Danke für dieses Jahr 2013


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Mein Laufjahr 2013 war ähnlich wie der „Zug des Lebens“ in diesem YouTube-Video.

Ich saß in meinem Abteil und nahm wie jeder andere seinen Weg nimmt, meinen Weg. Dieser führte mich über das India Ultra Race in den indischen Kerala-Bergen, besucht vorwiegend von neuen französischen, belgischen und singapurianischen Freunden, unter anderem nach Andorra, ins österreichische Pitztal, zum schweizer Eiger und zu Günter Kromer ins schöne Baden.
Vor dem TransGranCanaria durfte ich drei Wochen lang auf dieser imposanten Insel Urlaub machen, dann ging mit Frank Nicklisch an und um den Müritz-See, es gab Nachtläufe in der Eifel, auf der berühmten Treppe in Radebeul, bei Gerhard Börner’s JUNUT und auch einige lange Nächte in England beim Thames Ring Race, dem bisher zeitlich und entfernungsmäßig längsten Lauf meines kleinen Sportler-Lebens.
In Nepal rückte ich menschlich eng mit Henk Sipers zusammen und in Chamonix lernte ich viele Bewohner des Deutschen Hauses entweder besser und näher oder sogar ganz neu kennen. Der Lauf war dabei für mich ein genauso freudig prägendes Erlebnis wie das Erleben dieser wunderbaren Menschen. Noch heute trage ich das rot-weiße UTMB-Bendelchen um mein Handgelenk, um mich ständig an diese vielleicht schönste Woche des Jahres 2013 zu erinnern.

Manch einer von Euch ist in diesem Jahr in mein Abteil eingestiegen, einige haben es aber auch verlassen. Manche haben nur kurz herein geschaut, manche sind gerne darin sitzen geblieben. Jeder, wie er es mag. Gerne hätte ich mein Abteil weiter aufgemacht für den Einen oder Anderen und auch manche hätte ich gerne daran gehindert, mein Abteil zu verlassen, aber im Leben müssen wir alle den Weg gehen, der uns vorbestimmt ist, der für uns gut ist und der uns weiter bringt.

Manch einen habe ich in meinem Abteil ungerecht behandelt, nicht ausreichend gewürdigt oder sogar seine Erwartungen nicht erfüllen können oder wollen. Ich bin jedoch dankbar, dass es einige von Euch gab, die eingetreten sind und noch immer in meinem Abteil verweilen und die mit ihrer Aufmerksamkeit und Freundlichkeit dieses Abteil wärmen und die damit dafür sorgen, dass ich hoffe, dass es für diese Fahrt niemals ein Ziel, ein Ende geben möge.

Neben den Erfolgen und Glücksgefühlen in diesem Jahr gab es natürlich auch die kleinen und großen Enttäuschungen. Jin Cao und Niels Grimpe-Luhmann haben eine davon aus der Nähe erlebt. Der Darmvirus (Giardia-Lamblia-Infektion), den ich mir aus Nepal mitgebracht habe, hat mir in Andorra und in der Schweiz den Lauf verleidet und mich zum Abbruch gezwungen, im Pitztal habe ich mich deswegen gleich entschlossen, „nur“ den kleineren Lauf zu wagen.

Jetzt schaue ich gespannt aus dem Abteilfenster, strecke meinen Kopf in die Kühle des Fahrtwinds und schaue gespannt und mit Freude nach vorne. Und ich sehe da zuerst den kleinen privaten KoBoLT, den ich mit Andreas Haverkamp gemeinsam rein privat ablaufen werde. Vom 11. Januar auf den 12. Januar sehe ich uns auf dem Rheinsteig zwischen Koblenz und Bonn, die gute Tradition fortsetzend, die wir auf Gran Canaria begonnen und mit dem kompletten Hermannsweg fortgesetzt haben.
Schon kurz danach sehe ich mich unter anderem mit Joe Voglsam um den Neusiedler See laufen, 120 hoffentlich schneereiche Kilometer meist auf österreichischen, teils aber auch auf ungarischem Staatsgebiet. Es wird eine hervorragende Möglichkeit sein, mich bei Joe für die Unterstützung und bei fitRabbit für die zusätzliche Power zu bedanken, die mich schon ein Jahr lang anschiebt und motiviert.

Ein wenig weiter vorne sehe ich dann den hohen und wahrscheinlich tief verschneiten Brocken, auf dem nicht nur die Hexen Walpurgisnacht feiern, sondern wir auch mit einer ganzen Heerschaar an hervorragenden Läufern ein gemeinsames Gipfelfest feiern werden, alles zum Wohl derer, die weniger Glück im Leben haben wie wir.
Und um diesem Gedanken der Nächstenhilfe gerecht zu werden, sehe ich mich im Juli, weit hinter den Läufen auf Gran Canaria, auf dem Hermanns- und dem RheinBurgenWeg, auf dem ich auch 2014 wieder den Einen oder Anderen von Euch begrüßen darf, im Altmühltal und an der Ruhr, hinter dem Trail Yonne im schönen Burgund und dem GUCR im sommerlichen England, eine große Runde um Köln und Koblenz laufen, um erneut Gelder zu sammeln für den Bonner Bunten Kreis, dessen Grenzen sich im neuen Jahr im Norden bis nach Köln und im Süden eben bis nach Koblenz ausdehnen werden. Jeder Euro, der dabei erlaufen werden wird, wird dann vor allem Frühchen und ihren Familien helfen, mit ihrem Schicksal besser umgehen zu können und ein glückliches und normales Leben leben zu können.

Und direkt danach sehe ich schon die hohen Berge Andorras, die Alpen zwischen Sölden und Meran und ganz weit hinten am Horizont sehe ich durch den Dampf der Lokomotive in der Ferne den majestätischen Mont Blanc. In 2014 will ich mir endlich die Finisher-Weste des PTL abholen und das gemeinsam mit Jörg Kornfeld und einer dritten Frau oder einem dritten Mann, die oder der aber bisher noch nicht gefunden sind. Aber es ist hier so romantisch wie bei einer Verlobung: versprochen sind wir schon!

Und auch in 2014 werden wahrscheinlich einige neue Freunde in mein Abteil einsteigen und auch dann werden einige wieder gehen.
Ich aber hoffe, dass Du, der Du Dich im Moment in meinem Abteil befindest, noch ein langes Weilchen bleibst und mich mit Deinen Hinweisen, Deiner Kritik und Deiner Aufmerksamkeit unterstützt.

Ich sage Dir DANKE FÜR DIESES JAHR 2013 und ich wünsche Dir und mir eine GUTE REISE … !

Hoka One One, One

Da war ein Stachel im Fleisch, tief drin, ein wenig schmerzhaft und der musste unbedingt raus. Geholt habe ich mir diesen Stachel in den Jahren 2009 und 2010, vor allem in 2009.
Damals war es mein erster Start beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ und ich wusste noch nicht, wie weh das treppab laufen tun kann!
Und so lief ich, viel zu schnell auf den ersten Runden, Runde um Runde, um nach 60 Runden einfach keine Lust mehr zu haben. Weil meine Gabi aber noch nicht aus dem Hotel zurück war, ließ ich mich erst noch massieren und lief dann noch eine Ehrenrunde, bis sie an die Strecke kam.
Mir ging es gut zu diesem Zeitpunkt, ich hatte allerdings die 60. Runde in einer Zeit bewältigt, die nicht mehr schlechter werden durfte, um noch eine Chance auf den „Gipfelsturm“ zu haben. Und daran hatte ich meine berechtigten Zweifel. Heute weiß ich, dass ich die letzten 40 Runden wohl kaum mehr in den noch verbliebenden 12 Stunden hätte abspulen können.

2010 versuchte ich es erneut. Halbherzig zwar und fast direkt nach dem „Marathon des Sables“. Die Fersen waren noch offen von den Riesenblasen des MdS, es war eine große Dummheit, dort überhaupt wieder zu starten.
Und das tat ich dann 2011 und 2012 auch nicht mehr.

Aber 2013, in dem Jahr, in dem ich vor allem Laufen will, musste es wieder sein. Niemals, dachte ich mir, kann ich diesen Stachel aus dem Fleisch ziehen, wenn ich es nicht 2013 schaffe, also schrieb ich mich ein. Und von da an wurde ich von Tag zu Tag nervöser.
Mit dem Ultra India Race und dem TransGranCanaria, mit dem NEU, dem RheinBurgenWeg-Lauf und dem JUNUT 172  hatte ich eine gute läuferische Grundlage geschaffen, Treppen gelaufen war ich aber – überhaupt nicht!
Noch 2009 war die lange Treppe in den Weinbergen, direkt hinter dem ALDI in Ahrweiler, mein bester Freund. 2013 blieb für dieses Training einfach keine Zeit. 14 Runden auf einer Treppe in Playa des Inglès im Februar gab es, immerhin. Aber sonst – nichts. Die große Leere.

