230 Kilometer und das Peter-Prinzip …

Das „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“, dieses 400 Kilometer Nonstop-Rennen, sollte mir 2013 Klarheit verschaffen, ob ich überhaupt noch in der Lage bin, lange Distanzen zu meistern.

Dabei war früher alles so einfach:
Der TransAlpineRun 2008 (TAR), mein erster wirklich großer Lauf, klappte besser als gedacht und machte Lust auf mehr. Die drei UTMB-Punkte, die es für diesen Stagerun gab, mussten natürlich 2009 zum UTMB führen. Wie sagte damals Bernie Conradt kurz nach dem TAR zu mir: „Jetzt hast Du drei UTMB-Punkte, jetzt musst Du auch nach Chamonix!“
In der Vorbereitung des UTMB 2009 habe ich dann im Jahr 2009 meinen ersten 24-h Lauf gelaufen, damals in Delmenhorst, immerhin über 177,5 Kilometer. Ich wollte damals unbedingt zumindest einmal die Länge des UTMB nonstop hinter mich gebracht haben.
Ich lief die 350 Kilometer des SwissJuraMarathons in 7 Etappen von Genf nach Basel und zur Absicherung lief ich noch gegen den Rat der meisten Freunde zwei Wochen vor dem UTMB die 171 Kilometer des Kölnpfads in knapp unter 24 Stunden.
Alles war einfach und gut, Zweifel gab es nicht, nie.

Auch den UTMB selbst lief ich ich guten 41:52:33 Stunden deutlich leichter und besser als geplant. Ich konnte mir sogar eine längere Schlafpause in Trient in der zweiten Nacht gönnen – welch ein Luxus!

2010 kamen dann im Frühjahr die 230 Kilometer der TorTOUR de Ruhr, ich musste leiden und kam erst im späten Dunkel ins Ziel, aber ich konnte diesen Lauf finishen – wie eben alle anderen zuvor. Zweifel gab es immer noch nicht.

Und dann begann das „Peter-Prinzip“ (das „Peter-Prinzip auf Wikipedia), das Streben nach mehr, die Gier nach Dingen, für die ich vielleicht einfach nicht gemacht bin.
PPDas Scheitern beim PTL 2010 konnte ich im Wesentlichen noch den widrigen Umständen zuschreiben, dem Wetter beispielsweise. In diesem Jahr wurde an gleicher Stelle immerhin der UTMB wegen der Wetterkapriolen nach 32 Kilometern abgebrochen. Auch dem Team, als zweites Beispiel, insbesondere den Meinungsunterschieden zwischen dem kanadisch-deutschen Part Carsten Quell und mir, nachdem der englische Part, Bob Lovegrove, das Team verlassen wollte.
Wenn Du, Carsten, dies hier lesen solltest, dann nimm bitte meine Entschuldigung an und wisse, dass ich damals kopfmäßig einfach nicht in der Lage war, solch einen Lauf erfolgreich zu stemmen.

2011 scheiterte ich dann erst bei meinem ersten Antritt beim „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“ – und das grandios. Ich hatte mir dort alles anders vorgestellt, ich war viel zu langsam und sehr müde und musste deshalb am CP 3 nach etwa drei Marathonlängen aussteigen.
Dann scheiterte ich 2011 auch noch beim 330 Kilometer Tor des Géants (TdG) nach knapp 200 absolvierten Kilometern. Ich war leer im Kopf, kam einfach keinen Berg mehr hinauf und beschloss, ab sofort nur noch zu weinen. Und das tat ich dann mehrere Tage lang.
100ZweifelUnd plötzlich waren sie da, die Zweifel. Und sie waren massiv und ständig präsent. Ist die Grenze von 230 Kilometern meine persönliche Leistungsgrenze?
Das einzige, was mich damals aufrecht hielt, waren der persönliche Bestwert von 189,6 Kilometer beim 24-h Lauf, wieder in Delmenhorst. Platz 5 von allen, Platz 1 der Altersklasse, das habe ich weder vorher noch nachher noch einmal erreicht.
Das war damals der Lauf meines Lebens. Ich lief und lief und lief …

2012 verkürzte ich dann meine erneute TorTOUR de Ruhr auf 100 Kilometer, ich scheiterte beim JUNUT, 2012 war ein wirklich fürchterliches Jahr für mich. Beim UTMB durfte ich wegen des Lospechs in der Lotterie auch nicht antreten, zum TdG habe ich mich erst gar nicht mehr getraut.

Aber 2013 sollte alles anders werden, alles besser werden.
Mit dem JUNUT, den ich immerhin bis zum Finisherpunkt bei 172 Kilometern geschafft habe und eben vor allem mit dem „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“. Dieses Mal musste es einfach klappen.

Ich konzentrierte mich und meine Vorbereitung vor allem auf diesen Lauf. Nach den 200 Kilometern in Indien beim Ultra India Race, den 119 Kilometern des TransGranCanaria und den 172 Kilometern des JUNUT 172 reparierte ich mein angeschlagenes Ego zuerst durch das Finish beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ und dann durch eine gute Platzierung beim 60 K Extreme Ultra vom Mount Everest Base Camp ausgehend.
Den Start bei meinem Traumlauf in Andorra über die 170 Kilometer in den hohen Bergen der Pyrenäen machte leider der nepalesische Darmvirus Giardia lamblia (Lamblien) zunichte, meine Sicherheit, gut vorbereitet zu sein, wurde dadurch aber nicht geschmälert.

Dass ich aus dem England-Lauf einen Spendenlauf gemacht habe und dass ich auch aus dem Läuferkreis so hervorragende und motivierende Reaktionen erfahren hatte, dass Webseiten wie soq.de oder meinestadt.de berichtet haben, dass die lokalen Zeitungen diesen Lauf nicht ignorierten, all das trug mich lange beim „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“.

