Schnee auf dem Pico de las Nieves

Der 1949 Meter hohe Pico de las Nieves ist der höchste der Berge Gran Canarias, die Läufer vom Trans Gran Canaria (TGC) wissen das. Und sie wissen auch, dass dort, am höchsten Punkt der Insel und am höchsten Punkt des TGC, zahlreiche Menschen standen, die uns Läufer bejubelten, anfeuerten und heimlich bewunderten. Heute, als meine Familie und ich dorthin hochfuhren, lief niemand an den beiden kleinen Obelisken vorbei. Niemanden konnte ich versuchen zu motivieren, niemand lief schwitzend dort hinauf, hoffend, dass das Leiden in der heißen Sonne der Kanaren erst einmal vorbei ist.
Aber ich sah hinüber zum Roque Nublo, dem Wahrzeichen der Insel, dorthin, wo wir im März 2012 noch den kleinen Loop gelaufen sind und die Kletterer, die sich diesen Riesenfelsen zu besteigen vorgenommen haben, mit neidvollen Blicken beobachtet haben. Irgendwo zwischen diesem Kletterfelsen und der Inselhöhenspitze lag auch die Partie, wo wir nur dank der gespannten Fixseile weiter in die Höhe kamen.

Die große grüne Kugel auf der Bergspitze, mutmaßlich zur Beobachtung der Sterne gebaut, gehört zu einer militärischen Anlage, das wussten wir Läufer. Dass der Zugang dorthin aber unmöglich war, wussten wir nicht. Aber wir wussten auch vieles andere nicht von diesem Berg, dem Pico de las Nieves. Zum Beispiel hat uns niemand von den Schneegruben (spanisch Horadada – „Loch“) erzählt. Eine davon haben wir heute besucht. Sie war riesig und wir dachten, dass man, wenn man dort hinein fallen würde, niemals wieder ohne fremde Hilfe herauskommen könnte. Aber ein Sturz in diese Grube würde man wahrscheinlich sowieso nicht überleben, in diesem Fall ist die Sorge um das heraus klettern aus der Grube eher nebensächlich. Da gäbe es dann Menschen, die darauf spezialisiert wären. Aber das wäre Dir dann auch egal.
Man schrieb den 18. September 1699, als die Domherren des kanarischen Domkapitels beschlossen, eine Grube zur Aufbewahrung des im Winter gefallenen Schnees zu graben.
Diese Grube, die sich auf einer Höhe von 1.910 Metern befindet, wurde gemeinsam mit einer anderen im Jahr 1694 angelegten, nur 300 Meter entfernten, genutzt.

Ich staunte nicht schlecht. Selbst oben auf dem Berg in fast 2.000 Metern Höhe war es noch brütend heiß und da hat man – Schnee gesammelt? Irgendwie klingt das schon ein wenig verrückt, aber die Geschichte um die beiden Schneegruben ist so noch nicht zu Ende erzählt. Immerhin wurden diese Schneegruben dann irgendwann vollkommen vergessen und erst die Forschungen und die Doktorarbeit von Dr. Salvador Miranda Calderin ließen die Gruben wieder auferstehen. Er suchte sie, legte sie frei und übergab sie der Öffentlichkeit zur Besichtigung.

Der Doktorarbeit von Dr. Salvador Miranda Calderin zufolge kamen die Einwohner von San Mateo, Cueva Grande, La Bodeguilla und anderen Ortschaften aus dem Bergvorland zur Schneegrube, wenn es schneite. Ein von den Geistlichen des Domkapitels ernannter Vorarbeiter organisierte die Arbeit und die Versorgung. Das Sammeln, Verdichten und Isolieren des Schnees dauerte im Durchschnitt fünf Tage lang.
Die Arbeiter sammelten in der Umgebung den Schnee und beförderten ihn in Weidenkörben zur Grube, wo ihn die Facharbeiter, die sogenannten „Stampfer“, mit Hilfe einer Handramme in Formen verdichteten.
Im Inneren der Grube wurden die Formstücke in Reihen aufgeschichtet, jedes durch eine dicke Schicht Stroh voneinander getrennt. Im 18. Jahrhundert führten diese Arbeiten im Durchschnitt 26 Arbeiter und 10 „Stampfer“ aus.
Um den niedrigen Temperaturen standhalten zu können, bestand das tägliche Menü aus gepökeltem Fleisch, Gofio (Mehl aus geröstetem Mais), Brot aus Weizenmehl und Käse.
All dies wurde großzügig mit einem hochprozentigen Wein begossen. Es handelte sich um eine hypokalorische Ernährung. Die Nahrungsmittel kamen auf dem Rücken von Lasttieren aus San Mateo oder sogar Las Palmas de Gran Canaria.

