Der dritte Hinweis …

Im Kölner Süden auf der richtigen Seite des Rheins gibt es eine Stelle, die mir besonders am Herzen liegt.

Sie ist nicht nur schön anzusehen, etwas abseits der Teilstadt Köln-Rodenkirchen, ein wahres „Läufer El Dorado“, wo täglich Hunderte von Läufern sich den Bürofrust aus dem Kopf und Kraft in die Oberschenkel und Waden laufen, sie ist mir auch deshalb wichtig, weil sich viele Erinnerungen damit verbinden.


Der „Kölnpfad“ geht dort vorbei, es ist auch ein Stück Strecke von dem verrückten Anlauf zum Ratinger 24-h Lauf im Vorjahr, der so viel Spaß gemacht hat.
Nach der Photokina bin ich über dieses Stück Kölner Bodens nach Hause gelaufen und jeder Lauf, den ich nach Köln absolviere, geht hier vorbei.

Dort bin ich 2009 beim „Kölnpfad“ von einem entgegenkommenden Fahrradfahrer angesprochen worden. Es war kurz vor dem VP3 gewesen, wir hatten schon bald 100 Kilometer auf der Uhr, noch lief ich mit und kurz hinter Hans-Peter Gieraths. Ich trug ein Finisher-T-Shirt vom Swiss Alpine, das schwarze mit dem roten stilisierten Steinbock drauf.
Der Fahrradfahrer fuhr an mir vorbei, hielt an, wendete und sprach mich an. Er wollte alles über den Swiss Alpine wissen, seinen Traumlauf, wie er sagte. Ich erzählte und er begleitete mich ein paar Kilometer lang, so lange, dass ich am VP3, der etwas erhöht nach einem Rechtsknick lag, geradeaus vorbei lief. Die Crew des VP3 dachte, dass der Fahrradfahrer meine Fahrradbegleitung wäre, rief uns, aber wir waren so ins Gespräch vertieft, dass die Rufe ungehört verhallten.

Dort überholte mich auch der ambitionierte Läufer, der für den Köln-Marathon 2010 trainierte, um dann, wenige Kilometer später, atemlos und vollkommen erschöpft am Rand zu stehen und nicht mehr weiter zu können. Das war bei meinem Lauf nach Ratingen-Breitscheid und ich nahm ihn langsam mit auf meinen weiteren Weg bis zu seiner Wohnung.
Wir unterhielten uns über das, worüber Läufer am liebsten reden, über diverse Läufe, passierten die Absperrungen des am nächsten Tag stattfindenen Cologne 226“ Triathlons und ich gewann wieder an Kraft durch diese Begegnung.

Du siehst, mein „schönster Platz in der Natur“ trägt viele Erinnerungen für mich, deshalb habe ich ihn ausgewählt für den Schatz, für die Schatzsuche.

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Troisdorf oder warum ein 6-Stunden-Lauf schon nach 90 Minuten zu Ende war …

Am Morgen des vorigen Samstags, am Morgen vor dem 6-h Lauf in Troisdorf, der wie immer liebevoll von den engagierten M-U-T’lern organisiert wurde, fühlte ich schon wenig Motivation, diesen Lauf zu machen.
Vom Vortag taten mir die Oberschenkel noch weh, ein Handicap, das meinem akuten Trainingsrückstand geschuldet war, ich war nicht wirklich ausgeschlafen, und hatte so ein Grummeln im Magen, genug Gründe, die Bettdecke wieder über den Kopf zu ziehen und noch ein paar Schlafstündchen dran zu hängen.
Aber die vermeintliche Pflicht siegte.

Der Troisdorfer 6-h Lauf, immerhin 2005 mein Einstieg in die Welt der Ultras, wenn ich von dem Gruppenlauf rund um Ratingen, den „Ratinger Rundlauf“ am 3. Oktober 2005 absehe, stand sowieso nicht auf meiner Laufagenda, weil es eigentlich das letzte Wochenende war, an dem ich hätte arbeiten müssen, dieses Mal in der Drei-Flüsse-Stadt Passau.
Da meine Gabi mir aber für dieses letzte Wochenende frei gegeben hatte, erinnerte ich mich an die freundliche Einladung von Michael Irrgang, der mich via Facebook zu diesem Lauf hatte überreden wollen, was ich unter dem Verweis auf den Arbeitseinsatz ablehnte.
Außerdem hat mich der XING-Lauffreund Thorsten Stelter gefragt, ob wir dort in Troisdorf ein paar Worte miteinander wechseln könnten. Live hatte ich ihn seit einem nur wenige Minuten dauernden Treffen vor dem Rennsteiglauf Anfang dieses Jahres nicht mehr gesehen, alles Gründe, doch nach Troisdorf zu fahren.