Bei manchem Kilometer sprach ich laut zum vermeintlich präsenten Kilometer-Paten: „Das ist Dein Kilometer. Vielen Dank für Deine Unterstützung!“
Das motivierte mich, es machte mich glücklich und glich auch den Mangel an neuen äußeren optischen Eindrücken beim Lauf aus.

Am Ende hat es dann funktioniert. Die 230 Kilometer-Grenze gibt es nicht mehr für mich. Aber die Gier nach mehr gibt es auch nicht mehr.
Es wird für mich kein „Projekt 500“ geben und keinen Frostskade 500.
Ich werde 2014 noch einmal die TorTOUR de Ruhr laufen, vielleicht einen oder zwei 24-h Läufe mit dem Ziel, näher an die 200-Kilometer-Marke heran zu laufen und im Spätsommer vielleicht ein schönes Bergevent.

Ansonsten werde ich einfach glücklich sein und wissen:
Du musst nicht wirklich wissen, wann das Peter-Prinzip für Dich erreicht ist!230

Was für eine geile Strecke …

Nach den 400 Kilometern des „Thames Ring Race“ vom letzten Wochenende war ich noch nicht richtig regeneriert, zudem bekam ich am Dienstagabend zuerst leichte Kopfschmerzen, dann Bauchschmerzen, Fieber und einen Darminfekt, der mich bis Freitagfrüh im Griff hatte.
Lauter gute Gründe, an diesem Wochenende nicht allzu viel zu tun.
Trail-ManiakWas machst Du aber, wenn an diesem Wochenende der TRAIL-MANIAK Pitztal Gletscher Ultra stattfindet und Du dort für die 95 K Distanz gemeldet bist?
Ich habe über diese Frage lange gegrübelt und viele Meinungen eingeholt.
Gar nicht laufen und einfach die schöne Landschaft genießen?
Das ist auch keine Alternative, weil  ich mich gut genug kenne, dass ich dann nur die Zeit vertrödeln würde.
Den 13 K Einsteiger Trail-Lauf mitmachen?
Mit solchen Distanzen fange ich wirklich nicht an, schon gar nicht, wenn die Veranstaltung immerhin 9 Autostunden von mir zu Hause entfernt ist.
Doch den 95 K Trail machen?
Spät ins Bett kommen, sehr früh raus, auch noch die Nacht zum Sonntag durchlaufen und das in meinem Zustand? Nee, an diesem Wochenende wollte ich das nicht auf mich nehmen, obwohl ich immer ein kleines Problem damit habe, wenn ich eine Strecke laufe, die kürzer ist als die Hauptstrecke des Events.
Also den 42 K Bergmarathon laufen.
Das heißt schlafen bis nach 7 Uhr am Morgen, ordentlich frühstücken, ein zweites und finales Racebriefing um 9 Uhr und ein Start um 10 Uhr.

Die Maximalzeit betrug laut Ausschreibung 9 Stunden, weil Mario Schönherr und Michi Raab gut drauf waren, gab es vom Anfang an eine Stunde „gratis“ oben drauf. Wie lange braucht man für solch einen Lauf?
Beim Gondo-Event hatte ich 6.15 Stunden und 6.45 Stunden gehabt und kam mir extrem langsam vor. Wie sehr ich in diesem Punkt irrte!
Direkt nachdem ich mich für das „Downgrading“ vom 95 K auf den 42 K entschieden hatte, klingelte mich Didi Beiderbeck mit der Frage an, ob ich ihn dort guiden könnte. Kann ich, sagte ich gerne. Ich weiß, dass Didi zuvor eine ellenlange Telefonliste abtelefoniert hatte, wo auch zumindest mit Birte Döring eine Läuferin dabei war, die Didi überhaupt nicht kannte.
Wie sagte doch John Wayne im Film „The Fighting Seabees“: „It’s a dirty job, but somebody has to do it.“
Didi und ich trafen uns kurz vor dem Start im Läuferzelt, bastelten das Seil um unsere Hüften und gingen nach dem Startschuss gemächlich los.

Nicht gemächlich los aber ging der Trail. Gleich auf den ersten 3 Kilometern waren 600 Höhenmeter zu bewältigen, das aber war noch ein relativ leichtes Unterfangen, weil sich vor uns oft ein Stau bildete und wir dadurch immer wieder eingebremst wurden. Eigentlich blieb Dir auch nichts anderes übrig, als das Tempo Deiner Vor-Läufer mitzugehen, nicht schneller, nicht langsamer. Und dann kommt nach der Seilbahn-Mittelstation irgendwann auch die Bergstation und damit Wasser, Isodrink, Red Bull in verschiedenen Variationen und etwas, was ich bisher nicht kannte. CLIF heißt ein Riegel, der für mich einfach perfekt ist. Er schmeckt richtig gut, ist weder hart und trocken noch weich und klebrig, sondern er hat eine Konsistenz, die sehr angenehm ist. Diese Riegel haben das Zeug, meine Lieblingssnacks auf den Bergen zu werden, eine echte Entdeckung!
(Hinweis: CLIF Bars bei http://www.bergfreunde.de)
Blueberry_CrispCrunchy_Peanut_ButterBei dieser ersten, wirklich sehr frühen, Labestation habe ich auch endlich einmal den Laufspass.de-Betreiber Thomas Schmidtkonz persönlich kennen gelernt. Am Abend sollte ich auch noch Jörg Kornfeld kennenlernen, beides Läuferkollegen, von denen man viel auf Facebook liest, mit denen man aber bis dato noch nie direkt kommuniziert hat. Auch zwei kleine Gewinne für mich.
Wir wussten, dass die nächste Labestation sehr weit weg sein würde, also gönnten wir uns ein paar Minuten Ruhe in der Sonne der Berge und stritten und danach mit Thomas und einer weiteren Läuferin um die „rote Laterne“.
Rechts herum um den Rifflsee und dann begann eine lange und sehr trailige Passage, die uns ständig schräg nach oben und weit weg von der Rifflsee-Bergbahn führte. Und wo Trail draufstand war auch Trail drin. Echter Trail. Da waren Klettersteigpassagen verpackt, wo Du Dir mich Eisen-Fixseilen helfen musstest, da gab es in den Stein eingelassene Metalltritte, kurz, es war ein Stück Welt, wie es kaum schöner sein konnte.

