MdS 4: „Das kleine Schwarze mit den hochhackigen Pumps?“

Der „Marathon des Sables“ (MdS) ist so etwas wie eine Modenschau. Oder etwas wie ein Testgelände für Laufklamotten. Wahrscheinlich aber ist der „Marathon des Sables“ beides.

Eine der wichtigsten Fragen vor dem Event war für mich die nach den Laufklamotten, in denen ich laufen will. Sechs Etappen, sieben Tage lang sollen sie kühlen, Schutz vor der Sonne geben und sie dürfen keinesfalls irgendwo scheuern. Na ja – und gut aussehen sollen sie natürlich auch noch, man weiß ja nie, wozu man das braucht.
Bei jeder anderen Laufserie hätte ich eine Batterie Laufshirts und zumindest drei, vier Laufhosen sowie ein Dutzend Brillen eingepackt.
Bei jeder anderen Laufserie hätte ich jeden Tag frische Sachen angehabt – und jeden Tag etwas anderes.
Bei jeder anderen Laufserie hätten die Veranstalter uns das Gepäck stets von Etappenstart zu Etappenziel transportiert und sich bei mir gewundert, warum ich stets mehr Sachen dabei habe wie die Anderen.
Aber beim „Marathon des Sables“ ist eben alles anders – da bist Du allein auf Dich gestellt und Du weißt: ein Satz Laufklamotten muss reichen, also wähle bewusst!

Und wenn Du sieben Tage lang die gleichen Sachen anhaben musst, dann wirst Du richtig nervös. Ich wurde es zumindest. Und ich fühlte mich wie „Dumpfbacke“ Kelly Bundy aus „Eine schrecklich nette Familie“ (Amerikanischer Originaltitel: „Married with Children“) am Samstag Abend vor dem Kleiderschrank, immer wieder fragte ich mich, was ich wohl anziehen sollte. Ich las viel über Laufklamotten im Internet, wusste, was andere ausgewählt hatten, aber ich war mir auch im Klaren, dass bei mir manches anders ist.


Ich habe große Angst vor der Sonne – und das, obwohl mir das Schicksal ein paar südländische Gene eingepflanzt hat. Für mich war also klar, dass ich entweder mit einem langen Shirt oder mit Armlingen laufen werde. Ich schwitze lieber als dass ich Angst haben muss, mir einen Sonnenbrand zu holen, aus dem am langen Ende irgendwann vielleicht sogar Schlimmeres entstehen könnte.
Die Beine sind bei mir wie bei den meisten Läufern vollkommen unempfindlich, da wollte ich also kurzbehost durch die Wüste tingeln.
Aber oben herum? Ich schwankte und probierte, zog mich immer wieder an und aus, ich diskutierte mit vielen, die den „Marathon des Sables“ schon gefinished hatten und ich las viel und dann kam mit das Glück zu Hilfe.

In der „Nacht der Entscheidung in Lilienthal“ hatte ich zum ersten Mal von X-BIONIC gelesen. Und wir bekamen beim Start ein schwarzes Schweißband für den Arm, das mir gut gefallen hatte. Besonders hatten es mir die orangenen Einschlüsse angetan, die nur sichtbar werden, wenn das Schweißband ein wenig gedehnt wird.
Und dann war da auf der Marathon-Messe in Rom am Tag vor dem Start dort ein großer Stand von X-BIONIC und ich habe mir die Sachen mal genauer angesehen. Ganz spontan habe ich mich entschlossen, mir dann die Armlinge zu holen, die ich wirklich cool fand, am Ende des Beratungsgesprächs habe ich mich von dem netten italienischen Verkäufer am Stand überzeugen lassen, vom Kopf bis zum Fuß in X-BIONIC zu laufen.
Eine Kappe speziell für die Wüste, ein kurzes, aber cooles Oberteil mit leichten Kompressionseigenschaften, die Armlinge, die mir so gut gefallen haben, eine ganz weiche Laufhose in dem für X-BIONIC typischen Riffelmuster, kurze Socken, die sogar doppelwandig sind, um die Reibung im Schuh zu reduzieren und dann noch zwei Sachen, die ich aber in der Wüste gar nicht gebraucht hatte: die Beinlinge kamen nicht einmal bei der Nachtetappe zum Einsatz, weil die Nächte viel wärmer waren als ich sie befürchtet hatte und die langen Kompressionsstrümpfe habe ich auch zuerst am vergangenen Wochenende getragen.
Unter dem Strich war es eine recht gewaltige Rechnung, aber der Messepreis half mir, diese Entscheidung dennoch so zu treffen.