Zu Troisdorf sei für diejenigen, die noch nie in diesem Städtchen waren, erklärt, dass man das „i“ im Namen nicht mitspricht. Troisdorf heißt also eher Trosdorf, hier in der Region wird Tro(i)sdorf auch liebevoll „Trostlos“ genannt. Es ist eben eine eher gesichtslose Wohnstadt für Bonn und Köln, eine der vielen Wohnstädte, die sich rund um diese schönen Städte gebildet haben.
Troisdorf ist vor allem für mich sehr nah. Und Nahes hat von jeher nur einen bedingten Charme, finde ich. Eine gesichtslose Stadt in Sachsen-Anhalt oder in Bayern ist allemal besser als etwas, das nahezu direkt vor der Haustüre liegt.

Dazu kommt, dass es in Troisdorf eine Tradition gibt, fast schon eine Gleichung. Wenn der Lauf in Troisdorf ist, dann ist auch das Wetter schlecht. Immer. Schlecht, nass, kalt.
Im Vorjahr hat es fast permanent geregnet, es begann nur wenige Minuten nach dem Startschuss, steigerte sich gegen Mittag zum Wolkenbruch und endete auch erst wieder kurz vor dem Ende des Rennens. Noch immer sehe ich die unermüdlichen Helferinnen und Helfer, die versucht haben, die schlimmsten Wasserpfützen auf dem Damm hinter dem Aggertal-Stadion weg zu wischen. Ich erinnere mich an den verzweifelten Versuch, sogar die Cola anzuwärmen, damit uns die nasse Kälte nicht allzu sehr zusetzte.
Ich erinnere mich an meinen ersten Lauf dort, damals, 2005. Beim Lauf selbst war es einigermaßen trocken, aber der Weg war noch nass vom Regen am Vortag und vom Regen in der Nacht vor dem Start.
Wenn Du dort vom Damm herunter kommst und auf die Straße trittst, dann gibt es da mitten im Laufweg eine kleine Senke im Asphalt, in der sich immer das Wasser sammelt. Damals bin ich drei oder vier Stunden lang brav um diese Senke herum gelaufen, in den letzten beiden Stunden aber war mir der Umweg zu weit und meine innere Abwägung „nasse Füße“ oder „Umweg“ wurde anders beantwortet wie in den ersten Laufstunden.
Damals hatte ich mich von den Lauffreunden des TV Altendorf-Ersdorf begleiten lassen. Ein paar Runden mit Rainer, ein paar Runden mit Katrin, ein paar Runden mit Dietmar, ein paar Runden mit meiner Gabi – und natürlich viele Runden alleine, vor allem in den ersten beiden Laufstunden.
Damals hat es aber nicht gereicht für die 60 Kilometer – und auch beim zweiten 6-h Lauf, ein halbes Jahr später in Stein/NL nicht. Erst dann, ein weiteres Jahr später, beim dritten Versuch, in Steenbergen/NL, kam ich mit ca. 64,5 Kilometern auf ein zufrieden stellendes Ergebnis. Seither habe ich keinen 6-h Lauf mehr mit Engagement gelaufen.
Im Vorjahr hatte ich in Troisdorf nach einem Marathon noch die Runde beendet und bin dann gegangen, nass und kalt wie ich war.
Und das war auch mein Plan für 2011 an diesem Morgen, wo ich unmotiviert war und besser im Bettchen geblieben wäre.

Auf der Starterliste aber hatte ich neben Melanie und Steffen Kohler auch Birger Jüchter gesehen. Melli und Steffen hatte ich schon Monate lang nicht mehr live gesehen und auch mit Birger bin ich zuletzt beim Allgäu Panorama Ultra gemeinsam gelaufen. Seine Finishertrophäe, ein Metall-Läufer auf einem Pflasterstein, steht noch immer bei uns.
Er hatte Gabi und mir seine Trophäe mitgegeben, weil ihn sein Weg weiter geführt hat zu Hauke Königs höchst privatem Frubiase TransGermany Lauf und Birger war dorthin mit dem Fahrrad unterwegs. Da hätte so eine Trophäe sicher eher gestört.
Nicht zuletzt freute ich mich auch, den stets freundlichen Michel Irrgang mal wieder zu sehen.

Mein erstes Ziel war, gut auszusehen. Ich erinnte mich bei der Beantwortung meiner Frage, in welcher Farbe ich wohl laufen würde, an das Zitat von Henry Ford.
Jens Vieler erwähnt dieses Zitat auch sehr oft und vieles bei seiner TorTOUR de Ruhr basiert auf diesem Zitat.