Und wenn man sich unsicher fühlt, dann muss eben das Equipment helfen. Und da sorgte ich mich zuerst um die Schuhe. Ich wollte unbedingt mit neuen, gut gedämpften Tretern nach Radebeul fahren. Aber mit welchen?
Salomon und La Sportiva bauen die Schuhe nur in Kindergrößen, die Auswahl ist also beschränkt.
Aber wozu hat man Freunde? Wozu gibt es „den Dealer“ aus Wattenscheid?
Ein paar Gespräche vor dem RBW, eine Mail danach und ich hatte „my first HOKA“. Hoka One One Stinson EVO zum Ersten, Größe US 13,5, per Post zugestellt zwei Tage vor meiner Abreise nach Radebeul, perfekt abgepasst …Hoka

Ich will noch nichts über diesen Schuh sagen, wenn es bergab geht und Deine Füße stets im Schuh nach vorne drängen, die Zehen und oft auch die Zehennägel bei jedem Schritt bergab vorne im Schuh anstoßen, für die Abstiege auf der Treppe aber waren Hoka One One eine erstklassige Wahl. Es stimmt schon: irgendwie ist Hoka One One laufen wie fliegen!
Und so traute ich mich, diese Herausforderung anzugehen, um diesen Stachel endlich dem Fleisch entreissen zu können.

Natürlich lief ich nicht alleine. „You never walk alone“, in der Ultralauf-Familie schon gar nicht. Dieter Ladegast war da, mit dem ich erst eine Woche vorher mit dem JUNUT gemeinsame Veranstaltung teilen durfte. Er lief dort 101 Kilometer, ich ja 172,7 Kilometer. Sein Freund und Dauerbegleiter Hartmut Lindner war ebenfalls da. Auch er lief eine Woche zuvor noch beim JUNUT mit, er allerdings gönnte sich die gesamten 230 Kilometer des Jurasteigs.
Beide liefen ein grandioses Rennen, lagen lange hinter mir, um mir dann zu zeigen, dass es eine bessere Renneinteilung gibt wie die, die ich gewählt hatte. Vielleicht aber lag das aber auch nur an der Kiste alkoholfreien Weizenbiers, die die beiden während der 24-stündigen Veranstaltung geleert haben.

Und da waren auch Kristina Tille und Andreas Geyer, mit denen ich nicht nur zwei Wochen zuvor den RheinBurgenWeg-Lauf bestritten hatte, sondern die auch bei dem schwierigen Parcours des TransGranCanaria dabei waren. Beim TransGranCanaria 2012 liefen die beiden mich noch in Grund und Boden, 2013 überholte ich beide schon kurz hinter Garanon.
Weil aber jedes Rennen anders ist, hat Tini beim Treppenmarathon mit dem Streckenrekord für Frauen gezeigt, welche läuferische Klasse sie verkörpert, Andy musste schon in der Nacht mit Magenproblemen ausscheiden. Das aber hatte auch etwas Gutes: bei der Siegerehrung gab es wunderschöne Fotos von beiden.
Liebe kann doch wirklich sehr schön sein …
TiniAuch Matthias Becker aus dem badischen Biberach im Kinzigtal war da. Auf ihn freute ich mich deshalb besonders, weil ich ihn schon lange Zeit nicht mehr gesehen hatte. Und in dieser langen Zeit ist vieles passiert. Matthias wurde zum zweiten Mal Vater, er lief den Deutschlandlauf ein zweites Mal und er stoppte auch beim Treppenmaraton erst, als nach 116 Runden die 24 Stunden fast abgelaufen waren.
Nee, das wäre gar nichts für mich. Nicht eine einzige Runde mehr als die geforderten 100 Runden, Überstunden schieben ist in meinem Plan nicht angelegt.

Ingolf Löhne war auch da und er konnte die 100 Runden noch kurz vor Toreschluss finishen. Er brauchte nicht einmal den kleinen „Pufferzuschlag“, den Du dann bekommst, wenn Du vor dem Ende der 24 Stunden 99 Runden geschafft hast und auf Deiner 100. Runde bist. Diese darf dann, entgegen den üblichen 24-h Läufen, noch zu Ende gelaufen werden. Brauchte er aber nicht, alles prima.

Als der Lauf am Samstag um 16 Uhr begann war die Wettergöttin mit uns. Es war nicht kalt, aber eben auch nicht warm. Und es war trocken, ein richtig gutes Läuferwetter eben. Auch die Nacht war perfekt, nicht allzu kalt. Beim NEU hatte es noch geschneit in der Nacht, beim RheinBurgenWeg-Lauf eine Woche später froren wir bei Temperaturen um den Nullpunkt, beim JUNUT sah vieles schon besser aus. In Radebeul aber waren die Nachttemperaturen optimal für uns.
Das aber änderte sich schon am frühen Sonntagvormittag. Die Sonne brannte auf die Strecke und machte uns Stunde um Stunde das Laufen schwerer. Ein derber Sonnenbrand im Gesicht sorgte dann ein paar Tage lang bei mir dafür, dass sich ständig Hautpartien im Stirn- und Gesichtsbereich verabschiedeten.
IMG_5166Was treibt einen Menschen an, sich bei solch einem Rennen einzuschreiben?
Dieser Lauf ist wirklich nicht für normale Läufer gemacht. Schon die nackten Zahlen beeindrucken:

39.700 Stufen aufwärts
39.700 Stufen abwärts
8.848 positive Höhenmeter
84,4 km Laufdistanz
24 Stunden Maximalzeit

Ich wusste ja, dass es schon einige aus unserer Ultralauf-Familie gibt, deren Namen in ein Messingschild graviert ist, das auf dem „Gipfelkreuz“ festgeschraubt wurde. Ich betrat also kein „Neuland“, ich wusste aber, dass es die größten Probleme durch das zu schnelle Herunterspringen auf den Treppen gibt. Und das hat sich mehr als bewahrheitet. Nach vielleicht 20 Stunden gab es Läufer, die die Stufen nur noch rückwärts hinunter gehen konnten, ich sah schmerzverzerrte Gesichter und Teilnehmer, die so leer waren, dass ihnen nur noch die Aufgabe übrig blieb.
Messing
60 Starter im „Alleingang“, wie die Einzelläufer heißen, standen auf der Liste, nur 58 davon sind auch tatsächlich gestartet. 28 davon haben die 100 Runden geschafft, 2 Frauen, 26 Männer. Und manche von denen, die es deutlich nicht geschafft haben, erzählten mir, dass sie vor allem schlecht durch die Nacht kamen.
Ein weiterer Grund, ein Stoßgebet nach oben zu richten. Wie richtig war es doch, das „eine Nacht durchmachen“ zu trainieren, beim NEU, beim RBW, beim JUNUT.

Interessant war für mich am Ende schon, dass jeder Teilnehmer andere Probleme hatte. Ich zum Beispiel kam die Treppe nicht mehr rauf. Treppab tippelte ich fast noch wie zu Beginn leichtfüßig hinab und ließ vor allem die „Problemkinder“ locker hinter mir. Bei dem Asphaltstück, ca. 150 Meter leicht bergab, kam jeder noch einigermaßen klar, diese Passage zurück aber zeigte schon deutlich den körperlichen Zustand der einzelnen Läufer. Und dann, treppauf, gab ich den in dieser Runde gewonnenen Vorsprung auch gleich wieder ab.
Aber es ging tatsächlich bergauf fast nichts mehr bei mir.
Irgendwann half mit dann ein Plättchen Traubenzucker, aber die gute hochgerechnete Zeit, die ich noch lange erträumte, schwand zusehends. Irgendwann war es mir zum Beispiel nicht mehr möglich, die Lücke zu Dieter und Hartmut zu schließen, die sich aufgetan hatte, nachdem die beiden irgendwann die Runde Rückstand, die sie hatten, aufgeholt hatten und mich überholten.
Und die Lücke wuchs und wuchs und wurde zu einer Runde Vorsprung, zu zwei Runden, zu drei …

In dieser Phase änderte ich meine Ziele deutlich nach unten und wollte nur noch finishen. Und ich begann zu rechnen. Mal blieben mir noch 17 1/2 Minuten pro Runde, das wurde dann auf 18 Minuten ausgebaut und so richtig beruhigt und sicher, dass ich es packen würde, war ich, als ich rechnerisch noch 20 Minuten für jede weitere Runde gehabt hätte. So viel konnte einfach nicht mehr schief gehen, dass ich so lange gebraucht hätte.

Treppenmarathon 2013 fotografiert von Mirko Leffler_1Aber ohne drei Motivatoren hätte ich mich wohl nicht so willensstark gezeigt. Der erste Motivator war das stets gefüllte Weizenbierglas, das Dieters Frau immer hielt, kombiniert mit Dieters Aussage, ich könne ruhig mal aus seinem Glas trinken. Ich tat es drei Mal – und jedesmal löste das alkoholfreie Weizenbier einen kleinen Schub in mir aus. Auf seine Weise war „Maisel`s Weisse alkoholfrei“ schon etwas wirklich Gutes.