Im Sommer wurde der Schnee dann abermals kompaktiert und wurde dann in Formen auf den Rücken der Lasttiere bis zum Eisspeicher hinter der Kathedrale gebracht.

Unglaublich, finde ich, aber was tut man nicht alles für ein kühles Bier im heißen Sommer!

Diese Schneegruben wurden dann Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr genutzt und gerieten in vollkommene Vergessenheit. Die Schneegrube, die wir besichtigten, war dann bis zum Februar 1998 verschüttet. Vergessen, verschüttet, verwaist.

Der Forscher Dr. Salvador Miranda Calderin machte sie schließlich ausfindig, indem er den Beschreibungen der Engländerin Olivia Stone aus dem Jahre 1887 folgte.

Olivia Stone hatte 1883 aus die Grube besichtigt und beschrieb sie damals so:

“ Die Grube besteht aus einer weiß getünchten Wand, unten lagern einige mit Stroh bedeckte Schneeblöcke, zu denen man durch eine an der Seite befindlichen Treppe gelangt.
das Dach aus Ziegeln auf Pfosten bedeckt die Grube, an jedem Ende gibt es Türen, die zeigen, dass die Grube verschlossen werden kann.“

Nach dem Wiederfinden der Grube leitete Dr. Salvador Miranda Calderin 1999 die von der Umweltschutzbehörde des Inselrats Gran Canarias begonnene Restaurierung. Im Rahmen der Freilegung der Grube wurden Steine der eingefallenen Mauern und Dachziegel gefunden. Mit der zu Tage geförderten Erde wurde ein kleiner Aussichtspunkt errichtet.

Wir jedenfalls waren alle von der Idee und der Dimension der Schneegrube fasziniert.

Hier auf Gran Canaria zu sein ist sowieso etwas ganz Besonderes. Gestern sind Pascal und ich den umgekehrten Weg über den Strand gelaufen, an dem der TGC startete. Pascal kürzte die Strecke zwischen dem Leuchtturm in Maspalomas und dem Ausstieg in Playa des Inglés ein wenig ab, indem er den direkten, geraden Weg durch die Dünen lief, ich folgte im Wesentlichen der Strecke am Strand. Trotz erheblich besserer Laufbedingungen für mich war Pascal schon geduscht, als ich in unserer Bungalowanlage eintraf.

Vor einigen Tagen, als mir mein Rücken noch zu schaffen machte und ich so langsam war, dass ich nicht einmal mit einer Zweijährigen, die, von ihren Eltern begleitet, vor mir ging, mithalten konnte, gingen wir zum berühmten Roque Nublo, dem Wahrzeichen der Insel, auch wieder ein Teilstück des TGC, das wir in umgekehrter Richtung begingen. Schon auf der Fahrt dort hoch und dann bei der Wanderung erklärte ich meiner Familie wahrscheinlich öfters, als die das hören wollten, wo genau der TGC entlang ging.
Aber ich sah immer wieder die Strecke, die Kreuzungen, an denen wir entlang gingen und da musste das einfach immer wieder aus mir raus.
Schön, dass meine Familie meine Mitteilsamkeit klaglos über sich ergehen ließ.
Danke, dass man so viel Geduld mit mir und Verständnis für mich hatte.

