Pflichtlektüre für (Ultra-)Läufer

dvGestern war wieder einer dieser besonderen Tage. Einer dieser Tage, an denen ein Los entscheidet, wer Glück hat oder das Pech, sich diesen Lauf antun zu müssen, und wer Pech hat oder das Glück, noch ein weiteres Jahr von einer Teilnahme träumen zu dürfen.

Der „Ultra Trail du Mont Blanc“ (UTMB) hat solch eine Verlosung, der „Tor des Géants“ (TdG) hat sie, einige andere Rennen habe sie auch. Legendär aber ist die Verlosung der 100 Startplätze für einen Lauf, der für mich so unvorstellbar ist, dass ich meinen Hut nicht einmal in diesen Lostopf werfen möchte.

Ich erinnere mich noch gut an das einzige Mal, in dem ich in Badwater war, natürlich so, wie der „liebe Gott“ es für die Fortbewegung von uns Menschen vorgesehen hat, mit dem Auto. Das war im Jahr 1986 und ich war mir bewusst, dass dort im weltberühmten „Death Valley“, dem „Tal des Todes“, die höchsten Temperaturen gemessen wurden, die jemals an einem Punkt der Erde messbar waren.

Wir sind damals an dem Parkplatz nahe des tiefsten Punkts des Tals stehen geblieben und sind die wenigen Meter vom Parkplatz bis zu jenem tiefsten Punkt, gleichzeitig auch der tiefste Punkt der USA, gegangen. Selbst diese wenigen Meter waren kaum erträglich, so heiß war es.
Natürlich war das lange, bevor ich zu Laufen begann und damit in einer Zeit, in der ein Marathon noch eine unvorstellare Distanz war, aber mit knapp 25 Jahren war ich körperlich schon fit.
Und in dieser Hitze laufen? Nein, non, njet, no!

Später dann, als ich vom Bewerb „Badwater Ultra“ gehört habe und mir die ersten Fotos angesehen habe, bewunderte ich immer die Läufer*innen, die auf der breiten Straße durch dieses Höllen-Tal ganz auf der Seite, auf der weißen Linie, der Fahrbahnbegrenzung, gelaufen sind. Einfach, weil die vom Teer hochstrahlende Hitze an dieser Stelle nicht ganz so unmenschlich ist.

Aber dennoch blieb Badwater weit weg, unerreichbar, nicht einmal träumbar für mich.
Bis Jens Vieler kam.
Und später dann Ricarda Bethke.

Er, sie, sie sind die ersten Läufer*innen, die ich persönlich kenne, die sich diesen Lauf angetan haben. Die ihn lieben, leben und deren reguläres Leben in der schönen Schweiz mittlerweile nur noch eine lästige Unterbrechung des Laufs in Badwater darstellt.
Das echte, wahre, Leben der beiden spielt sich immer wieder vor allem auf diesen 217 langen Kilometern ab.

Jens war auch der erste, der ein Buch darüber geschrieben hat, in Kooperation mit dem von uns allen überaus geschätzten Journalisten Klaus Dahlbeck. Jens hat den Spirit eingebracht, Klaus hat diesem Spirit einen Rahmen gegeben, einen überaus genialen Rahmen, einen, der Dich dieses Buch nicht mehr aus den Händen geben lässt, solange noch Seiten ungelesen darin sind.

Ich weiß, dass Du von diesem Buch „Der Wüstenläufer“ schon gehört hast, viele haben es auch schon gelesen und geliebt, vielleicht auch Du. Manch einer aber tat das jedoch noch nicht.

Gestern war also wieder einer dieser besonderen Tage. Einer dieser Tage, an denen ein Los entscheidet, wer Glück hat oder das Pech, sich diesen Lauf antun zu müssen, und wer Pech hat oder das Glück, noch ein weiteres Jahr von einer Teilnahme träumen zu dürfen. Einer dieser Tage, in dem die Namen von 100 Läufer*innen gezogen wurden.
Es war spannend. Und wir durften, wir mussten, 98 Mal „schade“ sagen. Schade für die beiden, schade für Ricarda und Jens. Aber dann, als die Namen 99 und 100 kamen, da durfte gejubelt werden, die beiden haben es mal wieder geschafft. Sie dürfen nach Badwater!

Solltest Du das Buch „Der Wüstenläufer“ also noch nicht gelesen haben, dann ist jetzt die beste Gelegenheit dazu!