Der zweite Motivator war der ewig positive Mirko Leffler. Ich freue mich sowieso immer, wenn ich ihn sehe, was aber nicht allzu häufig vorkommt. Das nächste Mal wird das wohl beim „Borderland Ultra“ sein, einen Tag nach unserer Landung aus Nepal. Und dass ich ihn und auch Ulf Kühne vorhin nicht erwähnt habe, lag einfach daran, dass die beiden in sogenannten „Dreier-Seilschaften“, also in Dreierteams, liefen. Und da hatte ich vorab nicht auf die Teilnehmerlisten gesehen und beim Start war Mirko auch noch nicht da, die Dreier-Seilschaften starten ja deutlich später. Mirko war natürlich viel schneller als ich, er warf mir aber immer, wenn er an der Reihe war, zu laufen, einen hochgereckten Daumen und ein aufmunterndes „Du packst das!“ zu.
Bei so viel Zuversicht konnte ich gar nicht anders, als diese Erwartungshaltung zu erfüllen.

Der dritte Motivator war, wie sollte es anders sein, meine Gabi, die, außer in der Zeit der Bettruhe im Hotel, eifrig an der Seite ausgeharrt hatte. Hin und wieder hatte sie die Kamera gezückt, um Fotos zu schießen, hin und wieder hielt sie mir aber auch ein Schälchen mit frischem Obst, ein Becher mit Getränken oder ein Tellerchen Nudeln mit Tomatensauce hin, damit ich nicht die Laufstrecke verlassen musste, um mich im Zelt zu bedienen.
Das kostet ja alles Zeit und bringt mich aus dem Trott. Dann lieber mit dem Tellerchen Nudeln langsam gehend essen. Die wenigen Ausschläge in den Rundenzeiten nach unten sind Belege für diese Essensrunden.
Treppenmarathon 2013 fotografiert von Mirko Leffler_2Und dann irgendwann, nein, nicht irgendwann, sondern nach echten 99 und gefühlten 150 Runden, kommen dann Deine beiden letzten Runde. Ich sah auf die Uhr und bemerkte, dass ich wenigstens noch unter der 23-Stunden-Marke abschließen könnte, also mussten die beiden Runden etwas schneller gelaufen werden. Zur Sicherheit.
Am Ende hätte ich sogar noch mehr als fünf Minuten langsamer sein können und hätte immer noch eine „22“ vorne gehabt. Immerhin.
Anfangs war es sowieso nur mein Ziel gewesen, diesen Stachel der Vergangenheit aus dem Körper zu ziehen, das Ding zu finishen und keinen Moment an Resultate oder Zeiten zu denken. Im Laufe des Rennens änderte sich das dann aber hin und auch wieder her.

Und wie glücklich ich mit diesem Resultat bin, belegen auch meine vielen Tränen, die sich bereits in der letzten Runde unaufhörlich über die Wangen ergossen, dann wieder mal aufhörten, neu kamen und richtig stark wurden, nachdem ich die Ziellinie endgültig und letztmalig überschritt.
Um es mit Steve Martin in „Reichtum ist keine Schande“ zu sagen: Jetzt ist mein Name auch auf einem Messingplättchen auf dem Gipfelkreuz.
„Jetzt bin ich wer!“
Reichtum

Nur eineinhalb RBW’s …

Warum es dort nicht zwei RBWs wurden, sondern nur eineinhalb davon, davon erzähle ich das nächste Mal …“ schrieb ich am 17. April. Jetzt haben wir schon den Wonnemonat Mai und ich bin vielleicht der Letzte, der über den JUNUT berichtet.
Und wenn man schon der Letzte ist, dann sind viele Dinge schon bekannt.
Ich verzichte also darauf, den großartigen Jin als Sieger zu portraitieren und die einzelnen Streckenabschnitte detailliert zu beschreiben. Das ist sowieso nie meine Stärke gewesen.

Es war Ende August 2012, ich war für THE NORTH FACE reportierend als Blogger unterwegs und da traf ich den sichtlich geknickten Gerhard Börner. Sein Team beim PTL, dem kleinen Spaziergang des Léon, war auseinander gebrochen und dieser Umstand hat, gepaart mit Übermüdung und Weltschmerz, auch seinen Willen gebrochen, sich einem neuen Team anzuschließen und den Rest der Strecke mit den neuen Laufpartnern zu meistern.
Wir alle kennen zu gut, wie schnell der Wille weg sein kann, wenn aus der euphorischen Begeisterung Frust und Enttäuschung wird. Sich da wieder aufzurappeln ist so unendlich schwer, bei meiner eigenen Teilnahme am PTL 2010 war es ja ähnlich gewesen.
Gerhard stand nun da und fragte mich, ob ich denn beim JUNUT 2013 dabei wäre. Es würde auch eine Zeitverlängerung und wahrscheinlich auch kürzere Strecken geben … Die kürzeren Strecken haben mich nicht motiviert, die Zeitverlängerung jedoch schon, also sagte ich dort in Chamonix gerne zu.
JunutEigentlich wollte ich den JUNUT nach dem wenig glücklichen Verlauf 2012 nicht erneut angehen, zu gut erinnere ich mich daran, wie wir ständige Not mit den Cut-Off Zeiten hatten. War noch in der ersten Nacht ein einigermaßen großes Polster vorhanden, das ich unsinnigerweise dann schlafend in der Feuerwehrstation vergeudete, am folgenden Morgen und Tag wurde dann der Puffer jedoch klein und kleiner.
Am Ende bin ich in netter Begleitung auf Anraten von Gerhard einen Bogen den Fluss entlang gelaufen. Es sollte eine kleine Verkürzung sein, die vor allem Zeit einsparen sollte, damit wir sicher wieder auf Kurs kommen würden.

Den Fluss entlang gehen klingt dabei einfach, aber wir haben es tatsächlich geschafft, bei einer Gabelung den falschen Fluss zu nehmen und wir wären, wenn Max Schiefele uns nicht angerufen und von seinem Ausstieg berichtet hätte, wohl noch bis Tschechien falsch gelaufen.
Als Max anrief und fragte, wo wir denn wären, waren wir gerade beim Ortseingangschild eines kleinen Städtchens und diesen Ortsnamen nannte ich ihm.
„Das kann nicht sein!“ antwortete er darauf hin. Aber ich kann doch lesen!
Es konnte also doch sein und wir waren im falschen Tal und wir hätten keine Chance mehr gehabt, den nächsten Verpflegungspunkt innerhalb der gesetzten Zeit zu erreichen, also ließen wir uns von Max abholen und beerdigten Lauf und Ambitionen.
Für immer.

Und nun doch der JUNUT 2013? Versprochen ist versprochen, aber mein Fokus im April, in meinem „Monat der Wahrheit“, lag eindeutig auf dem „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“, den ich unbedingt schaffen wollte.
Einen Fehlversuch mit einem Ausstieg im Morgengrauen nach 61 Runden 2009 und eine vollkommen blöde Idee, nur 14 Tage nach dem Marathon des Sables 2010 dort mit wunden Füßen die Treppen zu laufen, hatte ich schon hinter mir. Und das Wissen, dass dieser Lauf vollkommen abgedreht und verrückt ist.
Aber die Namen der Finisher werden alle auf einer kleinen Messingplatte auf dem Gipfelkreuz verzeichnet – und da wollte ich drauf. Nein, ich musste da einfach drauf.
Und in die Vorbereitung für solch einen verrückten Lauf gehört auch, dass Du das Laufen durch die Nacht trainierst. Ich hatte das seit dem Herbst nicht mehr gemacht und fand, dass es eine gute Sache wäre, vier Wochenenden hintereinander einmal die Nacht zum Tag zu machen, erst eben beim NEU, dann verdoppelt beim RheinBurgenWeg-Lauf (RBW), dann beim JUNUT 230 und anschließend eben auf „der“ Treppe.
Junut3Für mich ist ein Lauf wie der JUNUT, der sich schon im zweiten Jahr seiner offiziellen Austragung zum echten Kultlauf entwickelt hat, schon deshalb fast ein „MUSS“, weil es die beste Gelegenheit ist, die anderen Familienmitglieder wieder zu sehen. Bei den ganz großen Events wie dem UTMB sind die zwar auch alle da, aber sie sind eingerahmt in viele Hundert oder viele Tausend anderer Läufer. Richtig heimelig wird es deshalb dort vor dem Start nur bedingt.
Bei den kleineren Kultläufen wie der TorTour de Ruhr (TTdR) oder eben dem JUNUT sind auch alle am Start, aber es ist gewissermaßen die Essenz der Ultraläufer, ein „großes Freundepaket mit Schleife“ gewissermaßen.

