edinburgh und mit einer Biographie, die einige Parallelen zu meiner hat und Flo(rian), unser Küken, ebenfalls mit bis dahin 8 Marathons in seiner persönlichen Statistik und einem Beruf, der ihm Flügel verleiht.
Beim 3. Leipziger Winter! Marathon war einer der Sponsoren Red Bull. Gewöhnlich nutze ich die Kraft von Red Bull, um mich für lange Autofahrten wach und fit zu halten, in Leipzig erlebte ich dieser nach Gummibärchen schmeckende Flüssigkeit als Hot Bull, leicht angewärmt mit Orangensaft gemischt. Und das Red Bull – Promotionteam war auch super nett und jede der Ladies war unserem Teammitglied Flo(rian) bekannt.

Läuferisch war der Marathon wieder eine kleine Offenbarung. Wir sind im Gruppendruck natürlich zu schnell losgelaufen. Am liebsten hätte ich schon auf den ersten Kilometern auf die Laufbremse getreten, aber wer will schon der Bremser sein? Und wir Männer wollen das sowieso nicht zeigen, also geht es schnell weiter. Aber nach vielleicht 30 oder 32 Kilometern schmerzte Matthias seine Sehne sehr und Flo durfte mir seine Leidensfähigkeit beweisen. „Das war das Härteste, das ich bisher gemacht habe,“ sagte er am Ende und ich versuchte Kilometer für Kilometer die beiden zu motivieren.
Dennoch wurden wir vor allem auf den letzten eineinhalb Runden auch von Teams eingeholt, die wir längst hinter uns gelassen wähnten und auch das beste Damenteam passierte uns auf den letzten 1.000 Metern. Aber das sollte uns vollkommen egal sein, weil wir ja mit dem Ziel 4:30 Stunden unterwegs waren.
Mir aber wurde es am Ende schon richtig kalt. Am liebsten wäre ich wie ein junger Hund neben der Strecke hin- und hergelaufen, um meinen Kreislauf in Schwung zu halten, weil mein Rücken freundlich angeklopft hat und meinte, schmerzen zu müssen, zum Glück nicht im Bereich meines sensiblen Iliosakralgelenks, sondern etwas höher, knapp unter dem Rippenansatz, aber ich hätte am Samstag Abend eher gehen einen Start am Sonntag gewettet.

Der 3. Winter! Marathon war auch eine große Ansammlung von Marathon4U – Autoren. Klaus Duwe und seine Mannen waren omnipräsent und so gab es viele Hallos und Körperdrücker, nicht nur mit Klaus, Wolfgang und Bernie, sondern auch mit vielen der anderen M4U Jungs. Außerdem waren der MIAU-Organisator Bernd Kalinowski dabei, der ultraschnelle Ulf Kühne vom OEM (Oberelbe Marathon) Team und viele andere Lauffreunde, die mich Runde für Runde höher fliegen ließen.

Für das Wetter konnten die Leipziger Veranstalter nichts, nichts für das Schneetreiben, nichts für den Regen, nichts dafür, dass alles matschig, schlammig und überhaupt „usselig“ war. Aber das, wofür sie was konnten, war schon phänomenal. Für 45 EUR Startgebühr pro Team (!), also nur 15 EUR pro Starter, gab es einen gut organisierten Lauf, wo an jeder Ecke bedauernswerte Menschen in Neon-Schutzjacken herumstanden, um uns auf den richtigen Weg zu leiten, wo die Versorgung vorbildlich war, nicht nur wegen der Hot Bull Becherchen und nicht zuletzt gab es am Ende sogar noch kleine Geschenke für die Teams.
Leider war uns eine der wunderschönen Plastik-Schneekristalle am goldenen, silbernen oder bronzenen Band vergönnt, dafür waren wir einfach viel zu langsam, insgesamt gab es aber neben den Urkunden noch zwei Torten für unser Team.

Flo, Matthias und ich jedenfalls hatten uns viel zu erzählen, die Zeit verflog recht schnell und ich nutzte die mir durch das Red Bull – Team gewachsenen Flügel dann gleich noch, um nach Senftenberg zu fahren. Ich war ja schon im Vorjahr dort am Start des 50 K Hallen-Ultramarathons und damals erzielte ich eine neue persönliche Bestzeit über die 50K Distanz, jetzt, mit dem Marathon in den Beinen, wollte ich keinesfalls in die Nähe dieser Marke kommen, um auf keinen Fall doch motiviert zu sein, hier noch weiter „feilen“ zu wollen. Aber wenigstens unter 5 Stunden bleiben wollte ich schon.