„Egal welche Farbe – Hauptsache: schwarz!“

Als Wintertyp steht mir schwarz sowieso am besten. Und das, was X-BIONIC in schwarz produziert, habe ich schon beim ersten Ansehen in mein Herz geschlossen.
Das Outfit war also schnell klar, eine ganz kleine Motivationsspritze war das schon. Aber eben nur eine  kleine, die nicht allzu lange anhält.

Schon an der Startlinie habe ich gemerkt: ohne eine ausreichende Portion Motivation laufen ist einfach Mist. Du haderst an allem, Du spürst Deinen Körper schon, bevor Du losgelaufen bist und Du fragst Dich von Anfang an: „Was soll ich hier?“
Noch freute ich mich über die vielen anderen Lauffreunde, darüber, Conny und Sigi Bullig, zu sehen. Und ich startete mit Thorsten Stelter und auch Birger, Melanie und Steffen waren lange bei mir.
Aber wer mich nicht begleitete, war die Begeisterung. Es war Pflicht von Anfang an, Pflicht und Zwang. Selbst auferlegt, zweifellos, aber eben dennoch Pflicht und Zwang.

Das Wetter war fantastisch, überhaupt nicht Troisdorf-typisch. Es war mild, sonnig, ein wunderbarer Tag. Ein Tag, an dem man, wie Michael Irrgang mir irgendwann sagte, auch mal Gehpausen einlegen könnte, sich intensiv versorgen lassen könnte, alles langsam angehen lassen könnte. Stimmt.
Stimmt aber irgendwie auch nicht. Denn an so einem Tag kannst Du auch etwas anderes Schönes machen als Dich von anderen Läufern überholen zu lassen. Wenn Du anfängst, das peinlich zu finden, was Du da ablieferst, dann ist es Zeit, aufzuhören.

Melanie und Steffen Kohler waren mittlerweile einhundert oder zweihundert Meter vor mir. Ich gab mir noch Mühe, die beiden einzuholen, lief noch den Rest der Runde mit den Beiden, um dann meine Startnummer abzunehmen und mit meiner Entscheidung zufrieden das Terrain zu verlassen.
Ein Drittelmarathon, immerhin. Etwas zum Auslaufen, immerhin.

Nun bleiben noch zwei Wochen Zeit, mein Pensum wieder deutlich nach oben anzupassen, lange Einheiten zu probieren, damit der KoBoLT nicht hinter einem der Tausend Bäume hervorlugt und mir eine lange Nase zeigt.

Aber zwei Wochen sind ja auch wirklich noch eine sehr lange Zeit …

Warum ich 514,36 Kilometer laufen werde …

Am Anfang war die Idee

„Nach etlichen Jahren in Weeze wechselt der StrongManRun seinen Veranstaltungsort und geht nach Nürnberg!“

So stand es in einer Pressemitteilung, die ich irgendwie über Twitter bekommen habe. Nürnberg? In meine Geburtsstadt? Wohin denn da genau, fragte ich mich und las weiter, dass der Nürburgring ein ideales Gelände für den 2011er StrongManRun sein würde.
Der Nürburgring bei Nürnberg?

Schon zwei Tage später tickerte die Meldung ein, dass es sich in der besagten Pressemitteilung um einen Tippfehler gehandelt hätte, gemeint war natürlich das Eifel-Städtchen Nürburg am Nürburgring. OK, dachte ich, so klingt das logisch. Nürburg ist von uns aus nur rund 30 Kilometer entfernt, ein Städtchen direkt vor meiner Haustüre also.

Mich lies der Gedanke, der mir dann kam, nicht mehr los: beide Städte haben etwas mit meinem Leben zu tun, der StrongManRun hat mich als Lauf schon immer fasziniert, ich kenne die Macher hinter dem Lauf. „Alles Dinge, die mit Dir zu tun haben,“ dachte ich weiter und dann beschloss ich, diese Dinge miteinander zu verbinden.
Die Idee war geboren.


Der Weg zum Ziel

„Trailschnittchen“ Julia Böttger hat es mit ihrem „Weg nach Chamonix“ vorgemacht, bei meinem Lauf durch die Nacht nach Ratingen („Ein 5.000 Meter-Lauf mit reichlich Anlauf“) bin ich schon einmal zu einem Event lange und weit hingelaufen.
Und jetzt mache ich das als Lauf zum StrongManRun 2011. Ich bin begeistert!

Und ich wurde hektisch. Die Idee musste vorgestellt werden, die Laufroute musste geplant werden. 514,36 Kilometer werden es sein, mehr als ich dachte. Zumindest sagt das map24.de mit der Option „Fußgänger“. Vielleicht werden es sogar noch einige Kilometer mehr, wer weiß das schon.
5 Tage habe ich dafür eingeplant, aber einen Puffertag am Ende gönne ich mir auch noch.

