230 Kilometer und das Peter-Prinzip …

Das „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“, dieses 400 Kilometer Nonstop-Rennen, sollte mir 2013 Klarheit verschaffen, ob ich überhaupt noch in der Lage bin, lange Distanzen zu meistern.

Dabei war früher alles so einfach:
Der TransAlpineRun 2008 (TAR), mein erster wirklich großer Lauf, klappte besser als gedacht und machte Lust auf mehr. Die drei UTMB-Punkte, die es für diesen Stagerun gab, mussten natürlich 2009 zum UTMB führen. Wie sagte damals Bernie Conradt kurz nach dem TAR zu mir: „Jetzt hast Du drei UTMB-Punkte, jetzt musst Du auch nach Chamonix!“
In der Vorbereitung des UTMB 2009 habe ich dann im Jahr 2009 meinen ersten 24-h Lauf gelaufen, damals in Delmenhorst, immerhin über 177,5 Kilometer. Ich wollte damals unbedingt zumindest einmal die Länge des UTMB nonstop hinter mich gebracht haben.
Ich lief die 350 Kilometer des SwissJuraMarathons in 7 Etappen von Genf nach Basel und zur Absicherung lief ich noch gegen den Rat der meisten Freunde zwei Wochen vor dem UTMB die 171 Kilometer des Kölnpfads in knapp unter 24 Stunden.
Alles war einfach und gut, Zweifel gab es nicht, nie.

Auch den UTMB selbst lief ich ich guten 41:52:33 Stunden deutlich leichter und besser als geplant. Ich konnte mir sogar eine längere Schlafpause in Trient in der zweiten Nacht gönnen – welch ein Luxus!

2010 kamen dann im Frühjahr die 230 Kilometer der TorTOUR de Ruhr, ich musste leiden und kam erst im späten Dunkel ins Ziel, aber ich konnte diesen Lauf finishen – wie eben alle anderen zuvor. Zweifel gab es immer noch nicht.

Und dann begann das „Peter-Prinzip“ (das „Peter-Prinzip auf Wikipedia), das Streben nach mehr, die Gier nach Dingen, für die ich vielleicht einfach nicht gemacht bin.
PPDas Scheitern beim PTL 2010 konnte ich im Wesentlichen noch den widrigen Umständen zuschreiben, dem Wetter beispielsweise. In diesem Jahr wurde an gleicher Stelle immerhin der UTMB wegen der Wetterkapriolen nach 32 Kilometern abgebrochen. Auch dem Team, als zweites Beispiel, insbesondere den Meinungsunterschieden zwischen dem kanadisch-deutschen Part Carsten Quell und mir, nachdem der englische Part, Bob Lovegrove, das Team verlassen wollte.
Wenn Du, Carsten, dies hier lesen solltest, dann nimm bitte meine Entschuldigung an und wisse, dass ich damals kopfmäßig einfach nicht in der Lage war, solch einen Lauf erfolgreich zu stemmen.

2011 scheiterte ich dann erst bei meinem ersten Antritt beim „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“ – und das grandios. Ich hatte mir dort alles anders vorgestellt, ich war viel zu langsam und sehr müde und musste deshalb am CP 3 nach etwa drei Marathonlängen aussteigen.
Dann scheiterte ich 2011 auch noch beim 330 Kilometer Tor des Géants (TdG) nach knapp 200 absolvierten Kilometern. Ich war leer im Kopf, kam einfach keinen Berg mehr hinauf und beschloss, ab sofort nur noch zu weinen. Und das tat ich dann mehrere Tage lang.
100ZweifelUnd plötzlich waren sie da, die Zweifel. Und sie waren massiv und ständig präsent. Ist die Grenze von 230 Kilometern meine persönliche Leistungsgrenze?
Das einzige, was mich damals aufrecht hielt, waren der persönliche Bestwert von 189,6 Kilometer beim 24-h Lauf, wieder in Delmenhorst. Platz 5 von allen, Platz 1 der Altersklasse, das habe ich weder vorher noch nachher noch einmal erreicht.
Das war damals der Lauf meines Lebens. Ich lief und lief und lief …

2012 verkürzte ich dann meine erneute TorTOUR de Ruhr auf 100 Kilometer, ich scheiterte beim JUNUT, 2012 war ein wirklich fürchterliches Jahr für mich. Beim UTMB durfte ich wegen des Lospechs in der Lotterie auch nicht antreten, zum TdG habe ich mich erst gar nicht mehr getraut.

Aber 2013 sollte alles anders werden, alles besser werden.
Mit dem JUNUT, den ich immerhin bis zum Finisherpunkt bei 172 Kilometern geschafft habe und eben vor allem mit dem „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“. Dieses Mal musste es einfach klappen.

Ich konzentrierte mich und meine Vorbereitung vor allem auf diesen Lauf. Nach den 200 Kilometern in Indien beim Ultra India Race, den 119 Kilometern des TransGranCanaria und den 172 Kilometern des JUNUT 172 reparierte ich mein angeschlagenes Ego zuerst durch das Finish beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ und dann durch eine gute Platzierung beim 60 K Extreme Ultra vom Mount Everest Base Camp ausgehend.
Den Start bei meinem Traumlauf in Andorra über die 170 Kilometer in den hohen Bergen der Pyrenäen machte leider der nepalesische Darmvirus Giardia lamblia (Lamblien) zunichte, meine Sicherheit, gut vorbereitet zu sein, wurde dadurch aber nicht geschmälert.

Dass ich aus dem England-Lauf einen Spendenlauf gemacht habe und dass ich auch aus dem Läuferkreis so hervorragende und motivierende Reaktionen erfahren hatte, dass Webseiten wie soq.de oder meinestadt.de berichtet haben, dass die lokalen Zeitungen diesen Lauf nicht ignorierten, all das trug mich lange beim „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“.

Bei manchem Kilometer sprach ich laut zum vermeintlich präsenten Kilometer-Paten: „Das ist Dein Kilometer. Vielen Dank für Deine Unterstützung!“
Das motivierte mich, es machte mich glücklich und glich auch den Mangel an neuen äußeren optischen Eindrücken beim Lauf aus.

Am Ende hat es dann funktioniert. Die 230 Kilometer-Grenze gibt es nicht mehr für mich. Aber die Gier nach mehr gibt es auch nicht mehr.
Es wird für mich kein „Projekt 500“ geben und keinen Frostskade 500.
Ich werde 2014 noch einmal die TorTOUR de Ruhr laufen, vielleicht einen oder zwei 24-h Läufe mit dem Ziel, näher an die 200-Kilometer-Marke heran zu laufen und im Spätsommer vielleicht ein schönes Bergevent.

Ansonsten werde ich einfach glücklich sein und wissen:
Du musst nicht wirklich wissen, wann das Peter-Prinzip für Dich erreicht ist!230

Nur eineinhalb RBW’s …

Warum es dort nicht zwei RBWs wurden, sondern nur eineinhalb davon, davon erzähle ich das nächste Mal …“ schrieb ich am 17. April. Jetzt haben wir schon den Wonnemonat Mai und ich bin vielleicht der Letzte, der über den JUNUT berichtet.
Und wenn man schon der Letzte ist, dann sind viele Dinge schon bekannt.
Ich verzichte also darauf, den großartigen Jin als Sieger zu portraitieren und die einzelnen Streckenabschnitte detailliert zu beschreiben. Das ist sowieso nie meine Stärke gewesen.

Es war Ende August 2012, ich war für THE NORTH FACE reportierend als Blogger unterwegs und da traf ich den sichtlich geknickten Gerhard Börner. Sein Team beim PTL, dem kleinen Spaziergang des Léon, war auseinander gebrochen und dieser Umstand hat, gepaart mit Übermüdung und Weltschmerz, auch seinen Willen gebrochen, sich einem neuen Team anzuschließen und den Rest der Strecke mit den neuen Laufpartnern zu meistern.
Wir alle kennen zu gut, wie schnell der Wille weg sein kann, wenn aus der euphorischen Begeisterung Frust und Enttäuschung wird. Sich da wieder aufzurappeln ist so unendlich schwer, bei meiner eigenen Teilnahme am PTL 2010 war es ja ähnlich gewesen.
Gerhard stand nun da und fragte mich, ob ich denn beim JUNUT 2013 dabei wäre. Es würde auch eine Zeitverlängerung und wahrscheinlich auch kürzere Strecken geben … Die kürzeren Strecken haben mich nicht motiviert, die Zeitverlängerung jedoch schon, also sagte ich dort in Chamonix gerne zu.
JunutEigentlich wollte ich den JUNUT nach dem wenig glücklichen Verlauf 2012 nicht erneut angehen, zu gut erinnere ich mich daran, wie wir ständige Not mit den Cut-Off Zeiten hatten. War noch in der ersten Nacht ein einigermaßen großes Polster vorhanden, das ich unsinnigerweise dann schlafend in der Feuerwehrstation vergeudete, am folgenden Morgen und Tag wurde dann der Puffer jedoch klein und kleiner.
Am Ende bin ich in netter Begleitung auf Anraten von Gerhard einen Bogen den Fluss entlang gelaufen. Es sollte eine kleine Verkürzung sein, die vor allem Zeit einsparen sollte, damit wir sicher wieder auf Kurs kommen würden.

