Es ist eisig auf der Spitze …

Der ältere Niels Larsen, sein Sohn Henk Larsen, seine Tochter Anne-Mette Larsen und der ältere Jesper Paulsen sind mir schon im einfachen Bergsteiger-Hotel „Springland“ in Moschi aufgefallen.
Nicht wegen der dänisch-typisch hellblonden Haare, sondern, weil sie zu viert das gleiche T-Shirt trugen.
Ein schlammgrünes Shirt, vorne mit dem eigenen Namen und der Ergänzung „Kilimanjaro 2010“ und hinten bedruckt mit einem dänischen Satz, den ich gerne aufgeschrieben hätte, der mir aber zu kompliziert war, um ihn mir zu merken.


Später sahen wir die Vier dann bei unserer ersten Rast auf der Machamé-Route rauf auf das übermächtige Kilimanjaro-Massiv wieder. Ich sprach die Vier an, woher sie stammen würden und bekam zur Antwort, dass sie aus dem dänischen Holstebro stammen, irgendwo in der Mitte Dänemarks an der Küste. Ich hatte das blaue Laufshirt des ECU 2008 an, des European Cups of Ultramarathons 2008, das die Rennen in Mnisek, Eisenach (Rennsteiglauf), Biel, Schwäbisch Gmünd (Schwäbische Alb Marathon) und Celje zusammenfasste. Momentan ist auch noch der Wörthersee Trail in diesem Cup vertreten.
So kamen wir schnell auf das Marathon-Laufen.

Jesper Paulsen war es, der mir stolz erzählte, dass ein Läufer aus ihrer Region auch beim Berlin-Marathon 2010 mitgelaufen sei. Keine große Sache, dachte ich, immerhin sind fast 6.000 dänische Läufer im Ziel angekommen, gestartet sind vermutlich mehr als 6.000 dänische Läufer. Damit ist der Berlin-Marathon einer der ganz großen dänischen Marathons.
Aber dieser Läufer hatte etwas Besonderes getan. Er lief von seiner Heimatstadt bis nach Berlin. Mit den läufertypischen Umwegen waren das etwas mehr als 800 Kilometer. So etwas fasziniert mich und treibt mich, in 2011 ebenfalls zu versuchen, den einen oder anderen Lauf nicht mit dem Auto oder dem Flugzeug, sondern mit dem Fahrrad oder zu Fuß zu erreichen, wenn die Zeit dafür ausreicht.

Es war mein langjähriger Freund Andreas Klotz vom mehrfach ausgezeichneten Umweltprogramm „mondberge.com“, der die Vier fragte, was der dänische Spruch auf dem T-Shirt Rücken übersetzt heißt. „Es ist eisig auf der Spitze …“ war die Bedeutung des Spruchs und wer schon einmal auf dem Uhuru Peak des Kibo, des Kilimanjaro war, der weiß, dass das stimmt.
Aber dieser Satz bedeutet auch noch etwas anderes. Während wir Deutschen sagen: „An der Spitze ist es einsam!“ und damit meinen, dass der Chef eines Unternehmens seine Entscheidungen meist alleine treffen, alleine verantworten und alleine durchsetzen muss und sich damit selten Freunde macht, heißt es im dänischen: „Es ist eisig auf der Spitze …“, gemeint aber ist das Gleiche. Mich hat das Wortspiel sofort fasziniert.

Da die Vier wie wir ebenfalls die Machamé-Route ausgewählt hatten, sahen wir sie auch immer wieder beim Laufen, wenn deren Gruppe unsere überholt hat, wenn wir die dänische Gruppe überholten, auf den Camps und ganz am Ende wieder im Bergsteiger-Hotel „Springland“ in Moschi, im Bus zum Flughafen und eben dort auf dem Kilimanjaro-Flughafen, wo wir eine Weile auf unseren Flug nach Amsterdam warten mussten.

Dort fragte ich die Vier, ob sie es alle geschafft hätten. Niels Larsen, der Vater, Jesper Paulsen und die süße blonde Anne-Mette Larsen hatten es ganz nach oben geschafft, Henk Larsen, der Sohn, allerdings nicht. Er schien uns manches Mal im Camp schon geistesabwesend zu sein, eine Art Trance oder Delirium, das Resultat aus hoher Anstrengung, beginnender Höhenkrankheit und mutmaßlich zu geringer Fitness uns Vorbereitung.
Anne-Mette Larsen aber, die zierlichste der Vier, hatte es mit ihrem Vater und Jesper Paulsen geschafft. Und bis auf eine von der sengenden Sonne knallrote Knubbelnase hat sie keine Beschwerden oder Verletzungen gehabt. Und sie war stolz und glücklich.