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Und Didi und ich waren langsam. Sehr langsam.
Um die um eine Stunde verlängerte Zeitvorgabe zu erfüllen, darfst Du im Schnitt nicht mehr Zeit brauchen als 14 Minuten, Pausen inklusive. Und wir waren nach einem Viertel der Strecke schon kumuliert bei über 18 Minuten. Da begann ich darüber nachzudenken, dass wir eventuell keine Finisher werden könnten. Und da begann ich auch, zu treiben, zu ziehen und einen Schlag schneller zu laufen. Es endete aber immer damit, dass wir eben frisch gewonnenen Raum durch ein Atem-Päuschen schon wieder verloren.
Nach 13.8 Kilometern kamen Didi und ich dann überein, dass das wohl nichts ist an diesem Tage in dieser Situation an diesem Berg und ich bat den direkt vor uns laufenden Detlef, Didi zu übernehmen.
Und ich hatte noch fast 30 Kilometer Zeit, ein wenig Luft zwischen die rote Laterne und mich zu bringen. Lange war da aber niemand. Aber dann traf ich die ersten Läuferinnen und Läufer, später überholte ich dann Grace Sacher und ich überholte und überholte und muss mich wohl für die vor mir Laufenden wie eine Lokomotive angehört haben, die laut schnaubend und donnernd durch das Gebirge fuhr. Meistens ließ man mich sofort passieren.
Und weil jeder Loop auch einen Wendepunkt hat, ging es irgendwann zurück, ein steiles Sandstück herunter, nicht aber, ohne zuvor einen Panoramablick zu bieten, wie Du ihn nur sehr selten hast. Dieser Ausblick, gepaart mit echtem Kaiserwetter, wäre schon allein die Mühe Wert gewesen, dorthin zu laufen.

Nach der zweiten Labestation, wieder mit CLIF Bars, Red Bull, viel Wasser und etwas Iso, ging es daran, aus meiner kumulierten Zeit, die ich auf 15 Minuten 30 Sekunden gedrückt hatte, eine gute Zeit zu machen. Da kam der lange und flach abfallende Forstweg bis nach Mandalfen gerade recht. Unter fünf Minuten pro Kilometer lief ich die vielen Kilometerchen ins Tal und drückte die kumulierte Zeit auf 12 Minuten und 14 Sekunden, immerhin.
Das Ziel war auch die Durchgangsstation für die Zwischenzeit-Messung und auch die dritte Labestation, gekrönt mir schon trinkfertig eingeschenkten Bierbechern mit alkoholfreiem Erdinger Weißbier. So ein Becher musste natürlich rein, kühl, köstlich, aufbauend.
Es ging noch zwei weitere Kilometer leicht abwärts, ich trabte gemeinsam mit Karin Walder und ich dachte, dass ich für die noch anstehenden 15 Kilometer vielleicht noch 3.30 Stunden oder 3.45 Stunden benötigen würde, nachdem die ersten 27 Kilometer mit 4:50 Stunden trotz des langsamen Starts so gut gelaufen sind. Das aber war eine klassische Fehleinschätzung.
Gut, es waren, als es nach links in den Berg ging, ziemlich genau 1.000 Höhenmeter, die zu bewältigen waren. Und weil das Pitztal kein Tal wie andere ist, sondern eher ein in Länge und Breite geschrumpftes Tal, ist da alles steiler rauf und runter als anderswo.

Beim Aufstieg sammelte ich Läufer ein wie selten und ich fühlte mich gut. Dank des Thames Ring und dank der Darmerkrankungen vor und nach diesem Event hatte ich am vergangenen Freitag das niedrigste Gewicht auf die Waage gebracht, das ich seit meiner Jugend hatte. Und das hilft sehr beim Aufstieg. Trotzdem war ich am Ende froh, dass es vorbei war. Gerade die letzten dreihundert Höhenmeter in der Sonne waren extrem steil. Meine kumulierte Zeit sank trotz der 1.000 Höhenmeter auch nur auf 13 Minuten und 49 Sekunden je Kilometer ab.
Und von nun an geht es ja „nur noch runter“.

Dieser Downhill aber war der härteste Downhill, den ich je erlebt habe. Nicht einmal die schwierigen Passagen des PTL oder des TdG hätten da mithalten können. Steinig und wirklich supersteil am Anfang, dann kamen längere Passagen über Schneefelder, insgesamt sicher ein Kilometer lang. Da war das Rutschen auf dem Hintern oft noch die beste Idee, ansonsten musst Du Deine Hacken fest in den Schnee drücken und mutig viel Körpergewicht drauf geben. Feigheit wird sofort bestraft, insgesamt drei Mal durfte ich den Boden küssen.
Noch schwerer als diese Downhillpassage auf dem Schneefeld war aber eine Schneefeld Querung an einem recht steilen Stück. Jeden Fuß bewusst und kontrolliert aufsetzen, langsam sein, denn wenn Du da ausrutschst, dann findest Du Dich am unteren Ende des Schneefelds wieder.
Meine kumulierte Zeit erhöhte sich permanent.
Mann, dachte ich, Du bist nicht einmal in der Lage, im Downhill eine kumulierte Zeit von 13:49 nach unten zu korrigieren? Wo bist Du hier?