Aber ich kenne auch den einen oder anderen Grund, das Buch bisher noch nicht gekauft zu haben. Bücher sind heutzutage nicht mehr jederfraus und jedermanns Sache, im Urlaubsgepäck sind sie sperrig, die Seiten verknicken und das Gewicht reduziert die Anzahl der Laufshirts im Urlaubsgepäck.
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Und für all diejenigen, die das Buch „eigentlich“ lesen wollen, aber eben nicht als gebundenes, klassisches, Buch, für all diejenigen gibt es „Der Wüstenläufer“ jetzt auch als eBook. Bei Amazon:

https://www.amazon.de/

9,99 EUR für den Kindle eBook Reader oder „für umme“ im „Kindle Unlimited“ Programm.

Lasst uns also jetzt die Läufer*innen 99 und und 100 unterstützen, damit wir alle nachempfinden können, was es heißt, dort an den Start zu gehen. Und was es heißt, den wohl begehrtesten Buckle, die wohl begehrteste Gürtelschnalle der Welt, am Ende in Händen zu halten.

So ganz nebenbei unterstützen wir uns als (Ultra-)Läufer auch selbst. Wir erweitern unseren geistigen Horizont, gewinnen genussvolle Lesestunden und laufen im Geiste diese 217 ultraharten Kilometer vom tiefsten zum höchsten Punkt Kontinentalamerikas mit.
Am Ende sind wir angefixt von der Idee, das jeder von uns einen Traum hat.
Und diesen Traum verwirklichen, das sollte uns Ziel und Antrieb sein.

Das Finish

In der Gesellschaft des „Wüstenläufers“ Jens Vieler und der unglaublichen Ricarda Bethke über Trails rennen, das hat schon was.
Du schaust auf dem Weg zur Schynige Platte runter auf grün leuchtende Seen, die Städte liegen tief unter Dir und Du kommst in Deinen Flow.
Und Du beginnst zu träumen.

Hatte ich zu dieser Zeit längst schon innerlich beschlossen, statt den 101 K „nur“ rund 60 K zu laufen, also bei der DropBag Station in Burglauenen statt nach rechts oben waagrecht nach links weiter zu laufen?
Ich weiß es nicht, die Gedanken wechselten hin und her.
Ich war ja so glücklich, dass meine Rückenprobleme vollkommen weg waren, dass ich rennen konnte und zudem so gut und zügig unterwegs war.
Nichts riskieren, dem Rücken nicht zu viel zumuten, dachte ich, es kommen ja noch …
Außerdem lockte mein schickes Hotelbettchen und die Aussicht, dann ausgeschlafen die Heimfahrt antreten zu können.

Andererseits ist ein „Finish 2. Klasse“ immer doof, ein Makel, der uns Läufer oft daran erinnert, dass wir bei weitem nicht so stark sind, wie wir es uns gerne einbilden. Weiterlesen

Suddenly the world seems such a perfect place …

2016-07-16 04.28.28Das grüne Licht am Eiger, eigentlich eine gute Idee.
Leider ist der Laser hinter den Läufern statt davor, deshalb haben einige Läuferinnen und Läufer diesen wahrscheinlich kostspieligen  Gimmick gar nicht mitbekommen.
Nicht schlimm, es geht ja auch ohne.

Rennen durch die Stadt Grindelwald, die Hauptstraße entlang. Ich bin bei solch großen Rennen immer wieder fasziniert, wie viele Menschen ihre verdiente Nachtruhe gegen einen Besuch an der Laufstrecke am sehr, sehr frühen Morgen eintauschen.
Diese Menschen jubeln uns Läufern zu, dazu scheint der Mond hell vom Himmel, die ganze Stadt ist in ein Licht getaucht, das den bald aufziehenden Morgen erahnen lässt. Weiterlesen

Family Affairs …

Was ist in den letzten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren nicht schon alles über die Brocken-Challenge geschrieben worden. Die Geschichte des Laufs ist interessant, aber auch bekannt und die Geschichte des Brocken mit der Walpurgisnacht, den Hexen und mit den Erzählungen von Heinrich Heine? Auch interessant, aber auch schon oft beschrieben, auch schon hier in diesem kleinen Blog.