In der X-BIONIC Laufweste ohne Laufshirt darunter sah ich einigermaßen gut aus, fand ich, und ich folgte als Schatten immer wieder anderen Läuferinnen und Läufern. Zwei, drei Runden gemütlich hinter einem anderen Läufer, dann wieder ein paar Runden allein mit etwas Druck aufs Tempo, so ging es letztendlich 4:56:10 Stunden lang, zuerst einfach, später dann zunehmend schmerzhaft. Das Entstehen und Wachsen der Blutblase bemerkte ich schon nach der Hälfte der 50 Kilometer auf der in den Kurven überbauten Indoor-Tartanbahn, das Scheuern der Weste kam dann etwas später in mein Bewusstsein.
Aber Weicheier sind wir Läufer ja alle nicht und so etwas muss halt jeder aushalten, der nicht bis zwei zählen kann, eine echte Lehre für das weitere Leben.

Der MIAU-Organisator Bernd Kalinowski, der auch in Leipzig gelaufen war, hatte zwischen den Senftenberger Ultra-Hallenmarathon und den Leipziger Winter! Marathon noch kurz den Senftenberger Hallen-Nachtmarathon eingeschoben, wahrscheinlich, weil auch Bernd nicht bis zwei zählen kann.
Und auch Marco Cych aus Bad Kreuznach lief außer in Leipzig noch in Senftenberg. Die Anzahl der „Verrückten“ nimmt also ständig zu …

In Senftenberg 2011 konnte ich meine Altersklasse gewinnen, 2012 erreichte ich nicht mehr als einen 6. Platz. Aber wer langsamer ist wie im Vorjahr, der kann auch nicht die Ergebnisse des Vorjahres erwarten. Es war mich auch egal, weil ich sowieso im Jänner nur viel Strecke laufen will, damit ich im Februar ohne Sorgenfalten auf das Laufen verzichten kann, wenn ich in Equador auf die hohen Berge wandere.
Und ein Glas der berühmten Spreewald-Gurken und eine Packung breiter Nudeln gab es dennoch für die Läufer.

Was ich aber wirklich unglaublich fand, war, dass selbst einige meiner Pacemaker noch fast eine Stunde nach meinem Zieleinlauf unterwegs waren, humpelnd, gehend, verzweifelt. Der Hallenboden und die Überbauung in den Kurven verlangen Dir schon einiges ab. Manche konnten schon nach 100 der zu laufenden 200 Runden nicht mehr richtig laufen, schoben Gehpausen ein oder änderten ihre Rennstrategie gänzlich auf das Walken oder Gehen.
Einen meiner Pacemaker vom Anfang des Laufs bewuderte ich, weil seine Runden immer exakt 1:30 Minuten lang waren, plus / minus eine einzige Sekunde.Ich lief so lange hinter ihm, bis er beim Verpflegungspunkt abgebogen ist. Später aber ging bei ihm nichts und meine ursprüngliche Annahme, es hier mit einem extrem erfahrenen und kontrollierten Läufer zu tun zu haben, schwand und ich bedauerte ihn, weil offensichtlich wurde, dass er dieses konstante Anfangstempo von exakt 6 Minuten pro Kilometer einfach nicht durchhalten konnte.

So skurril dieser Hallen-Ultra ist, so skurril ist auch die alte Niederlausitz-Halle, die noch den Charme der 70er und 80er Jahre verbreitet. Aber der Lauf dort ist einfach einzigartig, wenngleich man ihn leicht unterschätzen kann. Eine ganz besondere Erfahrung aber ist er auf jeden Fall.
Für mich aber war es nach 2011 der letzte Lauf dort, weil mich die rund 600 Kilometer bis Senftenberg immer wieder nerven.

Zumindest in diesem Punkt kann ich dann doch bis 2 zählen …

Von Königstein nach Elb-Florenz – Laufen in wunderschöner Landschaft

Stressig und bemerkenswert, zwei Attribute, die auf den Oberelbe-Marathon (OEM) vom Sonntag, 25. April, passen.