Heute morgen in Maspalomas tat ich auch noch etwas, was ich mich bei der Wanderung, bei der ich so langsam war, dass ich höchstens als Elendshaufen durchgegangen wäre, noch nicht getraut hatte. Ich zog meine TGC Finisherweste an und wir schauten uns den trockenen Flusslauf an, durch den man nach dem Abbiegen am Faro von Maspalomas in die Berge kam.
Die TGC Läufer unter uns werden sich an diese Fotos erinnern, auch wenn wir diese Passagen nur in tiefster Nacht erlebt haben:
Wie im März war der Fluss trocken, die Luft aber war viel heißer als damals. Und wenn ich in der Nacht im März überhaupt nicht realisiert habe, dass neben dem Strand die wunderschönen und gigantischen Dünen von Playa des Inglés liegen und wie manche Gegend, die wir im Dunklen durchstreift haben, im Hellen aussieht, dann konnte ich das alles in diesem Urlaub nachholen.

Den Roque Nublo aber sahen wir auch damals im gleißend heißen Tageslicht – und er sieht so schön aus! Da müssen wir Läufer alle, Du und ich, noch einmal hin, vielleicht zum Trans Gran Canaria 2013?

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Wer bis 2 zählen kann hat Vorteile …

Es war ein echtes Lauf- und Autofahrer – Wochenende für mich. 1.350 Kilometer Autobahn oder Bundesstraßen, ein Marathon und ein kleiner Ultra. Du kannst schnell zusammen rechnen, wie viel Zeit das alles in Anspruch nimmt:
Vielleicht 15 Stunden hinter dem Steuer und 9 bis 10 Stunden laufen, etwas Zeit für das Schlafen dazu rechnen, etwas Zeit für die Zeit vor den Starts …

Mein Wochenende begann also um 5.00 Uhr mit dem klingelnden Wecker. Am Abend zuvor haben wir noch den 18. Geburtstag unseres Sohnes Pascal gefeiert – im edlen Restaurant „Vieux Sinzig“ in Sinzig, dem Restaurant, das seine Bekanntheit nicht nur der expliziten Erwähnung in den berühmten Eifel-Krimis verdankt, sondern auch dem engagierten französisch-normannischen Patron Jean-Marie Dumaine, der auch selbst einige Koch- und Naturbücher geschrieben hat.
Vor allem die verschiedenen echten und falschen Trüffelpilze dieser Welt und auch die Naturkräuter haben es dem „Wildkräuter-Papst“ Jean-Marie Dumaine angetan. Dabei organisiert er noch Veranstaltungen wie das „Trüffel-Symposium“, Du kannst dort Kochkurse besuchen oder an Naturwanderungen teilnehmen.
Der Abend wurde auch deshalb lang, weil neben den drei Gängen des Menüs, dem obligatorischen „Amuse-Gueule“ und dem Brot mit Walnuss-Tapenade auch noch ein Apetizer für das Dessert gebracht wurde, damit sich der Gaumen schon langsam an die Süße gewöhnen kann.
Und die viele Zeit fehlte mir am nächsten Tag.

Schnell noch für die beiden kommenden Tage und Läufe packen hieß es also um 5 Uhr. eine kurze und eine knielange Laufhose, 1 Paar Kompressionsstrümpfe, 1 Paar kurze Laufstrümpfe, ein Paar Schuhe reichen, Laufshirt, lange Laufjacke, Laufweste, Laufuhr, 2 Buffs, eine Winter- und eine Sommermütze, dünne Laufhandschuhe …
… fehlte da nicht etwas?

Natürlich! Das zweite Laufshirt und auch die Entscheidung für nur ein Paar Schuhe war falsch, weil ich Leipzig nicht so schlammig und nass erwartet hatte, dass die Schuhe danach keinesfalls für einen zweiten langen Lauf hätten verwendet werden können.
Meine Lösungen waren zum einen, ohne Laufshirt nur mit der Laufweste zu laufen. Wie viele schmerzende Scheuerstellen das gab kann ich nicht sagen, aber ihc kann sicherlich bis über 10 zählen und die wunden Stellen auf beiden Seiten unter den Armen, am Schlüsselbein und auf der Brust waren mehr …
Und zum Laufen nahm ich die Brooks-Laufschuhe, die ich eigentlich nur als Zierde zu meinen Jeans als „casual wear“ trage. Für lange Läufe sind die nicht gemacht, vor allem haben sie nicht die zusätzliche Länge, die wir Marathonis oder Ultramarathonis stets unseren Laufschuhen gönnen. Das habe ich dann nach dem Ultra mit einer dicken und äußerst schmerzhaften großen Blutblase am zweiten rechten Zeh bezahlt.
Aber wer nicht bis zwei zählen kann …

