Ein halber RBW, ein ganzer RBW und nun noch eineinhalb davon …

Ostersamstag, 21 Uhr in Düren auf dem Annakirmesplatz.

Es war der Beginn des NEU, des regelmäßig von Stefan Vilvo initiierten und organisierten „Nord Eifel Ultra“, am Osterwochenende erstmals als Nachtausgabe durchgeführt. Eine kleine Truppe Laufwilliger hatte sich zusammen gefunden, um gemeinsam durch die kalte und verschneite Nacht zu laufen.
Schlafen, sagt man ja, wird im Allgemeinen häufig überbewertet.
Und ein Lauf über 56 K mit ein paar Höhenmetern ist ja für uns in der „Familie“ auch kein Grund, uns darauf langfristig vorzubereiten. Training, sagt man ja auch, wird ja ebenfalls im Allgemeinen überbewertet.
Ich meldete mich also erst am Donnerstagabend per eMail dort an. Aber Stefan, der mich ja noch vom NEU Anfang 2011 kannte, ist flexibel und freut sich über jeden, den seine Eltern als Versorger und Fahrer / Fahrerin des Begleitfahrzeugs verwöhnen dürfen.
Und der Lauf passte optimal zu meinen Vorstellungen der Vorbereitungen für diesen „April der Wahrheit“. Ich konnte mal wieder durch die Nacht laufen, was mir in näherer Zukunft des öfteren droht, die Strecke ist nicht allzu kurz und nicht allzu flach, Düren ist noch fast in der Nachbarschaft, alles perfekt.Wenn Du 56 Kilometer gemeinsam durch die Nacht läufst und einigermaßen in der „Familie“ vernetzt bist, dann kennst Du am Anfang zwar noch kaum einen, am Ende aber, wenn am nächsten Morgen die Nacht geht, dann sieht das ganz anders aus.
Dabei ist es ja auch recht hilfreich, wenn manche Mitläufer Dir durch Wimpel oder Buttons dezente Hinweise geben, wo sie denn her kommen. Der „Wat läuft?“ – Button von Tatjana war so ein Hinweis, ein idealer Einstieg in eine immer interessantere Kommunikation. Wer mit einem „Wat läuft?“ – Button rumläuft, dachte ich, und zudem Ultraläufer ist, der kann nicht verkehrt sein. Wie wahr.

Manche der Läufer sah ich schon bei der Schlammschlacht des „Ebberg brutal“ der Endorphinjunkies aus Dortmund, eine gesprächsreiche und nette Nacht unter Gleichgesinnten war also garantiert, schade war nur, dass auch die einmal endete. Ich wäre gerne noch ein paar Stunden länger gelaufen, bei idealen äußeren Bedingungen, leichtem Schneefall, durch Nebel getrübter Fernsicht und teils glitschigem Boden. Aber wer achtet denn auf solche Details, schon gar nicht nach der Strecke des „Ebberg brutal“, nach der selbst ein „StrongManRun“ oder ein „Braveheart Battle“ zum Muskelentlastungsprogramm zählen würden.
Einer der „NEU-linge“, wie Stefan Vilvo seine Gäste liebevoll nennt, Daniel, wurde auch spontan noch ein Nachrücker für den „3. RheinBurgenWeg-Lauf 2013“ (RBW).
Am Ende des NEU sagte ich dann zu den absolvierten 56 K mit knapp 2.000 HM, dass ich das jetzt jede Woche verdoppeln wolle.

Der NEU war also ein halber RBW. Aus 56 K dort sollten also 110 K beim RBW werden und aus knapp 2.000 HM sollten ca. 4.000 HM werden. Und dann war er auch schon da, er erste schwierige Lauf im „April der Wahrheit“.
Schon die Tage zuvor waren recht hektisch, obwohl ich außer etwas Facebook-Arbeit mich im Wesentlichen nur um den 1. Verpflegungspunkt zu kümmern hatte. Aber auch das war schon viel für mich, aber wozu hat man denn Freunde? HHZwei Engel flogen also vom Himmel herunter, Engel in Form von Helmut Hanner und Annett Gottschling, beides Sportler, er sogar RBW-erfahren. Die beiden boten sich an, den VP1 mit Leben zu erfüllen, den Läufern dort die Brote zu schmieren, die Schnürsenkel zu binden und eben alles dafür zu tun, dass die 34 Läufer, die wir in drei Gruppen (schnell, schneller, noch schneller) eingeteilt hatten, müde in den VP 1 kamen, ihn aber allesamt vergnügt, gestärkt und neu motiviert verließen.
Die beiden haben einen Sonderapplaus verdient und die Gespräche mit Helmut vor dem Event haben mich oft sehr bewegt, weil ich einen Menschen entdeckt habe, der alles andere als grobgliedrig strukturiert ist, klare und gute Werte vertritt und mit dem es einfach Spaß macht, zu reden.
Aber als „Kölscher“ aus der schönsten Stadt der Welt war das ja eigentlich klar. RBWZwei Übernachtungsgäste hatte ich am Freitagabend vor dem Event, Rolli und Stefan. Und ich war Strohwitwer. Ich kann zwar einigermaßen kochen, aber „für Publikum“ hatte ich es noch nicht gemacht. Ich entschied mich getreu dem, dass man ja eine „Pasta-Party“ vor dem Lauf machen sollte – auf Reis mit einer scharfen vegetarischen Tomatensauce, auf Spiegelei und auf angebratenen Tofu.
Später dachte ich mir, ich hätte besser noch gestückelte Paprika zum Tofu dazu geben sollen … beim nächsten Mal wird auch da alles anders.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, duschte, kümmerte mich um mich und die Laufvorbereitung, machte Tee für drei vorbereitete Teekannen, natürlich ungesüßt, „Spanischer Caluna“ Tee, Orange – Traube, fruchtig und leicht süßlich. Dann weckte ich die Rolli und Stefan, wir fuhren nach Koblenz zum Hauptbahnhof und warteten auf die Ankunft des ersten Zuges, die beiden gönnten sich dort ein Frühstück, ich vergaß zu essen. Später dann, in etwa bei km 30, erinnerte mich mein Magen daran, dass ich doch besser etwas gegessen hätte.

Ich liebe beim RBW die drei Verpflegungspunkte, allen voran natürlich den mittleren, den zweiten VP, der sich auf Schloss Rheinfels befindet. Was die Gourmet-Köche des Restaurants Schloss Rheinfels da immer wieder zaubern ist fantastisch. Purer Luxus, da will man am liebsten gar nicht wieder weg!
„Wohlfühlhotel Nr. 1“ heißt es verdientermaßen dort, aber wir können unsere müden Körper dort nicht zu Bette legen, von dort aus geht es wieder weiter in die Nacht hinein. RheinfelsWir laufen den RheinBurgenWeg ja seit drei Jahren in jeweils drei unterschiedlich schnellen Gruppen und es ist meiner Langsamkeit zu verdanken, dass ich stets die größte Gruppe leiten darf, die sich 22 Stunden Zeit für diese 110 K nehmen will. 2003 haben wir es im Wesentlichen in 20 Stunden geschafft, aber auch die beiden schnelleren Gruppen hielten sich nicht ganz an den Zeitplan.