Bei Zurückrechnen der Tage stellt sich heraus, dass der Starttag der Montag, der 11. April sein wird.
Montag, der 11. April 2011?

Da war doch was …, dachte ich und dachte an die Afrika-Rundreise, die nicht anzutreten aus verschiedenen Gründen die erste Familien-Entscheidung in 2011 gewesen war.
An jenem 11. April wollte ich eigentlich in Tansania am N’gorongoro Krater sein, um am Abend meinen, nein unseren  … ja genau … 25. Hochzeitstag zu feiern.
Auch dieses Datum hat mit meinem Leben zu tun. Manche mögen darüber spekulieren, ob das herzlos ist, ich finde aber, dass es ein hervorragendes Datum ist, um so einen Lauf zu beginnen.

Am Freitag Abend will ich dann in Nürburg sein und bis dahin jeden Tag durchschnittlich 103 Kilometer weit gelaufen sein. Und dann gibt es einen Tag lang Entspannung und Massagen.
Oder ich muss „nachsitzen“, falls ich die Strecke innerhalb der geplanten Zeit nicht schaffen sollte.
Also besser pünktlich sein und sich nett verwöhnen lassen.
Und am Sonntag danach noch die 18 Kilometer des StrongManRuns ablaufen, ganz entspannt, ohne jeglichen Zeitdruck.
Einfach den Lauf genießen.

Die Umsetzung

Eine Weile habe ich daran gedacht, diesen Lauf sogar mit dem blinden Weltrekordler Jeffrey Norris zu machen, aber er hat nach zwei Telefonaten leider abgesagt, weil der zeitliche Abstand zu seinem nächsten Event zu gering ist. Schade, immerhin hätten wir uns dann mit dem Wohnmobil begleiten lassen können.
So aber bleiben noch viele Fragen offen.

Da ist zum Beispiel die Frage, wo ich nächtigen werde. Eine Frage, die fast automatisch zur Einschätzung der Wetterverhältnisse an diesen Tagen führt. Ich überlege hier, eventuell mit einem Single-Bivy unterwegs zu sein, aber der notwendige Schlafsack, das Bivy und die Isomatte erzeugen ein zusätzliches Gewicht, das ich eigentlich nicht tragen will.
Oder ich versuche, in Pensionen unterzukommen. Das macht manches gemütlicher, aber es hat auch Nachteile.
Wenn ich die Nächtigungen vorbuche, dann muss ich mich definitiv und verbindlich auf bestimmte Etappenlängen einstellen. Mit Grausen erinnere ich mich noch an den unglaublichen Regen, in den Hauke König, Susanne Alexi und ich beim Lauf auf dem Elberadweg von Dresden nach Hamburg gekommen sind.
Und wenn Du dann noch 30 Kilometer bis zu Deiner Herberge laufen musst, dann verflucht man schon mal den Wettergott, Frau Holle und die Kachelmänner dieser Welt, einzeln oder auch alle zusammen.
Wenn ich aber nicht vorbuche, dann muss ich vielleicht gegen oder nach Mitternacht irgendwo klingeln. Ob honorige Pensionswirtinnen einem nassgeschwitzten Läufer mitten in der Nacht aber wirklich noch ein Zimmerchen anbieten?
Immerhin sehe ich weder so gut aus wie George Clooney noch bin ich so gewinnend wie Thomas Gottschalk.
Wie man es dreht und wendet: mit einem Wohnmobil an der Seite wäre vieles einfacher.
Das aber geht nicht, also weg mit diesem Gedanken.

Weiterhin ist da auch die Frage, wie ich an Wechselwäsche und Wechselschuhe komme und wo ich ausgewechselte Wäsche und Schuhe deponieren kann. Natürlich denke ich da sofort an die vielen Läufer, Blogger, Twitterer und Förderer, die an meiner Laufstrecke wohnen. Vielleicht hilft es, hier fündig zu werden, wenn Du diesen Artikel tweetest?

Auch will ich ja fotografieren, twittern und bloggen während der Veranstaltung.
Zeit dafür habe ich aber eigentlich nicht, immerhin habe ich rund 17 Stunden pro Tag zu laufen.
Und ich will die Fotos auch irgendwie Euch zur Verfügung stellen. Der Transport der Fotos ins Internet wird aber nicht in einer Plastiktüte stattfinden können und auch Upload-Zeit ist Zeit, die mir fehlen würde.
Ein weiterer Grund für Freunde und Unterstützer rund um die Laufstrecke, mir da Arbeit abzunehmen.