Die beiden Läufe aber kompensierten all den Ärger, den ich über mich selbst hegte. In Leipzig war es ein 3-er Teamlauf, für den ich schon im November 2011 zwei ostdeutsche Laufpartner gefunden hatte. Matthias, ein Unternehmer mit bis dahin 8 Marathons in seiner persönlichen Statistik, mit einer PB, die fast exakt gleich ist wie meine aus Edinburgh und mit einer Biographie, die einige Parallelen zu meiner hat und Flo(rian), unser Küken, ebenfalls mit bis dahin 8 Marathons in seiner persönlichen Statistik und einem Beruf, der ihm Flügel verleiht.
Beim 3. Leipziger Winter! Marathon war einer der Sponsoren Red Bull. Gewöhnlich nutze ich die Kraft von Red Bull, um mich für lange Autofahrten wach und fit zu halten, in Leipzig erlebte ich dieser nach Gummibärchen schmeckende Flüssigkeit als Hot Bull, leicht angewärmt mit Orangensaft gemischt. Und das Red Bull – Promotionteam war auch super nett und jede der Ladies war unserem Teammitglied Flo(rian) bekannt.

Läuferisch war der Marathon wieder eine kleine Offenbarung. Wir sind im Gruppendruck natürlich zu schnell losgelaufen. Am liebsten hätte ich schon auf den ersten Kilometern auf die Laufbremse getreten, aber wer will schon der Bremser sein? Und wir Männer wollen das sowieso nicht zeigen, also geht es schnell weiter. Aber nach vielleicht 30 oder 32 Kilometern schmerzte Matthias seine Sehne sehr und Flo durfte mir seine Leidensfähigkeit beweisen. „Das war das Härteste, das ich bisher gemacht habe,“ sagte er am Ende und ich versuchte Kilometer für Kilometer die beiden zu motivieren.
Dennoch wurden wir vor allem auf den letzten eineinhalb Runden auch von Teams eingeholt, die wir längst hinter uns gelassen wähnten und auch das beste Damenteam passierte uns auf den letzten 1.000 Metern. Aber das sollte uns vollkommen egal sein, weil wir ja mit dem Ziel 4:30 Stunden unterwegs waren.
Mir aber wurde es am Ende schon richtig kalt. Am liebsten wäre ich wie ein junger Hund neben der Strecke hin- und hergelaufen, um meinen Kreislauf in Schwung zu halten, weil mein Rücken freundlich angeklopft hat und meinte, schmerzen zu müssen, zum Glück nicht im Bereich meines sensiblen Iliosakralgelenks, sondern etwas höher, knapp unter dem Rippenansatz, aber ich hätte am Samstag Abend eher gehen einen Start am Sonntag gewettet.

Der 3. Winter! Marathon war auch eine große Ansammlung von Marathon4U – Autoren. Klaus Duwe und seine Mannen waren omnipräsent und so gab es viele Hallos und Körperdrücker, nicht nur mit Klaus, Wolfgang und Bernie, sondern auch mit vielen der anderen M4U Jungs. Außerdem waren der MIAU-Organisator Bernd Kalinowski dabei, der ultraschnelle Ulf Kühne vom OEM (Oberelbe Marathon) Team und viele andere Lauffreunde, die mich Runde für Runde höher fliegen ließen.