Nach ein paar Minuten Dösen in der Sporthalle in Bingen und nach einer heißen und erfrischenden Dusche fuhren wir alle wieder an den Rhein zum Frühstück. Das war ja auch so weit, ein Kilometer, mindestens. Ultraläufern, die gerade 110 K hinter sich gebracht haben, ist das definitiv nicht zuzumuten.
Fast alle der 34 Läuferinnen und Läufer kamen mit zum Frühstück und es gab neben den Urkunden auch als Medaillen die originalen gelben Zubringerschilder zum RBW, aufgehängt an einem bordeauxroten Band, ganz edel.
Für die Urkunden und die Medaillen ist bei uns stets Axel verantwortlich, der da auch sein ganzes Herzblut hinein gibt. Die Urkunden tragen sogar die Startfotos der drei Gruppen! Gut, dass Axel wie die Läufer auch nicht an Schlaf in der Nacht denkt.
Schlafen wird im Allgemeinen ja auch überbewertet.
Dieser Lauf wäre ohne ihn gar nicht denkbar.

Und dann wollte und sollte ich das noch einmal verdoppeln, denn dann kam er auch schon, der JUNUT, der Jurasteig. Warum es dort nicht zwei RBWs wurden, sondern nur eineinhalb davon, davon erzähle ich das nächste Mal …

The North Face UTMB 2012

Nach ein paar glücklichen Tagen im schönen Österreich kam ich nach Hause, sah auf meinen eMail Accout und staunte nicht schlecht.

Da war doch eine Mail von The North Face, immerhin Hauptsponsor des The North Face Ultra Trail du Mont Blanc 2012, in der ich gefragt wurde, ob ich ein wenig über die Vorbereitung ihres Läufers beim UTMB berichten wolle. Und ob ich dann während des UTMB weiter berichten wolle, direkt vor Ort.
Dabei sein in der Kulisse und das Event mal im Ganzen erleben. Grandios, wenn man schon nicht selbst mitlaufen kann. Hinter der Ziellinie stehen, um Fotos der Finisher zu machen, so wie damals Klaus Duwe die Fotos von mir gemacht hat. Menschen kennen lernen, die über unser Hobby berichten und Menschen kennen lernen, die sich für unser Hobby engagieren, die uns einkleiden, ernähren, die all ihr Wissen für uns verwenden, alles, damit wir solche Herausforderungen wie den UTMB meistern können.
Klar wollte ich das.

Aber nur unter bestimmten Bedingungen, selbstverständlich. Aber wer mich kennt, der weiß, dass ich keine Lobhudeleien mag, mich nicht kaufen lasse und nur etwas schreiben will, wenn es interessant für mich ist. Und hier war es für mich besonders interessant, zu erfahren, über wen ich da berichten sollte. Wen, fragte ich mich, soll ich da portraitieren? Mir fielen viele Namen ein, die „üblichen Verdächtigen“ waren darunter und auch ein paar Andere.
Keinesfalls wollte ich über jemanden berichten, der keiner „von uns“ ist.

Es sollte jemand sein, dachte ich mir, der wie wir ein Amateur ist. Professionals gibt es ja einige und viele Printmedien berichten mehr oder weniger gerne von ihnen. Ein Grund für mich, das nicht zu tun.
Es sollte idealerweise jemand sein, dachte ich mir, von dem ich schon vorher etwas weiß. Und wer mich kennt, der weiß auch, dass ich mir über viele Läufer, die mir über den Weg gelaufen sind, vieles merke, vor allem natürlich über die, die ich bei den ganz großen Events kennen lernen durfte.

Es brauchte drei Telefonate, bis wir zur Beantwortung dieser Frage kamen. Drei lange Telefonate an drei langen Tagen – und ich vermute, dass dann meine Fingernägel vor Spannung schon halb abgekaut waren.

In meinem Kopf rotierten immer die gleichen Fragen: Männlein oder Weiblein? Jung oder Alt? Aus meiner direkten Läuferfamilie oder eher nicht?

Und als hätte mich der Läufergott erhört, kam dann die Antwort, die mich dann sofort zur Zusage zu diesem Projekt bewegt hat: „Unser Läufer ist aus Jesenwang,“ sagte Nicole, meine Gesprächspartnerin. Aus Jesenwang? Ein Dörfchen mit nur wenigen Hundert Einwohnern, mutmaßlich nicht gespickt mit Ultraläufern. Das konnte dann also nur Heiko sein, Heiko Bahnmüller, mein Laufpartner vom TransAlpineRun 2008. Was für ein Zufal, was für eine Freudel!

„Kennst Du ihn?“ fragte Nicole überrascht und ich erzählte ihr kurz unsere gemeinsame Geschichte.

Ich habe Heiko durch das Veranstaltungsteam „Plan B“, durch Uta Albrecht, kennengelernt. Den TransAlpineRun zu laufen war damals, Anfang 2008, mein großer Traum gewesen. Einmal quer über die Alpen – zu Fuß, das ist etwas für die ganz Harten, dachte ich damals.
Aber der TAR ist nun mal ein Teamlauf und so ganz ohne Partner ist ein Team ziemlich klein, zu klein. Aus meinem kleinen Bekanntenkreis erhielt ich bestenfalls ein Schulterzucken auf die Frage, ob Interesse bestehen würde, diese 300 Kilometer mit mir im Team zu laufen. Mancher Zeigefinger fand sogar den Weg an die Schläfe des Gesprächspartners und die obligatorische Antwort war stets, dass man für solch gewaltige Entfernungen doch das Auto erfunden habe.

Uta gab mir dann drei eMail Adressen von potenziellen Laufpartnern und mit Zweien habe ich länger telefoniert. Der eine war der niederländische Importeur von Suunto Laufuhren. Ein wirklich netter Kerl. Und wer weiß, wie sehr ich Niederländer und ihren Humor schätze, der kann erahnen, dass er sofort in meiner engeren Wahl war. Am Ende habe ich mich dann aber doch gegen ihn entschieden, weil er mir einfach „zu gut“ erschien. Zu schnell, zu erfahren. Zudem hatte ich die Sorge, dass ihm die Platzierung des Teams auch für seine beruflichen Aspekte wichtiger war als mir.