Natürlich war meine Sorge, hier eine riskante Entscheidung getroffen zu haben und am Ende der einzige Marathon des Sables – Läufer zu sein, der sich für diese Lösung entschieden hat. Aber weit gefehlt: ich war erstaunt, wie viele Läuferinnen und Läufer sich ähnlich wie ich entschieden haben, wenngleich die gewählten Farben oft anders waren als die von mir gewählten dunklen Farben. Aber als, wie die Farb- und Stilberatung sagen würde, „Wintertyp“ muss ich ja viel schwarz tragen. Das tue ich ja auch im zivilen Leben. Schwarz oder klare, kräftige Farben.

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Gewaschen habe ich die Sachen nach der vierten Etappe ein Mal. In einer aufgeschnittenen Wasserflasche habe ich die von Sand und Salz verschmutzten Sachen gebadet, ein Waschmittel hatte ich ja nicht. Aber am nächsten Tag, als alles wieder trocken war, war ich froh, wieder einigermaßen frisch auszusehen und mich auch so zu fühlen. Dennoch bin ich heute, mehr als eine Woche nach dem Event, noch immer erstaunt, wie wenig Salzränder man dort gesehen hat, wie angenehm diese Sachen zu tragen waren. Klar, dass ich diese neu erstandenen Dinge auch gleich mit auf die Radebeuler Spitzhaus-Treppe mitgenommen habe. Und beim „Oberelbe-Marathon“ (OEM) werden sie mich voraussichtlich auch begleiten, dann aber ohne die Armlinge, dafür aber wieder mit dem super schönen Schweißband.

Und wie „Dumpfbacke“, die am Samstag Abend die Klamotten sowieso nur so auswählt, dass sie den Jungs in der Abend-Disco gefällt, fühlte ich mich auch wohl und ich fand, dass ich einigermaßen cool aussah – für einen Mann fortgeschrittenen Alters, versteht sich.

Die andere wichtige Frage, die sich mir stets vor dem „Marathon des Sables“ gestellt hat, nämlich die: „Was esse ich an diesen sieben Tagen?“ werde ich in der nächsten Woche beantworten. Auch hier ist einiges anders, weil ich ja bekanntermaßen weder Fleisch esse noch Kaffeeprodukte zu mir nehme. Aber es gibt ja für alles eine Lösung …

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Also gut, einigen wir uns auf „unentschieden“ …

Wie der schwarze Ritter im fairen und unerbittlichen Kampf gegen König Arthus in Monty Phyton’s „Die Ritter der Kokosnuss“ ein klares „unentschieden“ aus dem Schwerter kreuzen herausgeholt hat, ging auch das Duell TomWingo gegen die Spitzhaustreppe ebenfalls unentschieden aus.

Während die Spitzhaustreppe geglaubt hat, ich würde wegen der brennenden Hacken erst gar nicht starten, habe ich sie eines Besseren belehren können. Obwohl die Blasen vom „Marathon des Sables“ (MdS) höllisch weh taten, als ich nach knapp einer Woche in Haus-Schlappen erstmals wieder Schuhe angezogen hatte, bin ich guten Mutes auf die lange Reise über die 39.700 Treppenstufen gegangen. Aber ich wusste von Anfang an, dass der Lauf unter diesen Bedingungen sehr, sehr schwer werden würde.
Erstaunlicherweise nahmen die Schmerzen an den Hacken schnell ab, man gewöhnt sich eben an alles, wenn der Körper voller Adrenalin und voller Endorphine ist …