Unsere Gruppe, Andreas Klotz von Tipp4 in Rheinbach, die Hochzeits- und Landscape-Fotografin Radmila Kerl, ihr Mann Michi Kerl, der Audio-Autoeinbauten macht, Michael Matschuck von Druckpartner in Essen, sein eben erst 18 Jahre alt gewordener Sohn Niklas, der diese Reise zu seinem 18. Geburtstag geschenkt bekommen hatte und ich, hatte eine gravierende Änderung des normalen Tourablaufs gewählt. Anstatt nach dem Abstieg noch einen Tag im Hotel zu relaxen, teilten wir die dritte Tagesetappe in zwei Teile und schoben so eine zusätzliche Übernachtung auf etwa 3.900 Metern Höhe ein.
Das hat die Akklimatisierung erleichtert und wir hatten mehr Zeit für das Fotografieren. Vor allem für Radmila, Andreas und Michael war das auch der höhere Grund der Reise.

Bis zur Abreise kannte ich nur Andreas, der im gleichen Laufverein TV Altendorf-Ersdorf läuft und der mich Ende 2004 zum ersten Aufstieg auf den Kilimanjaro motiviert hat, den ich dann im Februar 2005 erfolgreich bewältigen dufte. Radmila kannte ich einige Wochen aus Facebook, alle anderen waren mir noch unbekannt bis zu dem Zeitpunkt am Düsseldorfer Flughafen, als ich Michael und Niklas Matschuck traf. Die Reiseunterlagen von DIAMIR in der Hand dachte ich, dass sie Teil unserer Gruppe sein mussten. Andreas war mit seinem Sohn Tim schon seit einigen Tagen in Afrika. Er wollte mit dem erst 15 Jahre alten Tim bis auf die Horombo Hütte auf der Marangu-Route, der einfachen „Coca-Cola-Route“, aufsteigen. Knapp 4.000 Meter über dem Meeresspiegel sind für einen jungen Mann wie Tim schon eine echte Herausforderung.
In Amsterdam warteten dann Radmila und ihr Mann Michi auf uns und so ging es mit dem Flieger nach Afrika, nach Tanzania, auf den Kilimanjaro Airport.

Schon der Flug war ein echtes Erlebnis. Nun bin ich schon viele Hundert Male in meinem kleinen Leben geflogen, es ist mir aber noch nie passiert, dass eine Stewardess zu mir kam und mich ansprach, ob ich alleine reisen würde. Als ich das bejahte, fragte sie mich, ob ich nicht auf einen der komfortableren Sitze ganz vorne im Abteil wechseln wolle. Da wäre noch einer frei und die Beinfreiheit dort sei überwältigend.
Oh Stewardess von KLM, ich liebe Dich!

Ansonsten war der Flug unspektakulär. Das Essen bei KLM ist überdurchschnittlich gut, es gibt sogar recht hochwertiges Besteck. Es ist aus einem durchsichtigen Plastik, aber es fühlt sich richtig gut an und man kann es auch sehr gut benutzen. Leider hat unser Reiseveranstalter DIAMIR vergessen, für mich meine Lieblings-Essensvariante vorzubuchen: „ASIAN VEGETARIAN“, aber es gab im Flugzeug nur die Auswahl zwischen einem Fleischgericht und leckerer Pasta. Für Vegetarier ist also auch ohne Vorbuchung immer etwas dabei bei KLM.
Die Auswahl an Filmen ist sensationell gewesen, aber ich hatte keine Lust, auf dem Hinweg allzu viel zu sehen, ich wollte lieber etwas Schlaf nachholen, was mir dank der großen Beinfreiheit und wenig gesprächssüchtigen Nachbarn auch gut gelang.


Auf dem Flughafen in Moschi begann dann für uns das Abenteuer Afrika. Nach einem Urlaub Mitte der 1980er Jahre in Marokko, einem Land, das nur kartographisch zu Afrika gehört, nach der Kenia/Tanzania Reise beim Aufstieg 2005 und nach dem Namibia-Urlaub 2008 mit meiner Familie war es erst das vierte Mal, dass ich afrikanischen Boden betreten habe, erst das vierte Mal, wo ich afrikanische Geduld lernen durfte und erst das vierte Mal, wo ich mich mit der Mentalität der Afrikaner auseinander setzen musste.