Den Fluss entlang gehen klingt dabei einfach, aber wir haben es tatsächlich geschafft, bei einer Gabelung den falschen Fluss zu nehmen und wir wären, wenn Max Schiefele uns nicht angerufen und von seinem Ausstieg berichtet hätte, wohl noch bis Tschechien falsch gelaufen.
Als Max anrief und fragte, wo wir denn wären, waren wir gerade beim Ortseingangschild eines kleinen Städtchens und diesen Ortsnamen nannte ich ihm.
„Das kann nicht sein!“ antwortete er darauf hin. Aber ich kann doch lesen!
Es konnte also doch sein und wir waren im falschen Tal und wir hätten keine Chance mehr gehabt, den nächsten Verpflegungspunkt innerhalb der gesetzten Zeit zu erreichen, also ließen wir uns von Max abholen und beerdigten Lauf und Ambitionen.
Für immer.

Und nun doch der JUNUT 2013? Versprochen ist versprochen, aber mein Fokus im April, in meinem „Monat der Wahrheit“, lag eindeutig auf dem „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“, den ich unbedingt schaffen wollte.
Einen Fehlversuch mit einem Ausstieg im Morgengrauen nach 61 Runden 2009 und eine vollkommen blöde Idee, nur 14 Tage nach dem Marathon des Sables 2010 dort mit wunden Füßen die Treppen zu laufen, hatte ich schon hinter mir. Und das Wissen, dass dieser Lauf vollkommen abgedreht und verrückt ist.
Aber die Namen der Finisher werden alle auf einer kleinen Messingplatte auf dem Gipfelkreuz verzeichnet – und da wollte ich drauf. Nein, ich musste da einfach drauf.
Und in die Vorbereitung für solch einen verrückten Lauf gehört auch, dass Du das Laufen durch die Nacht trainierst. Ich hatte das seit dem Herbst nicht mehr gemacht und fand, dass es eine gute Sache wäre, vier Wochenenden hintereinander einmal die Nacht zum Tag zu machen, erst eben beim NEU, dann verdoppelt beim RheinBurgenWeg-Lauf (RBW), dann beim JUNUT 230 und anschließend eben auf „der“ Treppe.
Junut3Für mich ist ein Lauf wie der JUNUT, der sich schon im zweiten Jahr seiner offiziellen Austragung zum echten Kultlauf entwickelt hat, schon deshalb fast ein „MUSS“, weil es die beste Gelegenheit ist, die anderen Familienmitglieder wieder zu sehen. Bei den ganz großen Events wie dem UTMB sind die zwar auch alle da, aber sie sind eingerahmt in viele Hundert oder viele Tausend anderer Läufer. Richtig heimelig wird es deshalb dort vor dem Start nur bedingt.
Bei den kleineren Kultläufen wie der TorTour de Ruhr (TTdR) oder eben dem JUNUT sind auch alle am Start, aber es ist gewissermaßen die Essenz der Ultraläufer, ein „großes Freundepaket mit Schleife“ gewissermaßen.

Und ich freue mich schon deshalb auf den JUNUT, weil ich natürlich auch einen Blick in die Teilnehmerliste geworfen hatte. Was wären diese Läufe, wenn man nur hinfahren würde, um zu laufen? Es sind doch gerade die Stunden vor dem Start, die diese Läufe zum Kultlauf erheben!
Nun aufzuzählen, auf wen ich mich besonders gefreut habe, wäre zu aufwändig und im Zweifel dann sicher unvollständig, es ist aber so, dass mir die 18 Stunden vor dem Start tatsächlich viel gegeben haben.
Nur in solch einem Kreis kann ich mein normales Leben komplett vergessen und für einige Tage oder Stunden nur Läufer sein. Und dann gibt es für mich keine Bindung mehr an das Büro oder das Unternehmen, nicht an die Heimat, die Familie oder das normale Lebensumfeld.
Dort bin ich Läufer, dort darf ich es sein.
Junut4
Was Gerhard Börner mit seiner Frau und seinem Team, das zum Gutteil aus Verwandten und Freunden besteht, da mittlerweile auf die Beine stellt ist mehr als beachtlich. Schon der Umstand, dass es eine eigene App für Android und iPhone dafür gibt, ist bemerkenswert! Und auch die Pastaparty am Vorabend des Starts ist vorbildlich. Nicht nur, dass Vegetarier auch dort etwas für sich finden, es gab drei verschiedene Nudeln und das mit verschiedenen Soßen, für mich eben mit einer hervorragenden Pestosauce, etliche wirklich leckere Salate dazu und das Ganze in einem räumlichen Umfeld, das fränkische Gemütlichkeit ausstrahlt.

Das Starterpaket lässt auch keine Wünsche offen, beginnend mit einem wertvollen RaidLight Langarmshirt bis hin zu einem farbenfrohen Buff wird der Startnummer im Beutel nicht langweilig und einsam ist sie darin auch nicht.

Fränkische Gemütlichkeit gab es auch, als ich mit Guido Huwiler auf dem längsten Etappenstück unterwegs war. Es war recht warm und schwül und unser Getränkevorrat nahm besorgniserregend ab, also fragten wir eine Dame, die eifrig mit dem Unkraut im Vorgarten ihres großzügigen Hauses beschäftigt war, nach etwas Wasser.
Sie war enorm besorgt um uns, bat uns in die gute, perfekt aufgeräumte Stube, entschuldigte sich vielmals, dass sie nicht aufgeräumt hätte, obgleich es super sauber und sehr aufgeräumt aussah, nahm uns das schlechte Gewissen wegen der schmutzigen Schuhe und wir füllten zuerst nur das Wasser auf. Dann bot sie uns einen köstlichen Apfelsaft an, den wir zum Wasser mischten und auch direkt tranken und wenn ich ihr gesagt hätte, dass wir auch hungrig wären, dann hätte sie uns sicherlich auch noch einen „Stammen Max“ gemacht. Oder eine Pizza, ganz nach Belieben.
Bei ihr „einzukehren“ war ein kleines Highlight, eine Oase der Frische und der Freundlichkeit.
Vielen Dank auch von dieser Stelle aus dafür.
Junut2
Der Lauf selbst ist vor allem in der ersten Streckenhälfte interessant. Natürlich vermisse ich die großen Höhen, die weiten Ausblicke und das schroffe Gestein. Der fränkische Jura ist halt kein Tramuntana-Gebirge, kein Gran Canaria, er ist nicht die Alpen, aber es gibt doch das eine oder andere Kleinod, die eine oder andere wunderschöne Klamm, ein romantisches Schloss hier, eine tolle Waldpassage dort.
Später dann, wenn die Hügel niedriger werden, nehmen aber auch die Augenweiden ab, leider.
Das beginnt in etwa ab dem Kilometer 130 und das ist dann der Zeitpunkt, an dem ich darüber geschimpft habe, dass ein Weglein von der Straße ein wenig nach oben und dann wieder zur Straße zurück geführt wird, obwohl da so gar nichts zu sehen oder zu erleben war. Ich haderte und zeterte und war wohl meinem Laufpartner Wolfgang gegenüber ein, zum Glück einigermaßen gebändigtes, Rumpelstilzchen …
Und es ist auch der Zeitpunkt, an dem ich zu rechnen begann. Dass Gerhard uns Läufern die Möglichkeit anbot, bei 101 Kilometern und bei 172,7 Kilometern auszusteigen und dann in der 101er bzw. 172er Finisherliste geführt zu werden, ist eine tolle Sache. Es ist aber auch ein „süßes Gift“, wie ich das gelegentlich nenne. Und an diesem „süßen Gift“ habe ich mich schon vor dem JUNUT vier Mal verschluckt, zwei Mal beim Swiss Alpine, wo ich den Ausweich C42 genommen habe und auch zwei Mal beim Röntgenlauf, den ich dank der gebotenen Müglichkeit nach der Marathonstrecke verlassen habe.