Also schreibe ich darüber, was die Brocken-Challenge 2014 für mich war.
Die Brocken-Challenge war wie so oft ein großes Familientreffen, das wussten wir alle, nachdem wir einmal kurz auf die Starterliste geschaut haben. Und da gab es Namen nachzulesen, dass einem schwindelig wurde, so schön war das. So viele aus unserer kleinen Familie hatten Glück, ich jedenfalls habe nur sehr wenige Posts lesen müssen von Freunden, die bei der Lotterie leer ausgegangen waren.Bei Veranstaltungen wie der Brocken-Challenge, die natürlicherweise durch eine behördlicherseits definierte personelle Obergrenze limitiert sind und die dazu noch so etabliert, so schön und so sozial sind wie die Brocken-Challenge, müssen Startplätze nach dem Lotterieprinzip vergeben werden, leider.
Dabei war neben der reinen Lotterie auch das Beantworten der Frage, warum man glaubt, an dieser Brocken-Challenge teilnehmen zu müssen, von großer Wichtigkeit. Mir hat es auch Spaß gemacht, kurz aufzulisten, dass mir die veganen und die sozialen Aspekte des Events von besonderer Bedeutung sind. Und damit diese Antworten nicht einfach nur für den jeweiligen Tag bestehen, sondern damit deren „Halbwertszeit“ länger ist, sind ausgewählte Antworten sogar in die Form eines Büchleins gepresst worden. Wer also zu Ostern noch etwas Lustiges verschenken mag, der sollte sich über dieses Büchlein Gedanken machen.

Und die meisten der Starter siehst Du schon, wenn Du Deine Startunterlagen abholst. Oder später dann, beim gemeinsamen Abendessen. Stefan Beckmann war der Erste, den ich drücken und herzen durfte. Er „machte den Hasen“ für Michael Frenz, den ich aber erst hinter der Ziellinie sah. Jens Vieler war da zum Beispiel, den ich seit dem Mt. Everest Marathon nicht mehr gesehen hatte. Und auch Ricarda Bethke hatte ich seither nicht mehr gesehen. Ihr Mystery Trail Event konnte ich zum zweiten Mal hintereinander nicht besuchen, es ist halt die Hauptsaison in meinem Beruf, leider.
Ich war aber rundum glücklich, die beiden mal wieder zu sehen und ich habe wohl gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, was Ricarda gleich dazu veranlasst hatte, zu sagen, dass ich „frisch verliebt“ und „glücklich“ aussehen würde.
Frisch verliebt?
Ich schluckte etwas und schüttelte spontan den Kopf. Dann aber dachte ich, dass das doch gar nicht so falsch sei.
Frisch verliebt – und das seit nunmehr fast 30 Jahren. Liebe ist halt doch etwas wie das Ultralaufen. Sie bedeutet ständige Arbeit, eifriges Training und gelegentlich auch mal den einen oder anderen Schmerz. Unter dem Strich aber ist sie grandios und jedes Stück Arbeit wert.JensVor der Halle traf ich Christoph Matterne, wie immer unverkennbar mit seinem Propeller wie Astrid Lindgren’s „Karlsson auf dem Dach“. Mit Christoph hatte ich schon ein paar Stunden zuvor per Facebook gechattet, weil ich, ungewöhnlich für mich, viel zu früh schon in Göttingen war. Ihn habe ich zuletzt bei der Brocken Challenge 2011 gesehen, aber es war so, als wäre die Zeit dazwischen still gestanden. Facebook ist doch ein unglaubliches Mittel, auch mit den Menschen verbunden zu bleiben, die man nicht oft sieht.
Bei diesem Chat empfahl er mir, doch erst einmal in die Göttinger Innenstadt zu fahren und alles ganz ruhig angehen zu lassen.
Was ich dann auch tat.Christoph2Foto: Frank Mölders – (https://plus.google.com/…)

Rolli, den Dealer von „Wat Läuft“, traf ich dann wieder in der Halle. Er sah wie immer großartig aus, bunt, auffällig, eben typisch Rolli. Er war gleich „mit Verstärkung“ angereist und insgesamt sechs LäuferInnen teilten sich die Anreise aus Wattenscheid. Mit Andreas Bulling habe ich seinen siebten Platz vom Vorjahr diskutiert und mit Günter Kromer habe ich intensiv über das World Wide Web geredet, über Blogs und über Web-Portale.RolliFoto: Frank Mölders – (https://plus.google.com/…)

Gabi Kenkenberg, die am darauf folgenden Tag einen neuen Streckenrekord für Frauen laufen sollte, hatte ich schon vom Göttinger Bahnhof abgeholt und wir haben natürlich vor allem den PTL besprochen. Und die wichtigsten Dinge im Leben, unsere Kinder. Die sind uns doch immer näher und präsenter als wir glauben.