Begonnen hat der OEM für mich schon am Freitag Abend. Nach zwei Stunden Tennis-Doppel in der Halle bin ich noch zum Mannschafts-Trainingsspiel auf den Außenplatz gefahren. Der rote Sand dort ist noch frisch und weich, viel zu weich für ein ordentliches Spiel. Ich spielte keine zehn Minuten, bis ein so starker Schmerz in mein rechtes Knie fuhr, so stark, dass ich nur noch humpeln konnte. In diesem Moment fragte ich mich, ob es das schon gewesen war mit dem Marathon in Sachsen. Am Samstag, dem Termin meines Abfluges nach Dresden, waren die Schmerzen im Knie noch immer da, nicht mehr so stark, aber dennoch wahrnehmbar.

Diese Schmerzen, verbunden mit dem Umstand, dass ich seit Mittwoch Strohwitwer und quasi alleinerziehender Vater bin, ließen mich ständig überlegen und rechnen, wie ich alle meine Verpflichtungen am Samstag unter einen Hut bekommen würde. Ich dachte auch daran, den OEM notfalls abzusagen, weil zum Einen das Knie noch nicht wieder intakt war und zum Anderen man ja auch mal für die Familie zurückstecken muss.


Und die Aufgaben für den Samstag waren gewaltig:

– ich musste noch etwa drei Stunden im Büro wichtige Mails schreiben, die ich am Vortag zugesagt hatte
– unser Sohn Pascal hatte um 14 Uhr einen Cross-Duathlon-Wettbewerb in Andernach und musste um 13 Uhr dort sein
– unsere Tochter Milena musste vier Kuchen für ein Spenden-Event zu Gunsten des Tanzania-Schulprojektes backen
– die Kuchen sollten um 12 Uhr am Eventort sein
– eine Mitarbeiterin sollte in Langenfeld noch Ware von mir bekommen
– Pascal wollte gegen 17 Uhr in Andernach wieder abgeholt werden

Hektische Betriebsamkeit im Hause Eller, eifrige Diskussionen, wie wir all das koordinieren können und am Ende hatten wir einen Plan:
Erst habe ich meine Büroarbeit gemacht, Milena hat sich als Bäckerin versucht, dann haben Pascal und ich die Kuchen weggebracht und sind anschließend gleich nach Andernach gefahren. Dort habe ich Pascal und sein Fahrrad ausgeladen und bin gleich weiter nach Langenfeld gefahren, nicht aber, ohne zu Hause noch die Autos zu tauschen. Eigentlich bin ich mehr „tief geflogen“ als gefahren, aber die Polizei hatte glücklicherweise ein Einsehen und hat auf die Aufstellung von Radarfallen an diesem Tag verzichtet. Vor allem aber war ich dankbar, dass Milena, seit einigen Wochen mit einem eigenen Auto „bewaffnet“, die Abholung von Pascal zugesagt hatte. Diese Sorge war ich also los.
Nun ging es auch gleich zurück Richtung Flughafen Köln-Bonn und ich erreichte den Check-In-Schalter fünf Minuten vor der Boardingzeit. Alles war perfekt.
Und mein Knie? Ich hatte es einfach vergessen, aber jetzt hat es wieder geschmerzt. Also einfach nicht mehr daran denken!

Am Kölner Flughafen hat mir die Sicherheitskontrolle nicht nur mein Haarspray aus dem Hangepäck in die „Gelbe Tonne“ entsorgt, auch mein Shampoo musste verschwinden. Haarspray läuft auch unter „Flüssigkeiten“ und dass das Shampoo fast leer war und nur noch die Mengenangabe für gefüllte Flaschen die 100ml-Grenze überstieg, interessierte niemanden. Übersehen haben die strengen Herren in dunkelblau, dass ich ein Messer in der Kulturtasche hatte. Ob mit Haarspraydosen schon Flugzeuge entführt wurden, weiß ich nicht, kleine Messer aber sind definitiv ein geistig-moralischer Anschlag auf die US-Sicherheitsgesetze. Das kleine Messerchen war übrigens das Messer, das ich beim Marathon des Sables (MdS) mitgenommen hatte und dort zur Pflichtausrüstung gehörte und ich wusste bis zur Rückreise nicht, dass es sich dort im Kulturbeutel versteckt hat. So ein Schlingel, aber ein Messer ist ja auch nur ein Mensch.