Und ich freue mich schon deshalb auf den JUNUT, weil ich natürlich auch einen Blick in die Teilnehmerliste geworfen hatte. Was wären diese Läufe, wenn man nur hinfahren würde, um zu laufen? Es sind doch gerade die Stunden vor dem Start, die diese Läufe zum Kultlauf erheben!
Nun aufzuzählen, auf wen ich mich besonders gefreut habe, wäre zu aufwändig und im Zweifel dann sicher unvollständig, es ist aber so, dass mir die 18 Stunden vor dem Start tatsächlich viel gegeben haben.
Nur in solch einem Kreis kann ich mein normales Leben komplett vergessen und für einige Tage oder Stunden nur Läufer sein. Und dann gibt es für mich keine Bindung mehr an das Büro oder das Unternehmen, nicht an die Heimat, die Familie oder das normale Lebensumfeld.
Dort bin ich Läufer, dort darf ich es sein.
Junut4
Was Gerhard Börner mit seiner Frau und seinem Team, das zum Gutteil aus Verwandten und Freunden besteht, da mittlerweile auf die Beine stellt ist mehr als beachtlich. Schon der Umstand, dass es eine eigene App für Android und iPhone dafür gibt, ist bemerkenswert! Und auch die Pastaparty am Vorabend des Starts ist vorbildlich. Nicht nur, dass Vegetarier auch dort etwas für sich finden, es gab drei verschiedene Nudeln und das mit verschiedenen Soßen, für mich eben mit einer hervorragenden Pestosauce, etliche wirklich leckere Salate dazu und das Ganze in einem räumlichen Umfeld, das fränkische Gemütlichkeit ausstrahlt.

Das Starterpaket lässt auch keine Wünsche offen, beginnend mit einem wertvollen RaidLight Langarmshirt bis hin zu einem farbenfrohen Buff wird der Startnummer im Beutel nicht langweilig und einsam ist sie darin auch nicht.

Fränkische Gemütlichkeit gab es auch, als ich mit Guido Huwiler auf dem längsten Etappenstück unterwegs war. Es war recht warm und schwül und unser Getränkevorrat nahm besorgniserregend ab, also fragten wir eine Dame, die eifrig mit dem Unkraut im Vorgarten ihres großzügigen Hauses beschäftigt war, nach etwas Wasser.
Sie war enorm besorgt um uns, bat uns in die gute, perfekt aufgeräumte Stube, entschuldigte sich vielmals, dass sie nicht aufgeräumt hätte, obgleich es super sauber und sehr aufgeräumt aussah, nahm uns das schlechte Gewissen wegen der schmutzigen Schuhe und wir füllten zuerst nur das Wasser auf. Dann bot sie uns einen köstlichen Apfelsaft an, den wir zum Wasser mischten und auch direkt tranken und wenn ich ihr gesagt hätte, dass wir auch hungrig wären, dann hätte sie uns sicherlich auch noch einen „Stammen Max“ gemacht. Oder eine Pizza, ganz nach Belieben.
Bei ihr „einzukehren“ war ein kleines Highlight, eine Oase der Frische und der Freundlichkeit.
Vielen Dank auch von dieser Stelle aus dafür.
Junut2
Der Lauf selbst ist vor allem in der ersten Streckenhälfte interessant. Natürlich vermisse ich die großen Höhen, die weiten Ausblicke und das schroffe Gestein. Der fränkische Jura ist halt kein Tramuntana-Gebirge, kein Gran Canaria, er ist nicht die Alpen, aber es gibt doch das eine oder andere Kleinod, die eine oder andere wunderschöne Klamm, ein romantisches Schloss hier, eine tolle Waldpassage dort.
Später dann, wenn die Hügel niedriger werden, nehmen aber auch die Augenweiden ab, leider.
Das beginnt in etwa ab dem Kilometer 130 und das ist dann der Zeitpunkt, an dem ich darüber geschimpft habe, dass ein Weglein von der Straße ein wenig nach oben und dann wieder zur Straße zurück geführt wird, obwohl da so gar nichts zu sehen oder zu erleben war. Ich haderte und zeterte und war wohl meinem Laufpartner Wolfgang gegenüber ein, zum Glück einigermaßen gebändigtes, Rumpelstilzchen …
Und es ist auch der Zeitpunkt, an dem ich zu rechnen begann. Dass Gerhard uns Läufern die Möglichkeit anbot, bei 101 Kilometern und bei 172,7 Kilometern auszusteigen und dann in der 101er bzw. 172er Finisherliste geführt zu werden, ist eine tolle Sache. Es ist aber auch ein „süßes Gift“, wie ich das gelegentlich nenne. Und an diesem „süßen Gift“ habe ich mich schon vor dem JUNUT vier Mal verschluckt, zwei Mal beim Swiss Alpine, wo ich den Ausweich C42 genommen habe und auch zwei Mal beim Röntgenlauf, den ich dank der gebotenen Müglichkeit nach der Marathonstrecke verlassen habe.

Sicherlich hätte ich mich auch zum JUNUT 230 quälen können, immerhin hatte ich noch fast 20 Stunden Zeit für die fehlenden 60 Kilometer. Aber ich hatte eben die Lust verloren, meine Geschwindigkeit grenzte gegen Null und ich hatte ständig die Überlegung im Kopf, die mir sagte, dass bei 172,7 Kilometern aussteigen bedeutet, am Samstagabend im Hotelzimmer zu sein und dass ich dann am Sonntag frei hätte und regenerieren könnte.
Angesichts des Starts des „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ am darauf folgenden Samstagnachmittag war das schon eine verlockende Perspektive. Sechs Tage sind eben doch viel mehr als nur fünf Tage. Zudem kam, dass ich bei einer kompletten Beendigung des JUNUT 230 erst einmal hätte schlafen müssen und ich so mit der frei gewordenen Zeit wunderbar agieren konnte.

Am nächsten Tag, dem frühen Vormittag des Sonntag, war ich noch einmal beim Orga-Team in Dietfurt in der Turnhalle. Ich verabschiedete mich von allen, die noch oder schon da waren, ich konnte auch noch kurz den Sieger des Events, Jin Cao, herzen und drücken und ich bin mit einem guten Gefühl gefahren.

Der JUNUT ist und bleibt ein Kultlauf, bestens organisiert und als Event ein echtes Erlebnis.
Ob ich aber 2014 wieder an den Start gehen werde?
Man soll ja niemals „nie“ sagen …

Ein halber RBW, ein ganzer RBW und nun noch eineinhalb davon …

Ostersamstag, 21 Uhr in Düren auf dem Annakirmesplatz.

Es war der Beginn des NEU, des regelmäßig von Stefan Vilvo initiierten und organisierten „Nord Eifel Ultra“, am Osterwochenende erstmals als Nachtausgabe durchgeführt. Eine kleine Truppe Laufwilliger hatte sich zusammen gefunden, um gemeinsam durch die kalte und verschneite Nacht zu laufen.
Schlafen, sagt man ja, wird im Allgemeinen häufig überbewertet.
Und ein Lauf über 56 K mit ein paar Höhenmetern ist ja für uns in der „Familie“ auch kein Grund, uns darauf langfristig vorzubereiten. Training, sagt man ja auch, wird ja ebenfalls im Allgemeinen überbewertet.
Ich meldete mich also erst am Donnerstagabend per eMail dort an. Aber Stefan, der mich ja noch vom NEU Anfang 2011 kannte, ist flexibel und freut sich über jeden, den seine Eltern als Versorger und Fahrer / Fahrerin des Begleitfahrzeugs verwöhnen dürfen.
Und der Lauf passte optimal zu meinen Vorstellungen der Vorbereitungen für diesen „April der Wahrheit“. Ich konnte mal wieder durch die Nacht laufen, was mir in näherer Zukunft des öfteren droht, die Strecke ist nicht allzu kurz und nicht allzu flach, Düren ist noch fast in der Nachbarschaft, alles perfekt.Wenn Du 56 Kilometer gemeinsam durch die Nacht läufst und einigermaßen in der „Familie“ vernetzt bist, dann kennst Du am Anfang zwar noch kaum einen, am Ende aber, wenn am nächsten Morgen die Nacht geht, dann sieht das ganz anders aus.
Dabei ist es ja auch recht hilfreich, wenn manche Mitläufer Dir durch Wimpel oder Buttons dezente Hinweise geben, wo sie denn her kommen. Der „Wat läuft?“ – Button von Tatjana war so ein Hinweis, ein idealer Einstieg in eine immer interessantere Kommunikation. Wer mit einem „Wat läuft?“ – Button rumläuft, dachte ich, und zudem Ultraläufer ist, der kann nicht verkehrt sein. Wie wahr.