Entschieden habe ich mich dann für Heiko. Zwar waren seine Marathonzeiten auch besser wie meine. Eine 3:11 stand da zu Buche (ich weiß, Heiko, dass mittlerweile aus Dir ein „unter drei Stunden – Läufer“ geworden ist). Außerdem war Heiko bis dahin niemals weiter als einen Marathon gelaufen und er hatte Sorge, bei längeren Etappen Probleme zu bekommen. Wenigstens ein kleiner Vorteil für mich.
Das dritte Argument für ihn war damals auch, dass er Pädagoge ist, ein unschätzbarer Vorteil, wenn es Dir mal schlecht geht. Und genau diese Eigenschaft habe ich immer an ihm geschätzt, vor allem am letzten Tag, als ich wegen muskulärer Probleme kaum mehr laufen, sondern nur noch tippeln konnte.

Nach etlichen Telefonaten trafen wir uns dann das erste Mal im „real life“ beim StrongManRun 2008 in Weeze. Er war mit seiner Bundeswehr-Sportgruppe dort und wir machten noch schnell mittels eines schnell aufgebauten Fotohintergrundes einige gemeinsame Fotos. Heiko hatte kurz zuvor ERIMA als unseren Sponsor gewinnen können und die Ware war Tags zuvor bei ihm in Jesenwang eingetroffen. „Team ERIMA Sportswear“ hießen wir also dann.

Nach dem TAR 2008 war der Marathon des Sables 2010 das nächste gemeinsame Highlight. Und nicht nur das. Wir lebten gemeinsam mit Achim Knacksterdt, Tilman Markert und Christian Bechtel eine Woche lang unter dem gleichen Berberzeltdach in der südmarokkanischen Wüste. Was war das schön damals!

Einen Tag nach dem Telefonat mit Nicole telefonierte ich mit Heiko und er erzählte mir, dass er sie gefragt hätte, ob ich mich dort bei der Agentur gemeldet hätte. „Nein,“ sagte sie, „das ist purer Zufall.“
Zufall ja, vielleicht auch Fügung, Schicksal? Auf jeden Fall ist es der Beginn von großartigen 10 Wochen, in denen ich regelmäßig über „Heikos Weg nach Chamonix“ berichten werde.
Veröffentlichen werde ich die Berichte dann aber nicht hier auf der allgemeinen Seite, sondern hier:
https://marathonundlaenger.wordpress.com/the-north-face-utmb/
Vielleicht gelingt es mir auch, die Beiträge hier und dort zu posten, aber das ist nicht versprochen.

Als versprochen aber gilt, dass Du Dir dort ein umfassendes Bild von Heiko und seinem Training für den The North Face UTMB 2012 machen kannst. Vergleiche die Erfahrungen vor dem Rennen und während des Rennens mit Deinen eigenen oder nimm die eine oder andere Information für Dich mit, falls Du diesen großen weißen Berg noch nicht umrundet haben solltest.
Für Deinen Start beim UTMB 2013. So viel Berg muss einfach sein, finde ich. Weil diesen Lauf zu finishen noch für jeden Läufer, den ich kenne, das Größte ist.

Bei dem UTMB 2013 werde ich dann auch wieder als Läufer dabei sein, einen sicheren Startplatz habe ich ja schon …

Gemiddelde snelheid: 8,2 km/u

Thomas Eller – 2908
Afgelegde afstand: 100 km; Gemiddelde snelheid: 8,2 km/u

Controlepost Afstand Tijd Km/u

01 Start (Kruisberg) 0,00 21:13
02 Weert – Kerk 7,40 21:54 10,8
03 Roddam – Friesland Foods 17,32 22:58 9,3
04 Wintam – Parochiezaal 24,39 23:45 9,0
05 Ruisbroek – Parking 30,42 00:27 8,6
06 Breendonk – Duvel 39,33 01:27 8,9
07 Steenhuffel – Palm 49,51 02:44 7,9
08 Merchtem – Sporthal 56,78 03:40 7,8
09 Buggenhout – Sporthal 64,96 04:46 7,4
10 Opdorp – Capelderij 70,36 05:27 7,9
11 Lippelo – School 74,61 06:03 7,1
12 Puurs – Sporthal 80,34 06:53 6,9
13 Oppuurs – De Mispel 84,26 07:23 7,8
14 Sint-Amands – Sporthal 89,29 08:02 7,7
15 Branst – Zates 94,15 08:39 7,9
16 Aankomst 100,00 09:20 8,4

(Klicken zum Vergrößern!)

Er ist jetzt also auch Geschichte, der Dodentocht, der Totenkopf, die urige, vielleicht einzigartige Veranstaltung für jedermann.
Ein 100 Kilometer Lauf für jedermann, geht denn das überhaupt?

Bevor ich zum Läufer mutierte wusste ich gar nicht, dass Menschen überhaupt so eine Strecke nonstop bewältigen können und schon als Kind war mir beim Wandern mit den Geschwistern und den Eltern klar: mehr als 30 Kilometer am Tag geht einfach nicht!

Und im belgischen Bornem versammeln sich Jahr für Jahr bis zu 12.500 Menschen, um diese lange „geht einfach nicht“ – Strecke zu bewältigen, es ist wahrlich unglaublich. Und wenn Du von anderern Großveranstaltungen her weißt, dass diese Menschen vor allem viel buntes Polyester tragen und darauf für andere Großveranstaltungen werben, wo die Teilnehmer auch, in viel buntes Polyester gekleidet, auf weitere Großveranstaltungen hinweisen, dann weißt Du nicht, wie die Menschen in Bornem dort vor dem Start aussehen.

Hunderte trugen eine Militäruniform, aber auch das kennt man noch aus dem schweizerischen Biel, wo ja neben dem Lauf parallel auch die Schweizerische Militärmeisterschaft ausgelobt ist, Tausende aber trugen ganz normale Wanderkleidung, einen großen Rucksack auf dem Rücken, oft mit Campingtischen und Campingstühlen verziert.
Ich habe mir immer die Geduld dieser Teilnehmer vorgestellt, wie sie bei einem Kontrollpunkt in aller Ruhe den Campingtisch und die Campingstühle aufbauen, ein Tischdeckchen auf den Tisch legen, ein paar Blümchen drapieren, Servietten heraussuchen, um dann genußvoll erst zu essen und dann noch ein wenig Karten zu spielen.
Ich bewundere die Ruhe dieser Menschen!