Für das Visum mussten wir lange anstehen. Oder aber auch nicht, denn ein tanzanischer Grenzbeamter sammelte unsere Pässe ein, riet bis auf Radmila allen, schon mal zum Gepäckband zu gehen und dort zu warten, das war entspannender als in der Schlange zu stehen. Radmila machte die Visums-Formalitäten für uns alle und wurde von dem Grenzbeamten sogar noch beschleunigt bedient. Wenn Du jetzt denkst, dass dafür auch nur ein einziger tanzanischer Schilling bezahlt wurde, dann irrst Du.
Ob es die stets gute Laune von Radmila war, die den Beamten bewegt hatte,  ihre blonden Haare oder was auch sonst – wir alle waren froh, die Prozedur des Visumerhalts abkürzen zu können.
Wir nahmen dann unser Gepäck, gingen aus dem Zollbereich des Flughafens heraus und trafen unseren Fahrer, der uns zur „Meru View Lodge“ bringen sollte, wo wir dann Andreas und Tim treffen wollten. Die Fahrt war kurz, aber die Straßen teilweise in katastrophalem Zustand. Und wir hielten nicht an der „Meru View Lodge“ an, sondern passierten sie erst einmmal, um zu einer dahinter gelegenen Lodge zu fahren. In diesem Moment erfuhren wir, dass wir wegen der Überbuchung getrennt wurden. Ich war der einzige, der im Anschluss in die „Meru View Lodge“ gebracht wurde, die anderen stiegen in der wesentlich vornehmeren Lodge dahinter ab.
Ich war also alleine.

Es war schon spät an diesem Abend und ich sollte mein Dinner also alleine einnehmen. In meiner Lodge allerdings hieß es dann, man habe mir Sandwiches vorbereitet, weil die Küche schon kalt wäre. Nach längeren Verhandlungen einigten wir uns dann darauf, dass ich doch noch etwas Warmes bekommen würde. Es dauerte sehr lange, bis mein Essen fertig war, wahrscheinlich wurde die Köchin erst wieder aus ihrem Haus an die Arbeitsstätte beordert.
Dann sagte man mir, dass ich am nächsten Abend das Dinner mit der ganzen Gruppe im anderen Hotel einnehmen würde, man würde mich dann nach der Safari dorthin fahren.

Das Frühstück am nächsten Tag nahm ich dann auch alleine ein, mir wurde aber zugesichert, dass man mich danach zur anderen Lodge fahren würde und so erschien ich nach dem Frühstück drüben in der anderen Lodge. Was in der Nacht wie eine lange Reise aussah, war aber nur ein kurzes Stück von vielleicht 500 Metern, das ich durchaus auch ohne Chauffeur hätte laufen können, aber ich war froh, die anderen, Andreas, Tim, Radmila, Michi, Michael und Niklas noch beim Frühstück zu erwischen.

Die sechs erzählten mir dann eine kleine Geschichte, die typisch ist für Afrika und das dortige Leben. Während ich am Vorabend alleine im Restaurant saß und mich langweilte, warteten die sechs in der anderen Lodge auf mich. „Thomas kommt gleich!“ hieß es ständig. Die Bedienung brachte auch zwei Mal mein Abendessen an den Tisch, immer dann, wenn ich erneut als Ankommer vermutet wurde. „Thomas kommt gleich!“
Erst viel später hieß es, dass ich nun doch in der „Meru View Lodge“ hätte essen wollen, aber ich käme dann zum gemeinsamen Frühstück in die Lodge.

Und so wartete man beim Frühstück geduldig auf mich, weil „Thomas kommt gleich!“, aber dann haben sich die sechs irgendwann entschlossen, nun doch ohne mich mit dem Frühstück anzufangen. Ein Glück, wie sich heraus stellte. Es war eben Kommunikation auf höchstem afrikanischen Niveau, die uns die ersten Stunden in Afrika „unrund“ erscheinen ließen. Später dann bin ich die Strecke einfach immer dann gelaufen, wenn es notwendig war, aber ich habe mich schon ein wenig geärgert, über die schlechte Kommunikation dort, aber auch über mich, dass ich nicht selbst die Entscheidung getroffen hatte, im Dunklen zur anderen Lodge zu laufen.

Als die sechs dann mit dem Frühstück fertig waren, ging es erst einmal in den sehr nahe gelegenenen Arusha Nationalpark zur Fotosafari. Der Arusha Nationalpark war so nahe an den Lodges, dass wir auch hätten hin laufen können, die Safari aber war ganz nett. Wenn ich bedenke, dass wir auf  Grund der Warterei auf „Thomas kommt gleich!“ erst spät von der Lodge weg kamen, dass dadurch die meisten Tiere schon träge und versteckt waren, dass die Farben des Tages nicht mehr so warm und schön waren wie in den Morgenstunden, dann war der Tag dennoch ein voller Erfolg.
Nur nicht für Michi Kerl, der sich entschlossen hatte, diesen Tag im Bett zu verbringen, um seine Erkältung vollends auszukurieren.

