Gib mir ein „P“, gib mir ein „T“ – aber was ist mit dem „L“?

Es ist Samstag Mittag, 13.00 Uhr. Auf meiner Agenda steht: „Carsten in Kanada anrufen, wegen PTL!“
Mein Nokia E90 Communicator bimmelt, um mich an die Agenda zu erinnern. Das wäre aber nicht notwendig gewesen, ich war schon vorher so gespannt und nervös wie ein junger Mann bei seinem ersten Date. Bisher hatte ich mit Carsten nur zwei eMails ausgetauscht, die recht vielversprechend waren, aber wie würde Carsten am Telefon sein?
Wird er mich mögen? Werden wir harmonieren?

Es ist Samstag Mittag, 14.00 Uhr. Ich lege den Hörer auf, eine Stunde lang haben Carsten und ich gequatscht. Wir haben über den UTMB geredet, über Ultra-Läufe im allgemeinen und Bergläufe im speziellen und darüber, wie unsere Ziele beim Laufen sind, wie kompromissfähig wir sind und über alles, was wichtig ist, um zu ermitteln, ob wir uns beide trauen, gemeinsam die größte läuferische Herausforderung anzunehmen, die es in unser beider Läuferleben je gegeben hat. Und wir kamen überein: ja, das passt sehr gut mit uns!

Ich habe das Gefühl zu schweben. Ich bin euphorisch und freue mich schon jetzt auf den Lauf, von dem ich bis 14 Tage vor dem UTMB noch nicht einmal wusste, dass es ihn gibt: den PTL.
„La petit Trotte à Léon“ heißt er ausgeschrieben, aber der Name ist falsch. Wie der SwissJuraMarathon kein Marathon, sondern ein Ultramarathon-Etappenlauf ist, ist der PTL alles andere als „petit“, er ist eher „long“, „incroyable long“.

Das Profil der PTL (zum Vergrößern bitte klicken!)

Der PTL wird in vielerlei Hinsicht neue Maßstäbe setzen: ca. 245 Kilometer am Stück bin ich noch nie gelaufen, selbst, wenn ich im Mai die „TorTOUR de Ruhr“ erfolgreich hinter mich bringen sollte. Und auch die Zeitvorgabe von 100 (!) Stunden ist eine Marke, die so außergewöhnlich klingt, dass mir ein kalter Schauer den Rücken runter läuft. Und auch die offiziellen 21.000 Höhenmeter sind eine Hausnummer, vor der ich absoluten Respekt habe – mehr als zwei Mal von Normalnull (NN) auf den Mount Everest!
Wenn es am Ende wie 2009 dann „nur“ bescheidene 17.500 Höhenmeter und „nur“ ca. 230 Kilometer sein werden, dann ist der PTL noch lange kein Kindergeburtstag. Außerdem bin ich recht sicher, dass die Organisatoren bestimmt noch eine Idee haben werden, wie sie die tatsächlichen Werte näher an die offiziell ausgeschriebenen Werte bringen werden.
Der PTL ist auch in dieser Hinsicht besonders: es ist ein Lauf für Dreier-Teams, die auch immer zusammen bleiben müssen. Von den drei Teilnehmern müssen zwei Finisher des UTMB sein, Carsten und ich sind das, so dass unser „dritter Mann“, gerne auch unsere „dritte Frau“ nicht zwangsläufig den UTMB bewältigt haben muss. Carsten und ich meinen: das ist die große Chance für gute Lauffreunde, uns zu begleiten!

Die Strecke des PTL (zum Vergrößern bitte klicken!)

Die Strecke geht wie auch beim UTMB einmal rund um den Mont Blanc herum, Start und Ziel ist ebenfalls in Chamonix, wenngleich deutlich früher, nämlich schon in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, der späteste Zieleinlauf ist am Sonntag darauf um 16.30 Uhr! Die Ausschreibung des Laufs findest Du hier auf der offiziellen UTMB-Webseite

Was mich auch motiviert hat, dieses Wagnis einzugehen, war der Laufbericht von Gerhard Börner auf Klaus Duwe’s Webportal Marathon4you.de. Schon der Titel ist eine Legende: „PTL: es gab Überlebende …“

Was gibt es noch über diesen „Lauf der Läufe“ zu schreiben? Nur eines noch. Carsten aus Kanada nimmt das „P“, ich nehme das „T“, aber wer nimmt das „L“?
Lieber Lauffreund, der Du so verrückt bist wie wir: gib mit ein „L“!