Interessant waren auch die vielen Wanderer, die mit riesigen Fahnen bewaffnet waren oder Wanderer, die äußerlich eher an die Obdachlosen im „Bonner Loch“ erinnerten, die aber gleichzeitig mit ihrem neuen iPhone den aktuellen persönlichen Status updateten.
Da war aber auch die Gruppe dickbäuchiger Wanderer, die ich gleich nach dem Parken kennengelernt habe. Alle trugen ein azurblaues T-Shirt mit weißer Aufschrift, zudem waren alle Bartträger, meist mit sehr, sehr langen Bärten. Ein Hauch von ZZ Top wehte ihnen um die Stirn und Harley-Davidson wäre über solche Frontmänner glücklich. Bestimmt hatten die jeweils so ein Kult-Motorrad in der belgischen Garage. Ich hätte danach fragen sollen …
Sie halfen mir, mich in dem Dickicht von Scanning-Station, Start und Einschreibezelt zurecht zu finden. Ich glaube, ohne dieses Dutzend wilder Belgier hätte ich mehr Probleme gehabt, alles noch halbwegs rechtzeitig zu erreichen, zudem erfuhr ich manches Wissenswerte rund um den Lauf, den diese Jungs natürlich schon viele Male absolviert haben.
Den Satz „Der Weg vom Einschreibungszelt bis zum Start zählt mit“ hielt ich anfangs für einen Witz. Dass es aber richtig war, erfuhr ich spätestens bei der 50 K Markierung, die auf meiner GPS Uhr bei 48,67 K stand.
Die 12 verrieten mir auch, dass es keinen Grund für meine Hektik gäbe. Der Start um 21 Uhr würde nichts besagen, bis ich wirklich über die Startlinie laufen würde wären mindestens weitere 30 Minuten vergangen.
Damit haben sich die wilden Belgier aber getäuscht. Dank meiner Ellenbogen passierte ich die Startlinie um 21.13 Uhr, gefühlt allerdings war es viel später.

Der Start

Ich bin eigentlich ein bekennender Spät-Ankommer. Wer mich kennt, der weiß, dass ich der Reisezeit-Voraussage des Navigationsprogrammes hörig bin wie Tom Cruise den Scientologen. Warum also früher losfahren?
Vor dem Dodentocht allerding hatte ich so viel Zeit, dass ich so losgefahren bin, dass ich rund drei Stunden Zeit vor dem Start haben würde.
Aber kurz vor „Antwerpen am Stau“ korrigierte sich dann das Navigationssystem, doch es versprach mir immer noch zwei ruhige Stunden vor dem Start. Noch 40 Kilometer vor dem Ziel Bornem lachte ich über die 48 Minuten, die mir dann vorausgesagt wurden.
Ich lachte und hatte zum Teil Recht: das Navigationssystem hat sich geirrt.
Es waren sogar fast 80 Minuten für diese kurze Reststrecke!
Dabei ließ mich vor allem der Stau, der sich ab der Abfahrt Bornem bildete, in das Lenkrad beißen. So etwas hatte ich zuletzt beim StrongManRun in Weeze erlebt.

Zweispurig warteten die Dodentocht-Teilnehmer geduldig auf ihren Platz auf einem der vielen Parkplätze vor der Stadt. Da waren sogar Shuttle-Busse eingerichtet, die die Teilnehmer zum Einschreibezelt brachten. Nur ich war wieder ungeduldig und fuhr dann an der Schlange vorbei, als es endlich möglich wurde. Ich fuhr Richtung Start, sah dann irgendwann die Scanning-Station und suchte mir einen Parkplatz vor dem Bornemer Sportzentrum. Dort traf ich dann auch die 12 langbärtigen Belgier.
Von der Scanning-Station ging es dann erst einmal zur Einschreibung. Das war gut organisiert und ging daher schnell. Ich bekam die Startnummer 2908.
Damit war mein ersten Ziel bei den meisten Läufen erreicht: ich hatte die Chance auf eine niedrigere Platzierung als meine Startnummer!
Immerhin.

Es gab spezielle Papierbendel, die Du Dir um die Schnürsenkel klebst, mit Hilfe derer Deine Zeit geonmmen wird. Dass es aber schon beim Massenstart eine persönliche Zeitnahme gab habe ich gar nicht bemerkt und deshalb schon mit mir gehadert. Aber alles, was die Zeitnahme anging, war prima. Aber dann musste ich noch einmal zum Auto zurück, um mich umzuziehen und dann ging es wieder zur Scanning-Station und dann zum Start.
Scanning-Station und Start waren zwar weit auseinander, aber komplett mit Läufern und vor allem mit Wanderern vollgestellt. Zum Glück gab es da einen Teilnehmer, der per Handy seine Kumpel suchte und deshalb näher an des Start musst und ich hängte mich eng an seinen Rücken. Das verschaffte mir einige Hundert Meter durch die Menschenmassen bis ungefähr ins Halbfeld, dennoch war es unerträglich, dort auf den Start zu warten.

Den Startschuss, sofern es ihn überhaupt gab, habe ich nicht gehört. Vielleicht haben sich die Bier liebenden Belgier auch darauf verständigt, dass der Chef des Rennes als Startsignal eines der „Tripel Bornem“ Starkbiere öffnet und den Läufern zuprostet.
Eines dieser „Tripel Bornem“ Starkbiere gab es dann sogar in der Finisher-Tüte. 9% Alkohol hat dieses stark nach Malz schmeckende Bier, selbst manche Weine kommen über diesen Wert kaum drüber.

Irgendwann jedenfalls setzten sich die vielen Tausend Menschen vor mir in Bewegung und nach 13 langen Minuten des langsamen Gehens war ich an den Startflaggen und aktivierte meinen Garmin.

Nun beschleunigte sich das langsame Gehen in ein zügiges Gehen, immer noch viel zu langsam für einen mit den Hufen scharrenden Läufer, also machte ich das, was eigentlich vollkommen falsch war: ich überholte.
Auf schmalen Wegen ging ich rechts um die Leute herum, links herum, über die nassen und peitschenden Grasstreifen neben den Wegen, durch tiefe Pfützen und eben überall dort, wo die meisten Menschen nicht laufen wollen.
Der Lohn dafür war, dass ich bis zur ersten Zeitnahme meine mit Abstand beste Geschwindigkeit des ganzen Laufs erreicht habe, trotz des permanenten Abbremsens und Beschleunigens und die Strafe dafür war, dass ich jegliche Kontrolle über den Lauf verlor.
Gerade ich als 24-h Läufer müsste doch wissen, wie wichtig die Kontrolle über die Geschwindigkeit gerade in den ersten beiden Stunden ist!
Aber für mich musste das dort unbedingt so sein.