Bilder von der Safari und die Geschichte des Tages gibt es dann beim nächsten Mal …

Niels Larsen, seinen Sohn Henk Larsen, seine Tochter Anne-Mette Larsen und den älteren Jesper Paulsen jedenfalls sahen wir in Amsterdam dann zu letzten Mal. Das war auch der Zeitpunkt, an dem sich die Wege unserer Gruppe trennten. Niels, Henk, Anne-Mette und Jesper flogen von dort aus nach Kopenhagen, Radmila und Michi nach München, Andreas nach Köln, Michael, Niklas und ich flogen nach Düsseldorf und Andreas‘ Sohn Tim hatte uns ja schon Mitte der Vorwoche verlassen, erfolgreich an seinem Ziel, der Horombo Hütte angekommen.

Und ich? Ich war natürlich oben, gleich zwei Mal. Aber auch diese Geschichte erzähle ich beim nächsten Mal, ein Foto vom Gipfel aber gibt es schon jetzt:

Foto: Radmila Kerl, Zeitpunkt: Mittwoch 20.10.2010, ca. 8 Uhr

Ach ja, noch eines: „Thomas kommt gleich!“

Advertisements

MdS 5: “Ali Baba“, der „Herr der Dünen“

„Ali Baba“ war mein „Mann der Woche“, das Symbol für den Wüstenlauf, den „Marathon des Sables“ (MdS). „Ali Baba“, wie Volker Voss aus Neuffen im Württemberg auch liebevoll genannt wird, dominierte stets durch seine Präsenz die Gruppe der von Anke Molkenthin betreuten deutschen, österreichischen und schweizer Wüsten-Ultraläufer. Stets in schwarz gekleidet, mit dem typisch schwarzen Berber-Turban, braun gebrannter Gesichtshaut und mit einem weißen Bart, der „Ali Baba“ etwas Mystisches verlieh. Für mich schien Volker ein Teil der Wüste zu sein, der gute, der beruhigende, der friedvolle Teil der Wüste.

Volker Voss - Der "Herr der Dünen"

In der Tat war „Ali Baba“ schon zum neunten Mal in der Wüste und davon zum achten Mal beim „Marathon des Sables“ und er wollte 2010 wieder finishen und er hat auch gefinished, insgesamt zum sechsten Mal. Und Volker hat sogar sehr gut abgeschlossen für einen Mann von mittlerweile 68 Jahren. Am Ende erreichte er Platz 692 von 1.013 Startern, die drittbeste Platzierung in seinem Berber-Zelt und er hat, da es nur eine Handvoll Läufer seiner Altersklasse gab, über 300 junge Leute hinter sich gelassen, wie „Ali Baba“ mir stolz berichtete.
Zwar hatte er anfangs das Ziel, noch eine etwas bessere Platzierung zu erreichen, aber die unglückliche Wahl seiner Laufschuhe ließ ihn mehr einsinken wie sonst. Und das kostete ein paar Plätze im Endergebnis. Aber wer fragt wirklich nach der Platzierung? Und bei Herren dieses Alters doch erst recht nicht.
Volker lief mit einem schwarzen Laufshirt, auf dem ein Foto der Faust seines Enkels aufgenäht war. Unter dem Foto stand dann noch: „Opa, Du schaffst das!“ Und Opa hat es geschafft, Opa hat bei der achten Teilnahme am MdS zum achten Mal gefinished. Eine tolle, eine großartige Leistung.

"Opa, Du schaffst das!"

Der andere Wüstenlauf, den „Ali Baba“ hinter sich gebracht hat, war die „Libyan Challenge“ im Jahr 2008. Die hat zwar „nur“ 193 Kilometer Länge, dafür ist diese Strecke aber nonstop zu laufen, also ohne Zwischenübernachtungen. Und damals war Volker auch schon Mitte 60 Jahre alt.
„Ich will zeigen, dass man mit Mitte 50 durchaus noch aufrecht gehen kann und nicht gebückt über dem Einkaufswagen des Supermarktes hängen muss, wenn man das will. Und ich will beweisen, dass man auch mit 68 Jahren noch jeden Tag einen Marathon laufen kann,“ so der „Herr der Dünen“.