Welcher unselige Geist mich dann in Dresden geritten hat, als ich mich entschloss, nicht in Dresden zu nächtigen, sondern gleich den Zug nach Königstein zu nehmen, weiß ich nicht. Dieser Geist bescherte mir aber das mitleidige Kopfschütteln eines Hotelangestellten, der mir sagte, dass in Königstein wohl kein einziges Bettchen mehr zu bekommen wäre. Aber der Sachse war nett und er kümmerte sich dahingehend um mich, dass er ein paar Hotels in Nachbarorten anrief, um für mich eine bezahlbare Nächtigungsmöglichkeit zu finden.
Fündig wurde er in der schönen Kurstadt Gohrisch, etwa vier Kilometer weit entfernt. Ich hatte keine Lust, ein Taxi zu bitten, auch, weil es in Königstein gar keinen Taxistand gibt und die Taxen aus Pirna hätten geholt werden müssen. Und all das wegen vier Kilometern?
Wenn ich aber gewusst hätte, dass Gohrisch auf dem Berg liegt und drei dieser vier Kilometer steil ansteigend verlaufen, dann hätte ich es mir wohl überlegt, dorthin laufen zu wollen. Andererseits hilft Dir dieses Profil am nächsten Tag auf dem Rückweg.

In Gohrisch wechselten sich Ferienwohnungen mit Pensionen, Villen und Hotels ab und ich bekam im Parkhotel Margaretenhof ein nettes kleines Einzelzimmer, eigentlich mehr, als ich erhofft hatte. Und ich konnte ein wenig Carbo-Loading betreiben und habe zum Abendessen die chinesischen Mie-Nudeln gewählt und dazu eine große Flasche fast stilles Mineralwasser.
Das Frühstück war leider nicht läufergerecht, aber dennoch lecker und ausgiebig. Sicher habe ich wieder zu viel gegessen und meine Fettpölsterchen weiter verstärkt, aber das musste sein, um die Frühstücksmusik vergessen zu machen. „MDR 1“ lief da und ich hoffte, dass sich ein anderer Gast über diese Musik beschweren würde. Leider war ich so früh am Morgen der einzige Gast, also musste ich die Musik ertragen und immer beruhigend auf meine Ohren einreden.

Als ich dann beim Start ankam, war es noch immer kühl. Und es war noch einigermaßen leer dort. Von den rund 1.000 Marathonis waren noch keine 200 auf dem Platz und der Moderator bemühte sich mit Kräften, diese kleine Truppe bei Laune zu halten. Er interviewte einen Läufer in dem auffälligen Gelb des „100 Marathon Clubs“ und fragte ihn, der wie vielte Marathon das denn nun für ihn sei. „So Gott will, dass ich hier durchkomme,“ sagte er, „ist es mein 411 ter Marathon!“
Nun suchte der Moderator jemanden, der seinen ersten Marathon läuft und er wurde fündig bei einer Dame, die von ihrem ersten „Halben“ berichtet hat, den sie in 2009 in 2:12 Stunden gelaufen war. Ich weiß nicht, wie es ihr am Ende beim „Ganzen“ ging, aber ich habe mich gefragt, warum jemand den OEM als Premieren-Marathon auswählt. Üblich sind doch eher Stadtmarathons wie Frankfurt, Köln oder Berlin.
Nun sah mich der Moderator an und fragte mich nach meinen Läufen und ich antwortete artig, dass es mein 91. Marathon sein würde. Die nachfolgende Feststellung von ihm, dass ich es dann wohl in 2010 noch nicht in den „100MC“ schaffen würde, beantwortete ich mit dem Versprechen, dass es irgendwann im Sommer schon soweit sein sollte. Allein die Läufe, bei denen ich schon zugesagt habe, rechtfertigen diese Annahme.
(Kurz überlegt: der Brocken-Ultra am Wochenende bringt am Samstag die Nummer 92 und am Sonntag die Nummer 93, dann kommt der K-UT (Keufelskopf Ultra) als Nummer 94 und die Nummer 95 sollte die „TorTOUR de Ruhr“ bringen. Der Mittelrhein-Marathon und dann der Canyon du Verdon, die 24 Stunden von Rockenhausen, dann sollten es 98 sein – und der kleine Rest ergibt sich noch)