Der Lauf als solches

Irgendwann war dann tatsächlich ein einigermaßen kontrolliertes Laufen möglich. Aber wer denkt, dass es leicht ist, in Belgien auf ebenem Gelände zu laufen, der irrt. Der viele Asphalt hinterließ Spuren, vor allem auch deshalb, weil ich mich für Trailschuhe entschieden hatte. Belgien, so dachte ich, ist ein Trailgebiet!
So kann man sich täuschen.
Ansonsten liefen wir auf Wiesenwegen, die unruhig und anstrengend waren, alles Gründe, warum mir dieser 100 K Lauf die schlechteste Laufzeit einbrachte, die ich bei solchen Läufen je hatte. Sogar meine Durchgangszeiten für 100 K bei den beiden Delmenhorster 24-h Läufen waren besser!
Aber auf Belgisch-holländisch klingt das, was mich so enttäuscht hat, noch richtig nett: Gemiddelde snelheid: 8,2 km/u

Weil ich jedoch relativ weit hinten gestartet bin, habe ich so viele Menschen überholt. In der ersten Stunde vor allem die Wanderer, dann kamen die Läufer dazu. Und ab der 50 Kilometer-Marke war bei vielen Läufern trotzdem ein „Wandertag“ angesagt. Obwohl ich von der 60 Kilometer-Marke bis zur 80 Kilometer-Marke frustiert und langsam war, schob ich mich Stück für Stück nach vorne und auf den letzten Kilometern lieferte ich mir mit den Läufern um mich herum sogar noch kleine Laufduelle, die waren allerdings so langsam, dass es mehr an ein Schneckenrennen erinnern musste als an ein Rennen der Formel 1 in Spa.
Die Strecke war aber insgesamt annehmbar und sie bot etwas, was ich überhaupt nicht erwartet hatte: viele wunderschöne Einfamilienhäuser mit oft riesigen und supergepflegten Grundstücken.
Ich liebe ja die belgische Version des Verklinkerns. In Norddeutschland wirkt das häufig einfach, billig und rotbraun, die belgischen Klinker sind hell, gelblich und strahlen ein Harmonie aus, um die ich die Häuslebauer beneide.
Und von diesen wunderschönen Häusern gab es so viele, dass der Eindruck entstehen konnte, dass Belgien das Nobelviertel Deutschlands ist.
Schade eigentlich, dass ich nicht die Zeit hatte, diese Schmuckstücke zu fotografieren.

Die Verpflegungsstellen

Die Verpflegungsstellen waren immer mit den Zeitnahmestellen kombiniert. Einige dieser Verpflegungsstellen befanden sich in den großen lokalen Brauereien, die meist die Laufwege mit Tausenden von Bierkisten abgetrennt hatten. Natürlich gab es überall den belgischen Gerstensaft, aber ich war dafür kein Kunde. Ich trinke ja sowieso nur sehr wenig Alkohol und wenn, dann gönne ich mir eher ein Glas Wein als ein Bierchen.

Vermisst habe ich allerdings eine vernünftige Läufernahrung. Gut war, dass es am zweiten VP ganze Äpfel gab und an zwei VPs Orangenstücke. Es gab sporadisch Bananen und zwei Mal ein akzeptables und trinkbares Süppchen. Aber das war es schon mit den guten Dingen.
Ansonsten gab es viel Süßkram. Belgische Waffeln, die richtig im Mund vor Zucker knirschten, Spekulatius-Kekse, allerlei süße Industriekuchen, sogar EFEM Produkte wie Mars, Snickers und Bounty – aber welcher Läufer isst das?
Aber eines gab es kaum: Salz war Mangelware. Zwar lagen unendlich viele Zuckerwürfel herum, aber Salz konne ich nur ein Mal entdecken.

Zu trinken gab es Wasser und Kaffee in unglaublichen Mengen, an zwei Sonderständen gab es als Promotion ein „Aquarius“-Drink, der richtig gut tat und ein Mal gab es sogar für jeden Läufer einen kleinen Tetrapack voller Orangensaft. Wasser konnte ich irgendwann nicht mehr sehen, immerhin brauchten wir bei über 20 Grad in der Nacht einige Liter zu trinken.
Bei dem VP kurz vor der 50 Kilometer-Marke sagte ein älterer Läufer, der lange mit mir gelaufen ist, dass er jetzt Lust auf eine Cola hätte. Ich auch, dachte ich.
Wir bekamen dann jeder eine Dose Cola, für 1,50 EUR das Stück. Zum Glück hatte ich etwas Kleingeld dabei, die restriktive Politik mit dem Cola-Getränk allerdings hat mich zumindest gewundert.
Zwei VP’s später, der ältere Läuferkollege war immer noch neben mir, gönnten wir uns wieder eine Cola. Dieses Mal gab es eine mittelgroße PET-Flasche für 2,50 EUR das Stück. Und am vorletzten VP gab es sogar ganz offiziell ein Fläschchen Coca-Cola, ein winziges, 0,25 Liter, aber ich fühlte mich wie an dem Donnerstag in der Wüste beim MdS, als es auch ein Mal, dieses einzige Mal, ein Döschen Cola gab.
Zucker essen will ich ja nicht allzu viel bei den Läufen, aber hin und wieder eine Cola trinken ist doch ein echter Genuss, vor allem, wenn sie einigermaßen kalt ist.
Insgesamt gibt es für die Organisatoren an den VP’s die Chance, etwas zu lernen und zu verbessern.

Das Gleiche gilt auch für den Start. Ich wäre dafür, die Wanderer von den Läufern zu trennen und die Läufer vielleicht drei Stunden später starten zu lassen. Dann musst Du zwar immer noch durch die Horden von Wanderern durch laufen, aber das Teilnehmerfeld hat sich nach dann vielleicht vier bis viereinhalb Stunden deutlich entzerrt, die Wege sind breiter und Du hast von Anfang an die Chance auf einen einigermaßen kontrollierten Lauf. Vielleicht wäre das eine Idee für die Organisatoren des Dodentocht?

Die Laufzeit kannst Du aber dennoch beim Dodentocht vergessen. Nicht wegen der Bierchen, die sich viele Teilnehmer gönnten, sondern auch deshalb, weil Du, wenn Du wirklich schnell bist, schneller als ich, Dich bremsen musst, denn Du darfst nicht vor 7 Uhr in der Frühe, also nach frühestens 10 Stunden, im Ziel sein. Und die Verpflegungspunkte öffen und schließen genau so, dass Du irgendwo zwischen den 10 Minimalstunden und den 24 Maximalstunden gescannt werden kannst.
Manchen schnellen Läufer mag das stören, mir war das Dank der Gnade des langsamen Laufens eigentlich völlig egal. Die Marke, an der ich hier arbeite, sind 10 Stunden 30 Minuten. Die will ich irgendwann unterbieten.

Aber nicht beim Dodentocht.
Dahin komme ich zurück, um Fotos der schönen Häuser zu machen.

514 Mal „DANKE“: was bisher geschah …

Vor einer Woche, genauer am 18. Februar, habe ich den Blog-Beitrag über meinen Lauf von Nürnberg nach Nürburg geschrieben. Und ich habe nach Hilfe gefragt, weil es viel leichter ist, so ein Vorhaben mit guten Freunden im Rücken zu stemmen.

Viele haben sich spontan beteiligt, ich will nur einige Beispiele davon nennen, die stellvertretend stehen für alle, die mich angerufen, angemailt, angetwittert oder sonstwie unterstützt haben.