Kill Bill …


„Kein idyllischer Landschaftslauf“
heißt es ja bei Michael Neumann, dem Organisator der Läufe HiLL50 und KiLL50, wobei der KiLL50 der „böse Bruder“ des HiLL50 ist. Um  diesem Titel gerecht zu werden, lässt sich der Racedirector auch immer lustige Sachen einfallen, die mir zugegebenermaßen schon ein wenig Sorge bereitet haben. Schon die Webseite (www.kill50.de) sorgt für ein gewisses Magenkribbeln, wenn da beispielsweise unter „Sponsoren“ steht:

Leider hat sich noch kein Sponsor dazu bereit erklärt den KiLL50 zu unterstützen.
Besonders interessant ware eine Werbeanbringung doch wohl für

  • Beerdigungsunternehmen
  • Taxiunternehmen
  • Physiotherapeuten

Danach folgen, wenn Du eine der begehrten Einladungen zu diesem Event ergattern konntest, eMails vor dem Lauf, die Dich auf die Tücken des Wettkampfes hinweisen sollen. Diese Mails haben dann dafür gesorgt, dass ich sicherheitshalber meine Lebensversicherung erhöht und meine weltlichen Dinge vor dem Lauf noch geregelt habe. Ein Glück, dass es wegen des möglichen Erbes nicht zu Familienstreitereien gekommen ist!

Du begreifst, dass es dunkel ist, dass es kalt sein wird und dass möglicherweise Jäger die Schwarzkittel jagen. Und Hildesheimer Jäger sind weder wählerisch noch scharfsichtig. Also kann es schon mal vorkommen, dass ein Läufer den Weg über die Jägersflinte in die gute klassische Hildesheimer Wildsauen-Wurst findet. Und Du begreifst, dass Du es wahrscheinlich auch nass sein wird und dass Du schlecht versorgt wirst, also trägst Du sicherheitshalber alles bei Dir, was Du zu essen und trinken und für Deine Lebensrettung brauchst. So schreibt Dir der Racedirector einen Kompass genauso vor wie eine Überlebensdecke, eine Trillerpfeife, Ersatzbatterien und andere Kleinigkeiten, die ich teilweise erst besorgen musste.

Und der Racedirector wird nicht wie bei anderen Läufern von Helfern begleitet, alle Mithelfenden – und das sind Junge wie Alte, die unermüdlich für die Läufer da sind, nennen sich Psychotherapeuten oder Psychologen und die braucht man schon, wenn man ein Rennen startet, das vom Sensenmann persönlich eingeläutet wird. Wohl dem, der Erfahrung im Umgang mit der Psychoanalyse hat.

Für mich war der Samstag von Anbeginn an ein Problemtag. Ein Kölner Kunde hat mich gebeten, ihm noch etwas zu bringen und so war das mein erster Termin, gleich morgens um 8.30 Uhr. Wer kann auch einem Kölner etwas abschlagen? Danach ging es nach Duisburg, wo ich einen zweieinhalb Stunden dauernden Termin hatte, für den ich aber nur 90 Minuten eingeplant hatte. Also musste es dann schnell gehen, aber ich war schon mehr als nervös, als das Navigationssystem meinte, dass ich erst um 16.18 Uhr dort in Hildesheim anlanden sollte und das Briefing begann um 16.00 Uhr, der Start sollte um 17.00 Uhr sein.

„Kein Briefing – kein Lauf!“ hatte Michael geschrieben und ich bin ja so fürchterlich gläubig. Und deshalb war ich auch fürchterlich nervös und hektisch und begann, Minute für Minute gegenüber der vorgegebenen Zeit einzufahren. Ich wusste schon, dass ich es wahrscheinlich schaffen würde, aber noch immer war ich in meinen zivilen Klamotten und ich hatte weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen. Mein Vorsatz, irgendwo anzuhalten, um mir ein paar Spaghetti zu bestellen, war unerreichbar und mein Magen knurrte schon, als ich endlich hektisch und nur wenige Minuten vor dem Briefing eintraf.

Das war schon schlecht für die Truppe, weil ich mich als erstes an der Kuchentheke zu schaffen gemacht habe. Leider gab es nur „Süßkram“, außerdem ein „Chili con carne“, aber Fleisch, das weißt Du, esse ich nicht. Und auch keine der kleinen Würstchen, die da rumlagen, also blieb es bei ein paar Kuchenstückchen. Noch nie bin ich nur mit Kuchenstückchen gefüllt bei einem Ultra gewesen. Aber irgendwann ist jedes Mal das erste Mal.
Umziehen, Brustwarzen abkleben, Compeed Pflaster präventiv um den kleinen rechten Zeh, meinen Problemzeh, kleben, die Blase des Trinkrucksacks füllen, alles ordnen, die Tasche wieder für die einzige Verpflegungsstation packen …
Es war hektisch und holprig. Und ich hatte nichts richtiges gegessen, der Puls wurde nicht angezeigt und ich war nicht sicher, ob ich mit der Wahl der Schuhe ein glückliches Händchen hatte. Alles andere also als eine gute und ruhige Vorbereitung auf diesen Lauf.