Unterstütze mich, wenn Dir die Idee gefällt

52 Tage vor dem Beginn des Events bitte ich Dich, mir beim Finden von lokalen Unterstützern behilflich zu sein.

Wenn Du bei Deinen Followern und Freunden diese Idee und Bitte erwähnst und das auch andere tun, dann sollten wir alle gemeinsam doch das eine oder andere hierbei erreichen. Die Läufer-, Twitter- und Facebook-Gemeinde ist doch riesig.

Und dann heißt es hoffentlich mal wieder: „TomWingo, you never walk alone!“

Und was ist mit der Startkarte für den wunderschönen Wien-Marathon? Na ja, für diesen Lauf lasse ich die doch gerne ungenutzt …

Ein 5.000 Meter Lauf mit reichlich Anlauf…

Ich neige dazu, Geschichten von hinten nach vorne zu erzählen, also mit dem Finish zu beginnen. Das stimmt. Und nicht immer ist das richtig, aber bei meinem Wochenendlauf ist das ein „MUSS“.

Wenn Du um 8.20 Uhr nach einer kühlen und nebligen langen Nacht im Ziel einläufst und Dir ein großes Bettlaken entgegen gehalten wird, auf dem steht: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ und Du in diesem Moment vor Glück zu zerspringen drohst, dankbar, aber auch ein wenig verschämt wegen dieses Empfangs bist, wenn Du Dich umsiehst und viele Menschen entdeckst, die alle es wert sind, Freunde genannt zu werden, dann weißt Du, dass es diese Situation zweifellos verdient hat, als erstes genannt zu werden.

Oft habe ich mich schon gefragt, ob es die einzig denkbare Art ist, Hunderte von Kilometern durch die Gegend zu fahren oder sogar zu fliegen, um dann 42 Kilometer und 195 Meter weit zu laufen. Und ich habe manchmal spöttisch festgestellt, dass die Rolltreppe, die zum Fitness-Studio im ersten Stock führt, eigentlich nicht notwendig wäre.
In einem Buch eines amerikanischen Autors über die Merkwürdigkeiten des amerikanischen Lebens habe ich von einer Frau gelesen, die die nur rund 400 Meter von zu Hause bis ins Fitness-Studio mit dem Auto zurücklegt, um dann dort im Studio aufs Laufband zu steigen und zu laufen. Als der Autor sie fragte, warum sie das Auto nehmen würde, da antwortete die agile Lady souverän: “Weil sonst der Kilometer, den ich laufen würde, umsonst wäre. Ich kann den ja dann nicht in mein Trainigs-Tagebuch eintragen!“ Stimmt doch, irgendwie.
Andererseits gibt es auch beeindruckende Beispiele wie der unbekannte Läufer beim „Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul, der mit dem Fahrrad zum Wettkampf gekommen ist, um dann, nach 24 Stunden Treppen auf- und ab gehen, damit auch wieder nach Hause zu radeln.
Oder „Trailschnittchen“ Julia Böttger. Sie wollte am UTMB in Chamonix teilnehmen und beschloss, die rund 814 Kilometer vom oberbayrischen Hinterriss ins französische Chamonix über die Alpen zu laufen und dabei rund 42.400 Höhenmeter zu bewältigen.


Es waren diese Beispiele, die mir durch den Kopf gegangen sind, als ich überlegt habe, was ich in Ratingen-Breitscheid denn laufe. Durch ein paar DNFs wäre Breitscheid mein „Marathon und länger“ (MuL) Nummer 99 gewesen, der Münster-Marathon meine Nummer 100, aber das motivierte mich nicht ausreichend. Der 24-h Lauf in Breitscheid ist eine Benefiz-Veranstaltung und da sieht man vieles eher locker. Nichts für Bestwerte, nichts für Bestzeiten. Aber eben etwas von Freunden für Freunde.

Mir kam dann ganz plötzlich die Idee, dort hin zu laufen. Bis Köln kenne ich die Strecke gut, in Köln denke ich an den KÖLNPFAD, wo ich mich an den Kölner Ford-Werken in der Nacht verlaufen habe, zwischen Köln und Ratingen aber gibt es nur die Autobahn für mich. Das sollte sich ändern, dachte ich und druckte mir den Reiseweg von map24.de aus. Die gewählte Option war „Fußgänger“ und ich kam auf erst auf rund 93 Kilometer (Ratingen) und dann auf rund 99 Kilometer (Breitscheid, Mintarder Weg). Perfekt, dachte ich.

Mit den Nachtläufen hatte ich ja so meine Probleme in der letzten Zeit. Beim Elbelauf von Dresden nach Hamburg war ich in der ersten Nacht indisponiert und in den nächsten Nächten „schwächelte“ Hauke König ein wenig, einmal wegen des Verlaufens im Stoppelfeld und einmal, weil es einfach nicht gepasst hatte.
Beim PTL war die erste Nacht ja nach dem Spätstart um 22 Uhr relativ kurz, das ist ja noch verhältnismäßig einfach, und in den beiden nächsten Nächten hatte ich ja 3 Stunden bzw. 2 ¼ Stunden geschlafen. Ich wollte aber mal wieder die Nacht durchlaufen.