Irgendwann war der Schnee weg und das nasse Gras begann. Die Latschenkiefern begannen. Und unter denen mussten wir durch. Jeder Läufer über 120 Zentimeter Körpergröße hatte damit seine Probleme und viele Läufer haben am Ende eine Blessur auf der Stirn gehabt. Du schaust nach unten, weil es steil ist und matschig, steinig und nass. Du schaust aber auch nach oben, weil immer wieder die Latschenkiefern Brücken gebaut haben. Und so ging es rund 1.300 Höhenmeter bis hinunter ins Tal. Endlos.
Im Tal angekommen hatte ich eine kumulierte Zeit von 14 Minuten und 45 Sekunden erreicht. Mit einem einfachen Dreisatz wäre jetzt auszurechnen, wie lange ich effektiv für jeden Downhill-Kilometer gebraucht habe. Ich kann es nicht mehr, ich will es auch gar nicht wissen, es ist einfach zu traurig.

Unten im Tal ging es dann erst einmal rund 300 Meter lang nach links zur letzten Labestation beim Kilometer 36. In dieser Phase kam mir Stefanie Lieb entgegen, die beim 95 K Ultra an dieser Station aufhören musste, weil sie die Cut-Off Zeit überschritten hatte. Steffi die Schnelle hat den Cut-Off nicht erreicht!
Beim 95 K Ultra haben insgesamt sowieso nur 10 Teilnehmer die gesamte Strecke bewältigen können, die anderen wollten oder mussten vorzeitig unter die Dusche. Es soll wirklich niemand sagen, dass das im Pitztal kein Trail war oder das das einfach war!

9 Stunden und einige Minuten waren nun vergangen, die ursprüngliche Maximalzeit für den Marathon war abgelaufen, aber noch hatte ich ausreichend Zeit, das Ding innerhalb der „Bonus-Stunde“ fertig zu rocken. Noch 6 Kilometer Forstweg, permanent um insgesamt 300 Höhenmeter ansteigend. Ich entschied mich für eine Mischung aus Laufen und schnellem Gehen, ich holte Steffi ein, übholte noch drei oder vier andere Teilnehmer, aber auf halber Strecke ist dann doch das Entsetzliche geschehen: ich wurde überholt!
Seit der Trennung von Didi gab es nur Ranking-Verbesserungen und nun das!
Ich heftete mich an die Fersen des Delinquenten und schob ihn vor mir her. Er zog mich hinter sich her und ich kam nicht wieder ran, er kam nicht wirklich weg. Und so rannten wir am Ende immer schneller bis ins Ziel.

Ein langer roter Teppich, das riesige Red Bull – Tor, eine jubelnde Menge, etliche Hände, die ich abklatschen durfte, es war himmlisch. Und es war ein verdienter Lohn für insgesamt 9 Stunden und 45 Minuten „hardloop“, wie die Niederländer sagen.
Eine Veranstaltung war nun fast vorbei, die ihresgleichen sucht. Hochprofessionell organisiert, beste Wetterbedingungen, super trailige Laufstrecken, die mich bis an die Grenze forderten. Die anfängliche Sorge, ich könnte nach dem Marathon noch nicht ausgelastet sein, war unnötig. Es war genau das, was ich am Samstag brauchte. Und glücklicherweise auch nicht mehr.
Aber allem voran war es vor allem eines:

WAS FÜR EINE GEILE STRECKE WAR DENN DAS DA IM PITZTAL!
Tor

The TRA 250 Miles Thames Ring Race 2013

mrtrDas Rennen des Thames Rings wurde nach 2009 und 2011 heuer zum dritten Mal ausgetragen, immer im 2-Jahres-Rhythmus. Es gab einen fantastischen Streckenrekord für Männer aus 2009 und einen für Frauen, ebenfalls aus 2009. Was ich jedoch nicht wusste, dass es außer dieser Frau weder in 2009 noch in 2011 keine weitere Dame schaffte, den Ring zu vollenden.
Ich war schon 2011 dabei gewesen, damals schaffte ich es allerdings nur bis zum CP 3.

Für mich ist es oft sehr schwer, mich umzustellen, wenn die Verhältnisse, die ich vorfinde, so gar nicht mit meinen Vorstellungen davon übereinstimmen. Und das war damals in höchstem Maße gegeben. Wenn ich mir großartige Landschaften vorgestellt hatte, fand ich ich ein zweifellos romantisches Bild vom Kanal vor, mit Hausbooten darauf, mit viel Grün außen herum, wahrlich nicht schlecht, aber solch ein Bild, das sich über Stunden nicht verändert, ist schon eine gesteigerte Herausforderung an den eigenen Geist.
Zu dem kam die erstaunliche englische Ernährung, insbesondere die vegetarische Ernährung ging wirklich gar nicht.

„Nie wieder“ war also meine damalige Lernerfahrung gewesen. Dann aber sagte ich mir, dass ich, wenn ich meine Erwartungen ändern würde und für eine bessere Kost Sorge tragen würde, durchaus die Chance hätte, dieses Ding zu schaukeln. Es hatten ja auch ganz andere schon geschafft, Jack B. Liver zum Beispiel.
Er war es ja, der ursächlich dafür verantwortlich war, dass ich von diesem Rennen überhaupt erfahren habe. Das war im Spätsommer 2009 und ich kannte Jack damals noch nicht persönlich, er war aber Teil einer virtuellen Trainingsgruppe für den UTMB 2009, die Bernie Conradt mit seinen „Coolrunners Germany“ auf „WKW“ (wer-kennt-wen) eingerichtet hatte.
Läufer wie Jack waren darin, Kurt Süsser, Norman Bücher, Ralph Kölsch, Bernie Conradt, ich, Florian Bechtel und viele andere mehr. Jack war mir damals vor allem wegen seines Namens aufgefallen.
Wir tauschten damals Trainingstipps aus, Rennerlebnisse und Berichte über eigene Befindlichkeiten und am Ende hatten wir ein großes Treffen bei Pizza und Bier in Chamonix vor dem UTMB.
Was waren wir alle aufgeregt wegen dieses Hundertmeilers!