So hat „Monsterliesel“ Eva dazu aufgerufen, den Platz auf der Couch freizumachen und hat einen entsprechenden Tweet an ihre Follower auf Twitter und Facebook geschickt. Achim Knacksterdt hat mir eine Schlafgelegenheit mit heißer Dusche und heißem Tee angeboten, Jeffrey Norris hat sich lange mit mir über diesen Lauf ausgetauscht und mir hilfreiche Tipps gegeben, zudem hat er mich eingeladen, wieder in Brugg/CH mit ihm zu laufen und auch wieder den Sprecher der Veranstaltung zu machen.
Torsten Riemer versucht, seinen Dienst so zu tauschen, dass er mich am ersten und vielleicht sogar am zweiten Tag mit dem Auto supporten kann, sensationell, ein herzlichstes „Danke schön“!

Die große Marke SKINS hat auch spontan per Tweet geholfen und auf diesen Lauf hingewiesen und sie haben mir ihren Facebook-Account als Darstellungsfläche angeboten.
Gerne werde ich das im März nutzen.

Unzählige „Gefällt mir“ – Buttons wurden gedrückt und vielleicht wird auch Niels Grimpe-Luhmann beim Lauf vertreten sein. Und wenn, dann definitiv im Röckchen. Ob ich dann einen indonesischen Sarong tragen sollte?

Eine ganz besondere Freude allerdings machte mir Udo Schick aus Fürth bei Nürnberg. Udo Schick ist bei vielen regionalen Läufern Werbeläufer im Kilt für World Vision, er ist in vielen sozialen Bereichen engagiert, so bei Greenpeace, Verdi, Vier Pfoten/Europäisches Tierhilfswerk und eben auch World Vision, er und seine Familie haben seit 2005 ein Patenkind in Kenia.
Udo ist Organspender, Mitglied in der DMKS und Fan vom Laufclub 21/Down-Syndrom Marathonstaffel e.V. und …

… er wird mit mir in Nürnberg an den Start gehen und mich einen Tag lang begleiten!


Darauf freue ich mich und darauf bin ich stolz.

Und wenn Niels noch im Röckchen dazu kommt, wenn Udo im Kilt und ich im indonesischen Sarong laufen würden, dann wäre eine Horde „vollkommen durchgeknallter Läufer“ beisammen.

Eigentlich fehlst dann nur noch …. DU !

Rosa Elefanten im Auto und gelbe Enten on air

Der Stau auf der Anfahrtsstraße vor dem ToughGuy Event ist legendär. Nur der StrongManRun kann da noch mithalten in Sachen Läuferbehinderung. Also musst Du früh dort sein, um kein Risiko einzugehen, nicht pünktlich am Start zu sein.
Meine toughen Begleiter Bernie Conradt, Kurt Süsser, Alex Metzler, unsere Haus- und Hof-Fotografin Gabi und ich haben uns also am Sonntag schon um 8.45 Uhr aufgemacht, die 10 Autominuten lange Strecke zu bewältigen.

Beim Frühstück waren wir noch normal verrückte Läufer, aber danach begann unsere Verwandlung. Franz Kafka hätte angesichts dieser Metamorphose sein legendäres Werk umgeschrieben und hätte seinen Romanhelden Gregor Samsa nicht als ekligen Käfer, sondern als rosa Elefanten aufwachen lassen. Weil rosa Elefanten interessanter sind als klebrige Riesenkäfer, vor allem dann, wenn in den Elefanten so toughe Jungs im besten Mannesalter stecken. Nur Alex muss ich hier ausnehmen, weil er fast 20 Jahre jünger ist wie wir, also gewissermaßen noch in den Elefanten-Kindergarten geht.

Klicken: Mehr Fotos von den vier rosa Elefanten gibt es hier auf Facebook!

Die vier rosa Elefanten hatten dann bei der Fahrt zum ToughGuy auch keine Probleme, bei Kreuzungen in den fließenden Verkehr einzufädeln. Auto fahrende rosa Elefanten haben scheinbar stets Vorfahrt.

Es war also erst kurz nach 9 Uhr, als wir am ToughGuy Gelände ankamen, aber es war schon richtig voll dort. Vor allem vor dem „Forehead Marking“, der Hütte, wo uns die Startnummer in schwarzem Filzstift auf die zartrosa Elefantenhaut geschrieben wurde, drängten sich endlos viele Läufer, Journalisten und interessierte Zuschauer.
Unser Elefantenkostüm verfehlte seine Wirkung nicht. Unglaublich viele Menschen wollten sich mit uns fotografieren lassen. Klick hier, klick da, immer wieder. Ein Fernsehteam holte uns zum Interview, schade, dass ich nicht weiß, wo das dann gesendet wurde. So vertrieben wir vier elefantenstarken Jungs die Zeit, weil wir warten mussten: auf unsere graue Maus.


Die Rolle der Elefantenerschreckerin spielte Steffi, die sich schon vor Monaten per eMail unserem Team angeschlossen hatte. Aber Wolverhampton ist zu groß, um sich zufällig zu sehen und Steffi kam einfach zu spät, wirklich sehr schade.
Folglich sind wir dann eine halbe Stunde vor dem offiziellen Start in die Startbox der „Queen Wisitors“ gegangen, dem zweiten Startblock, gleich nach den „King Wisitors“.
Zwar hätte ich als beurkundeter ToughGuy 2009 auch in einem anderen Startblock starten dürfen, aber als rosa Elefant allein sein wollte ich dann doch nicht. Rosa Elefanten sind eben etwas schüchtern und ängstlich.

Wir vertrieben uns die halbe Stunde erst mit Gesprächen im Startblock. Da waren die blauen Münchner Schlümpfe, die wir schon am Vortag kennen gelernt hatten, die beiden Schweizer mit den Helmkameras aus unserem Hotel, die uns beim Frühstück erzählt haben, dass sie die Wasseraufnahme in Form von vielen Gläsern bitteren Guinness Bieres bis kurz vor 4 Uhr am Morgen noch hart trainiert hatten.
Ganz wach sahen die wirklich nicht aus, bei Schweizern ist man aber nie ganz sicher, ob die Langsamkeit angeboren ist oder vom Trainingslager her stammt.

Und da waren viele anderen, die sich immer für die kleine Elefantenherde interessiert haben, wir aber interessierten uns vor allem für „Mr. Mouse“. Nachdem unsere Maus Steffi nicht bei uns war, wollten wir wenigstens ein Foto mit „Mr. Mouse“ machen. Also überquerten wir die Absperrungen, gingen zu ihm und bekamen, was wir wollten. Ganz begeistert war er nicht, aber er war wenigstens geduldig.
„Mr. Mouse“ war früher mal in Wuppertal und er wurde nicht müde, davon zu erzählen.

Mr. Mouse, der Erfinder des ToughGuy. "Jetzt aber schnell wieder hinter die Absperrung!" meint er danach.