Sicherlich hätte ich mich auch zum JUNUT 230 quälen können, immerhin hatte ich noch fast 20 Stunden Zeit für die fehlenden 60 Kilometer. Aber ich hatte eben die Lust verloren, meine Geschwindigkeit grenzte gegen Null und ich hatte ständig die Überlegung im Kopf, die mir sagte, dass bei 172,7 Kilometern aussteigen bedeutet, am Samstagabend im Hotelzimmer zu sein und dass ich dann am Sonntag frei hätte und regenerieren könnte.
Angesichts des Starts des „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ am darauf folgenden Samstagnachmittag war das schon eine verlockende Perspektive. Sechs Tage sind eben doch viel mehr als nur fünf Tage. Zudem kam, dass ich bei einer kompletten Beendigung des JUNUT 230 erst einmal hätte schlafen müssen und ich so mit der frei gewordenen Zeit wunderbar agieren konnte.

Am nächsten Tag, dem frühen Vormittag des Sonntag, war ich noch einmal beim Orga-Team in Dietfurt in der Turnhalle. Ich verabschiedete mich von allen, die noch oder schon da waren, ich konnte auch noch kurz den Sieger des Events, Jin Cao, herzen und drücken und ich bin mit einem guten Gefühl gefahren.

Der JUNUT ist und bleibt ein Kultlauf, bestens organisiert und als Event ein echtes Erlebnis.
Ob ich aber 2014 wieder an den Start gehen werde?
Man soll ja niemals „nie“ sagen …

SUT – schöne Buchenwälder im schwäbischen Land

Es
Es geht also noch. Ein Finish bei einem „langen Brett“ hinzubekommen ist eigentlich gar kein großes Problem. Warum tue ich mir dann damit immer so schwer? Warum finde ich so oft keine Einstellung zum Lauf und keine Motivation zu „beißen“?

Ich habe ja in der Vergangenheit einige Dinge ganz gut gemacht, beim zweiten Start aber bekam ich stets mentale Probleme. Den Kölnpfad 2009 finishte ich in unter 24 Stunden, um zwei Jahre später beim ersten Gegenwind früh die Segel zu streichen.
Und auch den KoBoLT 2010 finishte ich an der Seite von Achim Knacksterdt trotz extremer Kälte, trotz Eis, Glätte und Schnee. Auch hier fand ich bei der Neuauflage 2011 bei deutlich besseren Wetterbedingungen keinen Bezug zum Lauf und nahm die erstbeste Versuchung an, auszusteigen.
Selbst bei der TorTOUR 2012 nahmen meine körperlichen Probleme derart überhand, dass ich nach 100 Kilometern aussteigen musste. Die TorTOUR 2010 fand unter fast noch heißeren Wetterbedingungen statt und damals wäre mir ein vorzeitiges Ende nicht in den Sinn gekommen. Ich musste einfach ein TorTOURist werden, denn ein TorTOURist sein ist schon etwas ganz Besonderes und das bleibt man sein Leben lang.

Es muss also eine Parallele zwischen diesen Events geben, etwas Gemeinsames. Vielleicht ist es der Punkt, dass ich all diese Läufe unbedingt schaffen wollte und dass ich für die Wiederholung mental nicht stark genug bin. Das wiederum bringt mich zu der Frage, ob ich den UTMB 2013 dann doch vielleicht lieber von meiner Laufliste streichen sollte?

Beim SUT, dem „Schönbuch Ultra Trail“, einer Erstauflage, die von Andreas Loeffler akribisch über Monate vorbereitet wurde, haderte ich einen Marathon lang auch ständig mit mir, den Meinen, mit dem Lauf und mit der Gegend.
Früh schon schmerzten die Waden, am schlimmsten aber war, dass ich, mit etwas dickeren Wintersocken ausgestattet, nasse Füße hatte und diese an den Schuhen rieben. Bei jedem Schritt tat das weh.
Bernd Rohrmann, mit dem ich die ersten vielleicht 100 Kilometer meisterte, habe ich es zu verdanken, dass er die daraus resultierenden negativen und destruktiven Gedanken nicht gelten ließ. Und nach dem VP2, wo der erste Dropbag lag und wo ich die nassen und dickeren Socken gegen trockene und dünnere austauschen konnte, ging es mir mit einem Mal auch wieder blendend.

Ich hatte in den letzten sechs Wochen kaum trainiert und ich, der sonst kaum 14 Tage ohne „Marathon und länger“ auskam, hatte seit dem Ticino Semi Trail im Juli keinen offizielllen Lauf mehr hinter mich bringen können. Beim Mountainman in der schönen Schweiz musste ich nach einem schweren Sturz aufgeben und danach waren die Wochenenden voller Arbeit gewesen. Und eben einem Urlaubswochenende in der Türkei, das wir eingeschoben hatten, weil mal ein Wochenende arbeitsfrei war.
Da wollten wir eigentlich nach Marokko fliegen und in diesem Urlaub wollte ich mit Bernhard Sesterheim den UTAT laufen. Aber ich bekam dort keinen Startplatz, keine Reaktion der Veranstalter und selbst auf dem Stand des UTAT in Chamonix im UTMB-Dorf bekam ich nur das Angebot, 30 Kilometerchen zu laufen. Später dann, als die Reise in die Türkei gebucht war und alles festgezurrt war, kam noch eine Mail, dass es nun doch noch ein paar Startplätze geben würde. Schade eigentlich.
Ich war also beim SUT untertrainiert und deshalb in großer Sorge. Aber speziell nach der 100 Kilometer-Marke ging es besser und besser und ich lief wie selten an diesem späten Punkt im Rennen. Ein paar Dinge hatte ich anders gemacht als sonst. Auf Anraten von Bernd habe ich meine Stöcke im Dropbag gelassen und bin den gesamten Lauf ohne diese geblieben. Zwar gab es manchmal Situationen, in denen ich sie sehr vermisst habe, aber sie konnten so meine Neigung, statt zu laufen gehend die Stöcke zu schieben, nicht unterstützen. Faul sein ging also nicht.
Und ich lief auch in der kalten Nacht nur kurzbehost herum. Als bekennender Warmduscher will ich es ja meist muckelig warm haben. Das aber mindert meine Aktivität. Und auch oben herum minimierte ich für meine Verhältnisse die Bekleidung auf ein Mindestmaß. Und deshalb lief ich auch im strömenden Regen und in der Kälte der Nacht noch einigermaßen gut. Etwas, von dem ich lernen darf.

Aber das Verlaufen habe ich dort gelernt, vor allem, nachdem ich meinen kongenialen Laufpartner Bernd in der Nacht leider verloren hatte. Viele der Flatterbänder waren in der Nacht kaum zu erkennen und die in Mehlstaub gemachten Bodenpfeile wurden durch den Regen fast unsichtbar. Oft dachte ich, dass weiße Steine auf dem Boden den Rest eines Pfeiles bilden würden, meist aber lief ich, bis ich merkte, dass es hier nicht richtig sein konnte.
Und so fand ich mich nach dem Verpassen einer Abzweigung auf einem Parallelweg wieder, nur wenige Meter vom richtigen Kurs entfernt. Die paar Meter, dachte ich mir da, kannst Du auch querfeldein gehen. Gedacht, getan. Aber zwischen den beiden Wegen wuchsen immens viele wilde Himbeeren. Und wilde Himbeersträucher haben Dornen. Viele Dornen. Und anstatt bei den ersten Anzeichen umzukehren, den Weg bis zur verpassten Abzweigung zurück zu gehen, ging ich weiter durch die piekenden Büsche. Ich sah den anderen Weg ja schon, zumindest glaubte ich das.
Und es wurde wilder und wilder, die Fesseln brannten und auch die Knie waren aufgerissen und blutig. Und irgendwann gibt es dann auch kein zurück mehr. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, in Wahrheit aber vielleicht nur 10 oder 20 Minuten, bis ich die vielleicht knapp 100 Meter hinter mich gebracht hatte. Die Kratzer und Wunden schmerzen auch heute noch und erinnern mich daran, dass es immer bessere Alternativen gibt.
Vor dem sechsten Verpflegungspunkt verlief ich mich im strömenden Regen erneut. Anstatt nach rechts abzubiegen ging ich geradeaus und fand ich auf einer Straße wieder. Von der anderen Straßenseite her rief Jürgen Baumann zum Nachtessen, was für ein Glück.
Jürgen war sowieso mein Held an diesen Tagen. Als Fotograf fotografierte er am VP1 und am VP2 die Läufer, alle Fotos in diesem Artikel stammen von ihm. (Noch einmal DANKE für diese Mühe und RESPEKT für die Qualität der Aufnahmen.) Und er managte eben auch den VP6.