Dieser Ehrgeiz, für den ich Volker sehr bewundere, dokumentiert sich auch in seinem bescheidenen Restprogramm für 2010. Auf seiner „to run“-Liste stehen noch die 72,2 km des Rennsteiglaufs, die 100 km von Biel, der K78 des SwissAlpine und, um mal eine kurze Strecke einzulegen, der „Jungfrau-Marathon“ (Zitat Volker: „Den mache ich vor allem wegen der Höhenmeter!“). Aber danach muss es wieder ein Ultra sein und so stehen die 50 km des „Schwäbische Alb Marathons“ auch noch auf seiner Liste.
„Und eventuell,“ so Volker, „gönne ich mir noch den 250 km Etappenlauf durch die Wüste in Ägypten, aber nur, wenn alles andere gesund und planmäßig läuft.“

Für mich war „Ali Baba“ nicht nur wegen seines eindruckvollen Aussehens der „Herr der Dünen“, sondern auch, weil er mit seiner ruhigen und sonoren Stimme für alle deutschen, österreichischen und schweizer „Rookies“ auf dem MdS Berater, Freund und Helfer war.
Schon beim Vorbereitungstreffen im vergangenen November riet er den Teilnehmern, dass es beim MdS nicht darauf ankäme, schnell zu laufen, sondern er riet uns „Neuen“, durch einen frisch gepflügten Acker zu laufen und jede Gelegenheit zu nutzen, die Sehnen und Bänder zu stabilisieren. Und das war, im Nachhinein betrachtet, absolut richtig. Meine Schmerzen an den Füßen resultierten vor allem daher, dass Du bei jedem Schritt den Fuß schief aufsetzt. Mal kippt er nach rechts, mal nach links. Und nicht immer weißt Du im voraus, wie sich der Sand unter den Schuhen verdichten wird.
Apropos Schuhe, den Rat, den Volker heute den potenziellen Wüstenläufern geben würde, hat er selbst nicht beherzigt. „Nehmt möglichst Schuhe mit einem breiten Schnitt, bei Schuhgröße 47 macht das einige Quadratzentimeter aus. Dadurch sinkst Du nicht so tief in den Sand ein und Du läufst besser,“ sagte er zu mir.

10 „Marathon des Sables“ will der „Herr der Dünen“ vollmachen, also 2011 und 2012 wieder dabei sein. Danach wird er den MdS nur noch in den Jahren seiner runden Geburtstage beehren. Weil er 2012 70 Jahre alt sein wird, wird er dann erst wieder 2022 als 80-jähriger versuchen, wenigsten ein paar Junge hinter sich zu lassen. Und er wird wohl auch 2011 wieder die zusätzlichen 130 EURO für den „Race Tracker“ ausgeben. „Weil meine Frau dann beruhigt ist, wenn sie im Internet nachsehen kann, wo ich bin und dass ich mich noch bewege.“
Die Sorgen sind nicht unbegründet. Beim UTMB 2009 musste Volker den strammen Cut-Off Zeiten des ersten Tages Tribut zollen und aufgeben. Er gab seine Startnummer ordungsgemäß ab, meldete sich ab, schaltete das Handy aus und ging in sein warmes Hotelbett. Die Kommunikation unter den UTMB-Helfern war aber nicht perfekt und so „versickerte“ die Information, dass Volker ausgestiegen war und so erhielt Volkers Frau gegen zwei Uhr in der Nacht einen Anruf auf Chamonix, dass Volker vermisst wird.

Der dadurch ausgelösten Panik, denn Dutzende von Anrufen bei Mitläufern, auf Volkers ausgeschaltetem Handy und von den Mitläufern bei ihm hat Volker süße Träume im Hotelbett entgegengesetzt und er war nicht schlecht erschrocken, als er am nächsten Morgen zum Frühstück das Handy wieder einschaltete und er die Liste panischer Anrufe erlebte.

Und das, wo Volker für mich eben das krasse Gegenteil von Panik ist. Der im „Unruhestand“ lebende Volker, der von sich sagt, dass er nichts mehr tut, was er nicht will, ist ein Hobbygärtner. „Jeden Tag eine halbe Stunde, Bäume schneiden geht extra,“ so Volker. Auch durch sein großes Grundstück ist er fast ein vollkommener Selbstversorger. „Obst und Gemüse, eigentlich alles außer Fleisch,“ sagt Volker, „erzeuge ich selbst.“
Die Ruhe, der er ausstrahlt, kommt dabei wohl nicht nur von dem hohen Alter, sondern auch aus den Erfahrungen seines früheren Berufs. So war er jahrelang für Siemens im Außendienst unterwegs und hat EDV-Anlagen gewartet. Dabei war er auch im Ostblock tätig, bemerkenswert, weil es lange vor der Wende, also noch in strammer SED-Zeit, stattgefunden hat. Die ständigen Fragen der west- und ostdeutschen Sicherheitsleute haben Volker auch ruhig und gelassen gemacht, eine Ruhe, die uns allen beim „Marathon des Sables“ gut getan hat.