Für das Wetter konnten die Leipziger Veranstalter nichts, nichts für das Schneetreiben, nichts für den Regen, nichts dafür, dass alles matschig, schlammig und überhaupt „usselig“ war. Aber das, wofür sie was konnten, war schon phänomenal. Für 45 EUR Startgebühr pro Team (!), also nur 15 EUR pro Starter, gab es einen gut organisierten Lauf, wo an jeder Ecke bedauernswerte Menschen in Neon-Schutzjacken herumstanden, um uns auf den richtigen Weg zu leiten, wo die Versorgung vorbildlich war, nicht nur wegen der Hot Bull Becherchen und nicht zuletzt gab es am Ende sogar noch kleine Geschenke für die Teams.
Leider war uns eine der wunderschönen Plastik-Schneekristalle am goldenen, silbernen oder bronzenen Band vergönnt, dafür waren wir einfach viel zu langsam, insgesamt gab es aber neben den Urkunden noch zwei Torten für unser Team.

Flo, Matthias und ich jedenfalls hatten uns viel zu erzählen, die Zeit verflog recht schnell und ich nutzte die mir durch das Red Bull – Team gewachsenen Flügel dann gleich noch, um nach Senftenberg zu fahren. Ich war ja schon im Vorjahr dort am Start des 50 K Hallen-Ultramarathons und damals erzielte ich eine neue persönliche Bestzeit über die 50K Distanz, jetzt, mit dem Marathon in den Beinen, wollte ich keinesfalls in die Nähe dieser Marke kommen, um auf keinen Fall doch motiviert zu sein, hier noch weiter „feilen“ zu wollen. Aber wenigstens unter 5 Stunden bleiben wollte ich schon.

In der X-BIONIC Laufweste ohne Laufshirt darunter sah ich einigermaßen gut aus, fand ich, und ich folgte als Schatten immer wieder anderen Läuferinnen und Läufern. Zwei, drei Runden gemütlich hinter einem anderen Läufer, dann wieder ein paar Runden allein mit etwas Druck aufs Tempo, so ging es letztendlich 4:56:10 Stunden lang, zuerst einfach, später dann zunehmend schmerzhaft. Das Entstehen und Wachsen der Blutblase bemerkte ich schon nach der Hälfte der 50 Kilometer auf der in den Kurven überbauten Indoor-Tartanbahn, das Scheuern der Weste kam dann etwas später in mein Bewusstsein.
Aber Weicheier sind wir Läufer ja alle nicht und so etwas muss halt jeder aushalten, der nicht bis zwei zählen kann, eine echte Lehre für das weitere Leben.

Der MIAU-Organisator Bernd Kalinowski, der auch in Leipzig gelaufen war, hatte zwischen den Senftenberger Ultra-Hallenmarathon und den Leipziger Winter! Marathon noch kurz den Senftenberger Hallen-Nachtmarathon eingeschoben, wahrscheinlich, weil auch Bernd nicht bis zwei zählen kann.
Und auch Marco Cych aus Bad Kreuznach lief außer in Leipzig noch in Senftenberg. Die Anzahl der „Verrückten“ nimmt also ständig zu …

In Senftenberg 2011 konnte ich meine Altersklasse gewinnen, 2012 erreichte ich nicht mehr als einen 6. Platz. Aber wer langsamer ist wie im Vorjahr, der kann auch nicht die Ergebnisse des Vorjahres erwarten. Es war mich auch egal, weil ich sowieso im Jänner nur viel Strecke laufen will, damit ich im Februar ohne Sorgenfalten auf das Laufen verzichten kann, wenn ich in Equador auf die hohen Berge wandere.
Und ein Glas der berühmten Spreewald-Gurken und eine Packung breiter Nudeln gab es dennoch für die Läufer.

Was ich aber wirklich unglaublich fand, war, dass selbst einige meiner Pacemaker noch fast eine Stunde nach meinem Zieleinlauf unterwegs waren, humpelnd, gehend, verzweifelt. Der Hallenboden und die Überbauung in den Kurven verlangen Dir schon einiges ab. Manche konnten schon nach 100 der zu laufenden 200 Runden nicht mehr richtig laufen, schoben Gehpausen ein oder änderten ihre Rennstrategie gänzlich auf das Walken oder Gehen.
Einen meiner Pacemaker vom Anfang des Laufs bewuderte ich, weil seine Runden immer exakt 1:30 Minuten lang waren, plus / minus eine einzige Sekunde.Ich lief so lange hinter ihm, bis er beim Verpflegungspunkt abgebogen ist. Später aber ging bei ihm nichts und meine ursprüngliche Annahme, es hier mit einem extrem erfahrenen und kontrollierten Läufer zu tun zu haben, schwand und ich bedauerte ihn, weil offensichtlich wurde, dass er dieses konstante Anfangstempo von exakt 6 Minuten pro Kilometer einfach nicht durchhalten konnte.