Aber ein neuer Schmerz kam dazu, mit dem ich gar nicht mehr gerechnet hatte: bei der langen Etappe des „Marathon des Sables“ bekam ich in etwa nach der Hälfte der 82 zu absolvierenden Kilometer einen permanenten Stich in das linke Knie, der nicht wieder aufhörte. An den beiden nachfolgenden, kürzeren Etappen allerdings traten diese Schmerzen nicht erneut auf, sodass ich glaubte, es läge vor allem an dem permanent schiefen Auftreten auf die Dünen, das Sehnen und Bänder enorm belastet hat. Aber auf der Spitzhaustreppe waren diese Schmerzen wieder da.
Ob es an der schiefen Straße lag, die nach der Spitzhaustreppe zu laufen war?

„Leer wie ein Eimer“ aber war ich noch muskulär. Aber ich wusste es nicht, noch nicht. Als ich jedoch meine Runden zog und sehr konsequent Rundenzeiten von 12 Minuten erlaufen habe, merkte ich spätestens ab der 20. Runde, dass die Oberschenkel dieser Belastung nicht standhalten würden, sie begannen, leicht zu krampfen. Nach knapp 4 Stunden hatte ich 20 Runden gedreht, nach knapp 5 Stunden hatte ich 25 Runden hinter mir – und die Nase voll.

Mein Lauffreund Michael aus Köln hatte wegen einer Fußball-Blessur schon aufgehört zu laufen und da ich kein Auto in Radebeul stehen hatte, war er auch mein Ticket für die Heimfahrt. Die Laune im Keller, Schmerzen in den Hacken, Schmerzen an den kleinen Zehen des rechten Fußes, Oberschenkel, die weh taten und mir sagten, dass ich, wenn ich wenigstens den Marathon hinter mich hätte bringen wollen, viel zu leiden hätte, die Aussicht auf ein Frühstück zu Hause mit der Familie, alles drehte sich bei mir in jener 25. Runde.

Und ich sprach mit der Spitzhaustreppe und schlug ihr vor: „Also gut, einigen wir uns auf „unentschieden“ …“

Und so sind wir verblieben und wir werden unser Duell fortsetzen – in einem der nächsten Jahre. Noch 39.700 …

100 x 397 = ?? – noch ist eine Rechnung offen …

Es ist Sonntag, früher Morgen, kurz vor 6 Uhr: 60 Runden habe ich in den vergangenen 14 Stunden gedreht und meine Rundenzeiten haben das erste Mal die 15-Minuten-Marke überschritten.

Was ich weiß ist, dass ich keine Lust mehr habe, was ich nicht weiß ist, dass ich auch während eines Rennens regenerieren kann. Dass ich keine Lust mehr habe, liegt daran, dass ich mir ausgerechnet habe, mit der letzten Rundenzeit die geforderten 100 Runden bis zum Nachmittag nicht schaffen zu können, aber dennoch ist es doof, aufzuhören.

Am liebsten würde ich sofort nach Hause fahren, aber Gabi, meine allerliebste Gabi, steht noch nicht an der Strecke, sondern ist noch im Zimmer in ihrer Pension und träumt vielleicht noch den Albtraum aller Supporter: das Essen für den Läufer vergessen, den Start verpasst, die falsche Ausfahrt genommen oder die Wechselklamotten zu Hause gelassen …

Ich lasse mich jetzt 20 Minuten lang massieren, das hilft immer, zumindest hilft es, die Zeit tot zu schlagen. Aber Gabi ist auch danach noch nicht an der Strecke, also beginne ich langsam wieder mit dem Lauf und nach der 61. Runde steht sie oben am Wendepunkt und winkt mir fröhlich zu.

„Ich höre jetzt auf,“ sage ich und sie antwortet entgeistert, dass ich noch frisch und gut aussehen würde. Aber weil ich denke, dass ich irgendwo zwischen 92 und 98 Runden den 24-h Lauf abschließen würde, will ich nicht mehr laufen. Ich will nur noch heim und möglichst viel von dem sonnigen Sonntag genießen.