Noch immer waren zehn lange Minuten zu überstehen, bis der legendäre Kanonenböller als Startsignal ertönen würde. Langsam wird es doch etwas zäh, dachte ich.
Zum Glück hatte einer der toughen Wartenden einen Football dabei, den er wahllos in die Menge schoss. Dort von irgend jemandem aufgefangen, wurde er zurück geschossen oder zurück geworfen, wenn der Fänger sich den Abschlag mit dem ovalen Ei nicht zutraute.
Und bei jedem Abschlag ging ein begeistertes Raunen durch die wartende Menge und bei jedem Wurf ein enttäuschtes Grummeln. Dieses Mitmachen hielt die Laune oben, auch wenn nur die wenigsten von uns den Football tatsächlich einmal anfassen konnten.

Noch fünf Minuten vor dem Start, die Anspannung stieg. Die Startboxen wurden voller und voller und die Menge drückte schon merklich in Richtung des vermeintlichen Ausgangs, um später eine bessere Ausgangsposition zu haben.

Wir alle hatten am Vortag in unserer Starttüte eine kleine gelbe Plastikente gefunden. Die sollten wir auf der Unterseite mit unserer Startnummer versehen und später dann in einen See werfen, um dann, wenn wir wieder an dem See vorbei kommen würden, diese wieder aus dem Wasser zu ziehen. Erwischt Du Deine Ente, dann gewinnst Du etwas. Kein großer Gewinn für eine winzig kleine Chance, dachte ich.

Das müssen Andere auch gedacht haben und so entschieden sie, ihre Ente als Wurfgeschoss gegen die ToughGuys des Nachbar-Startblocks zu verwenden. Und so flog eine gelbe Ente von dem Startblock der „Wetnecks“ zu uns „Queen Wizitors“ herüber. Natürlich haben wir dieser Ente gleich ein Rückflugticket spendiert.

Innerhalb kürzester Zeit flogen dann Hunderte gelber Enten von einem Startblock zum nächsten, um gleich wieder zurückgeschickt zu werden. Schon diese Bilder, schon dieser Spaß hat aus diesem Event etwas ganz Besonderes gemacht. Ein Bild für Götter! So viel Spaß vor dem Start hatte ich schon lange nicht mehr.

Oben auf dem Hügel stand „Mr. Mouse“ mit seinem Team, eine schottische Gruppe im Kilt spielte ununterbrochen Dudelsackmusik und wir alle fieberten, dass endlich die große alte Kanone diesen Lauf freigeben würde.
Erst die „King Wizitors“, dann wir. Wir überkletterten die Absperrungen, kämpften uns den steilen Berg hinunter und warteten.

Und dann ging es endlich los …

Scarlett O’Hara küsst Zauberlehrling

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„Vom Winde verweht“ erlebten wir am vergangenen Samstag beim NEU (Nord Eifel Ultra) live. Und ich dachte ständig an die schöne Scarlett O’Hara, jedes Mal, wenn wir wieder ganz besonders stark „vom Winde verweht“ wurden.
Da war jeder froh, der dank ein paar Pfunden zuviel dem Wind etwas entgegen zu setzen hatte. Ich war einer davon, untertrainiert, übergewichtig und auch im optimalen Fall für Ultraläufer deutlich zu schwer.

Der stamme Wind von vorne treibt Deinen Puls nach oben, Du drückst mit dem ganzen Körper gegen den von vorne blasenden Wind und dennoch kommst Du kaum voran.
Zwei richtig stramme Laufpassagen ziemlich am Anfang der 56,3 Kilometer waren so zu bewältigen und ich überlegte, wie ich mich von diesem Lauf verabschieden könnte, ohne dass es allzu peinlich wirken würde.
Als dann der Wind jedoch nachließ, wir wieder in den Wald kamen und das Laufen wieder erträglicher wurde, war ich dann doch sehr froh, nicht „gekniffen“ zu haben.

Am Vortag noch, als ich mich auf den Lauf einzustimmen versuchte, telefonierte ich mit Susanne Alexi. Ich wusste, dass ich im Grunde seit dem Eisweinlauf Mitte Dezember keine lange Einheit mehr gelaufen bin, außerdem bin ich auch nur sehr wenige kurze Einheiten gelaufen. Ich war also faul, der Arbeit und der chronischen Unlust geschuldet.
Aber Susanne beruhigte mich, als sie sagte, dass Florian Bechtel auch schon lange keine lange Strecke mehr hinter sich gebracht hat und dass es Ultramarathon – Einsteiger geben würde, perfekt.
Auf der Webseite las ich, dass wir in einer Zeit von 7 bis 10 Minuten pro Kilometer laufen würden – und ich lachte innerlich. Doch so langsam?
So würden wir für die Gesamtstrecke bei der 7er Zeit mindestens 6 1/2 Stunden brauchen, bei der 10er Zeit sogar knapp über 9 Stunden! Wie langsam ist das denn, dachte ich. Aber ich war zufrieden, weil ich nach der langen Pause sowieso Sorgen hatte, zu langsam zu sein.
Erst am Ende der Strecke, als wir kurz vor 18.30 Uhr wieder auf dem Annakirmesplatz in Düren angekommen waren, weit über 9 Stunden nach dem Start, wusste ich, dass das alles andere als langsam für mich war. Nicht nur das: zwischen km 50 und 53 war ich weit abgeschlagen hinten, konnte kaum mehr laufen, fühlte mich elend, wechselte Laufpassagen mit Gehpassagen, weil ich vollkommen fertig war und hoffte, zumindest nicht den Anschluss an den vorletzten, an Jörg Segger, zu verlieren.

Und ich ärgerte mich über mich selbst, weil ich auf die Stirnlampe verzichtet hatte, im irrtümlichen Glauben, 56,3 Kilometer noch am Nachmittag abgelaufen zu haben. Wenn ich also den Anschluss verpasst hätte, dann hätte ich ohne Licht, ohne Karte und ohne Ortskenntnis dagestanden und mich irgendwie durchschlagen müssen. Erst ab km 53 ging es wieder und ich fand Anschluss nach vorne, aber ich sagte mir, dass ich nie wieder einen Lauf vorher einschätzen will.

Der stramme Wind von vorne, der mich stets an Scarlett O’Hara senken ließ, war aber nicht das einzige Problem, das wir hatten. Da war auch noch der Goethe’sche Zauberlehrling – und der sorgte für „Wasser satt“.

Manchmal schien es mir, als wären wir beim „StrongManRun“ oder einem der anderen Matsch-Rennen. Ob es der Schnee war, der so weich war, dass Du permanent eingebrochen bist, ob es das Gras war, das sich in weichen moderigen Schlamm verwandelt hatte oder ob es die meist überfluteten Wege waren: Wasser war immer da, Wasser war omipräsent!

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Und so versuchten wir am Anfang, mit der Auswahl der optimalen Route die Füße noch einigermaßen trocken zu halten, aber schon bald war klar, dass das alles sowieso keinen tieferen Sinn ergeben würde. Von da an ging es eben geradeaus mitten durch das Wasser, mitten durch die Bäche.