So skurril dieser Hallen-Ultra ist, so skurril ist auch die alte Niederlausitz-Halle, die noch den Charme der 70er und 80er Jahre verbreitet. Aber der Lauf dort ist einfach einzigartig, wenngleich man ihn leicht unterschätzen kann. Eine ganz besondere Erfahrung aber ist er auf jeden Fall.
Für mich aber war es nach 2011 der letzte Lauf dort, weil mich die rund 600 Kilometer bis Senftenberg immer wieder nerven.

Zumindest in diesem Punkt kann ich dann doch bis 2 zählen …

Alles ist rela-tief!

Nachdem ich mich in der Kunst geübt habe, Wein in Wasser zu verwandeln, sprich aus einer geplanten 17-tägigen Vietnamreise eine 7-tägige Reise in die Gegend rund um Salzburg zu machen, bin ich nun wieder zurück. Und noch immer habe ich ein Bild vom letzten Urlaubstag im Kopf, das mich nicht mehr loslässt.


Ich schwimme auf dem Rücken, ganz entspannt. Das Wasser hat zwar nur 8 Grad, aber ich friere nicht. Der Neoprenanzug mit einer wärmenden Innenausstattung, darüber noch eine Neoprenjacke und darüber noch eine Schwimmweste sorgen dafür, dass ich die Situation genießen kann. Das Wasser ist vielleicht 2 Meter tief und ich fasse mit der rechten Hand an blanken Fels, der sich 80 Meter senkrecht in die Höhe erhebt. Mit der linken Hand fasse ich ebenfalls an blanken Fels und auch der reckt sich genauso hoch in die Höhe.
Es ist meist relativ dunkel dort, nur selten erreichen Sonnenstahlen das Wasser. Da muss die Sonne schon wirklich senkrecht über der Schlucht stehen. Das aber tut die Sonne in diesem Augenblick. Und ich schaue auf einen grandiosen Wasserfall, der rund 8 Meter hoch ist.

Und ich fühle mich großartig und stark. Vom Plateau dieses Wasserfalls bin ich vor wenigen Minuten noch ins Wasser gesprungen, 8 Meter tief. Meine Gedanken sind bei diesem und bei 20 weiteren Sprüngen, wobei einer noch ein klein wenig höher war, einer ging über 6 Meter, die anderen waren deutlich weniger hoch. Ich sehe mich, die Hände an der Schwimmweste vor der Brust angezogen, senkrecht ins Wasser fallen. Ich habe diesen Sprung gewagt, ein ganz besonderer Sprung, weil Du das Wasser von oben nicht siehst.

Dein Guide sagt: „Spring!“ Und Du springst, Du vertraust, blind. Vor Dir war eine Felswand und Du hast Dich gefragt, ob Du da nicht draufspringen würdest. Dein Guide aber versichert Dir, dass das nah aussieht, Du aber nicht so weit springen könntest, selbst, wenn Du das wolltest. Unter Dir siehst Du die Wand nicht und Du fürchtest Dich vor Ausbuchtungen, aber Dein Guide redet mit weicher Stimme auf Dich ein und Du verstehst, dass nicht der Sprung das Problem ist. Das Problem sind Deine Gedanken.
Und dann springst Du.


Ich plansche und schaue zurück auf diesen letzten Sprung. Natürlich hätte ich mich abseilen lassen können, aber wer will das schon? Canyoning hat viel damit zu tun, Dinge zu erleben, die weit über das hinausgehen, was Du Dir vorher zugetraut hast. Und ich bin gesprungen. 21 Mal.