Manche der Läufer sah ich schon bei der Schlammschlacht des „Ebberg brutal“ der Endorphinjunkies aus Dortmund, eine gesprächsreiche und nette Nacht unter Gleichgesinnten war also garantiert, schade war nur, dass auch die einmal endete. Ich wäre gerne noch ein paar Stunden länger gelaufen, bei idealen äußeren Bedingungen, leichtem Schneefall, durch Nebel getrübter Fernsicht und teils glitschigem Boden. Aber wer achtet denn auf solche Details, schon gar nicht nach der Strecke des „Ebberg brutal“, nach der selbst ein „StrongManRun“ oder ein „Braveheart Battle“ zum Muskelentlastungsprogramm zählen würden.
Einer der „NEU-linge“, wie Stefan Vilvo seine Gäste liebevoll nennt, Daniel, wurde auch spontan noch ein Nachrücker für den „3. RheinBurgenWeg-Lauf 2013“ (RBW).
Am Ende des NEU sagte ich dann zu den absolvierten 56 K mit knapp 2.000 HM, dass ich das jetzt jede Woche verdoppeln wolle.

Der NEU war also ein halber RBW. Aus 56 K dort sollten also 110 K beim RBW werden und aus knapp 2.000 HM sollten ca. 4.000 HM werden. Und dann war er auch schon da, er erste schwierige Lauf im „April der Wahrheit“.
Schon die Tage zuvor waren recht hektisch, obwohl ich außer etwas Facebook-Arbeit mich im Wesentlichen nur um den 1. Verpflegungspunkt zu kümmern hatte. Aber auch das war schon viel für mich, aber wozu hat man denn Freunde? HHZwei Engel flogen also vom Himmel herunter, Engel in Form von Helmut Hanner und Annett Gottschling, beides Sportler, er sogar RBW-erfahren. Die beiden boten sich an, den VP1 mit Leben zu erfüllen, den Läufern dort die Brote zu schmieren, die Schnürsenkel zu binden und eben alles dafür zu tun, dass die 34 Läufer, die wir in drei Gruppen (schnell, schneller, noch schneller) eingeteilt hatten, müde in den VP 1 kamen, ihn aber allesamt vergnügt, gestärkt und neu motiviert verließen.
Die beiden haben einen Sonderapplaus verdient und die Gespräche mit Helmut vor dem Event haben mich oft sehr bewegt, weil ich einen Menschen entdeckt habe, der alles andere als grobgliedrig strukturiert ist, klare und gute Werte vertritt und mit dem es einfach Spaß macht, zu reden.
Aber als „Kölscher“ aus der schönsten Stadt der Welt war das ja eigentlich klar. RBWZwei Übernachtungsgäste hatte ich am Freitagabend vor dem Event, Rolli und Stefan. Und ich war Strohwitwer. Ich kann zwar einigermaßen kochen, aber „für Publikum“ hatte ich es noch nicht gemacht. Ich entschied mich getreu dem, dass man ja eine „Pasta-Party“ vor dem Lauf machen sollte – auf Reis mit einer scharfen vegetarischen Tomatensauce, auf Spiegelei und auf angebratenen Tofu.
Später dachte ich mir, ich hätte besser noch gestückelte Paprika zum Tofu dazu geben sollen … beim nächsten Mal wird auch da alles anders.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, duschte, kümmerte mich um mich und die Laufvorbereitung, machte Tee für drei vorbereitete Teekannen, natürlich ungesüßt, „Spanischer Caluna“ Tee, Orange – Traube, fruchtig und leicht süßlich. Dann weckte ich die Rolli und Stefan, wir fuhren nach Koblenz zum Hauptbahnhof und warteten auf die Ankunft des ersten Zuges, die beiden gönnten sich dort ein Frühstück, ich vergaß zu essen. Später dann, in etwa bei km 30, erinnerte mich mein Magen daran, dass ich doch besser etwas gegessen hätte.

Ich liebe beim RBW die drei Verpflegungspunkte, allen voran natürlich den mittleren, den zweiten VP, der sich auf Schloss Rheinfels befindet. Was die Gourmet-Köche des Restaurants Schloss Rheinfels da immer wieder zaubern ist fantastisch. Purer Luxus, da will man am liebsten gar nicht wieder weg!
„Wohlfühlhotel Nr. 1“ heißt es verdientermaßen dort, aber wir können unsere müden Körper dort nicht zu Bette legen, von dort aus geht es wieder weiter in die Nacht hinein. RheinfelsWir laufen den RheinBurgenWeg ja seit drei Jahren in jeweils drei unterschiedlich schnellen Gruppen und es ist meiner Langsamkeit zu verdanken, dass ich stets die größte Gruppe leiten darf, die sich 22 Stunden Zeit für diese 110 K nehmen will. 2003 haben wir es im Wesentlichen in 20 Stunden geschafft, aber auch die beiden schnelleren Gruppen hielten sich nicht ganz an den Zeitplan.

Nach ein paar Minuten Dösen in der Sporthalle in Bingen und nach einer heißen und erfrischenden Dusche fuhren wir alle wieder an den Rhein zum Frühstück. Das war ja auch so weit, ein Kilometer, mindestens. Ultraläufern, die gerade 110 K hinter sich gebracht haben, ist das definitiv nicht zuzumuten.
Fast alle der 34 Läuferinnen und Läufer kamen mit zum Frühstück und es gab neben den Urkunden auch als Medaillen die originalen gelben Zubringerschilder zum RBW, aufgehängt an einem bordeauxroten Band, ganz edel.
Für die Urkunden und die Medaillen ist bei uns stets Axel verantwortlich, der da auch sein ganzes Herzblut hinein gibt. Die Urkunden tragen sogar die Startfotos der drei Gruppen! Gut, dass Axel wie die Läufer auch nicht an Schlaf in der Nacht denkt.
Schlafen wird im Allgemeinen ja auch überbewertet.
Dieser Lauf wäre ohne ihn gar nicht denkbar.

Und dann wollte und sollte ich das noch einmal verdoppeln, denn dann kam er auch schon, der JUNUT, der Jurasteig. Warum es dort nicht zwei RBWs wurden, sondern nur eineinhalb davon, davon erzähle ich das nächste Mal …

New 60 K extreme – Mount Everest Extreme Ultra Marathon

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(Link zur Eventseite)

Schon seit Jahren war der „Mount Everest Marathon“ eines meiner Lauf-Lebensträume. Ich war in diesen Lauf schon verliebt, als ich von einer Mitte 50 Jahre alten Dame von der anderen Rheinseite gelesen habe, die ihn erfolgreich hinter sich gebracht hat. Langsam, aber immerhin.

Sie beschrieb in dem Presseartikel, dass sie mit einer Gruppe von 30 Läufern nach Kathmandu kam. Von diesen 30 Läufern haben es aber nur knapp über 20 überhaupt bis zum Basecamp 1 des Mount Everest, dem Start des Marathons, geschafft. Und nur 14 haben letztendlich das Ziel erreicht.
Manche hatte die Höhenkrankheit ereilt, andere hatten Probleme mit dem Magen. Diese Probleme mit dem Magen sind übrigens auch Ursache dafür, dass auch bei den Mount Everest Besteigern viele schon krank zu dieser Expedition aufbrechen.
Vernünftigerweise sollten diese Menschen gar nicht starten, weil das Wasser, das sie getrunken haben, belastet war, weil der Salat, der mit unsauberem Wasser gewaschen wurde, zu Brechreiz geführt hat oder weil schlicht das Fleisch oder die Eiscreme krank gemacht haben. Aber man startet dann doch, bei einer Mount Everest Besteigung, für die man alleine für das Permit schon 10.000 USD bezahlt hat und die weiteren Startkosten mit weiteren, mindestens den doppelten Kosten dieses Betrags, zu Buche schlugen, sowieso.

Den nächsten Kick bekam ich dann vorletztes Jahr, als wir mit Jeffrey Norris in Brugg/CH beim 24-Stunden Lauf waren und einer der anderen Guides just dort am höchsten Berg der Welt gewesen war. Er war hellauf begeistert, erzählte auch von dem gemütlichen zweiwöchigen Trecking vor dem Marathon und seine Begeisterung ließ meine Flamme für diesen Bewerb noch höher lodern.

2013 haben dann Julia und Jens Vieler für diesen Bewerb gemeldet und so dachte ich, dass dieses Jahr das richtige Jahr für diesen Trip sein müsste.
Und nun werde ich diesen Marathon doch nicht laufen …

map2013 ist das Jubiläumsjahr dieses Laufs, schon die sechzigste Austragung. Und zum Jubiläum schenkten die Veranstalter uns Teilnehmern eine Wahl, die eigentlich gar keine ist. So wird in diesem Jahr 2013 erstmals ein 60 Kilometer langer „60 K extreme“ Ultra angeboten und Du kannst kostenfrei den Startplatz für den Marathon gegen den beim Ultra eintauschen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich keine zwei Minuten gebraucht habe, um meine Wahl zu treffen.