Teil meiner UTMB-Vorbereitung war, die 350 Kilometer der letzten Austragung des Swiss Jura Trails von Genf nach Basel zu bewältigen. Es war ein 7-Tage-Etappenlauf und ich war nicht alleine, weil Achim Knacksterdt ebenfalls dort teilnahm. Antje, seine Frau, war sogar im Staff des zweiten VP gewesen, eine tägliche kleine Freude, wenn Du den VP 2 erreicht hattest. Und da war da auch noch Katja.
Katja war eine junge und gutaussehende Läuferin, die an den ersten Tagen immer an den VPs von einem ebenfalls gutaussehenden und schlanken Mann mit einem Küsschen empfangen wurde.
Ihr Freund, dachte ich damals, hätte ja auch mitlaufen können. Eine Läuferfigur hatte er zumindest.

Am Ende der 7 Etappen, wieder zu Hause, las ich im WKW den Bericht von Jack B. Liver über das 250 Miles Thames Ring Race, 400 Kilometer nonstop, was für eine gewaltige Distanz! Er benötigte rund 99 der maximalen 100 Stunden und schloss seinen Bericht mit den Worten: „… aber jetzt muss ich Schluss machen und nach Genf fahren. Meine Freundin Katja startet dort morgen früh beim Swiss Jura Trail.“
Ich kam mir so klein, einfältig und lächerlich vor, verstand, vor einer Woche Jack live gesehen zu haben und ich begriff, warum er nicht einer der Swiss Jura Trail – Teilnehmer war, nicht sein konnte.
Heute sind Katja und Jack schon lange kein Paar mehr, aber immer, wenn ich Jack treffe, denke ich an diese kleine Geschichte.
Und seither verfolgt er mich, der Ring.

TRAls ich mich 2013 angemeldet habe, schrieb Anthony, einer der beiden „Big Guys“ des Events, dass er sich noch an meine negative Wertung aus der vergangenen Veranstaltung erinnern würde und so würde er sich wundern, dass ich wieder dabei sein wolle. Na ja, niemand ist alt genug, um nicht noch etwas lernen zu dürfen.
Um mehr eigene Motivation zu haben, bin ich dann auch gerne der Einladung von Inka Orth, der Vorsitzenden des „Bunten Kreises Bonn / Bad Neuenahr“, gefolgt, einen Spendenlauf aus diesem Rennen zu machen. Wir alle schulden dieser Gesellschaft, die uns alle überdurchschnittlich verwöhnt, unseren Teil dazu zu tun, dass es für die, die es nicht so gut haben, Hilfsangebote gibt. Deshalb spenden wir, deshalb sammeln wir spenden, deshalb engagieren wir uns ehrenamtlich hier oder da.
Die Zeit war nur recht kurz gewesen, die uns für die Umsetzung blieb und mein Laufprogramm vor dem Event ließ mich kaum zu Hause sein, dennoch fanden wir schnell einen Namen für das Projekt („Füße tragen Leben“), der vielseitige Stephan Maria Glöckner, seit Jahren ein guter Freund, schuf ein Logo dazu. Der Comedian Luke Mockridge übernahm die Schirmherrschaft, Facebook, der Generalanzeiger Bonn, die Wochenzeitung Blickpunkt, die Webseiten soq.de und meinestadt.de, die Organisatoren des Ahrathon und viele andere engagierten sich in unserer Sache. Heraus kam ein gutes Ergebnis für unser „erstes Mal“.
Vom ersten bis zum letzten Kilometer waren die Kilometerverkäufe am Ende gediehen, lediglich dazwischen gab es noch Lücken, die wir gerne gefüllt gesehen hätten. Aber noch während meiner Anreise nach England konnte ich zwei Kilometer an ganz, ganz liebe Lauffreunde verkaufen. Das war für mich neue „Motivation pur“.

FTLMeine Gabi hatte sich ja irgendwann dazu entschlossen, nachzubuchen und mich zum Event zu begleiten. Zwar hatte ich klare Vorstellungen, wie ich das Ernährungsproblem lösen wollte, so aber war das alles noch viel besser. Wie wichtig diese Unterstützung gerade in den beiden letzten Nächten werden sollte, erzähle ich aber erst in einer der folgenden Geschichten. Und weil wir nun zu zweit waren und weil Gabi ja den Ring abfahren wollte, mieteten wir noch ein kleines Auto und es war egal, dass wir im Internet irrtümlicherweise einen falschen Mietzeitraum angegeben hatten. Die Dame am Hertz- Empfang bügelte das alles wieder aus.

In England dann fanden wir nach langer Suche auch noch ein Hotelzimmer für die Nacht zum Event, alles passte.
Und wenn einem so viel Gutes geschieht, dann kann der Lauf selbst auch nur gut werden, dachte ich …
FTL

Lieber „Ring“, …

… ich weiß, dass Du sehr enttäuscht von mir sein musst. Enttäuscht, weil ich nicht alles geben konnte und wollte, was in mir steckt.
Dafür bitte ich um Entschuldigung, aber ich weiß eben auch, wo meine Schwächen und Begrenzungen liegen.