Als ich die Idee bei FACEBOOK gepostet habe, ärgerte ich mich schon schnell darüber, weil es nicht unbemerkt blieb. Und wenn es bemerkt wird, dann entsteht ein gewisser Druck und das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil es mich zwingt, ein wenig das Weichei-Dasein zu verlassen und aus der Wohlfühlzone zu fliehen, schlecht, weil ich dann unter Zugzwang bin. Also laufen, schön parallel mit den Breitscheidern, Start war also am Freitag um 18.00 Uhr, pünktlich.

Mein GARMIN-Ührchen aber wollte 14 Minuten lang nicht mit mir spielen und weigerte sich, die Satelliten zu finden. Ich lief also vielleicht zweieinhalb Kilometer, bis GARMIN-Ührchen sich erbarmte und für mich da war.
Ich hatte mich seit langem wieder einmal für ein ERIMA Outfit entschieden, auch, weil ich in der kurzen X-BIONIC-Hose bei der TorTOUR de Ruhr und beim PTL das hübsche Spiel „TOM und der böse Wolf“ gespielt hatte. Das führte bei der TTdR230 dazu, dass zwei ältere Herren, mutmaßlich Menschen mit einem erhöhten Maß an Schamgefühl, mich verbal attackierten, weil ich die Hose dann so weit nach unten gezogen hatte, dass zwar die Schmerzen weg waren, dafür war aber der obere Teil meines Hinterns zu sehen. Um es kurz zu machen: die beiden Herren fanden das sehr anstößig.
Also ERIMA und einen kleinen Camelback mit 2 Litern Wasser, ein paar Riegel, wenige Salztabletten und etwas Magnesium. Und natürlich meine geliebte Petzl-Stirnlampe mit drei Ersatzbatterien, Größe AA, man weiß ja nie, wie lange die alten noch halten.
Aber leider ist meine Petzl seit dem PTL verschwunden. Trotz intensiver Suche ist sie nicht mehr aufzufinden und ich frage mich, ob ich sie im letzten Nachtlager habe liegen lassen. Ich erinnere mich nicht mehr, ich weiß nur noch, dass ich sie dort abgenommen und zu meinen Sachen gelegt hatte. Von da an war alles hell, nur in meinem Oberstübchen bleibt es diesbezüglich eher dunkel.
Also habe ich schnell umdisponiert und eine andere Stirnlampe eingepackt. Die Nacht wird ja lang und dunkel.

Meine Motivation war schon kurz hinter Wesseling am Boden und ich fragte mich, was mich wohl getrieben hat, eine so doofe Idee zu verfolgen. Menschen bewegen sich seit Jahrtausenden vernünftigerweise in Autos, warum tue ich das nicht? Dabei war die Strecke wirklich schön, immer den Rhein entlang, hübsche Häuser auf der linken Seite, ein ziemlich voller Rhein auf der rechten Seite. Für die, die mitdenken, sei gesagt: Ja, ich lief auf der „richtigen“ Rheinseite!
Bei Köln-Sürth und Köln-Rodenkirchen wurde es noch schlimmer, die Nacht brach herein, die Ersatz-Stirnlampe funzelte vor sich hin und die Muskeln schmerzten. Und ich fragte mich, wie ich jemals in meinem Leben wieder einen Marathon bestreiten könne, wenn ich jetzt hier, bei diesem niedrigen Lauftempo, schon Muskelprobleme hätte. Zudem schmerzte das linke Knie, leider laboriere ich schon ein paar Monate mit diesem Problem.
In Köln wurde ich dann von einem schnellen Läufer überholt, der aber ein paar Minuten später japsend und hechelnd am Wegesrand stand. Ich sprach mit ihm und nahm ihn mit. Es war ein nettes Gespräch mit einem, der auf seinen 2. Marathon hin trainiert und der – natürlich – den Köln-Marathon vor Augen hat.
Und wir liefen gemeinsam durch Köln-Mitte an den Kranhäusern vorbei, wir passierten das ehemalige Stollwerck Schokoladenmuseum, das jetzt aber das Lindt Schokoladenmuseum ist.
Nach dem Verlust der Köln-Arena geht mit dem Stollwerck Museum wieder ein Stück Heimat weg. Eine Schande ist das …


Und wir sahen die Absperrungen für den KÖLN 226 Triathlon am nächsten Tag und Dutzende von Motorhomes, in denen die Triathleten nächtigten. Ganz bestimmt wäre es schön gewesen, einfach zu bleiben und am nächsten Tag dort zuzuschauen.
Mich aber hat dieser gemeinsame Laufabschnitt wieder richtig motiviert. Wenn Du das Gefühl hast, etwas weitergeben zu können, jungen Läufern eine Ahnung geben zu können, was es heißt, etwas anderes zu laufen als flache Straßen, wie es schmeckt, gesunde Bergluft zu atmen, wie viel Spaß es macht, Kühe wegzuscheuchen und auf hohen Gipfeln zu schwitzen, dann fühlst Du Dich schnell wieder besser.