Beim Briefing habe ich nichts verstanden, nur so viel, dass ich mir sicher war, mit einem Kollegen laufen zu müssen, der den KiLL50 schon mal hinter sich gebracht hat. Martin Raulf kam mir da gerade recht. Ich glaube, dass er auch ganz froh war, nicht alleine den Schwarzkitteln gegenüber stehen zu müssen. Martin kannte ich ja schon von der 24-h DLV Challenge in Delmenhorst, vom UTMB, wo wir zusammen die Startunterlagen abgeholt hatten. Und ich kenne Martin von etlichen Mails, ein richtiger Glücksgriff, dass er da war. Auch Michael Eßer, mein Lauffreund aus Wesseling, war vor Ort, er wäre meine zweite Wahl gewesen.

Bedauert habe ich, dass Thomas Hildebrand-Effelberg genauso absagen musste wie Florian Bechtel, mit dem ich eigentlich beim KiLL50 über die große Herausforderung 2010, den „Petit Trotte de Leon“, den PTL, reden wollte. Diesen 230 Kilometer und 17.500 Höhenmeter starken Parcours rund um Chamonix laufen zu dürfen ist mir ein Herzenswunsch, aber es setzt eine Dreiergruppe voraus und dazu fehlen mir noch zwei Lauffreunde. Flo könnte und sollte einer davon sein, ein zweiter könnte vielleicht auch der schnelle Dirk Joos (www.luminati.de/dirk) sein. Da er aber noch nicht den UTMB gefinished hat, müssen zwei der drei Läufer UTMB Finisher sein. Na ja, heute habe ich glücklicherweise Kontakt nach Kanada bekommen zu einem Läufer, der dieses Abenteuer mit mir wagen will, fehlt noch „der dritte Mann“.

Der Lauf ist schnell beschrieben: das Wetter war zu gut für die Ankündigung, wir starteten bei heißen 6 Grad und auch in der Nacht sank das Thermometer nicht unter die Marke von warmen 2 Grad ab, zudem war es trocken. Von der Strecke siehst Du nicht viel, aber die Laufstrecke selbst geht viel durch den Wald, oft auf schmalen Single-Trails, für meinen Geschmack ist der Lauf ein „MUSS“ für ambitionierte Ultraläufer. Martin und ich liefen gemeinsam die ersten 50 Kilometer, aber bei mir kamen wieder die seit der Deutschen Meisterschaft im 100km Straßenlauf andauernden Schmerzen. Es beginnt mit einem Ziehen in der rechten Sehne der linken Kniekehle und dann gibt es einen permanenten Stich in die linke Seite, in etwa auf der Höhe des Beckens, leicht Richtung linker Po-Backe nach hinten versetzt.
Schon beim Hachenburg Marathon hatte ich diese Probleme und beim „schrägen O. Weg“ litt ich noch mehr darunter als jetzt in Hildesheim.

Dennoch erinnerte ich mich etwa bei km 35 an die Aussage von Michael, dass er auch die Läufer nach 50km werten wird und so beschloss ich, nichts zu riskieren, sondern, mit Martin Raulf auf dem 11. Platz liegend, nach 50 Kilometern auszusteigen. Weiter laufen hätte nur noch mehr Schmerzen gebracht und so weiß ich, dass ich jetzt erst einmal wieder einen Sportarzt aufsuchen muss, der sich mal ansieht, ob meine Statik überhaupt noch stimmt.

Ich bin bis jetzt noch nicht sicher, ob ich stolz auf mich sein soll, dass ich so vernünftig war oder ob ich traurig sein soll, weil das vorzeitige Ausscheiden meinem Ego nicht schmeichelt. Was mich aber tröstet, ist, dass ich dort wunderbare Menschen kennen gelernt habe. Einige davon, vor allem diejenigen, die mit Michael Eßer, Martin Raulf und mir auch noch die 230 Kilometer der „TorTOUR de Ruhr“ laufen, kannte ich bislang nur dem Namen nach. Jetzt kann ich diesen Namen ein Gesicht zuordnen.
Und ich habe den Racedirector Michael kennen gelernt, den ich auch sehr schätze. Und wenn er mich auch ein wenig schätzt, dann lädt er mich in der Zukunft auch noch einmal zu seinen Läufen ein, obwohl ich diesen Lauf nicht zu Ende gebracht habe.

Bitte, lieber Racedirector, bitte …