Wenn Dein Kopflicht nicht stark, die Nacht aber dunkel ist, wenn es in Strömen regnet und Du nur weiße Regenlinien vor den Augen siehst, dann erkennst Du keine Flatterbänder mehr, zumindest ich nicht. Ohne mein GARMIN Oregon wäre ich aufgeschmissen gewesen und wäre frustriert ausgestiegen, denke ich.
Und nach dem VP6 wurde es für mich dann wirklich spannend. Noch 20 Kilometer bis zum VP7 und dann noch 13 Kilometer bis zum Ziel, so war mein Kenntnisstand gewesen.
Da waren dann die Himbeeren gewesen und noch ein weiterer Verlaufer und dann kam der Kilometer 20, aber kein Verpflegungspunkt. Und auch nicht bei Kilometer 21 und nicht bei 22 und auch nicht bei Kilometer 26. Irgendwo muss ich am VP vorbei gelaufen sein und so redete ich im Kopfkino mit Andreas, um ihm das zu erklären. Es war auch nicht mehr weit bis ins Ziel, auf dem Oregon sah ich schon das Dorf. Da fehlten mindestens sechs, sieben Kilometer, dachte ich mir. Und im Kopf bot ich ihm an, noch eine Ausgleichsrunde zu drehen, um die 161 Kilometer voll zu gekommen.
Und dann, nach 27 Kilometern auf meiner Uhr, stand da … ein VP. Ich war verdutzt und fragte, was das denn hier sei.
Blöde Frage, ich weiß, aber mir fiel einfach nichts anderes ein. Ein Verpflegungspunkt, ach so. Und welche Nummer? Die 7! Und ich dachte, ich wäre daran vorbei gelaufen. Die beiden Helfer dort schauten mich an, als würde ich fiebrig und wirr reden. Wie weit es noch wäre, wollte ich wissen und ich erhielt die Antwort, dass es wohl noch gut 11 Kilometer wären. Mit sechs Kilometern hatte ich noch gerechnet, eben mit 33 Kilometern vom VP6 aus.
Und dennoch war ich froh, das Auslassen des VPs nicht erklären zu müssen, nicht zu kurz gelaufen zu sein. Zum Dank verlief ich mich kurz vor Dettenhausen erneut. Ich lief eine S-Kurve wie im Oregon gezeigt, endete aber im Dorf und bemühte mich dort nach oben zu den Sportplätzen. Ich kam dann aus der falschen Richtung an, lief aber etwa 100 Meter parallel am Ziel vorbei wieder auf den richtigen Trail, um beim Zieleinlauf von der richtigen Seite zu kommen.
Für mich war der SUT der längste Lauf des Jahres gewesen. Nach den 123 Kilometern des TransGranCanaria kam ja nichts mehr. Und so hat der SUT doch ein wenig die verkorkste Sommersaison ausgeglichen und für einen läuferischen Höhepunkt gesorgt. Landschaftlich gab er nicht allzu viel her, vielleicht auch deshalb nicht, weil ich ja im Schwäbischen groß geworden bin. Mir fehlten halt die optischen Highlights, die Berge und schroffen Landschaften. Nur die Himbeeren und den Matsch werde ich auf jeden Fall in Erinnerung behalten, denn davon gab es mehr als genug.
Und mir wird in Erinnerung bleiben, wie emsig sich Andreas und sein Team um die 23 Läufer gekümmert haben. Sieben VPs, 160 Kilometer markieren, alles zumindest bis zur Akkuleerung via Racemap ins Internet stellen, Pastaparty und Übernachtung im Sportheim vorher und Starter- und Finishergeschenke hinterher, verblüffend viel gab es da.
Und so bleibt auch nur noch, Andreas und seinen vielen Helfern DANKE zu sagen, DANKE für diesen Lauf, für die Betreuung, für die vielen Stunden, die man sich da wegen uns um die Ohren gehauen hat und DANKE, dass ich durch den SUT wieder den Glauben an mich selbst wiedergefunden habe.

I’m Your Anti Hero

Pfingstsamstag, abends gegen 19 Uhr. 100 Kilometer sind gelaufen oder gegangen und seit einigen Stunden habe ich einen Druck auf den Ohren, als wäre ich schnell von einem Berg ins Tal gefahren. Ich halte mir öfters die Nase zu und versuche, auszuatmen, damit die Ohren wieder frei werden, aber es hilft nur Sekunden lang. Der Hypochonder in mir macht sich Sorgen. Der Hypochonder in mir macht sich immer Sorgen. Soll es, kann es so noch über 24 Stunden weiter gehen? Die TorTOUR de Ruhr war eine Tortour für mich an diesem Tag, mutmaßlich wie für viele.
Es war extrem heiß an diesem Pfingstwochenende, aber das war es 2010 auch gewesen. Und doch war vieles anders als zwei Jahre zuvor.

Mein Trainingszustand ist zurzeit nicht so wie 2009 und 2010, aber Läufe wie die TTdR werden definitiv nicht mit den Beinen entschieden. Ob Du finished oder nicht entscheidest Du im Kopf, bewusst oder unbewusst. Und ich wollte nicht wirklich finishen. Sämtliche Ausreden hatte ich mir schon vor dem Start zurecht gelegt gehabt.
„Die TTdR 2012 wird schwerer für mich als die TTdR 2010,“ sagte ich mir immer. 2010 ging es darum, ob ich es schaffen kann. 2012 ging es darum, ob ich es wirklich schaffen will.
Motiviert bis in die Haarspitzen startete ich 2010, 2012 startete ich mit dem guten Gefühl, Teil zu sein einer großen und lieben Lauftruppe, Teil eines fantastischen Events und Teil eines großen gemeinsamen Ziels.

Aber das reicht nicht, kann nicht reichen. Nicht für solche extremen Läufe wie die TTdR. Du musst leiden wollen, Du musst bereit sein, an nichts anderes zu denken wie daran, irgendwann am nächsten Tag diese verdammte orangene Stele zu küssen. Schmerzen müssen sein und Du musst sie aushalten wollen. Am besten ist es, sich einen externen Grund zu suchen, warum Du unbedingt finishen musst. Der Runningfreak Steffen Kohler hat es da richtig gemacht. Seine Spendenaktion, seine öffentlichen Auftritte im Fernsehen und im Radio, der ganze Hype um die gute Tat zu Gunsten der Ingelheimer Platte, all das lässt Dich Schmerzen leichter ertragen und jeden Gedanken an das Aussteigen sofort verfliegen.

Ich hatte diese externen Motivatoren nicht und war allein gelassen mit meinen Gedanken. Und ich bin nun mal kein Held. Ich dusche warm und schätze das Treffen von Lauffreunden und das Kennenlernen von Menschen höher als das Finish an sich.

Der Sänger Marlon Rudette singt das so schön: „I’m your Anti Hero.“ Und genau so fühle ich mich. Ich wäre gerne anders, stärker und schneller. Härter zu mir selbst und besser zu den Menschen um mich herum. Dieses Anti Hero sein habe ich jetzt ein paar Mal geübt. Meist war es eine echte Tragödie.

Und Marlon Rudette stellt in diesem Lied diese Frage: „Kannst Du Deine Rolle spielen in dieser Tragödie?“
(Klicken zum Vergrößern)Nein, denke ich da, diese Rolle kann ich nicht gut spielen.