Start dieses Laufs wird ebenfalls am 29. Mai, dem Tag der Erstbesteigung des Mount Everest, sein, am Basecamp 1 auf 5.364 Metern über dem Meeresspiegel, genauso wie beim Marathon, direkt beim berühmten Khumbu Icefall. Und das Ziel ist dann weit, weit drunten auf 3.720 Metern in Syangboche.
Klingt einfach, bis auf die Höhe, in der gelaufen wird?

Aber schon beim Marathon hast Du neben dem Gefälle auch große, steilere und längere Anstiege zu bewältigen und beim „60 K extreme“ kommt dann noch „the World’s highest uphill trail running section“ von Phortse auf 3.820 Metern bis Nha-La auf 4.440 Metern dazu.
Die gesamte Strecke geht über lange Gletscherwege, teilweise auf der historischen Route des Erstbesteigers Sir Edmund Hillary und seinem Sherpa Late Tenzing Norgay. Näher kann Geschichte kaum sein. Glücklicher kann ein Läufer kaum werden. Aber einfach wird das mit Sicherheit für keinen von uns.

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(Klicken, um den Film von Michele Ufer auf VIMEO zu sehen)

Überhaupt klingt alles an Streckenbeschreibung, das ich bisher gelesen habe, fantastisch. So führt die Strecke „durch einen Rhododendren Wald, einen Hain wilder Orchideen und die malerischsten Landschaften der Welt, die von den legendären Sherpas bewohnt werden“.
Ob ich da vor lauter Fotografieren wirklich noch zu Laufen kommen werde?
Ich denke oft an die beiden Kilimanjaro-Besteigungen, die ich hinter mir habe, „Aufwärmübungen“ eigentlich, weil Du es weder mit Eis noch mit echter Kälte zu tun hast. Die Besteigungen des Rinjani, des Cotopaxi und vor allem des Chimborazo hatten da schon mehr Leistungsbereitschaft abverlangt. Und dennoch war ich nach der Chimborazo-Besteigung ernüchtert. Bei diesem Trip am Gipfeltag starteten wir gegen 1 Uhr in der Nacht und waren erst gegen Mittag wieder im Lager, aber die Uhr stand danach nur auf für uns Läufer lächerlichen 12,5 Kilometern.

Wenn Du beim „Mount Everest Marathon“ zwischen 7 und 8 Stunden benötigst, dann bist Du schon bei den besten Europäern dabei, bis zu 12 Stunden sind dort keine Seltenheit. Noch 18 Kilometer mehr, eben diesen höchstgelegenen Anstieg hinauf und wieder hinunter, das wird schon zu Laufzeiten führen, die wir bei anderen 60 K Läufen nicht kennen.
Aber ich bin gewarnt und werde vorbereitet sein.

Bis zu meinem Abflug nach Kathmandu am 15. Mai ist ja noch ein wenig Zeit. Zeit für andere Läufe, für den RheinBurgenWeg-Lauf, den JUNUT, den „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ (als Einstimmung auf den „Berg der Berge“?) und vielleicht noch auf den einen oder anderen Lauf, zu dem ich kurzfristig nachmelden kann, wenn ich weiß, ob ich dafür Zeit haben werde.
Aber egal, wo ich vor dem 15. Mai sein werde, ein paar Gedanken sind immer schon auf dieser höchstgelegenen Laufstrecke der Welt.

Yamaste!

Als Mainzelmännchen unterwegs …

Auf manche Marathonundlänger bereitet man sich lange vor, teilweise sogar sehr lange.
So steht meine Teilnahme an der TorTOUR de Ruhr (TTdR) schon seit Anfang 2011 fest, mehr als ein Jahr vor dem eigentlichen Event.
Aber manchmal geht es auch sehr schnell. Ohne große Vorbereitung, ohne großes Recherchieren, ohne große Vorfreude auf das, was da kommen wird. Und bei diesen Läufen finde ich dann besonders spannend, eben nichts über die Strecke zu wissen und über die Teilnehmer, die dort wohl laufen werden.

So eine Überraschungstüte war der Mainz Marathon am vergangenen Sonntag. An den Startplatz gekommen bin ich erst eine Woche zuvor, als Jan Mihrmeister, auch ein Bewohner des wunderbaren Facebook-Landes, dort gepostet hat, dass er seinen Startplatz vergeben will. In einem Punkt erfüllte ich seine Vorgabe nicht, aber sonst offensichlich schon. Und da hat es mich schon gefreut, dass Jan geschrieben hat, dass er so den Startplatz in guten Händen weiß. Oder in guten Füßen?
Vom Mainz Marathon habe ich schon oft und viel gehört. Es war nicht immer das Beste, zugegeben. Aber es war auch viel Gutes dabei.
Beim Projekt „Von Null auf 42“ vor einigen Jahren, damals, 2004, in dem Jahr, in dem ich auch das Laufen begonnen und meinen ersten Marathon hinter mich gebracht habe, bei dem Projekt des SWR, an dem auch ein Moderator von SWR3 teilgenommen hat (Michael Reufsteck), war der Mainz Marathon eine Etappe auf dem Weg zum angestrebten NewYork Marathon. Die etwas kräftig gebaute Läuferin in der Truppe, Anna Pal-Singh aus Hamburg, die damals immerhin 90 Kilogramm auf die Waage gebracht hatte und die zum Abschluss mit ihrem indischen Ehemann Hand in Hand nach rund 7 Stunden den NewYork Marathon finishen konnte, erlitt in der Hitze von Mainz nach dem Finish des Halbmarathons einen Kreislaufkollaps.

(Klicken zum Vergrößern)
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Später scheiterte dann ein Versuch von mir, beim Mainz Marathon zu starten, schlichtweg daran, dass der Lauf mal wieder sehr schnell ausgebucht war. Das ist er eigentlich immer und das wiederum ist ein Zeichen dafür, dass es nicht so schlecht sein kann im Land der Mainzelmännchen.
Mein RBW-Mitorganisator Achim Knacksterdt wiederum erzählte mir mal, dass Mainz gut beraten wäre, statt des Marathons nur den Halbmarathon anzubieten, weil die zweite Laufrunde, die übrigens nicht exakt wie die erste Runde ist, nur sehr wenig genutzt wird. Fast ausnahmslos meldet man sich in Mainz zum Halbmarathon an, nicht zum Marathon. Und so erlebt man ungerne, dass Stände schon abgebaut werden, während Du noch in der zweiten Runde bist.
Dass die Zielverpflegung fast nur noch aus Bier bestand, zwar alkoholfrei, aber dennoch flüssig, das durfte ich live in Mainz erleben. In dieser Situation kam ich mir vor, als wäre ich derjenige, der, vom Besenwagen getrieben, als Letzter über die Ziellinie getrabt sei. Aber ganz ehrlich, ein oder zwei Läufer müssen doch noch hinter mir gewesen sein …

Mit so einer Startkarte auf falschem Namen ist das so eine Sache. Die Frist für die Ummeldung im Internet war schon längst abgelaufen, so blieb nur die Ummeldung am Samstag vor dem Lauf in Mainz in der Rheingold-Halle. Und dies musste noch vor 18 Uhr geschehen. Nun hatte ich um 14 Uhr noch ein Medenspiel meines Tennisvereins und da ist es so, dass Du auf hoher See und auf Außenplätzen beim Tennis einfach in Gottes Hand bist. Regenpausen können alles immens verschieben, so war mir das Risiko zu groß, nicht rechtzeitig vor dem Schluss der Anmeldung in Mainz sein zu können. Also entschied ich, zuerst am Morgen des Samstags nach Mainz zu fahren, die Ummeldung vorzunehmen, danach nach Rübenach, einem Stadtteil von Koblenz, zu fahren, dort Tennis zu spielen und danach der Einladung der Runningfreaks Melanie und Steffen Kohler Folge zu leisten, den Abend und die Nacht bei den beiden im schönen Ingelheim zu verbringen. Birger Jüchter und Raimund Slabon waren auch für den Abend angesagt, es versprach also, ein interessanter Läuferabend zu werden.

Wenn Du aber so etwas planst und postest, dann hast Du Dich schon verrechnet. Mit Steffen ist so etwas nicht zu machen. „Ökologischer Blödsinn“ und „Zeitverschwendung“ nannte er meine Überlegungen und er schlug vor, dass ich das Anmeldeschreiben einscannen sollte, eine Vollmacht dazu schreiben sollte und dann ging beides per Mail nach Ingelheim. Melanie und Steffen übernahmen dann die Anmeldung für mich. Was für eine tolle Lösung, ich hätte mich nie getraut, danach zu fragen!
Aber so sind sie halt, die Runningfreaks. Immer in Gedanken, wie sie Dir helfen können. Einfach gute Menschen. Gut, wie auch Steffens aktuelles Projekt, seine 230 Kilometer der TTdR zu Gunsten der Ingelheimer Platte in Kilometerhäppchen zu verkaufen.
Laufe und tue Gutes. Körperlich und psychisch für Dich und finanziell für Andere, die es nötig haben.
Danke Melanie, danke Steffen, das ist alles vorbildlich!