Als ich wieder alleine war, beschloss ich, an der Mülheimer Brücke auf die „schäl Sick“ zu wechseln, um den Wegen bei den Ford-Werken zu entgehen. Es war ein Fehler, obwohl ich bis kurz vor Leverkusen dort fantastische neue Luxuswohnungen gesehen habe und edle gediegene Alt-Villen.
Ich sah immer seltener das Fahrradweg-Zeichen und landete in einem Teil, das eigentlich für „nicht Befugte“ verboten war. Irgendetwas von Wasserbehörde stand da, aber ich hatte einfach keine Lust, zurück zu gehen und den richtigen Weg zu suchen. Am Ende traf ich dann doch noch auf den normalen Weg, aber ich hatte viel Zeit verloren.

Kurz bevor ich auf dem Damm wieder den richtigen Radweg betreten konnte, wurde es gefährlich. Da stand ein Schild, das darauf hinwies, dass es keinen Winterdienst gäbe und dass das Begehen des Dammes auf eigene Verantwortung stattfinden würde. Auf eigene Verantwortung? Das hatte ich ja noch nie gemacht. Immer ist doch irgendjemand für mich verantwortlich. Aber das war es nicht, was mich störte. Mir fiel auf, dass gerade eben meine Ersatz-Stirnlampe ausgegangen war.
Aber ich hatte Glück, es war eine Bank genau zur rechten Zeit da, ich hatte die Ersatzbatterien –  was willst Du mehr, TOM?

Leider hatte ich erst die Ersatzbatterien eingepackt und wollte dann die Petzl-Stirnlampe dazu packen. Als ich die nicht finden konnte und umdisponierte, dachte ich aber nicht mehr an die Ersatzbatterien. Und die Batterien der Ersatz-Stirnlampe waren kleiner, Größe AAA. Du kannst machen, was Du willst, Du bekommst die großen AA Batterien da einfach nicht rein.
Ich habe dann den Strahler ausgeschaltet und eine kleine LED eingeschaltet, weil die nur wenig Strom braucht. Dafür war noch ein wenig Reserve da, aber die Nacht wurde fortan deutlich dunkler und ich durfte mir den Satz ins Stammbuch schreiben, dass Ersatzbatterien alleine nicht glücklich machen, es sollten schon die richtigen sein!

Und so ging es weiter, bis ich den Rhein auf der linken Seite hatte und den langen Zaun der BAYER-Werke auf der rechten Seite, ganz lang weiter.
Dann aber endete der immer schlechter werdende Weg im Rhein, einfach so.

Ich hätte nie gedacht, dass das BAYER-Gelände doch so groß ist! Wenn Du fast das ganze Gelände zurück laufen musst, dann das Gelände in der Breite abläufst und dann irgendwann das Gelände auf der anderen Seite erneut abtrabst, dann weißt Du, dass dort sehr viele Menschen arbeiten müssen.
Meine Probleme waren dann aber noch nicht vorbei. Die Beschilderung war miserabel, oft hattest Du an einer Kreuzung zwei Fahrradweg-Zeichen, eines nach rechts, eines geradeaus. Dann denkst Du Dir, dass Du durchaus siehst, dass das Fahrradwege sind, aber wohin führen die?
Und wenn dann mal eine Beschilderung nach Ortschaften vorhanden war, dann steht da nicht „Langenfeld“ oder „Hilden“, sondern „Leverkusen-Hitdorf“, „Leverkusen-Opladen“ und andere Teilorte Leverkusens, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.
Wie genau war denn noch einmal die Aufreihung der Teilorte Leverkusens gewesen?

Ich lief wohl kreuz und quer in dieser Zeit und deshalb beschloss ich, dem Rhein „Lebewohl“ zu sagen und dem ausgedruckten Plan zu folgen, den ich dabei hatte. Aber ich war ganz woanders und musste erst einmal einen Punkt finden, der auf der Liste verzeichnet war. Zwei „Red Bull“ Dosen halfen mir durch die erste Hälfte der Nacht, zudem leerte ich eine große Flasche Apfelschorle. Der Kioskbesitzer, ein Perser, war nett und füllte sogar meinen Camelback mit frischem Wasser. Später dann half mir ein ganzer Liter „Take Off“, auch so ein Energy-Drink, durch die zweite Nachthälfte.