Zwar gibt es tatsächlich einen kurzen Moment der Befriedigung, eine Entscheidung treffen zu können, die viele nicht treffen wollen. „Death before DNF“ ist mehr als nur eine Lebenseinstellung. Aber nach diesem kurzen Gefühl der Zufriedenheit folgt bei mir das tiefe und lange Tal der Tränen, der wochenlange Frust und die andauernde Angst vor dem nicht mehr geliebt werden.
Und es folgt das Abtauchen, das Verstecken. Darin bin ich wirklich gut, leider.

Manche von Euch haben in den letzten drei Wochen nachgefragt, haben bemerkt, dass nach der TTdR manches anders war für mich wie davor. Dafür bin ich dankbar. Es hat mir Kraft und Mut gegeben und auch Ansporn, aus meinem Käfig heraus zu kommen.

Und jetzt ist es genau so, wie Westernhagen gesungen hat:

Ich bin wieder hier, in meinem Revier,
war nie wirklich weg, hab mich nur versteckt.
Ich rieche den Dreck, ich atme tief ein
und dann bin ich mir sicher, wieder zu Hause zu sein.

Gestern lief ich spontan bei Ulla und Rolf den Biggesee-Marathon. Es war eine richtig nette Familienveranstaltung. Julia Vieler war da und eine ganze Truppe von TorTOURisten, viele, die es wurden, manche, die es gerne geworden wären. Es war ein großes „Hallo“ an der Startline im Attendorner Dauerregen. Und es war auch richtig schön, wann man sich auf der Laufstrecke gesehen hat.
Und keiner zeigte mit Fingern auf mich, kein TorTOURist und keiner der anderen Lauffreunde, niemand erweckte den Eindruck, dass mein Ausscheiden bei der TTdR ein Problem für ihn war. Ich bin immer noch ein Teil der großen Familie der Ultraläufer.

Auch deshalb bin ich jetzt wieder hier, ich verstecke mich nicht mehr und finde mich wieder zufrieden in meinem Revier, in unserem Revier, dem kleinen und feinen Laufkosmos.

Ich schmeckte den vielen Regen, der während des Laufs auf uns herniederprasselte und genoß den Dreck der vom Regen aufgeweichten Singletrails. Und ich bin froh, wieder zu Hause zu sein.

Schon letzte Woche habe ich in Amstelveen bei Amsterdam einen 50K Lauf absolviert, ganz still und heimlich, nachdem ich seit der TTdR mit dem Laufen ausgesetzt hatte. Und dann habe ich eine Woche lang wieder vernünftig trainiert, fast so wie früher. Und beides hat mir am Biggesee geholfen.
Nachdem ich ja lange kaum mehr innerhalb einer Woche trainiert habe, habe ich gestern gesehen, dass ein strukturiertes Training durchaus helfen kann. Und so habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich werde nun eine Woche lang vernünftig trainieren, am kommenden Wochenende lange laufen gehen, vielleicht in Brühl, vielleicht woanders.

Und dann geht es anschließend in die Alpen. Eine Woche Berge und Täler genießen, einfach einen Track von GPSies laden und die Strecke ablaufen. Um Höhenmeter zu sammeln. Um die Oberschenkel auf 200 Höhenmeter rauf und runter pro Stunde vorzubereiten. Und auch, um wieder Selbstvertrauen zu tanken. Für die Herausforderungen, die dieses Jahr noch anstehen.

Aber weil ich eben ein Anti Hero bin, werde ich mich bis Ende August vor allem mit einer Sache beschäftigen. Ich werde mich damit beschäftigen, zuzusehen und zu kommentieren, wie Andere trainieren, wie Andere laufen gehen. Ich werde mich damit beschäftigen, jemanden zu portraitieren, der das genaue Gegenteil eines Anti Heros ist, einem Menschen, der klare Ziele hat und bereit ist, dafür Einschränkungen zu akzeptieren. Einem Menschen, den ich menschlich wie läuferisch bewudere, der für mich ein echtes Vorbild ist.

Darauf freue ich mich sehr. Aber davon erzähle ich in den nächsten Tagen …

55 Namen – ein Ziel

.
55 Namen …

(Markus Flick, Rainer König, Bernd Rohrmann, Susanne Alexi, Gunter Rothe, Hajo Palm, Hauke König, Oliver Arndt, Alissa Draper, Steffen Kohler, Tom Kuschel, Torsten Riemer, Günther Bergs, Peter Kaminsky, Dirk Vinzelberg, Helmut Hanner, Achim Knacksterdt, Oliver Schoiber, Thomas Eller, Eckhard Rump, Michael Hechler, Günther Bruhn, Frank Schacht, Ulrich Meininger, Roland Riedel, Andre Lange, Herbert Weingärtner, Jens Hilpert, Hans-Christoph Weiß, Jörg Kupfer, Michael Geske, Rolf Kaufmann, Lutz Schweizer, Bettina Mecking, Werner Hölscher, Stefan Beckmann, Mark Becker, Martin Ottersbach, Norbert Fasel, Michael Frenz, Peter Ludden, Jörg Eberling, Chris Wolfe, Ricarda Bethke, Jürgen Baumann, Raimund Slabon, Thomas Strohmeyer, Peter Neumann, Alois Wimmer, Christian Pflügler, Dietmar Rosenau, Harald Retzlaff, Said Kahla, Marco Cych, Tanja Höschele)

… dazu 13 weitere Namen über die 100 Meilen (161 Kilometer) und 5 weitere Namen über diese Distanz in einer Sonderwertung und auch noch 20 weitere Namen über die „Bambinidistanz“ von 100 Kilometern …

… alle hin zu einem Ziel: der Steele Rheinorange in Duisburg, dort, wo die Ruhr in den Rhein fließt, die „orangene Steele der Begierde“.

Selten war ich vor einem Lauf so aufgeregt, selten habe ich die Läufer-Kollegen so aufgeregt erlebt. Jeder kruschtelt, kramt und packt. Jeder postet, schreibt und kommentiert. Jeder zweifelt an, hadert mit und jammert über sich.

Und am Ende, ganz am Ende, wenn die Füße wund sind, der Wille gebrochen ist und ein dümmlich vergeistigtes, seliges Lächeln auf jedem Gesicht liegt, wenn die „orangene Steele der Begierde“ in Duisburg geküsst ist, wenn das erste kalte Belohnungsbierchen getrunken wurde, alkoholfrei, natürlich, und wenn jeder Umstehende im Ziel, bekannt oder unbekannt, Läufer, Organisator oder Zuschauer, Mann, Frau, Kind, Hund oder Kaninchen gedrückt und geherzt ist, dann ist die TorTOUR vorbei.

Oh Schicksal, lass mich einer derjenigen sein, der dieses dümmliche Lächeln haben wird, lass mich küssen, drücken und herzen. Lass mich gesund und einigermaßen gut gelaunt in Duisburg einlaufen. Dieses Finish wird mir dann mehr bedeuten als das vor zwei Jahren.
Damals war ich motiviert bis in die Haarspitzen, ein Scheitern war keine Option, ich war fit und voller Euphorie und nicht so zweifelnd wie im Moment.
Aber ich weiß mich mit meinen Zweifeln nicht alleine und so werde ich auch nicht der Einzige sein, der den letzten Willen aufbringen muss, um dieses Ziel, diese „orangene Steele der Begierde“ zu erreichen.

Auf, Mädels und Jungs, wir packen das! Jeder für sich und alle für Jens Vieler!
Danke Jens, für diesen Lauf!

Als Mainzelmännchen unterwegs …

Auf manche Marathonundlänger bereitet man sich lange vor, teilweise sogar sehr lange.
So steht meine Teilnahme an der TorTOUR de Ruhr (TTdR) schon seit Anfang 2011 fest, mehr als ein Jahr vor dem eigentlichen Event.
Aber manchmal geht es auch sehr schnell. Ohne große Vorbereitung, ohne großes Recherchieren, ohne große Vorfreude auf das, was da kommen wird. Und bei diesen Läufen finde ich dann besonders spannend, eben nichts über die Strecke zu wissen und über die Teilnehmer, die dort wohl laufen werden.