Es war ein wunderbarer Abend bei den Ingelheimern, auch wenn Birger und Raimund erst sehr spät dazu kamen. Wir genossen kannenweise Tee, aßen hervorragend, wobei es wie immer bei den Kohlers von Steffen gekocht wurde. Und wir redeten viel. Über die Ernährung und über das, was im Leben wichtig ist. Und dieses Wichtige entdeckten wir immer deutlicher in uns selbst und nicht mehr im alten Traum der Menschheit von Luxus, teuren Autos und Stehrümchen, dem Traum, der so viele Jahre meine Ersatzmotivation war. Das Buch, das ich als nächstes lesen werde, ist dabei auch ein Tipp von Steffen, aber dazu irgendwann einmal hier an dieser Stelle …

Der Mainz Marathon an sich war eigentlich ganz nett. Der Wettergott hat es richtig gut mit uns gemeint. Der Regen, den ich für den ganzen Lauf befürchtet hatte, endete fast direkt mit dem Startschuss und ganz am Ende kam sogar noch die Sonne heraus. Es war ideal kühl, nicht kalt, wirklich ein Wetter, das für das Laufen wie geschaffen war.
Ich lief die ersten Kilometer mit Melanie, Birger und mit Steffen. Wir begannen verhalten, aber das war auch der Enge auf der Laufstrecke geschuldet. Trotzdem liefen wir eine schlechte 6er Zeit, die sich dann in eine gute 6er Zeit gesteigert hatte.
Eigentlich waren Birger und ich vollkommen unmotiviert und nur in Trainingslaune, aber während so eines Laufs ändert sich dann doch manches. Birger vergass seine Rippenprellung und wir beide vergaßen unsere Zielzeitvorstellung von „um die 4:30 Stunden“. Irgendwann fielen die Runningfreaks etwas zurück, aber nur sehr wenig. Und ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich ja seit Mitte 2005 keinen City-Marathon mehr über vier Stunden abgeschlossen hatte. Sollte das nun in Mainz anders sein?
Aber ich hatte ja Ausreden genug. Ich lief ja nicht für mich, sondern in Begleitung. Und dann kannst Du schon manches auf diesen Umstand schieben.

Als Birger und ich die Halbmarathon-Zwischenzeit aber mit 2:00:30 Stunden erreichten – und das mit so einem langsamen Start, so lässig und locker – da klickte es bei mir im Oberstübchen und ich wusste, dass ich diesen Lauf nicht über vier Stunden absolvieren wollte. Und so schaffte ich es wahrscheinlich zum allerersten Mal, in der zweiten Hälfte schneller zu sein wie in der ersten. Aber am Ende musste ich dann doch ein wenig beißen. Birger ließ mich dann alleine laufen, allerdings ohne mehr als eine Minute auf mich zu verlieren. Und ich endete ganz kontrolliert deutlich unter der 4 Stunden – Marke. Alles war gut.

Da ich aber nach dem Marathon noch ein Tennis-Doppel in meiner Grafschafter Heimat zu bestreiten hatte, blieb keine Zeit zum Warten, keine Zeit zum Feiern. Es ging gleich zum Auto und sofort nach Hause. Beim Tennis angekommen konnte ich mich gerade noch umziehen, zum Duschen blieb keine Zeit mehr, es ging direkt auf den Platz. Die Einzel waren gerade alle durch, ich kam perfekt zum Start der Doppel. Dass ich mein Doppel mit einem meiner beiden Lieblingspartner nach einer 1:6 Klatsche im ersten Satz dann doch noch mit 6:2 im zweiten Satz und mit 10:7 im darauf folgenden Champions-Tiebreak gewinnen konnte, rundete den Tag positiv ab.

Nur mit einem bin ich ein wenig unzufrieden. Ich vergaß, in das Ingelheimer Gästebuch zu schreiben.
Und das will ich nun auf diesem Weg nachholen:

Liebe Melanie, lieber Steffen,

Wärme durchströmt Euer schönes Haus. Aber es ist nicht nur die Wärme der Heizung und der Sonnenstrahlen, die durch die Fenster scheinen, es ist auch die Wärme Eurer Herzen. Es ist für jeden Gast so angenehm, bei Euch zu sein, so angenehm, diese Wärme zu spüren. Und zu wissen, dass es diesen warmen Herd guter Gedanken in dieser Welt gibt. Danke, dass Ihr Euch so sehr um mich gekümmert habt. Danke, dass ich bei Euch sein durfte.

Bad decisions make good stories …

Der 106,7 K lange Mallorca Ultra Trail Tramuntana war eigentlich schon nach vier Tagen ausgebucht und so hatte ich meine erhoffte Teilnahme schon lange abgehakt. Erst eine Mail eines Freundes, der mich darüber informiert hat, dass ich mich doch noch nachmelden könne, erlaubte mir, nach dem TransGranCanaria nun auch noch als Inselhopper die schöne Baleareninsel Mallorca läuferisch zu durchqueren.

Auf Mallorca waren meine Gabi und ich erst ein Mal. Und das ist schon weit über 20 Jahre her. Und ich erinnerte mich an so gut wie nichts mehr. Schon gar nicht an die Serra de  Tramuntana (kastilisch: Sierra de Tramuntana), die Gebirgskette im Nordwesten Mallorcas. Hätte ich es getan, dann wäre meine Vorfreude auf diesen Lauf wahrscheinlich noch viel größer gewesen als sie sowieso war, denn diese Gebirgskette hat dem Gebirge von GranCanaria eines voraus: Meeresblick allerorten, denn sie verläuft eben parallel zur Küste. Und was ist schöner, als von oben herab auf das Meer zu sehen? Schöner, als Gebirgsseen und Gebirgsstauseen zu erleben und stets das Blau des Meeres im Hintergrund zu haben?

Meine Gabi und ich wollten uns also auf Mallorca ein schönes und langes Wochenende machen und hatten die Chance, bei Mario Schönherr und seinem Wörthersee Trail Team beim Trail Maniac Camp ein paar Tage dabei zu sein. In netter Gesellschaft, mit netten anderen Läufern ist doch jedes Laufevent und jeder Kurzurlaub noch schöner. Ein wenig abseits war das Hotel zwar, aber es war relativ nahe dem Ziel und eine Busstunde von Palma entfernt. Aber das Hotel war groß und sauber und direkt am Strand gelegen, das Buffet bot für uns Vegetarier ausreichend Alternativen und es gab WLan wenigstens im Restaurant und an der Bar.

Die Teilnehmer und die Organisatoren, aber auch der begnadet schnelle Traillauf-Trainer Thomas Bosnjak wuchsen uns schnell ans Herz. Ich hatte nie das Gefühl, nicht dazu zu gehören, nur, weil wir nur ein Drittel der Camp-Zeit anwesend sein konnten. Manche der Teilnehmer waren sogar zwei Wochen lang Trail Maniac, die anderen immerhin eine Woche lang. Sie sind zusammen durch die Büsche gerannt, haben sich gemeinsam die Schienbeine zerkratzt und hatten alle eine richtig gute Zeit.
Und die war nicht nur schön, sie war auch sehr erfolgreich.

Thomas lief zwar am Ende als Einziger die lange Distanz, die er als Gesamtzweiter bewältigte. Nur der mallorcasiegerprobte Miquel kam an ihm vorbei. Die anderen liefen alle die 67K Kurzstrecke, wenn man 67K als kurz bezeichnen darf. Und dort räumten sie ordentlich ab. Platz 1 und Platz 3 bei den Ladies auf den Spuren von Trailschnittchen Julia Böttger, ein Platz 1 bei den Senioren Herren in der Altersklasse … da muss etwas passiert sein mit den Läufern, dort, auf den Wegen rund ums Hotel, getrieben von den Tipps und Tricks des B’jac Thomas.
Die meisten werde ich ja am Rennsteig wiedersehen und vor allem bei den Damen werde ich genau nachsehen, wie die sich in diesem großen Teilnehmerfeld dann schlagen werden.

„Bad decisions make good stories“ habe ich diesen Artikel betitelt. Was für schlechte Entscheidungen?
Oh ja, diese schlechten Entscheidungen gab es bei diesem Lauf zuhauf.