In der Bibel steht: „Du sollst Dir kein Bildnis machen!“ Aber machen wir uns das nicht andauernd?
Ich habe mir ein Bild gemacht von einer Strecke, in der ein kleines Highlight das andere ablöst. Anfangs passten mein Bild von vorab noch zu dem, was ich erleben durfte. Insbesondere die ersten 60 Meilen an der Themse waren wirklich interessant.
Beeindruckt hat mich vor allem, dass die Themse noch fast natürlich fließt, nicht im starren und von Menschenhand geformten Flussbett, dass es kein unnatürliches Ufer gibt und dass der „Thames Path“, auf dem wir liefen, selten breiter war als 40 Zentimeter.
Wunderschön aber waren auch die Häuser an der Themse. Mit jeder Meile näher an London heran wurden diese schöner und beeindruckender.
Als wir dann an Windsor Castle vorbei kamen, fühlte ich, wie die Geschichte Europas wahrhaftig wurde.

Die Themse und Schloss Windsor (Klicken zum Vergrößern)

Auch die lange Passage an der Regattastrecke vorbei erfüllte alle Klischees, die es über England gibt. Etliche Zweier, Vierer und Achter trainierten für einen Wettkampf, der wohl bald stattfinden würde, die weißen Zelte dafür wurden jedenfalls gerade überall entlang dieses Abschnittes aufgebaut.
Und so wenig sich die Monteure dieser Zelte vom Monsun haben beeindrucken lassen, die Ruderer blieben auch auf dem Wasser – und wir gewissermaßen darin.
Aber nach dem Start im Sonnenschein und den anschließenden zwei Stunden monsunartigen Regens war viel von meiner Euphorie verflogen. Ich bin doch, das muss ich gestehen, ein Lustmensch.
Auch dafür entschuldige ich mich.

Nach dem großen Regen - nasse Füße schon nach vier Stunden ...

Aber ein Lauf, bei dem viele meiner Lauffreunde präsent sind, ein Lauf, der viele spektakuläre Ausblicke auf wilde Berglandschaften bietet oder ein Lauf, bei dem die Stimmung von Anfang an so phantastisch ist wie vielleicht beim TransAlpineRun, das ist meine Welt.
Wenn ich mich aber zu den jüngsten Läufern zählen muss (es gab tatsächlich nur wenige Teilnehmer, die jünger waren als ich), dann fühle ich mich irgendwie nicht auf einer Woge der Begeisterung surfend und der Ansporn, den ich noch in Delmenhorst erfahren habe, fehlte mir vollkommen.

Die Streckenausschilderung des „Thames Path“ und später dann des „Canal Footpath“ sorgten dann schon in den ersten 24 Stunden für fünf Extrameilen und die gingen mir manchmal so aufs Gemüt, dass ich schon früh mit mir haderte. Wenn ich mit einer anderen Läuferin oder einem anderen Läufer gemeinsam herumgeirrt bin, dann war das nicht so problematisch für mich, wenn es aber dunkel ist, wenn Du müde bist und Du Dich dann irgendwo im Wohngebiet wiederfindest, wenn Du dann eine Lady ansprichst und nach der Lage der Themse fragst, eine Lady, die gerade mit ihrem Chauffeur ankommt und aus dem Wagen steigt und die Dich dann, offensichtlich stark alkoholsiert, fragt: „Are you mad?“
Das schmerzt dann sehr, vor allem, wenn Du um vier Uhr morgens extrem müde bist.
Bei einer anderen unfreiwilligen „Detour“ sah ich auf dem Plan, dass ich auf der falschen Seite der Themse war, ich sah aber auch, dass es in der Nähe eine Brücke geben musste. Eine 24 Stunden offene Tankstelle sollte hier meine Rettung sein.

War sie auch, weil ich dort auf meine Kreditkarte eine Flasche Coca-Cola und zwei Dosen Red Bull erwerben konnte. Die Auskuft aber war genauso schmerzhaft wie die zuvor: „There is no brigde around here!“
Lieber Tankwart, die Brücke war keine vierhundert Meter nach Deiner Tankstelle, bitte lerne doch Deine nähere Umgebung kennen. Zumindest wenn mit einzelnen Ultraläufern zu rechnen ist, ist eine möglichst gute Ortskenntnis für Tankstellenbetreiber oberste Bürgerpflicht – finde ich wenigstens. Lieber Tankwart, können wir uns auf diese Formulierung einigen?

Aber den Umstand, dass ich jetzt enttäuscht und gedemütigt auf meinem heimischen Sofa sitze, diesen Dingen zuzuschreiben, greift zu kurz. Ich kam mental nie wirklich bei diesem Lauf an. Meine große Vorfreude, das Bewusstsein, in Delmenhorst gut gelaufen zu sein und meine Naivität haben dazu geführt, dass ich den Vorbericht zu diesem Lauf schon im EUROSTAR Zug zwischen Brüssel und London geschrieben habe.
Ich werde ihn natürlich nie veröffentlichen, er liest sich in etwa so, wie die Konzertkritik über ein Klaviersonett eines jungen Künstlers, wenn Du weißt, dass der Schreibende taub ist.

Die Regattabahn-Abschnitte auf der Themse

Wenn man so einen Lauf macht und ihn bestehen will, dann muss alles passen. Mental und körperlich. Und mein Geist war nicht aufs Beißen eingestellt. In den ersten 24 Stunden habe ich gerade mal 86,7 Meilen zurücklegen können. Keine Schande, wenn es ein Bergparcours gewesen wäre, aber für einen völlig flachen Weg einfach enttäuschend.