Ich habe dann noch ein wenig von der bevorstehenden TorTOUR de Ruhr erzählt und auch davon, dass es auch kürzere Strecken als die übermächtig erscheinenden 230 Kilometer gäbe. Aber als ich den Ausdruck „Bambini-Lauf“ für den 100km-Lauf verwendet habe, musste er schon ein wenig lachen. Ich durfte mich entfernen, so schien es zumindest.
Nun erzählte der Moderator, dass ja gerade eben erst der Wüstenlauf „Marathon des Sables“ geendet hätte und ich zeigte kurz auf und bekannte mich schuldig. Also musste ich wieder zu ihm und von der Wüste erzählen.
Später dann, als Achim auf das Startgelände lief, sagte ich zum Moderator, dass er auch in der Wüste gewesen wäre und so war auch sein Statement erwünscht. Warum er das eigentlich überhaupt nicht wollte? Na ja, vielleicht schreibt er das ja mal auf seinem BLOG.

Der Marathon selbst war eigentlich recht nett gemacht. Zumindest die ersten Kilometer sind traumhaft schön, wenn Du rechter Hand auf das Elbsandstein-Gebirge schaust, linker Hand ist die Festung Königstein, Du läufst Anfangs durch Waldpassagen mit ganz wenigen Häusern und es gibt ein einigermaßen welliges Profil. Später dann wird es flacher, die Bäume verschwinden und mit der zunehmenden Sonne wurde es heiß, richtig heiß. Und ich wurde braun. Die Grundfarbe aus der Wüste wurde aufgefrischt und mein Gesicht verwandelte sich innerhalb der wenigen Stunden in ein solariumverwöhntes Aufreisser-Gesichtchen.
Die Versorgung hätte besser sein können, dachte ich mir gelegentlich während des Laufs, vor allem die erste Wasserstelle ließ lange auf sich warten. Glücklicherweise blieb meine Sorge, dass die nächste Wasserstelle auch so weit entfernt sei, unbegründet und am Ende reihte sich Wasserstelle an Wasserstelle, immer eine gute Gelegenheit für mein „sprechendes Weichei“ in mir, es ein wenig gemütlicher angehen zu lassen.

Es war sowieso fatal: erst wollte ich langsam traben und hatte dem Moderator eine Zeit „knapp unter 4“ angekündigt, dann dachte ich, dass vielleicht doch etwas mehr drin wäre. Aber irgendwann wusste ich, dass ich definitiv nicht über die 4-Stunden-Marke kommen würde, eine gute Zeit aber auch nicht drin sei und ich mal wieder zeitlich im „Niemandsland“ enden würde. Und mein mit mir „sprechendes Weichei“ im Kopf sagte: „Ob 3:50 oder 3:59 ist egal – lauf locker weiter und schone Dich!“ Ich schonte mich also auf den letzten acht Kilometern und endete mit 3:57:23 Stunden, keine gute Leistung, wenn man bedenkt, dass ich eine Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:50:12 Stunden hatte.

Interessant fand ich am Ende noch die wunderschönen Villen von Elb-Florenz. Hier siehst Du Jugendstil-Architektur vom Feinsten und das gepaart mit Grundstücksgrößen, die Du sonst nur in Hollywood erlebst, einfach zauberhaft. Je näher wir dem Zentrum kamen, desto mehr Menschen standen an der Strecke und applaudierten. Phasenweise hatten die Zuschauer aber wirklich gefehlt, außer in Pirna, wo wir eine große Ausgleichsrunde durch die Stadt zogen und diese Runde gesäumt war mit Menschen.

Und da war ein einsamer Brückenpfosten und wenn Du da ganz nach oben geschaut hast, dann hast du da eine Markierung erkannt. Die Markierung zeigte die „Gerhard-Schröder-Rettungslinie“, die Linie des Elbhochwassers aus dem August 2002, das den Sachsen so viel Leid und dem damaligen Bundeskanzler die Wiederwahl gesichert hat. Mann, war die Linie weit oben. Ich habe ja vieles über das Elbhochwasser gehört, aber diese hohe Linie hat mich doch erschreckt, auch jetzt noch, bald 8 Jahre nach diesem Jahrhundert-Ereignis.