Der „Herr der Dünen“, „Ali Baba“, mein „Mann der Woche“ heißt Volker Voss.
Danke Volker, dass ich Dich kennenlernen durfte, ich verneige mich vor Dir.

Und erstens kommt es anders … und zweitens als man denkt!

Für den Braveheart Battle hatte ich in Münnerstadt ein Quartier gesucht und habe deshalb bei Google „Münnerfeld“ und „Übernachtung“ eingegeben. Ich bekam eine Liste von 5 Hotels, wobei ich eines davon anrief und sofort gebucht habe, weil der Preis stimmte. Als ich am Freitag Abend dort ankam und auf mein Zimmer geführt wurde, ging gerade die Türe zum Nachbarzimmer auf. Die Gäste neben mir waren auch Braveheart Battle – Reisende.

Die junge Dame, die aus dem Zimmer schaute, kam mir ein wenig bekannt vor, ihr Partner aber noch viel mehr. Es waren Michael Neumann und seine Freundin Susanne Holz, die zufällig im gleichen Café Hotel eingebucht waren wie ich.

Michael Neumann und Susanne organisieren Läufe wie den KiLL50, den HiLL50, den STUNT100 und in 2010 noch drei 100-Meiler wie den ESELSTREIBER oder den RUN2KILL, die Bestandteile des „German Sixpack“ sind, was aber nichts mit der gleichnamigen Portion Dosenbier zu tun hat. So kam ich zu einem netten Abendessen mit den beiden beim Münnerstädter Griechen „Taverne Dionnyos“. Und wieder habe ich begriffen, wie klein unsere Welt der Ultra-Läufer ist.

Michael Neumann im säuischen "Kampfdress". Er ist irgend etwas zwischen "Schweinchen Babe" und einem Ursaurier ...

Nach einer großen Flasche griechischen Wassers und einer riesigen Portion Bauernsalat für wirklich kleines Geld sind wir dann noch zusammen auf die Abendparty im Braveheart Battle – Zelt gegangen. Wir erlebten gleich das erste Hindernis des Braveheart Battle schon vor dem eigentlichen Lauf: die Bürgersteige waren hochgeklappt und genauso verhielt es sich mit der groß angekündigten Abendparty im Zelt. Zum Glück waren einige Vertreter der CABANAUTEN anwesend, die wenigstens ein wenig Stimmung verbreiteten. Ohne diese lustige Gruppe wäre das Zelt wohl leer gewesen. Ein Grund für mich, den Heimweg ins Hotel anzutreten.

Nach einem gemeinsamen Frühstück mit Susanne und Michael, bei dem wir uns über die halbe Ultra-Läuferwelt unterhalten haben, bin ich ins Startzelt gegangen, um meine Startunterlagen abzuholen. Völlig ungewohnt war, dass in dem großen Umschlag außer der Startnummer nur noch vier Büroklammern drinnen waren, keine Werbung, keine Pröbchen und auch keines der gefürchteten Gewinnspielchen. Und dann wurde die Zeit lange und ich war froh, dass die CABANAUTEN sich mit Sunblocker und Farbpigmenten eingerieben hatten, so war wenigstens etwas los im Zelt. Michael erstrahlte am Ende in einem neonrosa, das ihn zart und niedlich machte. Am liebsten hätte ich ihn „Babe“ genannt und ihm eine Zitronenscheibe in den Mund geschoben.

Später kamen dann mein TAR– und MdS– Laufkumpel Heiko Bahnmüller, der gleich mit einer ganzen Truppe seiner Luftwaffeneinheit erschienen ist, Bernie Conradt und seine hochschwangere Frau Sabine, der auch mit zwei Freunden da war, mein Lieblingsfotograf Klaus Duwe, den ich nicht erst seit dem fantastischen Foto im Ziel des UTMB in meine Abendgebete einschließe und ich hatte etliche nette Gespräche mit Läufern, die mir einiges über deren Laufleben erzählt haben.