Lieber „Ring“, ich hasse es, mir ständig Gedanken um die Cut-Off Zeiten machen zu müssen und ich werde stets nervös, wenn meine zuvor ausgedachte Strategie nicht greift. Mein Ziel war es, am ersten Tag 3 Kontrollpunkte zu erreichen und dann zu schlafen. Ich hoffte auf ein Ankommen um 1 Uhr in der Nacht, aber ich befürchtete auch, dass ich erst um 3 Uhr ankommen würde. Tatsächlich da war ich aber erst um 7 Uhr am Morgen, zweieinhalb Stunden vor dem Cut-Off. Und ich war so müde, dass ich auf den letzten Meilen vor dem Kontroll- und Versorgungspunkt wie ein Betrunkener gewankt bin und Sorge hatte, in den Kanal zu fallen.
Ich brauchte dringend Schlaf, aber bei nur zweieinhalb Stunden Zeit? Und dann musst Du den Versorgungspunkt ja verlassen haben, also hätte ich maximal zwei Stunden schlafen können.
Ich habe mich dann auf eine Stunde Schlaf eingelassen, eine Stunde, in der ich überhaupt kein Auge zumachen konnte. Ich lag statt in einem geschlossenen Zelt in einem nach allen Seiten offenen 3×3 Meter Zelt, es war abschüssig und der Wind fiel mir ständig ins Gesicht. An meiner Müdigkeit änderte sich also nur wenige Stunden lang etwas, danach begannen die Augen erneut zuzufallen.


Was mir aber wirklich den Rest gegeben hat, war dann der Kanal. Schon die Abzweigung von der Themse zum Kanal war mit einer langen Suchaktion verbunden, die mich am Ende in ein extrem nobles Hotel geführt hat, um dort nach dem richtigen Weg zu fragen. Ich bekam auch die richtige Antwort, aber ich habe mich in diesem Moment wie ein Hausierer gefühlt.
Und dann also kam der Kanal und ich lief durch die Suchaktion wieder auf zwei Läufer auf, die ich schon weit hinter mir wähnte.
Und der Kanal war schmutzig und er roch unangenehm.

Hausboote sind fast wie Perlen hintereinander aufgereiht und angeleint, weil die Besitzer oft dauerhaft darin leben, um sich die teuren Mieten in London zu ersparen. Nicht angeleint aber waren deren Hunde und die Hunde der vielen Spaziergänger und wer mich kennt, der weiß, wie panisch ich auf nicht angeleinte Hunde reagiere, vor allem, wenn es dann Rassen sind, die richtig gefährlich aussehen.
Die Hausboote sind oft in einem erbärmlichen Zustand, viele riechen nach Öl, Diesel oder Benzin und nach einigen Meilen wird alles langweilig.
Der Kanal sieht aus wie vor zehn Meilen und er wird in zehn Meilen noch genau gleich aussehen.
Nur die Frage, ob er sich mal nach rechts oder nach links biegt, beschäftigt Dich noch.


Häuser am Kanal sind selten und werden zunehmend weniger, dennoch kannst Du nicht in eine Art Trance fallen, weil Du immer wieder die Seite des Kanals wechseln musst. Du willst ja auf dem offiziellen Weg bleiben. Da aber, lieber „Ring“, hast Du mir gar keinen Gefallen damit getan, die Brücken durchzunummerieren.
Wenn Du weißt, dass Du auf der Brücke 183 auf die andere Flussseite wechseln sollst und gerade die Brücke 191 passiert hast und anfängst, zu rechnen, dann machst Du Dich selbst eher unglücklich.
Ich muss ja einräumen, beim Laufen häufig, fast ständig zu rechnen. Ich rechne meist aus, wann meine ungefähre Ankuftszeit ist, wenn ich bestimmte Geschwindigkeiten voraussetze, ich rechne aber auch aus, wie viel Zeit mich ein Verlangsamen oder ein Beschleunigen kosten würde oder gewinnen ließe. Und bei vielen Marathons fehlt mir dann zehn Kilometer vor dem Ziel die Motivation, noch einmal zuzulegen, weil ich mir ausrechne, dass es jetzt ja nur noch um vielleicht 10 Minuten im Endergebnis gehen würde. Und wenn ich dann sehe, dass ich mit dem Ergebnis auch ohne ein Beschleunigen zufrieden wäre, dann siegt meist bei mir die Einsicht, dass ich lieber glücklich als ausgepowert im Ziel ankomme.
Wer mich kennt, der weiß, dass ich sogar in fremden Toiletten die Anzahl der Fliesen auf dem Boden zähle, erst der Länge nach, dann in der Breite. Dann rechne ich aus, wie viele Fliesen hier Verwendung gefunden haben. Und wenn ich das dann habe, dann gibt es ja auch noch die Wände, alles nur, damit ich etwas zum Rechnen habe.

Mit Deinen Brücken, lieber „Ring“, aber hatte ich meine Probleme. Weil eben nach der Brücke 191 zwar die Brücke 190 kommt, danach aber kommt erst die Brücke 189 B und dann die Brücke 189 A und das wiederholt sich öfters. Wahrscheinlich wurden die Brücken sehr früh durchnummeriert und in den letzten Jahrzehnten wurden dann die Brücken, die dazu kamen, einfach mit einem „B“ benannt.
Für mich war das ein fast frustrierendes Erlebnis, obwohl ich nicht weiß, warum.
Die Entfernung zum nächsten Kontrollpunkt verändert sich ja nicht, aber in meinem Kopf läuft dann ständig ein Kopfkinofilm ab, der mich demoralisiert und wenn ich nicht wirklich gut drauf bin, dann reicht das, um diesen Film in Gedanken umzuwandeln, die ich mir weder vor dem Lauf noch nach dem Lauf zutrauen würde.
Hier fehlt mir zweifellos das nötige Maß an Härte und Stabilität, die ich bei anderen Ultraläufern so bewundere, Ultraläufer, die zwar noch 150 Meilen vor sich haben, aber die Füße voller Blasen haben, die schon alles abgeklebt haben, was abzukleben geht, die nur noch humpeln und dennoch stärker sind im Geiste wie ich.