All das ist jetzt knapp ein Jahr her und der Stachel, den ich mir damals ins Fleisch getrieben habe, sitzt noch immer tief. Und er schmerzt. Noch nie habe ich ein wichtiges Rennen abgebrochen, noch nie habe ich ein mir wichtiges Ziel nicht geschafft, außer damals, im Mai 2010 auf der Spitzhaustreppe im sächsischen Radebeul.

Ich habe also noch eine Rechnung offen mit den 397 Stufen dieser Treppe und diese Rechnung wird am kommenden Wochenende beglichen! Im direkten Duell, die Treppe gegen mich …

Egal, was kommt, es wird mein letzter Start beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ sein und wenn ich wieder scheitere, dann soll es auch eine offene Wunde fürs Leben sein. Aber ich werde nicht scheitern! Trotz der noch immer wunden Füße und trotz der mangels Zeit kaum möglichen Regeneration nach dem „Marathon des Sables“ (MdS) werde ich nicht scheitern, sondern langsam, aber stetig Stufe für Stufe nehmen und dabei leise mitzählen:
„Noch 39.699, noch 39.698, noch 39.697 …“

Auf keinen Fall werde ich vorzeitig aufgeben, auch nicht, wenn ich realisiere, dass ich die geforderten 100 Runden innerhalb der gesetzten Laufzeit von 24 Stunden nicht erreichen kann. Dann ende ich halt bei 87 Runden oder bei 94 Runden oder wegen mir auch bei 99 Runden, aber ich gebe nicht auf, denn ich will, dass mein Name in das Gipfelkreuz der Spitzhaustreppe gehauen wird. Es wäre dort in guter Gesellschaft mit all den bisherigen Finishern dieses Laufs, zu denen ich momentan nur ehrfürchtig aufschauen kann.

... mein Ziel, der Eintrag im Gipfelkreuz der Spitzweg-Treppe in Radebeul

Vielleicht sollte ich den „Ausbilder Schmidt“ vom StrongManRun mitnehmen, damit er mir ein paar passende Worte in der Nacht zubrüllt, wenn ich schwach und weich werden sollte. Oder ich leihe mir Bernie Conradt’s Frau Sabine aus, die ihn 2008, mitten in der regnerischen und kalten Nacht von Radebeul, wieder mit den Worten auf die Strecke schickte: „Ich denke, Du bist zum Laufen hier?“ Auch ließ Sabine Bernie’s Hinweis darauf, dass es schwer sei, da zu laufen, nicht gelten und antwortete: „Wenn es leicht wäre, wärest Du nicht hier, Bernie!“

Bernie hatte Sabine tief gefrustet und unterkühlt in der Nacht angerufen, um aufzugeben und um ins warme Bettchen abgeholt zu werden. Ihre „Gardinenpredigt“, sein wiedererwachter Siegeswille und Dutzende von Salamibroten haben es dann bewirkt, dass mein Lauffreund Bernie Conradt einer von denen ist, zu denen ich ehrfürchtig aufschauen muss. Bernie’s Laufbericht über diese Nacht ist auch heute noch wirklich lesenswert.

Und wie wird mein Bericht nächste Woche ausfallen?

… noch 39.700 …

MdS 2: „Herr Ober – Zahlen bitte!“

Der 25. Marathon des Sables ist vorbei. Endlich. Leider. Und glücklicherweise.
Das sind die nackten Zahlen dieses Jubiläums-Events:

– 1.013 Teilnehmer
– 923 Finisher
– 470 Helferinnen und Helfer
– 58 Läufer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
– 53 Finisher aus dem deutschsprachigen Gebiet
– 250 Kilometer zu laufen, eine Verlängerung gegenüber den
– 230 – 235 Kilometern der anderen Events

– 82 Kilometer hatte die längste Etappe
– 21,1 Kilometer hatte die kürzeste Etappe
– 7 Lauftage in
– 6 Etappen
– 1 Traum


Mein Traum …
… meine Nacht.
Und mit der will ich anfangen, von meinem Marathon des Sables zu erzählen.