So eine Überraschungstüte war der Mainz Marathon am vergangenen Sonntag. An den Startplatz gekommen bin ich erst eine Woche zuvor, als Jan Mihrmeister, auch ein Bewohner des wunderbaren Facebook-Landes, dort gepostet hat, dass er seinen Startplatz vergeben will. In einem Punkt erfüllte ich seine Vorgabe nicht, aber sonst offensichlich schon. Und da hat es mich schon gefreut, dass Jan geschrieben hat, dass er so den Startplatz in guten Händen weiß. Oder in guten Füßen?
Vom Mainz Marathon habe ich schon oft und viel gehört. Es war nicht immer das Beste, zugegeben. Aber es war auch viel Gutes dabei.
Beim Projekt „Von Null auf 42“ vor einigen Jahren, damals, 2004, in dem Jahr, in dem ich auch das Laufen begonnen und meinen ersten Marathon hinter mich gebracht habe, bei dem Projekt des SWR, an dem auch ein Moderator von SWR3 teilgenommen hat (Michael Reufsteck), war der Mainz Marathon eine Etappe auf dem Weg zum angestrebten NewYork Marathon. Die etwas kräftig gebaute Läuferin in der Truppe, Anna Pal-Singh aus Hamburg, die damals immerhin 90 Kilogramm auf die Waage gebracht hatte und die zum Abschluss mit ihrem indischen Ehemann Hand in Hand nach rund 7 Stunden den NewYork Marathon finishen konnte, erlitt in der Hitze von Mainz nach dem Finish des Halbmarathons einen Kreislaufkollaps.

(Klicken zum Vergrößern)
(Klicken zum Vergrößern)

Später scheiterte dann ein Versuch von mir, beim Mainz Marathon zu starten, schlichtweg daran, dass der Lauf mal wieder sehr schnell ausgebucht war. Das ist er eigentlich immer und das wiederum ist ein Zeichen dafür, dass es nicht so schlecht sein kann im Land der Mainzelmännchen.
Mein RBW-Mitorganisator Achim Knacksterdt wiederum erzählte mir mal, dass Mainz gut beraten wäre, statt des Marathons nur den Halbmarathon anzubieten, weil die zweite Laufrunde, die übrigens nicht exakt wie die erste Runde ist, nur sehr wenig genutzt wird. Fast ausnahmslos meldet man sich in Mainz zum Halbmarathon an, nicht zum Marathon. Und so erlebt man ungerne, dass Stände schon abgebaut werden, während Du noch in der zweiten Runde bist.
Dass die Zielverpflegung fast nur noch aus Bier bestand, zwar alkoholfrei, aber dennoch flüssig, das durfte ich live in Mainz erleben. In dieser Situation kam ich mir vor, als wäre ich derjenige, der, vom Besenwagen getrieben, als Letzter über die Ziellinie getrabt sei. Aber ganz ehrlich, ein oder zwei Läufer müssen doch noch hinter mir gewesen sein …

Mit so einer Startkarte auf falschem Namen ist das so eine Sache. Die Frist für die Ummeldung im Internet war schon längst abgelaufen, so blieb nur die Ummeldung am Samstag vor dem Lauf in Mainz in der Rheingold-Halle. Und dies musste noch vor 18 Uhr geschehen. Nun hatte ich um 14 Uhr noch ein Medenspiel meines Tennisvereins und da ist es so, dass Du auf hoher See und auf Außenplätzen beim Tennis einfach in Gottes Hand bist. Regenpausen können alles immens verschieben, so war mir das Risiko zu groß, nicht rechtzeitig vor dem Schluss der Anmeldung in Mainz sein zu können. Also entschied ich, zuerst am Morgen des Samstags nach Mainz zu fahren, die Ummeldung vorzunehmen, danach nach Rübenach, einem Stadtteil von Koblenz, zu fahren, dort Tennis zu spielen und danach der Einladung der Runningfreaks Melanie und Steffen Kohler Folge zu leisten, den Abend und die Nacht bei den beiden im schönen Ingelheim zu verbringen. Birger Jüchter und Raimund Slabon waren auch für den Abend angesagt, es versprach also, ein interessanter Läuferabend zu werden.

Wenn Du aber so etwas planst und postest, dann hast Du Dich schon verrechnet. Mit Steffen ist so etwas nicht zu machen. „Ökologischer Blödsinn“ und „Zeitverschwendung“ nannte er meine Überlegungen und er schlug vor, dass ich das Anmeldeschreiben einscannen sollte, eine Vollmacht dazu schreiben sollte und dann ging beides per Mail nach Ingelheim. Melanie und Steffen übernahmen dann die Anmeldung für mich. Was für eine tolle Lösung, ich hätte mich nie getraut, danach zu fragen!
Aber so sind sie halt, die Runningfreaks. Immer in Gedanken, wie sie Dir helfen können. Einfach gute Menschen. Gut, wie auch Steffens aktuelles Projekt, seine 230 Kilometer der TTdR zu Gunsten der Ingelheimer Platte in Kilometerhäppchen zu verkaufen.
Laufe und tue Gutes. Körperlich und psychisch für Dich und finanziell für Andere, die es nötig haben.
Danke Melanie, danke Steffen, das ist alles vorbildlich!

Es war ein wunderbarer Abend bei den Ingelheimern, auch wenn Birger und Raimund erst sehr spät dazu kamen. Wir genossen kannenweise Tee, aßen hervorragend, wobei es wie immer bei den Kohlers von Steffen gekocht wurde. Und wir redeten viel. Über die Ernährung und über das, was im Leben wichtig ist. Und dieses Wichtige entdeckten wir immer deutlicher in uns selbst und nicht mehr im alten Traum der Menschheit von Luxus, teuren Autos und Stehrümchen, dem Traum, der so viele Jahre meine Ersatzmotivation war. Das Buch, das ich als nächstes lesen werde, ist dabei auch ein Tipp von Steffen, aber dazu irgendwann einmal hier an dieser Stelle …

Der Mainz Marathon an sich war eigentlich ganz nett. Der Wettergott hat es richtig gut mit uns gemeint. Der Regen, den ich für den ganzen Lauf befürchtet hatte, endete fast direkt mit dem Startschuss und ganz am Ende kam sogar noch die Sonne heraus. Es war ideal kühl, nicht kalt, wirklich ein Wetter, das für das Laufen wie geschaffen war.
Ich lief die ersten Kilometer mit Melanie, Birger und mit Steffen. Wir begannen verhalten, aber das war auch der Enge auf der Laufstrecke geschuldet. Trotzdem liefen wir eine schlechte 6er Zeit, die sich dann in eine gute 6er Zeit gesteigert hatte.
Eigentlich waren Birger und ich vollkommen unmotiviert und nur in Trainingslaune, aber während so eines Laufs ändert sich dann doch manches. Birger vergass seine Rippenprellung und wir beide vergaßen unsere Zielzeitvorstellung von „um die 4:30 Stunden“. Irgendwann fielen die Runningfreaks etwas zurück, aber nur sehr wenig. Und ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich ja seit Mitte 2005 keinen City-Marathon mehr über vier Stunden abgeschlossen hatte. Sollte das nun in Mainz anders sein?
Aber ich hatte ja Ausreden genug. Ich lief ja nicht für mich, sondern in Begleitung. Und dann kannst Du schon manches auf diesen Umstand schieben.

Als Birger und ich die Halbmarathon-Zwischenzeit aber mit 2:00:30 Stunden erreichten – und das mit so einem langsamen Start, so lässig und locker – da klickte es bei mir im Oberstübchen und ich wusste, dass ich diesen Lauf nicht über vier Stunden absolvieren wollte. Und so schaffte ich es wahrscheinlich zum allerersten Mal, in der zweiten Hälfte schneller zu sein wie in der ersten. Aber am Ende musste ich dann doch ein wenig beißen. Birger ließ mich dann alleine laufen, allerdings ohne mehr als eine Minute auf mich zu verlieren. Und ich endete ganz kontrolliert deutlich unter der 4 Stunden – Marke. Alles war gut.

Da ich aber nach dem Marathon noch ein Tennis-Doppel in meiner Grafschafter Heimat zu bestreiten hatte, blieb keine Zeit zum Warten, keine Zeit zum Feiern. Es ging gleich zum Auto und sofort nach Hause. Beim Tennis angekommen konnte ich mich gerade noch umziehen, zum Duschen blieb keine Zeit mehr, es ging direkt auf den Platz. Die Einzel waren gerade alle durch, ich kam perfekt zum Start der Doppel. Dass ich mein Doppel mit einem meiner beiden Lieblingspartner nach einer 1:6 Klatsche im ersten Satz dann doch noch mit 6:2 im zweiten Satz und mit 10:7 im darauf folgenden Champions-Tiebreak gewinnen konnte, rundete den Tag positiv ab.