Wenn Du um 2.00 Uhr, 3.00 Uhr oder 4.00 Uhr auf der Straße jemanden etwas fragst, dann realisierst Du, dass zu dieser Zeit jeder betrunken ist. Bei unseren Nachtläufen fällt das kaum auf, weil die Menschen um Dich herum auch Läufer sind, die Wege markiert sind und die Zaungäste nur klatschen. Reden tust Du mit denen ja nie. Aber hier war das vollkommen anders. Ich musste wissen, wie ich nach Langenfeld komme, nach Hilden, nach Ratingen und nach Breitscheid.
Wenn die Gefragten noch lallen konnten, dann war ich einigermaßen zufrieden, die Antworten aber waren meist sehr dürftig. Und während ein Russe mich in Russisch zutextete und seine Freundin halb verständlich versuchte, das alles zu übersetzen, was ihr aber nicht gelang, war eine Gruppe von vielleicht 8 oder 10 jungen Leuten in Langenfeld, die auf einer Empore saßen, schon kreativer. Der erste hielt mir eine Whiskey-Flasche vor die Nase und fragte mich, ob ich etwas Whiskey haben wolle, der zweite empfahl mir „Berentzen musst Du trinken!“ und ich weiß nicht, welche Angebote ich noch bekommen hätte, wenn ich das alles nicht unterbrochen hätte.
Manche bezeichneten mich als Alien, wahrscheinlich wegen der Stirnlampe, andere als Schneemann und einer fragte mich verwundert, ob ich den Lauf „als Sport“ machen würde. Ich denke, er war in Sorge, ich könnte antworten, dass ich mir das Busticket durch die Nacht nicht leisten könne.

Dem Gefragten in Ratingen war meine Frage, wie ich von Ratingen denn nach Ratingen-Breitscheid kommen würde, einfach noch zu früh am Morgen und die Frau, die ich danach ansprach, sagte, dass „da vorne links“ der Busbahnhof sei und dort solle ich den Bus nehmen.
Dort, es war dann der Ostbahnhof, habe ich einen Taxifahrer nach dem Weg gefragt, den er mir zuerst gar nicht und dann falsch erklärte. Zudem bemerkte er: „Das ist aber weit! Mindestens 10 Kilometer!“ Aber ich wollte nun wirklich nicht Taxi fahren und obwohl er mir zwei Kreuzungen weit folgte, verirrte ich mich nicht in sein Taxi. Irgendwann gab er entnervt auf und ließ mich weiter ziehen, zum Glück gab es dann irgendwann einen detaillieren Stadtplan von Ratingen, an den ich mich halten konnte.

Gerade war ich auf der Mülheimer Straße aus Ratingen heraus gelaufen, rief mich Susanne Alexi an, um nachzufragen, wo ich denn bliebe. Ich hatte ja gesagt, dass ich um 8 Uhr beim gemeinsamen Frühstück vor Ort sein wolle. Sie gab mich dann weiter an Stefan, der mir den weiteren Weg erklärte. Also erst nach Breitscheid herein bis zum Kreisverkehr mit den beiden Tankstellen und dann noch einen Kilometer bis zu einer skurrilen modernen Kirche, die als rote Pyramide ausgebildet war. Dort hat Stefan mich abgeholt und ist als Radbegleitung mit mir den letzten Kilometer durch das Wohngebiet geradelt.

Dort, auf dem Sportplatz von Breitscheid, gab es dann den „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ Empfang, Frühstück, nette Gespräche und ein Nickerchen für mich. Lust auf einen Marathon, Lust auf meine „Nummer 99“, hatte ich aber nicht mehr.

Als die Sonne dann wärmte, lief ich mit Susanne Alexi und Joachim Siller eine 5.000 Meter „Ehrenrunde“, eine Runde, für die ich wirklich reichlich Anlauf genommen hatte.

Und da waren noch die Gespräche mit Sigi Bullig, der mich nicht nur mit einem Altbier verwöhnte, sondern mir auch einen Schlafsack um die Schultern legte, weil er sah, wie sehr ich fror und die mit Bernd Nuss, mit dem ich über seinen Geburtstagslauf „Rund um den Seilersee“ geredet habe, über den heftigen Regen in der damaligen Nacht, über Jeffrey Norris, den ich dort zum ersten Mal gesehen habe und über Gott und die Welt, eben über all das, was uns Läufer vereint.

Und wieder wurde mir klar, dass wir Ultra-Läufer nie alleine sind und nie alleine laufen: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“

Danke, lieber Bernd Krayer, liebe Susanne Alexi, liebe Breitscheider Freunde, für diese Nacht, für diesen Tag.