Mein Traum – meine Nacht: 82 besondere km

Es ist 16 Uhr 30 in der marokkanischen Sahara. Ich trabe locker mit der hübschen Schwedin Petra die Hochebene entlang und wir reden über das, worüber Läufer reden: über Läufe. Ich erzähle ihr, dass ich schon am Wochenende nach dem MdS den „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul laufen will, eine Information, wegen der Petra mich am Morgen danach „The crazy guy“ und später dann, wohl, um den Ausdruck zu relativieren, „The stairs guy“ nennen wird.

Sie läuft mit Stöcken und ist mir am Ende dann doch etwas zu langsam, ich schwitze, leide und hoffe auf den Kontrollpunkt „CP3“ und auf eine lange Pause dort. Es ist heiß und trocken und der Sand, der in der Luft schwebt, macht den Mund ständig trocken und lässt die Zähne knirschen.

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Endlich sehe ich „CP3“ in der Ferne und freue mich darauf, den Puls ein wenig senken zu können, einen kurzen Moment lang wenigstens. Wie ich so vor mich hinträume, wie ich den Rucksack abschnalle, die Wasserflaschen auffülle, Peronin in die eine und Isopulver in die andere Flasche fülle, wie ich fantasiere, wie eine hübsche und nette marokkanische Tänzerin mir Kühle zufächert und mir eine eiskalte Coca-Cola anbietet, passiert etwas sehr hilfreiches: die Sonne verschwindet hinter ein paar Wolken und es wird mit einem Schlag ein paar Grade kühler.
Sofort merke ich, dass ich auch am „CP3“ keine Pause brauche, sondern wenigstens noch bis zum „CP4“ weiterlaufen kann.

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Am „CP3“ saß der erschöpfte Zeltkumpan Tilmann auf dem Boden und ich motiviere ihn, in reduziertem Tempo mit mir weiterzugehen. Tilmann folgt artig und wir erleben eine Etappe mit vielen ausgetauschten Ideen, mit der Begleitung durch eine attraktive Französin, die sich erkundigt, ob Anke Molkenthin wieder zu uns stoßen würde und uns berichtet, dass Anke ihr begebracht hat, wie man auf Dünen läuft und mit dem langsamen Einsetzen der Dämmerung und dem Untergehen der Sonne. Es ist schon fast dunkel, als wir „CP4“ erreichten, Tilmann sich eine weitere Pause gönnte und ich mich drei anderen Deutschen anschloss, um nicht alleine im Dunkeln die Dünenpassage bewältigen zu müssen.

Es sind Stefan aus Hannover, der den MdS schon im Jahr 2007 gemacht hat und ihn dieses Jahr mit seiner Freundin Jutta erleben will. Stefans Bestzeiten auf den Kurzstrecken bis hin zum Marathon sind besser als meine, danach aber sind meine Zeiten weitaus ansprechender. Ich bin eben der „Ultra-Man“, der stets langsam beginnt. Ferner sind es der Schweizer Roland, der stets leicht an seiner grünen Skinfit-Hose zu erkennen ist und der Mönchengladbacher Oliver, der Apotheker, der mir in der Nacht von einem von ihm organisierten 50-Stunden-Spendenlauf berichtet, bei dem er mit seinem Unternehmen, unterstützt durch etliche Läufer und Geld der Pharma-Industrie, die stolze Summe von 23.000 EUR für soziale Zwecke erwirtschaftet hat – eine großartige Leistung für wirklich gute Zwecke.
Zu dritt finden wir den Weg sehr leicht. Die vom Veranstalter aufgehängten Knicklichter sind häufig und weithin sichtbar, zudem haben die Läufer vor uns Knicklichter am Rucksack hängen. Nur wahre Künstler schaffen es in dieser Nacht, den Weg zum „CP5“ kreativ auszulegen und eigene Bahnen zu ziehen. Alle Sorgen, die ich vorher wegen dieser Laufnacht hatte, zerfallen im Sand der marokkanischen Dünen und ich war froh, dass es so einfach war.