Vor Jahren bin ich bei vier Veranstaltungen von Tony Robbins vier Mal barfuß über glühende Kohlen gelaufen, immer in Trance und in der Vorstellung, über kühles Moos zu laufen. „Green moss, green moss, green moss“ rufst Du Dir zu und bist nach 10 Schritten erlöst, wenn Du auf der anderen Seite der Kohlen aufgefangen wirst und die Füße mit kaltem Wasser abgespült werden.
Nur ein Mal habe ich mich dabei ein wenig verbrannt, als irgend ein Depp eine Aufnahme mit Blitzlicht machte und ich kurz meine Trance verlor. All das habe ich geschafft, also schaffe ich auch diese Sprünge, dachte ich mir.
Und deshalb war ich stolz, enorm stolz, als ich so im Wasser trieb.


Gut drei Stunden gingen, krabbelten, balancierten wir durch die Schlucht, über Felsen, durch Wasser, schwimmend, gehend, springend. Drei Stunden, die schöner waren als fast alle anderen drei Stunden meines Lebens. Und ich war voller Liebe und schickte warme Gedanken an meine Familie, während die Sonne den Wasserfall vollständig beleuchtete. Ein grandioses Bild!

Ich war der Letzte gewesen in diesem Moment, weil ich lange unter einem starken Wasserfall geduscht habe. Ich liebe den harten Aufprall des Wassers auf dem Kopf und dem Körper und wollte dort gar nicht mehr weg. Ich war voller Liebe und dachte in erster Linie an meinen Sohn Pascal. Er wurde vom Guide als Vorspringer ausgewählt, sein unverkennbar sportlicher Körper war wohl der Grund dafür. Ich bin sicher, dass ich mehr Angst und Sorge vor manchen Sprüngen gehabt hätte, wenn Pascal nicht als Erster gesprungen wäre.

Früher war ich immer der in der Familie, der voran gehen musste. Jetzt ist es eben Pascal, der mittlerweile mit seinen 16 1/2 Jahren fast so groß ist wie ich und dank seines täglichen Hanteltrainigs Bauchmuskeln hat, auf die ich immer wieder neidisch bin. Er hat seine Rolle an diesem letzten Urlaubstag bravourös gemeistert und wir haben ihn zum „Familien-Helden“ ernannt.

Ich war voller Liebe und dachte an meine Tochter Milena. Sie wagte auch jeden Sprung, wenngleich sie sich meist vorher bekreuzigte und stets einen Schrei ausstieß, während sie fiel. Aber sie vertraut ebenfalls blind und wollte nicht zurückstehen hinter ihrem Bruder oder mir. Als „große Schwester“, die erst zwei Wochen zuvor aus Tansania zurückgekehrt war, war sie auch die treibende Kraft, die etwas erleben wollte und wegen der wir uns am letzten Tag für das Canyoning entschieden hatten.

Ich war voller Liebe und dachte an meine Frau Gabi. Sie ist sicherlich die Vorsichtigste unter uns Vieren, die Langsamste im Laufen, die es dennoch bisher auf 8 Marathons und einen Ultra-Marathon gebracht hat und die vieles mitmacht, um uns anderen eine Freude zu machen. Bei ihr hatte ich die größte Sorge, dass sie den letzten Sprung nicht wagen würde und sich abseilen lassen würde. Aber sie sprang. Und sie sprang gut und ohne Probleme, trotz des Umstands, dass sie ohne ihre Brille in der Schlucht war und nicht alles klar erkennen konnte. In diesem Moment merkte ich mal wieder, wie viel Kraft mir doch die Familie gibt und wie viel Zusammenhalt und Familiengefühl so ein Erlebnistag doch bringen kann.


Es gibt viele spektakuläre Schluchten und Canyons auf der Welt, aber die nur wenige Kilometer lange Strubklamm bei Hallein in Österreich ist etwas ganz Besonderes. Sie ist nicht so bekannt wie der Grand Canyon und nicht so lang wie die „Narrows“ im Zion National Park.
Aber sie ist zauberhaft und sie verlangt Dir alles ab. Und das Einzige, was Du wirklich weißt, ist das: Du wirst danach glücklich sein!
Und das ist doch mehr, als man verlangen kann, oder?