Nur mit einem bin ich ein wenig unzufrieden. Ich vergaß, in das Ingelheimer Gästebuch zu schreiben.
Und das will ich nun auf diesem Weg nachholen:

Liebe Melanie, lieber Steffen,

Wärme durchströmt Euer schönes Haus. Aber es ist nicht nur die Wärme der Heizung und der Sonnenstrahlen, die durch die Fenster scheinen, es ist auch die Wärme Eurer Herzen. Es ist für jeden Gast so angenehm, bei Euch zu sein, so angenehm, diese Wärme zu spüren. Und zu wissen, dass es diesen warmen Herd guter Gedanken in dieser Welt gibt. Danke, dass Ihr Euch so sehr um mich gekümmert habt. Danke, dass ich bei Euch sein durfte.

Farbiges, schönes, romantisches Facebook-Land …

D
Der TransGranCanaria Lauf war wichtig für mich, sehr wichtig.
Seit meinem Ausscheiden beim TdG im September bin ich keine Strecke über 56 K mehr gelaufen. Und vor allem waren bei den Läufen keine wirklich schwierigen Strecken dabei.
Ich bin im September ausgestiegen, weil ich leer war im Kopf, meine Gedanken nicht ausreichend kontrollieren konnte und auch, weil ich zu wenig Berge trainiert habe. Das sollte mir 2012 nicht wieder passieren, sagte ich mir zum Jahreswechsel und skizzierte ein Laufjahr, das ambitioniert, aber auch machbar scheint.

Die Highlights 2012 sind dabei sicher die „langen Kanten“, also die Läufe über 100 K. Der TransGranCanaria, der RheinBurgenWeg-Lauf, der Jurasteig, die TorTOUR de Ruhr und dann natürlich der SwissIronTrail. Und danach geht es Anfang September mit Herbert Paulus an den „extreme-run4life“, über die Heckmair-Route in sechs Tagen von Oberstdorf nach Riva di Garda. Zu Gunsten der Organisation JAM, die sich vor allem in Afrika für Kinder in Not einsetzt.
Mehr darüber gibt es in der nächsten Zeit hier und in einem eigenen Blog.

Wenn ich also schon bei der ersten Hürde, beim ersten Highlight, die Segel gestrichen, aufgegeben hätte, dann wäre die weitere Entwicklung des Jahres vorhersehbar gewesen. Das also durfte nicht passieren, sagte ich mir. Immer wieder.
Immer wieder, wenn ich zwischen den Kilometern 35 und 80 überlegt habe, ob der TransGranCanaria Lauf für mich noch zu einem guten Ende kommen könnte. Und es gab genügend Gründe zu zweifeln. genügend Gründe, stehen zu bleiben, zu jammern und der Hitze, den Organisatoren und der ganzen Welt die Schuld zu geben dafür, dass ich nicht finishte.
Nein, sagte ich immer, das darf einfach nicht sein.

Und so beginnt diese Geschichte mit den schönen Seiten dieses Laufs, aber ohne das eigentlich obligatorische „Es war einmal …“. Sie beginnt mit dem, was vorher, dabei und auch nachher etwas ganz Besonderes war.
Und das war der Lauf zweifelsohne. Schon die Anmeldeliste versprach ungeheuer viel Freude. Halb Facebook war scheinbar auf der Insel eingeschrieben und schon in den Wochen und Monaten zuvor wirbelten die Hotel- und die Ausrüstungstipps quer durch das romantische Facebook-Land. Und wenn am Ende einige Facebook-Bewohner dann doch passen mussten, so war es schön, mit meinem Freund Achim Knacksterdt in einem Hotelzimmer auf diese Reise zu gehen, im Hotel, beim Transfer, auf der Promende von Las Palmas oder wo auch sonst, Freunde und Bekannte zu treffen.
Mit Tanja Neumann und Kurt Süsser hatte ich dieses Abenteuer geplant, auf Rolf Kaufmann und seine Ulla, HaPe Roden und seine TransAlpineRun-Laufpartnerin Manuela, Julia und Jens Vieler und den kleinen Rest der TTdR-Truppe freute ich mich schon während des Fluges. Mohamad Ahansal, den Seriensieger des Marathon des Sables, traf ich gleich zwei Mal auf der Promenade.

Achim und ich hatten uns für die Hotelempfehlung von Rolf entschieden. Es hatte W-LAN, saubere und einigermaßen großzügige Zimmer, es lag nahe des Ziels und nahe der Promenade. Und wenn das Frühstück auch noch essbar gewesen wäre, dann wäre es wirklich perfekt gewesen. Aber für ein langes Wochenende war es insgesamt OK.

Am Donnerstag Nachmittag kam ich am Flughafen von Gran Canaria an. Dort traf ich gleich einen TorTOURisten, Oliver Arndt und seinen Freund. Die beiden halfen mir, mich zu orientieren, immerhin war es das erste Mal, dass ich auf Gran Canaria war.
Später dann war ich bei Tanja und Kurt im Hotel und aß mit den beiden zu Abend. Es gab dort im Hotel ein ausgiebiges Buffet. Es schmeckte herrlich.

Beim Abholen der Startunterlagen gab es zuerst drei wichtige Dinge.
Ein Leibchen, das wir über unsere Laufsachen zu ziehen hatten. Kein Traum in blau, viel zu weit, aber notwendig, wenn Du keine Disqualifikation riskieren wolltest.
Ein Rucksack in rot als Drop-Bag. Ein echter Fang, finde ich, immerhin hat er sogar ein separates Fach für Schmutzwäsche. Nur eine Lasche zum Schließen fehlt, das ist schade. Der Rucksack an sich ist aber wirklich toll.
Ein Rucksack in blau als Tasche für die Sachen, die Du im Ziel deponiert haben willst. Der gleiche Rucksack wie der rote, nur eben in einer anderen Farbe.

In der Zwischenzeit waren auch Achim. Julia und Jens eingetroffen, es war Freitag Mittag und wir alle trafen uns bei der Startnummernausgabe, um uns alle zu drücken, zu herzen und auch, um über unsere Heimat, das schöne Facebook-Land, zu reden. Und dann ging es ins Bettchen, etwas Ruhe vor dem Start mitten in der Nacht.
Erst trafen wir uns im Zielgebiet, dann ging der Bus Richtung Playa des Ingles, Richtung Start. Dort gönnten wir uns alle in großer Runde noch einen Kaffee oder eine Dose Red Bull, Hauptsache etwas, das uns ein wenig pushed.

Und dann ging es auch schon los. Ich bin noch nie in der Nacht am Strand entlang gelaufen. Und dieser Laufbeginn war wirklich großartig. Der Halbmond stand am Himmel und Du siehst die Wellen leicht erhellt. Es waren 14 angenehme Grad und überall vor Dir waren die rot blinkenden Rücklichter der anderen Läufer und überall hinter Dir leuchteten die Stirnlampen der Läufer hinter mir. Fünf wunderschöne Kilometer ging es so durch die Nacht bis hin zum Leuchtturm, wo wir dann nach rechts abgebogen sind, um die berühmte Passage durch das trockene Flussbett zu betreten.
Das war aber ganz anders wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte es mir eher so, wie ich es ganz am Ende erlebt hatte. Aber ich will ja nicht vorgreifen, auch wenn im schönen Facebook-Land vielleicht schon das eine oder andere Foto von dieser Passage zu sehen gibt.
Dieses Flussbett war im wesentlichen aus Beton mit eingelassenen großen Steinen. Alles war fest und es war trocken. Wenn das Bett aber Wasser führt und Du den Grund nicht mehr siehst, dann ist dieser Einstieg doch ganz erheblich schwieriger. Und dennoch waren wir alle froh, als wir wieder normale Trails belaufen durften. Zu dieser Zeit war ich mit Rolf unterwegs, ließ mich aber dann zurück fallen, um mein eigenes Tempo zu suchen.

Es ging immer nach oben, der Höhenmesser zeigte immer größere Zahlen. Und die Sterne leuchteten. Und die roten Rücklichter vor mir leuchteten. Und die Stirnlampen hinter mir leuchteten. Es war einfach perfekt dort. Ein großer Güllewagen versorgte uns bei Kilometer 30 mit Wasser und nach einem Marathon gab es zum ersten Mal etwas zu Essen. Die Auswahl empfinde ich auch rückblickend noch als eher bescheiden, vor allem, wenn man den sonstigen Aufwand bedenkt, der da getrieben wurde. Einige der Läufer haben sich komplett selbst versorgt, vielleicht wäre das richtig und sinnvoll gewesen.