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Roland und Oliver sind vielleicht einen halben Schritt zu schnell für mich und Stefan hinkt sichtlich hinterher, also entschließe ich mich, in etwa auf halber Entfernung zwischen „CP4“ und „CP5“, mit Stefan zu laufen und die beiden andern ziehen zu lassen. Es wird später und später und kühler und kühler. Es wird richtig schön und angenehm. Und ich denke an das Buch, das ich nie geschrieben habe, das aber, wenn es denn existieren würde: „Die Bekenntnisse des Nachtläufers TomWingo“ heißen würde. Ich liebe es, durch die Nacht zu laufen und denke an die Nächte in Biel, bei Baden-Baden, bei Chamonix und in Radebeul – und ich werde schneller.
Ich erzähle Stefan die eine oder andere Geschichte, er antwortet immer seltener. Irgendwann antwortet er gar nicht mehr. Kann er auch nicht, weil der Atem im Nacken, den ich ihm zugeschrieben hatte, gar nicht von ihm war. Er war von einem Franzosen und ich realisiere, dass von Stefan in der Dunkelheit nichts mehr zu sehen ist, also gehe ich etwas schneller weiter.

Beim „CP5“ treffe ich Roland und Oliver erneut, ich entledige mich des Bergwerks in meinen Schuhen und bekämpfe ein kleines Hüngerchen durch ein Drittel Riegel Powerbar „Cookies & Cream“, den ich von Roland bekommen habe. Meine eigenen Riegel sind im Rucksack und dafür, die dort zu suchen, haben wir keine Zeit. Wir gehen gleich weiter und ich beschleunige zusehends.

Bald bin ich alleine und am Ende der Dünen, beim „CP6“ geschieht ein kleines Wunder. Zuerst schimpfe ich mit mir, weil ich mal wieder viel zu defensiv diese Langetappe angegangen bin. Getreu dem Motto „save some space for the desert“ habe ich etwas Luft gelassen für befürchtete Hürden, die aber gar nicht gekommen sind. Ich war frisch wie ein Frühlingsmorgen, die Muskeln waren locker und ich wollte möglichst früh schlafen gehen. Ich weiß ja, dass ich das Problem habe, nur schlecht bei Licht schlafen zu können und daher war es mein Ziel, noch vor 1 Uhr 30 in der Nacht im Biwak einzutreffen, damit die dunkle Nacht noch so lange dauert, dass ich auf eine nennenswerte Anzahl an Schlafstunden komme.

Ich erhöhe nun Schritt für Schritt mein Tempo und vielleicht vier oder fünf Kilometer vor dem Ziel sehe ich am Ende des Weges einen hellen Schein, das Biwak. Und ich war davon angezogen. Wie die Motte zum Licht begann ich noch einmal richtig zu rennen und von da an überholte ich 21 Läufer in einem schon enorm auseinandergezerrten Läuferfeld. Und ich werde ständig schneller. Ich erlebe das, was das Laufen so außergewöhnlich schön macht: das „Runners High“.
Als wäre ich gerade eben erst gestartet, als hätte ich nicht schon 80 Kilometer hinter mir, als hätte ich nicht knapp 10 Kilogramm Gewicht auf den Schultern und als wäre es die letzte Etappe des Marathon des Sables renne ich, wie ich schon lange nicht mehr gerannt bin.

Manche der Läufer, die ich noch überholen will, wehren sich und fangen plötzlich auch noch mit dem Laufen an, aber es hilft nichts. Stück für Stück komme ich näher, bin ich parallel und auch gleich vorbei. Noch einen Kilometer, noch eine Vierergruppe, die am Ende scheint. Noch fünfhundert Meter, noch zweihundert Meter, das Ziel kommt immer näher. Die beiden letzten Läufer, die ich überhole, sind eine Französin mit Ihrem Lebenspartner, die Hand in Hand gehen und das schnaubende Etwas von hinten anrollen hören, sich umdrehen und verwundert stehen bleiben. Sie stehen vielleicht dreißig Meter vor dem Ziel und lassen die Dampflokomotive an sich vorbei stampfen und applaudieren. Unglaublich.