Beim Start fehlte vieles.
Vor allem fehlten Starter. 596 Starter sind einfach nicht viel. Es fehlte aber auch Musik als Aufputschmittel. Es war ungewohnt ruhig und langweilig am Start und die Läuferkollegen hatten Glück, die entweder Freunde oder etwas zu lesen dabei hatten, am besten sogar beides.
Trotz der kleinen Schar an Läufern gab es keinen Massenstart, sondern es wurde in Gruppen gestartet, um nicht den Stau am ersten Hindernis zu haben, der vom StrongManRun her berühmt und berüchtigt ist. Ich startete mit Bernie und seinen Freunden ganz hinten und hatte auch vor, bei den Vieren zu bleiben. Aber schon beim ersten Hindernis, einer Flußdurchquerung, habe ich die Jungs nicht mehr gesehen und musste mich also alleine auf die lange Strecke wagen.

Nach dem ersten Hindernis kam die 6,5 Meter hohe Wand, vor der ich schon ein wenig Sorge hatte. Mir gingen immer Bilder durch den Kopf von Bundeswehr-Übungen, wo man sich an solchen Wänden hochziehen muss. Und das wäre überhaupt nicht mein Ding gewesen. Aber diese Wand war einfach, fast lächerlich einfach. Und schon nach zwei, drei Hindernissen habe ich den Lauf geistig als „gut gemeint“ abgehakt. Es war mir zu dieser Zeit einfach zu wenig anspruchsvoll und ich dachte, dieses Rennen schnell zu Ende zu bringen und dann zur Tagesordnung überzugehen.

Dass mich der erste Eindruck getäuscht hat, sei schon jetzt verraten.

Es ging zwei Kilometer weg von Münnerstadt und dann, nach einer erneuten Flußquerung, wieder zwei Kilometer zurück. Und dann kam die lange Schleife und die anspruchsvollen Hindernisse warteten auf uns.
Erwähnen will ich vor allem die selbst gebastelte Brücke aus labilen Holzscheiten, die es geschafft hat, mich in Wild-West-Manier abzuschütteln und so kam ich zu meinem Tauchgang und zu meinem Szenen-Applaus. Die Tauch-Einlage war nicht schlimm, eklig aber war es, aus diesem Wasser wieder heraus zu kommen. Danke an dieser Stelle dem Läuferkollegen, dessen helfende Hand dafür gesorgt hat, dass ich nicht auch jetzt noch in diesem Loch zubringen muss.


Auch die Hindernisreihe mit den Stromschlägen seien lobend erwähnt. Ich selbst bin dort zwar nicht geweckt worden, aber Heiko erzählte mir im Ziel, dass er ein paar Engelchen singen hörte, als er Kontakt mit den Schnüren hatte. Was streckt Heiko auch seinen Hintern so hoch?


Und auch die vier tiefen Löcher verdienen eine lobende Erwähnung. Da haben die Veranstalter-Jungs wohl lange gegraben, um so tiefe Löcher zu fabrizieren, deren Wände so steil und rutschig waren, dass ich im ersten Loch lange überlegt habe, wie ich da wohl wieder heraus komme. Nach vier dieser Übungen war ich wirklich gezeichnet, vor allem, weil diese Löcher ganz oben auf dem Berg waren. Und dieser Berg muss auch erwähnt werden.


Natürlich hatte ich im Vorfeld gelesen, dass es irgendwann 3,5 Kilometer bergauf gehen würde, aber dieses bergauf schien harmlos. Erst war es eine längere Straße, dann eine flach ansteigender Wiese, die aber sehr matschig war und dadurch Kraft gekostet hat. Und dann kam wieder ein Feldweg mit einem relativ wenig anspruchsvollen Hindernis, eine schmierige Strecke einen Bach entlang. Und dann musste wieder gerobbt werden, gerobbt bis zu ihm, zu dem Berg.
Im Braveheart Battle – Forum habe ich ein paar Kommentare gelesen, die sich diesen Berg weg gewünscht haben, ich liebte ihn. Beim StrongManRun haben wir stets angemerkt, dass die Laufpassagen zu kurz kamen. Und jetzt wollen wir es einfach und bequem haben?
Beim ToughGuy wiederum gab es das Hindernis „Slalom“, ein steiler Anstieg auf einen Hügel, der dann gleich wieder runter und wieder rauf gelaufen wird, insgesamt zehn Mal ein scharfer kurzer Anstieg, der die ToughGuys in zwei Lager teilte.
Die Läuferfraktion durfte weiterlaufen, die „Wenig-Läufer“ mussten eine Ereigniskarte ziehen, auf der stand: „Du hast Muskelkrämpfe in den Waden. Gehe nicht weiter, ziehe nicht auf Los. Du musst eine Runde aussetzen!“