Da war natürlich auch noch Martin Ottersbach, der mir seine Erlebnisse beim Spine Race geschildert hat. Er analysierte seine Fehler wie immer brilliant. Zu viel Gepäck hat er dabei gehabt und ihn behinderte diese und jene falsche Vorabeinschätzung.
Wir alle kennen das ja, Du stellst Dir einen Lauf, den Du nicht kennst, so oder so vor. Oft liege ich dann deutlich falsch. Und so hast Du die falsche Ausrüstung dabei, zu viel von dem und zu wenig von jenem.
Martin wird wiederkommen zum Spine Race. Und er wird diese Fehler nicht erneut machen.
Und dann wird er siegen gegen die unerbittliche Uhr, gegen die Cut-Off Zeiten, dann, vielleicht 2015.
Aber eine richtige Alpenwanderung werde ich mit ihm hoffentlich schon vorher mal machen. Da weiß er so viel mehr darüber als ich und gerne lerne ich hier dazu.MartinFoto: Karsten Hogh-Holub – (karsten@hogh-holub.de)

Florian Schöpf, der Importeur der wunderbaren INOV-8 Schuhe für Deutschland und Österreich, war auch da. Ich muss schon einräumen, dass ich nicht damit gerechnet habe, dass er mich noch kennt. Wir hatten vor einigen Jahren mal ein „Survival-Wochenende“ unter anderem mit Michael Neumann bei Münnerstadt verbracht. Er war schnell wieder da, der Spirit von damals, die Erinnerung an eine kalte Nacht unter einer in Bäume gespannten Plane. Welch ein Glück habe ich doch, so etwas mit ihm erlebt zu haben.FlorianFoto: Karsten Hogh-Holub – (karsten@hogh-holub.de)

Und da war auch noch der stets freundliche und lustige Klaus Dahlbeck. Seit ich ihn am Morgen des Nachtlaufs von Hagen nach Hattingen kennen gelernt habe, haben wir uns schon einige Male gesehen, zuletzt, wenn ich mich recht erinnere, beim UTMB und seinem Besuch im „Deutschen Haus“. Das Laufen verbindet doch sehr und er macht es ja allen Menschen leicht, mit ihm zu kommunizieren.BC9Foto: Frank Mölders – (https://plus.google.com/…)

Frank

Foto: Tobien-Images.de –     (www.tobien-images.de)

Frank Kleinsorg sah ich dann erst, als ich wieder zum Auto ging. Auch er, immerhin Halter des Streckenrekords bei den Herren, begrüßte mich mit einer Herzlichkeit, die mich begeistert hat. Beim anschließenden Lauf habe ich ihn, der ja durch seinen Unfall dieses Jahr nicht mitlaufen konnte, an etlichen Verpflegungsposten gesehen. Stets hat er ein, zwei warme Worte für mich gehabt und ich hatte den Eindruck, dass es in unserer Familie nicht unbedingt notwendig ist, durch gute Leistungen aufzufallen.
„Familie ist …“ sang ja Nena mal. Läuferfamilie ist … eben auch.

Tanja Niedick zu sehen, die bedauerlicherweise nicht mitlaufen konnte, die es sich aber nicht nehmen lassen wollte, als Supporterin am Rennen teilzunehmen, war auch ein Herzenswärmer. Wir haben uns ja erst vor einem knappen Jahr beim NordEifelUltra (NEU) kennen gelernt, beim Ebberg brutal hat sie mir läuferisch gezeigt, dass ich manchmal doch ein alter Mann bin, aber trotz der kurzen Zeit hat jede Begegnung etwas Besonderes, dank ihrer unglaublich positiven Ausstrahlung.

Hände schütteln und Menschen umarmen war also neben dem Abholen der Startnummer eine Hauptbeschäftigung in der Halle des Sportwissenschaftlichen Instituts der Universität Göttingen.
Und sich zu freuen auch.

So viel Wärme und Geborgenheit kann einem eben nur die Familie geben …
Welt, lass‘ Dich umarmen, welch‘ ein Tag …

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Foto: Casimir Matterne

Über den Lauf selbst schreibe ich an dieser Stelle dann das nächste Mal …