Und ich wünsche, dass das Ziel noch zwanzig, dreißig Kilometer weiter nach hinten verlegt würde. Ich weiß, dass diese Etappe meine mit Abstand Beste sein würde, dass meine Tagesplatzierungen sich umgekehrt proportional zur Etappenlänge verhalten.
Ich liebe einfach die „langen Kanten“ und ich fühle mich wie eine AAA-Batterie der Firma mit dem tollen Werbespruch. Unten schwarz, mit goldenem Kopf, garniert mit dem Slogan:
„Hält länger durch …!“

Die 16 Stunden, 13 Minuten und 18 Sekunden für die knapp über 82 Kilometer sind die letzten Zahlen des Berichts. Es hätten kleinere Zahlen sein können, wenn ich weniger defensiv begonnen hätte. Ich weiß das und ich ärgere mich darüber. Aber ich bin auch froh, diesen Zieleinlauf erlebt haben zu dürfen.

Herr Ober, Zahlen bitte!

Mt. Everest Treppenmarathon 2010 – UPDATE II

So schnell geht es: jetzt sind es schon 46 Einzelstartern, hurry up, es sind nur noch 14 Meldungen möglich !

Und wieder ist ein Name dazu gekommen, über den ich mich ganz besonders freue: Rainer Wachsmann aus Münster / Westfalen!

Nicht nur, dass Rainer, der Mitglied im „100er Marathon Club“ ist, ein großartiger Läufer ist, schon die lange DUV-Statistik über den Runner 2681 zu lesen ist eine Wonne! Dort erfährt man dann auch, dass Rainer, der wechselweise für den „LSF Münster“ oder auch für seinen Hauptverein, den „Marathon Steinfurt e.V.“ läuft, im Vorjahr Finisher bei Jens Vieler’s „TorTOUR de Ruhr“ war, eine Leistung, die ich in 2010 erst einmal nachmachen muss. Dass er zudem ein Finisher des DL, also vom Deutschlandlauf 2005 von Kap Arkona nach Lörrach ist, erhöht den Respekt, den ich ihm entgegen bringe. Auch das muss ich erst noch nachmachen!
Die 1204 Kilometer damals schaffte er in 167:58:20 Stunden, eine echte Klasseleistung.

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Der Hauptgrund, warum ich mich so freue, ist aber, dass sich Rainers und meine Wege schon 1993 gekreuzt haben, als wir beide noch keine Läufer waren. Rainer wurde es schon kurz danach, ich folgte erst über 10 Jahre später.

Ich habe Rainer kennen gelernt, als ich mit meinem Freund Stephan das Pizza Home Deliverysystem „Joey’s“ im nordrheinischen Gebiet von NRW entwickeln wollte. Rainer war damals wie jetzt ein erfolgreicher Joey’s-Franchisenehmer in Münster, damals schon mit zwei prosperierenden Outlets. Rainer war auch ein enger Freund meines besten Freundes Michael, der mich damals in dieses Business gebracht hat und über ihn habe ich Rainer näher kennen gelernt.
Als ich mich dann aus dieser Branche zurückgezogen habe, ist es still geworden um uns beide und fast hätte ich Rainer auch vergessen.

Vergessen? Eher nicht, eher in den Hinterkopf verbannt, aus dem täglichen Denken in die Schublade „Freunde, mit denen man eher selten spricht“ verschoben.

Bis ich bei einem langen Lauf in der Ergebnisliste den Namen Rainer Wachsmann las. Konnte er das sein, gab es solche Zufälle, solche Parallelitäten? Immerhin reden wir nicht von zwei Hobbyläufern, die es millionenfach in Deutschland gibt. Hobbyläufer, die auch mal einen 10km Wettkampf bestreiten. Wir reden von zwei wirklich ähnlich Verrückten, immerhin ist Rainers Bilanz mit 230km nonstop sogar noch besser als meine, die momentan bei 177,520 Kilometern nonstop und 350 Kilometern als Etappenlauf endet. Lag das Läufer-Gen damals auf den Pizzen?

Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich die Frage nach den Parallelitäten überprüfen musste und so hatten wir ein langes Gespräch über das Laufen im Allgemeinen, über die TorTOUR de Ruhr im Speziellen und über Gott und die Welt, eben über all das, worüber ausgewiesene Verrückte sich eben austauschen. Und schon kurz danach stand der 24-h Lauf „Rund um den Seilersee“ an. Ich wollte nur kurz laufen, maximal 6 Stunden lang bis Mitternacht, und Rainer wollte erst später starten, frühestens um Mitternacht, und so hofften wir, uns vielleicht um Mitternacht herum kurz zu sehen. Aber ich verließ damals den Lauf wegen eines extremen Regens früher als geplant und er startete aus dem gleichen Grund später. Nichts war es also mit dem Smalltalk!

Aber jetzt können wir unsere Gespräche in Radebeul fortsetzen, oh, wie ist das schön!

Rainer Wachsmann beim 24-h Lauf "Rund um den Seilersee" in Iserlohn

Rainer Wachsmann beim 24-h Lauf "Rund um den Seilersee" in Iserlohn

Ich freue mich auf Dich, Laufbruder Rainer!

Aus den Hinterhöfen dieses Landes …

Keiner soll sagen, dass es keine Fans von Läufern gibt …

… wie in diesem Hinterhof, wo jemand in einer Bettwäsche schläft, die mich in der Nacht auf der Treppe von Radebeul beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ zeigt. Daneben hängt noch eine Bettwäsche mit einem Foto von meiner Lieblingstochter Milena und mir …

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Die Bettwäsche anderer Leute oder was man in deutschen Hinterhöfen entdecken kann ...

Mt. Everest Treppenmarathon 2010 – UPDATE

So schnell geht es: schon sind aus 19 Einzelstartern 23 geworden!

Und über einen freue ich mich ganz besonders: Michael Eßer aus Wesseling, der wahrscheinlich wieder Spenden sammelt für seinen Kinder-Verein running-for-kids.de.
Auch Michael hat 2009 enorm häufig mein Leben gekreuzt – und er wird es auch in 2010 weiterhin tun.

Eigentlich habe ich ja sein Leben gekreuzt, muss ich doch zugeben, viel meiner Läufe dieses Jahres und auch des kommenden Jahres bei ihm abgeschaut zu haben.
So war er er, der mich auf den KÖLNPFAD gebracht hat und nur zwei Lauf-Verrückte wie Michael und ich gehen so einen 171 Kilometer Lauf nur zwei Wochen vor dem UTMB an.
Also sind wir den UTMB zusammen gestartet und wir werden auch beide beim KiLL50 Anfang November die Nacht zum Tag machen und uns gemeinsam auf 50 Meilen ohne ordentliche Markierung fürchten.

Auch die TorTOUR de Ruhr im Mai 2010 habe ich bei ihm abgeschaut und habe mich dann darum gekümmert, bei diesem Einladungslauf eingeladen zu werden. Es hat funktioniert und so darf ich mit Michael und zwei Dutzend anderer Extremläufer am Pfingstwochenende nonstop die 230 Kilometer der Ruhr ablaufen, von der Quelle der Ruhr bei Winterberg im Sauerland bis zur Mündung in den Rhein in Duisburg-Rheinorange.

Und nun hat Michael bei mir nachgesehen, damit ich mich über viele Stunden gemeinsamen Treppenlaufens in Radebeul freuen darf. Schön ist auch, dass wir vielleicht die eine oder andere Trainingseinheit im neuen Jahr gemeinsam laufen dürfen. In Köln und Wesseling gibt es ja nur wenige Treppen, da ist ein Besuch an der Ahr und den dortigen Weinbergen schon angeraten. Ich freue mich auf Dich, Michael!

... bei einer Labestation des UTMB

Michael Eßer bei einer "Labestation" des UTMB