Der Berg war hart im Anstieg, steil, so steil, dass ich mich in Schwäbisch Gmünd beim „Schwäbische Alb (Ultra-)Marathon“ wähnte. Und dann, endlich oben, kamen die Löcher, die mich vor so große Probleme stellten. Und wenn ich beim Aufstieg noch dachte, dass mich das Tempo machen beim Bergablaufen glücklich machen würde, dann sah ich mich mal wieder getäuscht. Es war steil, stramm durch den Wald, rutschig und glitschig, keine Chance, Zeit aufzuholen.
Es war ein Stück Laufstrecke in bester Trail-Manier und ich war glücklich. Endlich etwas für Läufer! Und ich wusste, dass es von jetzt an leicht werden würde, zumindest leichter, weil es tendenziell berab gehen würde, die Schleife noch zu Ende und dann noch einmal die 4 Kilometer lange Anfangsschleife, ein paar Hindernisse noch, die alles nicht allzu wild waren.

Aber der Berg hatte auch die Mitstreiter des Braveheart Battle getrennt. Nur wenige Läufer waren übrig geblieben, die mit mir noch laufen konnten, viele schalteten um auf das Gehen und sie verwandelten sich in Hindernisse, in Slalomstangen, die ich teilweise bedauert habe und denen ich versucht habe, mit ein paar motivierenden Worten Unterstützung zu geben.
Bei einem der letzten Hindernisse rief mir ein Passant zu: „Du siehst noch gut aus!“ Ich lachte und antwortete, dass ich jetzt, wo ich auf die 30 zugehen würde, mich richtig gut fühlen würde. Er traute wohl seinen Ohren nicht und stand mit offenem Mund da, nur die junge Lady neben ihm war schlagfertig und fragte zurück: „Zum wievielten Mal?“

Beim Überqueren der 6,5 Meter hohen Wand, die bei den ersten beiden Malen noch niedrig und wenig anspruchsvoll schien, hatte ich aber mehr Mühe und ich fragte mich, ob die Organisatoren in der Zwischenzeit noch ein paar Meter aufgestockt hatten. Beim vierten und letzten Überqueren merkte ich durch ein Ziehen im Oberschenkel, dass ich kurz vor dem Krampf war. Und das ist selten bei mir. Es spricht für die Organisatoren und dafür, dass ich die Strecke viel zu schnell in eine falsche Schublade gesteckt habe.

Die erste von insgesamt vier Überquerungen der 6,5 Meter hohen Wand. Und jedes Mal wurde sie höher ...

Es war schon ein gutes Stück Arbeit gewesen, zudem war die Strecke laut meinem GPS Protokoll 20,5 Kilometer lang, also rund zwei Kilometer länger wie ausgeschrieben. Mein Ziel, unter der Marke von 2:30 Stunden zu bleiben, habe ich aber dennoch erreicht. Meine Uhr blieb bei 2:27 Stunden stehen, mal sehen, ob sich das mit dem offiziellen Resultat deckt.
Ganz zum Schluss, nachdem ich erst die hart erarbeitete „Medal of Honor“ erhalten und dann ein Plastiktüte über den Kopf gestülpt bekommen habe, musste ich stoppen und eine nette Lady vom Roten Kreuz schob mir ein Thermometer ins linke Ohr, um meine Körpertemperatur zu messen. Es waren 33,6 Grad – und das war durchaus normal nach diesen Strapazen. Auf welche Temperaturen die Kollegen heruntergekommen waren, die erst zum Ende der Veranstaltung eintrudelten, will ich gar nicht wissen.

Mir jedenfalls ging es trotz der 33,6 Grad gut, kein Vergleich mit dem Zittern und dem Verschütten des warmen Kakaos beim ToughGuy. Welche Körpertemperatur ich damals im Ziel hatte, will ich besser auch gar nicht erst wissen. Oft ist es besser, wenn man nicht allzu viel weiß …


Am Ende sind aus 596 Startern 410 Bravehearts geworden, 186 Startern verbleibt die traurige Erkenntnis, dass auch vermeintlich kurze Läufe Dir alles, aber auch wirklich alles abverlangen können. Aber sind wir nicht genau dafür dort angetreten?

Fotos vom Lauf gibt es unter anderem hier: http://www.lauf-news.de/Bilder_Rockstar_Braveheart_Battle_2010.aspx

Bernie Conradt und seine Freunde nach dem Zieleinlauf im Zelt.