Im Ziel war dann richtig Party. Das Wetter sorgte für gute Laune und zu den 1.000 Marathonis gesellten sich viele Tausend Halbmarathonis, 10km-Läufer und Walker, es gab Nudeln mit Tomatensauce, Erdinger Weißbier alkoholfrei, richtig gute und warme Duschen und eine Medaille, die wirklich schön ist. Schön und außergewöhnlich, ein Schmuckstück in meiner wirklich nicht allzu kleinen Sammlung.
Und es gab ein inspirierendes und motivierendes Gespräch mit einem anderen Ultra-Läufer, mit dem von mir so bewunderten Norman Bücher. Er war einer der Redner auf dem Läufer-Symposion vom Vortag, ich bin mit ihm den UTMB gelaufen und er war und ist immer einer, der seinen Weg im Ultra-Lauf geht. Gerade vom 160 Kilometer Himalaya-Lauf gekommen, ist er schon fast bei seinem langen Chile-Trip, der ihn in ganz besondere Gebiete der Erde bringen wird. Und spätestens in solchen Gesprächen weißt Du, dass es einerseits noch viel gibt, das auf Dich wartet und dass andererseits das, was Du tust, wirklich nur ein Anfang sein kann …

Das Messerchen im Kulturbeutel haben die Kolleginnen am Dresdner Flughafen gefunden. Aber während Du in Frankfurt oder Köln nur formale Antworten bekommst, schlug mir die Sicherheitsfrau vor, im Geschäft nebenan einen gefütterten Umschlag zu kaufen, eine Marke aufzukleben und mir dieses Messerchen an die Heimatadresse zu senden. Ich fand die Idee freundlich und kundenorientiert und habe in dem Laden die Kollegin gelobt. Die Verkäuferin in dem Laden lächelte nur und sagte: „Wir Sachsen sind eben nette Menschen!“
Ob beim Treppenmarathon in Radebeul oder beim OEM in Dresden – wo die Verkäuferin Recht hat, hat sie Recht.

MdS 4: „Das kleine Schwarze mit den hochhackigen Pumps?“

Der „Marathon des Sables“ (MdS) ist so etwas wie eine Modenschau. Oder etwas wie ein Testgelände für Laufklamotten. Wahrscheinlich aber ist der „Marathon des Sables“ beides.

Eine der wichtigsten Fragen vor dem Event war für mich die nach den Laufklamotten, in denen ich laufen will. Sechs Etappen, sieben Tage lang sollen sie kühlen, Schutz vor der Sonne geben und sie dürfen keinesfalls irgendwo scheuern. Na ja – und gut aussehen sollen sie natürlich auch noch, man weiß ja nie, wozu man das braucht.
Bei jeder anderen Laufserie hätte ich eine Batterie Laufshirts und zumindest drei, vier Laufhosen sowie ein Dutzend Brillen eingepackt.
Bei jeder anderen Laufserie hätte ich jeden Tag frische Sachen angehabt – und jeden Tag etwas anderes.
Bei jeder anderen Laufserie hätten die Veranstalter uns das Gepäck stets von Etappenstart zu Etappenziel transportiert und sich bei mir gewundert, warum ich stets mehr Sachen dabei habe wie die Anderen.
Aber beim „Marathon des Sables“ ist eben alles anders – da bist Du allein auf Dich gestellt und Du weißt: ein Satz Laufklamotten muss reichen, also wähle bewusst!

Und wenn Du sieben Tage lang die gleichen Sachen anhaben musst, dann wirst Du richtig nervös. Ich wurde es zumindest. Und ich fühlte mich wie „Dumpfbacke“ Kelly Bundy aus „Eine schrecklich nette Familie“ (Amerikanischer Originaltitel: „Married with Children“) am Samstag Abend vor dem Kleiderschrank, immer wieder fragte ich mich, was ich wohl anziehen sollte. Ich las viel über Laufklamotten im Internet, wusste, was andere ausgewählt hatten, aber ich war mir auch im Klaren, dass bei mir manches anders ist.


Ich habe große Angst vor der Sonne – und das, obwohl mir das Schicksal ein paar südländische Gene eingepflanzt hat. Für mich war also klar, dass ich entweder mit einem langen Shirt oder mit Armlingen laufen werde. Ich schwitze lieber als dass ich Angst haben muss, mir einen Sonnenbrand zu holen, aus dem am langen Ende irgendwann vielleicht sogar Schlimmeres entstehen könnte.
Die Beine sind bei mir wie bei den meisten Läufern vollkommen unempfindlich, da wollte ich also kurzbehost durch die Wüste tingeln.
Aber oben herum? Ich schwankte und probierte, zog mich immer wieder an und aus, ich diskutierte mit vielen, die den „Marathon des Sables“ schon gefinished hatten und ich las viel und dann kam mit das Glück zu Hilfe.