Bad decision number 1

Die erste falsche Entscheidung habe ich aus einer falschen und verklärten Erinnerung an den TransAlpineRun 2008 getroffen. Damals bin ich mit einem großen Beckengurt gelaufen und das war so schön. Der Rücken war frei, alles war leicht erreichbar, alles war perfekt. In der Erinnerung. Aber so vieles in der Erinnerung scheint gut, was erst durch den Filter guten Willens und beginnender Senilität betrachtet wird.
Um es deutlich zu sagen: Beckengurte sind wie Leggings! Vielleicht war das mal modern und gut, objektiv betrachtet hat die deutsche Geschichte eines gezeigt: Leggings und Beckengurte sind Scheiße!
Ich bemerkte meinen Fehler schon nach wenigen Metern. Wenn Du den Taschenteil auf dem Hintern trägst, dann schlägt er dauernd hoch und runter, Laufen ist kaum möglich. Wenn Du den Taschenteil aber nach vorne drehst, was ich auch beim TransAlpineRun 2008 getan habe, dann schlägst Du permanent mit den Oberschenkeln von unten auf die Wasserflaschen. Zweifellos ist das noch etwas besser als das Herumgewackele, aber ich hätte viel darum gegeben, in diesem Moment den Rucksack dabei gehabt zu haben, der sich an diesem Tag im Hotelzimmer eine Auszeit gönnen durfte.

Bad decision number 2

Beim RheinBurgenWeg-Lauf habe ich bewusst auf die Stöcke verzichtet, um auch mal wieder Hügel ohne Stöcke zu laufen. Zudem tat ich mir so viel leichter, Didi Beiderbeck zu führen. Es war aber kein Wettkampf, keine Eile, wir gingen nicht ans Limit und es war auch nicht heiß. Beim Ultra Trail Tramuntana auf die Stöcke verzichten war ein großer Fehler, den ich stundenlang bereuhen durfte.
Warum in aller Welt hatte ich die Dinger im Koffer hin- und her transportiert, wenn ich sie dann doch nicht verwenden wollte?
Vielleicht hat mich die Hitze, der Strand und die Gruppendynamik an klaren Gedanken mangeln lassen. Mein Rat an Dich, vor allem aber an mich: 4.300 Höhenmeter machst Du mit Stöcken! Und zwar immer!

Bad decision number 3

Meine Gabi hat früher unseren Kindern im Urlaub immer eingeschärft: „Iss nie Eis in südlichen Ländern!“ Und das hat seinen Grund. Wenn das Stromnetz instabil ist – und das ist sogar im hochtechnisierten Deutschland gelegentlich der Fall – dann bleibt auch mal die Kühlung aus. Und das kann, vor allem bei heißen Außentemperaturen, zum Problem werden. Irgendwann laufen die Eistüten dann unter Umständen auch ganz von alleine.
Aber ich wollte ja nicht hören. Und wer nicht hören kann muss fühlen. Und ich fühlte mich schon während des Laufs nicht wirklich gut. Das OREO-Eis vom Vortag war zwar süß, extrem süß sogar, aber es hat mir mehr geschadet als genutzt.
Ich wollte ja, dass es rein geht in meinen Körper, das Eis aber wollte raus. Und zwar so schnell wie möglich. Und da war dem Eis der Weg über den Darm zu weit oder zu langsam und so wählte das Eis die Abkürzung über den Weg, über den es auch in den Körper hinein gelangt war. Unterstützt von einem leichten Sonnenstich zwang es mich irgendwo im Tal zwischen der letzten Verpflegung in Lluc und dem Ziel in Polenca gleich vier Mal dazu, mich zu übergeben.
Neben einem nicht gerade ansprechenden Anblick sorgte das auch für eine kleine zusätzliche Pause, aber danach ging es mir dann sukzessive wieder besser.
Also gibt es beim nächsten Mal im Süden kein Eis mehr, schon gar nicht am Tag vor einem Wettkampf, außer es gäbe neben der Altersklassenwertung auch eine eigene Wertung für Reiher. Ob man dort dann vielleicht eine gute Platzierung erreichen könnte?

Bad decision number 4

Vieles war ähnlich auf Mallorca wie beim TransGranCanaria. Es war fast genauso heiß, fast genauso staubig, ich war fast genauso frustriert und ich haderte fast genauso mit der Verpflegung. Nein, auf Mallorca haderte ich sogar erheblich mehr mit der Verpflegung als auf GranCanaria, vor allem die flüssige Verpflegung ließ doch manchen Wunsch offen.
Es gab stilles Wasser, das immer wärmer wurde und immer ekliger schmeckte. Das Iso-Getränk, das ausgeschenkt wurde, war vollkommen ungenießbar und die warme Billigcolabrühe, die es gab unterstützte eher den Würgereiz als das ich Lust darauf bekommen hätte. In einem Dorf, in Soller, lief ich an einem Bistro vorbei. Da musste ich rein und ich gönnte mir zwei Flaschen eiskalte leckere Coca Cola. Ich war im Himmel, zumindest für ein paar Minuten.
Ansonsten trank ich, aber ich trank definitiv zu wenig. Zu wenig für die lange Strecke, zu wenig für die Hitze, zu wenig für die viele direkte Sonneneinstrahlung. Und auch das war eine definitiv falsche Entscheidung.
Der Körper wurde also heißer und heißer, der Blutdruck stieg und als ich dann den höchsten Punkt erklommen hatte, begann das rechte Nasenloch zu bluten. Fast sturzbachähnlich strömte es aus mir heraus und es wollte nicht mehr aufhören. Ich legte mich ins Gras und versuchte, den Nacken zu kühlen. Ein vorbei laufender Spanier sagte mir, dass das die falsche Taktik sei. Nach vorne beugen, meinte er. Das Blut muss raus. Und dann hört es auch von ganz alleine wieder auf.
Ich versuchte es mal so, mal so, nahm die Taschentücher eines Mitläufers dankbar an und ging mit gebremstem Tempo und an die Nase gedrücktem Taschentuch weiter, als das Bluten schwächer wurde.
In Lluc ging ich zuerst zur Ambulanz-Station. Die vier Mediziner waren froh, endlich mal Besuch zu haben und hatten nicht vor, mich so schnell wieder gehen zu lassen. Anstatt mir schnell etwas gegen die Blutungen zu geben wurde erst einmal ausgiebig der Blutdruck gemessen. Der war ihnen dann wohl zu hoch.
Anschließend wurden die vier Zahlen auf meiner Garmin-Uhr bewundert.

So lange bist Du schon unterwegs?
Wann bist Du denn dann gestartet?
Und das ist Deine durchschnittliche Geschwindigkeit? Uiuiui …
Und so weit bist Du schon gelaufen? Ich fühlte mich wie im falschen Film und ich fragte mich, ob die nicht wissen, auf welcher Veranstaltung sie hier Dienst schieben.

Aber mein Puls machte ihnen doch Sorgen. 242, unverändert. Du musst wissen, dass die vier Ambulanz-Mediziner nur ein sehr schlechtes Englisch sprachen und nun war es meine Aufgabe, denen zu erklären, dass die vierte Zahl auf dem Display nicht der Puls ist, sondern „the altitude“, die Höhe über NormalNull. Bei Bergläufen brauche ich diesen Wert, um meine Kraft einzuteilen und auch, um mich kurz vor den Gipfeln neu zu motivieren.
Es hat ein Weilchen gedauert, bis der Groschen beim medizinischen Personal fiel und die Besorgnis um mich abnahm. Dann bekam ich mit auf den Weg, mich jetzt 30 Minuten hinzulegen und zu pausieren, danach wieder zu kommen. Dann würde erneut der Blutdruck gemessen und dann würden die vier entscheiden, ob ich weiterlaufen dürfe.
Ich war nett und sagte artig zu, verließ dann aber eiligst die Station, ging noch etwas essen und trinken und machte mich auf den Weg, weg von den fantastischen Vier von der Medizin-Tankstelle. Aber ich sagte mir auch, dass ich den Kreislauf unten halten sollte und begab mich auf Wanderschaft. Die meisten anderen allerdings wanderten zu diesem Zeitpunkt auch nur noch und wenn das Eis nicht mitten auf dem Wanderabschnitt hätte meinen Körper verlassen wollen, wäre wohl alles OK gewesen.

Die letzten vier, fünf Kilometer ging ich dann mit Jacqueline, mit „Jacky“. Und wir liefen sogar wieder, immerhin. Ohne Eis im Körper ging es mir von Minute zu Minute wieder besser und wir wollten dann einfach nur noch drin sein, heim in den Stall, wo ihr Ehemann aus Yorkshire und meine Gabi auf uns warteten.
Und es warteten auch wunderschöne Finisher-Jacken, aber das habe ich erst kurz vor dem Abflug von Lars Schläger und Hans Würl erfahren, mit denen wir noch eine Stadtbesichtigung von Palma vor dem Abflug nach Hause machten.

Bad decision number 5

Ich dachte noch, dass es sehr schade ist, dass es weder ein Finisher-Shirt noch eine Medaille im Ziel von Polenca gibt und die Entscheidung, im Ziel nicht nach Finisher-Geschenken zu suchen, war die letzte der falschen Entscheidungen.
Nun habe ich die Veranstalter angeschrieben und ganz lieb nach der Finisher-Jacke gefragt. Eine Antwort habe ich bisher noch nicht bekommen, aber ich hoffe noch …