Und deshalb, lieber „Ring“, eben deshalb, weil mir diese Härte fehlt, überlege ich, welche Konsequenzen ich aus diesem Lauf ziehen sollte. Wenn die Schuhe, die Du Dir anziehst, offensichtlich zu groß sind, dann solltest Du Dir auch darüber Gedanken machen, in Zukunft kleinere Schuhe auszuwählen.
Wenn Du keine großen Brötchen backen kannst, dann backe halt kleinere Brötchen.
Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken.

Andererseits denke ich oft auch an meinen Lauffreund Steffen Kohler, den „Runningfreak“. Bei seinem ersten 24-Stundenlauf beim IceAge in Bad Berleburg hat er unter wirklich schwierigen Verhältnissen einen Endwert erzielt, der phantastisch war. Es gibt in Bad Berleburg einen so langen und steilen Anstieg, dass er fast von Anfang an gegangen werden muss, die Läuferversorgung ist dort eher unkonventionell und das Rundenzählen wird per Zettel und Bleistift vorgenommen.
Und dennoch hat es in Delmenhorst für ihn nicht gepasst. Und dass, obwohl ich sicher war, dass er dort die 200er-Marke überschreiten könnte.

Lieber „Ring“, wir Läufer sind eben jeden Tag anders. Die Motivation, die Konstitution, der Grad der Regeneration und viele andere Faktoren gehören dazu, an einem bestimmten Tag, bei einem bestimmten Event eine besondere Leistung abrufen zu können.

Wir sind alle keine Maschinen, nur Menschen. Und deshalb habe ich bei Dir nicht funktioniert.
Bitte entschuldige.

Vom Abbrechen, vom Aufgeben und von mehr …

Wir alle kennen diese Ansicht: „Gib nie einen Ultra auf, Ultraläufer tun so etwas nicht!“

Und wir kennen die Begründungen dafür:
In Deinem Kopf nistet sich das Aufgeben so fest ein, dass das immer wieder präsent ist und Du bist ein Weichei.

Wie siehst Du das? Wie ist Deine Meinung dazu?

Ich bin da eigentlich relativ entspannt und mache mir keine großen Gedanken, wenn es eben einfach mal nicht passt.
Und so habe ich in der Vergangenheit einige Läufe nicht oder schon vorzeitig beendet. Beispielsweise beim Röntgenlauf. Hier habe ich bei zwei Teilnahmen zwei Mal nach dem Marathon Schluss gemacht. Ich fand die Versuchung, dort am Marathonpunkt aufzuhören, beide Male viel zu verlockend.
Oder beim Swiss Alpine. Drei Mal bin ich dort zum K78 gestartet, zwei Mal habe ich „gekniffen“ und zum C42 abgekürzt. Freilich hatte ich beide Male gute Gründe dafür, beim ersten Mal war ich einfach noch zu krank gewesen und beim zweiten Mal waren wir als Familie auf dem Weg in den Urlaub nach Kroatien und ich hatte das Gefühl, für die Familie das Richtige zu tun, um früher weg zu kommen. Erst im vergangenen Jahr habe ich dann die ganze Strecke des K78 zurück gelegt.

Wegen extremen Regens wurde letztes Jahr das Rennen Verbier / St. Bernard für zwei Stunden oben auf dem großen St. Bernhard unterbrochen und danach war ich mit Schüttelfrost gebeutelt und entschied, das Rennen dort oben zu verlassen.
Beim unglaublichen Lauf durch den Canyon du Verdon habe ich mich in dem malerischen Städtchen Moustiers Sainte Marie zu zwei Glas Wein einladen lassen und auf das Weiterlaufen verzichtet.

Beim PTL im letzten Jahr hat wenig gestimmt. Meine Ausrüstung war unzureichend, ich hatte nicht einmal an die Sonnencreme gedacht, das Team war nicht harmonisch und zuletzt gab es einen Wetterumschwung, der die UTMB-Läufer sogar fast den ganzen Lauf gekostet hat. Gründe genug für mich, dort auszusteigen, aber diese Wunde hat noch sehr lange in mir geblutet und soll erst mit dem Tor des Géants (TdG) geheilt werden.

Und dieses Jahr? Beim Rennsteiglauf bin ich mental gar nicht in den Lauf gekommen. Am Anfang habe ich mich unglaublich gut gefühlt, ich bin dann viel zu schnell angegangen und hatte spätestens auf dem Großen Inselsberg die Lust am Lauf verloren. Ich lief dann noch bis zum Grenzadler (Kilometer 55) gelaufen, um gewertet zu werden und auch eine Medaille zu bekommen, dann war Schluss für mich.

Beim vom großartigen Eric Türlings veranstalteten K-UT bin ich nach einer Runde ausgestiegen. Auch hier hatte ich gute Gründe dafür. Ich hatte meiner Frau versprochen, sie nicht allzu spät in Fellbach abzuholen und zudem traf ich nach der ersten Runde zufällig die Trainingspartnerin von Jutta, einer Lauffreundin von Achim Knacksterdt, und wir unterhielten uns prächtig.
Danach allerdings wollte ich nicht mehr weiterlaufen.

Diese beiden letzten DNFs oder vorzeitigen Abschlüsse hatten mir aber doch ein paar Sorgenfalten ins Gesicht gestrieben, vor allem im Hinblick auf den 24-h Burginsellauf in Delmenhorst und auf das 250 Meilen lange Thames Ring Race nächste Woche.

Delmenhorst aber hat bewiesen, was ich immer geglaubt habe: jedes Rennen ist anders, ständig beginnst Du neu und wieder bei null. Und heute abbrechen, morgen aufgeben und übermorgen verkürzen bedeutet nicht, dass Du nicht nächste Woche wieder an Deine normalen Leistungen anknüpfen oder sogar über Dich hinaus wachsen kannst.

Ich jedenfalls bin mir sicher, dass ich in England nicht an Eisenach oder an Reichweiler denken werde, sondern nur an Delmenhorst.