In der „Nacht der Entscheidung in Lilienthal“ hatte ich zum ersten Mal von X-BIONIC gelesen. Und wir bekamen beim Start ein schwarzes Schweißband für den Arm, das mir gut gefallen hatte. Besonders hatten es mir die orangenen Einschlüsse angetan, die nur sichtbar werden, wenn das Schweißband ein wenig gedehnt wird.
Und dann war da auf der Marathon-Messe in Rom am Tag vor dem Start dort ein großer Stand von X-BIONIC und ich habe mir die Sachen mal genauer angesehen. Ganz spontan habe ich mich entschlossen, mir dann die Armlinge zu holen, die ich wirklich cool fand, am Ende des Beratungsgesprächs habe ich mich von dem netten italienischen Verkäufer am Stand überzeugen lassen, vom Kopf bis zum Fuß in X-BIONIC zu laufen.
Eine Kappe speziell für die Wüste, ein kurzes, aber cooles Oberteil mit leichten Kompressionseigenschaften, die Armlinge, die mir so gut gefallen haben, eine ganz weiche Laufhose in dem für X-BIONIC typischen Riffelmuster, kurze Socken, die sogar doppelwandig sind, um die Reibung im Schuh zu reduzieren und dann noch zwei Sachen, die ich aber in der Wüste gar nicht gebraucht hatte: die Beinlinge kamen nicht einmal bei der Nachtetappe zum Einsatz, weil die Nächte viel wärmer waren als ich sie befürchtet hatte und die langen Kompressionsstrümpfe habe ich auch zuerst am vergangenen Wochenende getragen.
Unter dem Strich war es eine recht gewaltige Rechnung, aber der Messepreis half mir, diese Entscheidung dennoch so zu treffen.

Natürlich war meine Sorge, hier eine riskante Entscheidung getroffen zu haben und am Ende der einzige Marathon des Sables – Läufer zu sein, der sich für diese Lösung entschieden hat. Aber weit gefehlt: ich war erstaunt, wie viele Läuferinnen und Läufer sich ähnlich wie ich entschieden haben, wenngleich die gewählten Farben oft anders waren als die von mir gewählten dunklen Farben. Aber als, wie die Farb- und Stilberatung sagen würde, „Wintertyp“ muss ich ja viel schwarz tragen. Das tue ich ja auch im zivilen Leben. Schwarz oder klare, kräftige Farben.

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Gewaschen habe ich die Sachen nach der vierten Etappe ein Mal. In einer aufgeschnittenen Wasserflasche habe ich die von Sand und Salz verschmutzten Sachen gebadet, ein Waschmittel hatte ich ja nicht. Aber am nächsten Tag, als alles wieder trocken war, war ich froh, wieder einigermaßen frisch auszusehen und mich auch so zu fühlen. Dennoch bin ich heute, mehr als eine Woche nach dem Event, noch immer erstaunt, wie wenig Salzränder man dort gesehen hat, wie angenehm diese Sachen zu tragen waren. Klar, dass ich diese neu erstandenen Dinge auch gleich mit auf die Radebeuler Spitzhaus-Treppe mitgenommen habe. Und beim „Oberelbe-Marathon“ (OEM) werden sie mich voraussichtlich auch begleiten, dann aber ohne die Armlinge, dafür aber wieder mit dem super schönen Schweißband.

Und wie „Dumpfbacke“, die am Samstag Abend die Klamotten sowieso nur so auswählt, dass sie den Jungs in der Abend-Disco gefällt, fühlte ich mich auch wohl und ich fand, dass ich einigermaßen cool aussah – für einen Mann fortgeschrittenen Alters, versteht sich.

Die andere wichtige Frage, die sich mir stets vor dem „Marathon des Sables“ gestellt hat, nämlich die: „Was esse ich an diesen sieben Tagen?“ werde ich in der nächsten Woche beantworten. Auch hier ist einiges anders, weil ich ja bekanntermaßen weder Fleisch esse noch Kaffeeprodukte zu mir nehme. Aber es gibt ja für alles eine Lösung …

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