Ich träumte weiter auf dem kalten Wasser zwischen den nahen Felswänden und erinnerte mich an meine Schulzeit. Ein unangenehmer Bauchplatscher vom 1-Meter-Brett als Kind stoppte jäh meine Karriere als Turmspringer und ich erinnere mich mit Grausen an den einzigen Sprung vom 3-Meter-Brett, den ich wegen der Sportzensur machen musste. Und es war so wie oft in der Schule: grauenvoll und pädagogisch absolut wertlos!
Wir mussten damals hoch auf den Turm und sollten springen. Niemand machte sich die Mühe, uns dazu etwas zu erklären. Im Mathematik-Unterricht wäre das Lösen einer binomischen Formel nicht denkbar gewesen, wenn der Lehrer uns zuvor nicht etwas gelehrt hätte. Im Sportunterricht aber gab es keine Erklärungen. Nicht bei den Laufübungen über das Einteilen der Kräfte und das Laufen unterhalb der anaeroben Schwelle und auch nicht beim Turmspringen.
Erst unser Guide brachte uns wichtige Grundregeln beim Springen bei. Ohne diese Kurzinstruktion hätte ich alles falsch gemacht. Wozu braucht man dann überhaupt Sportlehrer, wenn sie einem doch nichts erklären, sondern nur die Noten abnehmen?
„Wir sind keine Frösche,“ sagte unser Guide, der Jan. Und er sagte daher, dass wir nicht mit beiden Beinen abspringen sollen. „Wenn Du mit beiden Beinen abspringst, dann bekommst Du sehr leicht Übergewicht nach vorne,“ sagte er. Und das führt zum gefürchteten Bauchplatscher, das kannte ich noch von früher. Auch sollst Du Dich vor der Rücklage schützen und daher ist es das einfachste und sicherste, mit einem Bein abzuspringen und einfach einen leichten Schritt nach vorne zu machen, die Hände vor der Brust festzuhalten und dann fällst Du gerade wie ein Stein ins Wasser. Und es stimmte.

Zuerst waren wir unsicher und ich hatte das mit den Händen vor der Brust vergessen. Beim ersten Sprung hatte ich also einen „Handplatscher“ gemacht. Das hat ganz schön lange weh getan. Aber wenn Du genau das machst, was Dein Guide sagt, dann ist jeder Sprung ein echtes Erlebnis, welches Du nie missen möchtest.

Und morgen wieder in die Strubklamm? Aber gerne doch, sofort wieder …

Hinweis: wir hatten leider keine Unterwasser-Kamera dabei. Alle Fotos sind aus dem Internet geliehen. Danke an die entsprechenden Fotografen!

DSF, heute 9.00 Uhr

Faszination Sport, Faszination Laufen, Faszination TransAlpineRun!

Heute um 9.00 habe ich mir auf DSF einen Bericht über den TransAlpineRun 2009 angesehen. Kaum mehr als ein Jahr ist es her, als ich den TAR mit meinem Laufpartner Heiko Bahnmüller hinter mich gebracht habe. Heiko hat diesen Lauf dieses Jahr gleich wiederholt, ich habe mich auf den SwissJuraMarathon eingerichtet, um noch mehr Kilometer in die Beine zu bekommen. Aber die Schönheit des Trails des TAR ist so faszinierend, dass ich mich am liebsten gleich wieder anmelden würde für den TransAlpineRun 2010!

DSF

Es hat keine fünf Minuten gedauert, bis ich wieder infiziert war. Infiziert vom Virus des Berglaufens, vom Virus des „grandiose Landschaften – Schauens“ und vom Virus der größeren Höhe. Und ich hoffe, dass dieser Virus ansteckend ist, weil es mein größter Traum wäre, diesen Lauf in vielleicht 5 Jahren auch mit meinem Sohn Pascal zu machen. Er wäre dann 20 Jahre alt und ich wäre 52 Lenze jung, zusammen also 72. Das passt noch für die Kategorie „MEN“. Mit Heiko musste ich in der Kategorie „MASTERS MEN“ starten, die Altersklasse für Läufer, die zusammen über 80 Jahre alt sind.

Mit Pascal in der Kategorie „MEN“ starten – wäre das nicht eine tolle Sache?