Du frierst an den Füßen, an den Zehen – obenrum aber war es warm. Die Sonne erschien immer wieder am Himmel, die Luft war fast frühlingshaft warm, es war ein ganz besonderes Wochenende.
Dazu passte die Strecke, die auch sehr interessant war. Trailig, nicht allzu viele Höhenmeter, aber eben durch die Bedingungen doch sehr anstrengend.
Ob auf dem Smugglerweg, bergauf oder bergab, durch den Wald, die Wiesen oder die Dörfer – ich genoss jeden Meter, auch wenn er anstrengend war.

Und ich redete viel. Mit Susanne Alexi und Jörg Benz zuerst und dann mit Bernd Rohrmann aus Hagen. Er wurde mir beim „Trail Uewersauer“ in Luxemburg schon von Günter Meinhold kurz vorgestellt und wir liefen auch die „TorTOUR de Ruhr“ gemeinsam, er in seiner 100 Meilen-Premiere auf der 160 Kilometer Strecke, ich auf der 230 Kilometer Strecke.
Auch das weitere Programm des Jahres deckt sich auffällig oft. Rennsteiglauf, K-UT, der SH Supertrail … wir redeten ununterbrochen, bis es mir so schlecht ging, dass ich alleine sein und schweigen wollte. Aber da waren schon 50 Kilometer vorbei, es war schon dunkel und ich wollte nur noch nach Hause.

Am Ende konnte ich nicht einmal mehr auf Bernd warten. Es war schon so spät, dass ich schnell Richtung Leichlingen musste. Ein Freund hatte zu einer Après Ski Party eingeladen.
Scarlett O’Hara und der Zauberlehrling blieben auf der Strecke – aber an den unglaublichen Wind, an das viele Wasser und an einen zauberhaft anstrengenden Lauf werde ich noch lange denken.

100 x 397 = ?? – noch ist eine Rechnung offen …

Es ist Sonntag, früher Morgen, kurz vor 6 Uhr: 60 Runden habe ich in den vergangenen 14 Stunden gedreht und meine Rundenzeiten haben das erste Mal die 15-Minuten-Marke überschritten.

Was ich weiß ist, dass ich keine Lust mehr habe, was ich nicht weiß ist, dass ich auch während eines Rennens regenerieren kann. Dass ich keine Lust mehr habe, liegt daran, dass ich mir ausgerechnet habe, mit der letzten Rundenzeit die geforderten 100 Runden bis zum Nachmittag nicht schaffen zu können, aber dennoch ist es doof, aufzuhören.

Am liebsten würde ich sofort nach Hause fahren, aber Gabi, meine allerliebste Gabi, steht noch nicht an der Strecke, sondern ist noch im Zimmer in ihrer Pension und träumt vielleicht noch den Albtraum aller Supporter: das Essen für den Läufer vergessen, den Start verpasst, die falsche Ausfahrt genommen oder die Wechselklamotten zu Hause gelassen …

Ich lasse mich jetzt 20 Minuten lang massieren, das hilft immer, zumindest hilft es, die Zeit tot zu schlagen. Aber Gabi ist auch danach noch nicht an der Strecke, also beginne ich langsam wieder mit dem Lauf und nach der 61. Runde steht sie oben am Wendepunkt und winkt mir fröhlich zu.

„Ich höre jetzt auf,“ sage ich und sie antwortet entgeistert, dass ich noch frisch und gut aussehen würde. Aber weil ich denke, dass ich irgendwo zwischen 92 und 98 Runden den 24-h Lauf abschließen würde, will ich nicht mehr laufen. Ich will nur noch heim und möglichst viel von dem sonnigen Sonntag genießen.

All das ist jetzt knapp ein Jahr her und der Stachel, den ich mir damals ins Fleisch getrieben habe, sitzt noch immer tief. Und er schmerzt. Noch nie habe ich ein wichtiges Rennen abgebrochen, noch nie habe ich ein mir wichtiges Ziel nicht geschafft, außer damals, im Mai 2010 auf der Spitzhaustreppe im sächsischen Radebeul.

Ich habe also noch eine Rechnung offen mit den 397 Stufen dieser Treppe und diese Rechnung wird am kommenden Wochenende beglichen! Im direkten Duell, die Treppe gegen mich …

Egal, was kommt, es wird mein letzter Start beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ sein und wenn ich wieder scheitere, dann soll es auch eine offene Wunde fürs Leben sein. Aber ich werde nicht scheitern! Trotz der noch immer wunden Füße und trotz der mangels Zeit kaum möglichen Regeneration nach dem „Marathon des Sables“ (MdS) werde ich nicht scheitern, sondern langsam, aber stetig Stufe für Stufe nehmen und dabei leise mitzählen:
„Noch 39.699, noch 39.698, noch 39.697 …“

Auf keinen Fall werde ich vorzeitig aufgeben, auch nicht, wenn ich realisiere, dass ich die geforderten 100 Runden innerhalb der gesetzten Laufzeit von 24 Stunden nicht erreichen kann. Dann ende ich halt bei 87 Runden oder bei 94 Runden oder wegen mir auch bei 99 Runden, aber ich gebe nicht auf, denn ich will, dass mein Name in das Gipfelkreuz der Spitzhaustreppe gehauen wird. Es wäre dort in guter Gesellschaft mit all den bisherigen Finishern dieses Laufs, zu denen ich momentan nur ehrfürchtig aufschauen kann.

... mein Ziel, der Eintrag im Gipfelkreuz der Spitzweg-Treppe in Radebeul

Vielleicht sollte ich den „Ausbilder Schmidt“ vom StrongManRun mitnehmen, damit er mir ein paar passende Worte in der Nacht zubrüllt, wenn ich schwach und weich werden sollte. Oder ich leihe mir Bernie Conradt’s Frau Sabine aus, die ihn 2008, mitten in der regnerischen und kalten Nacht von Radebeul, wieder mit den Worten auf die Strecke schickte: „Ich denke, Du bist zum Laufen hier?“ Auch ließ Sabine Bernie’s Hinweis darauf, dass es schwer sei, da zu laufen, nicht gelten und antwortete: „Wenn es leicht wäre, wärest Du nicht hier, Bernie!“

Bernie hatte Sabine tief gefrustet und unterkühlt in der Nacht angerufen, um aufzugeben und um ins warme Bettchen abgeholt zu werden. Ihre „Gardinenpredigt“, sein wiedererwachter Siegeswille und Dutzende von Salamibroten haben es dann bewirkt, dass mein Lauffreund Bernie Conradt einer von denen ist, zu denen ich ehrfürchtig aufschauen muss. Bernie’s Laufbericht über diese Nacht ist auch heute noch wirklich lesenswert.

Und wie wird mein Bericht nächste Woche ausfallen?

… noch 39.700 …