Ungefähr schon bei der ersten Wasserstelle, dem großen Güllewagen, begannen meine Waden zu krampfen. Das war ein Grund, darüber nachzudenken, wie es für mich dort weiter gehen kann. Und als dann vielleicht zwanzig Kilometer später noch die Oberschenkel zu krampfen begannen, mal rechts, mal links, mal oben, da merkte ich gar nicht, wie die Krämpfe in den Waden einfach so verschwanden. Ich habe sie aber nicht wirklich vermisst.
Dann teilte sich die Strecke und die Läufer, die nur die 96 Kilometer Strecke ausgewählt haben, bogen nach rechts ab, wir aber durften nach links, um einen langen Bogen zu laufen. Einen langen Bogen, der vielleicht die schönsten Streckenabschnitte zusammen gefasst hat. Erst war es ein Höhenweg zwischen 1.100 und 1.200 Metern, der ständig hoch und runter führte. Längst war die Morgensonne heraus gekommen und ich lief mit einem Spanier, der auch 2008 beim TransAlpineRun dabei war. Der Seeberger-Buff hat es mir erzählt. Und als ich ihn darauf ansprach, war er stolz, schüttelte meine Hand und wir liefen dann im Geiste vereint schweigend hintereinander her, bis sich noch ein zweiter Spanier zu uns gesellte.

In einem Supermarkt in einem kleinen Dörfchen erstanden wir jeder zwei eiskalte Coca-Cola. Es war schon richtig heiß zu diesem Zeitpunkt und das Getränk tat jedem von so gut. Es ging nun wieder abwärts, vorbei an Stauseen durch wildes Gelände. Es war die Phase, in der mir, wenn ich mit verbundenen Augen dort ausgesetzt worden wäre, hätte suggeriert werden können, mich im amerikanischen Mittelwesten, im Grand Canyon oder in Canyonlands, zu befinden. Einfach wunderschön.
Und es war auch die Phase, wo wir den Blick auf eine der kanarischen Nachbarinseln, auf Teneriffa hatten. Und mächtig und erhaben thronte der 3.718 Meter hohe Teide über dieser Nachbarinsel. Lange, ganz lange, begleitete uns dieses Bild. Und es ging höher und höher herauf, immer höher Richtung höchstem Berg Gran Canarias, immer Richtung Pico de las Nieve mit seiner meterologischen Station auf dem Gipfel.

Davor schon gab es einen Aufstieg auf rund 1.750 Meter, supersteil und durch Fixseile gesichert, rauf auf eine Steinebene, über die sich der 1.813 Meter hohe Roque Nublo erhebt, das Wahrzeichen der Insel. Rauf, ran an die Matte und gleich wieder zurück. Und die Sonne brannte erbarmungslos auf uns herunter.
Und irgendwo dort wäre ich fast gestürzt. Ich meine dabei nicht die kleinen Aufreger, wo Du kurz die Bodenhaftung verlierst, das passierte bald jede Minute. Die Aufstiege waren steil, die Abstiege noch steiler. Sand, Geröll, Steine, alles was Deinen Halt nimmt, war da. Nein, es war eine der Situationen, die ganz übel hätten enden können.
Es ging steil nach unten, ich verlor die Haftung und warf instinktiv meine Stöcke weg. Aber ich sah, dass es neben dem Weg den Berg runter geht. Und ich lief, um mich zu halten, um wieder Führung zu bekommen. Kurz vor einem Felsen gelang es mir. Die beiden mich begleitenden Spanier waren kreidebleich und applaudierten spontan ob dieser kleinen Einlage. Ich aber war von diesem Moment an noch etwas vorsichtiger.

Der Roque Nublo wäre ein Felsen vom Geschmack der Kletterer auf meiner Ecuador-Tour gewesen. Majestätisch stand er da und genauso dominant stand die Sonne über ihm. Ein unglaubliches Bild, das eine Pause verdient gehabt hätte. Aber mir ging zu dieser Zeit dauernd das Lied von Ideal aus den 80er Jahren durch den Kopf:

„Jeder denkt das eine, doch dafür ist’s zu heiß! Sex! Sex in der Wüste.“

Für das Fotografieren aber war es auch zu heiß, so blieb es bei ganz wenigen Aufnahmen. Aber dafür gibt es ja das fantastisch bunte Facebook-Land. In dieser unserer Wahlheimat findest Du sicher vieles, von dem ich Dir hier nur erzählen kann. Ein hervorragendes Beispiel findest Du hier bei Hans-Peter Roden oder hier bei Jens Vieler.

Die letzten Schritte rauf auf den höchsten Punkt der Insel taten schon sehr weh. Bei jedem Schritt schmerzten und krampften die Oberschenkel. Wieder dachte ich kurz daran, hier auszuruhen oder auszusteigen, aber ich konzentrierte mich und versuchte, meine Gedanken zu lenken. Wenn ich gewusst hätte, wie eklig steil es gleich nach Teror herunter gehen würde, vielleicht hätte ich den destruktiveren Gedanken mehr Raum gegeben.
Die Menschen oben auf dem Pico de las Nieve aber waren großartig. Obwohl die meisten von uns, von der Sonne, den Kilometern und den Aufstiegen gezeichnet, enorm langsam waren, feierten sie uns da oben, als wären wir nicht gerade von müden, von hinten kommenden Schnecken bergauf überholt worden. Es war großartig.

In Teror gab es dann Pasta. Vor dem Berg wären sie zwar sinnvoller gewesen, aber besser spät, als gar nicht. Ich traf Kurt Süsser dort und fragte ihn, wann er mich überholt hätte. Aber er hatte das nicht. Er verließ das Rennen schon vor dem Berg, vielleicht, weil er einfach zu wenig getrunken hatte. Schade für ihn, aber die Hitze ist einfach nicht seine Stärke.
Kurti, sofern Du das liest, Du bist dennoch der stärkere Läufer von uns beiden, Du hast das oft genug bewiesen.
Die Pasta bekam ich nicht runter, aber Simone gab mir flüssiges Magnesium. Und das half zügig.
Noch waren es rund 40 Kilometer bis zum Ziel, hier in Teror war auch der Start des Marathons gewesen. Und noch waren wir auf 1.650 Metern Höhe. Las Palmas liegt auf 4 Metern, eigentlich ging es nur noch bergab.

Wie steil bergauf aber bergab sein kann, das bekamen wir an einigen Konteranstiegen gezeigt. Ich war mittlerweile mit Markus und einem Italiener unterwegs und wir kämpften uns tapfer Stück für Stück nach unten. Dann wechselte ich die Partner, weil sich meine Krämpfe immer mehr lösten und ich noch etwas schneller sein wollte. Meiner Gabi habe ich gesagt, dass ich auf 26 Stunden laufe, aber das von Rolf Kaufmann gesteckte Ziel, unter 24 Stunden zu bleiben, hat mich von Anfang an begleitet. Es war längst in Vergessenheit geraten, längst war klar, dass ich auch am Sonntag noch laufen werde.
Dabei hat Jens Vieler hat im informativen Facebook-Land vor dem Lauf geschrieben, dass er beantragt hätte, das Zeitlimit von 30 auf 25 Stunden herunter zu nehmen. Es war ein Scherz, den ich aber nicht aus meinen Gedanken verbannen konnte.
Aber der „worst case“ für mich war zu diesem Zeitpunkt, für jeden Kilometer noch 15 Minuten zu brauchen und das hätte in der Spitze bis zu knapp 27 Stunden geführt.

Ich lief nun also wieder mit einem Spanier und einem Finnen. Es kamen die berühmt-berüchtigten letzten 25 Kilometer. Der Weg durch das trockene Flussbett. Ein Stein neben dem anderen, einer lockerer als der andere. Es ist anstrengend, da zu laufen, es ist dunkel und die Stirnlampen drohen mit Streik, Du bist müde, musst aber vollkommen konzentriert sein. Du fluchst, Du jammerst und Du hoffst, dass es vielleicht am Ende doch besser werden würde.
Irgendwann kommst Du nach Las Palmas, durch die Stadt, die Promenade entlang … ein großer Traum, eine kleine Illusion.

Es stinkt nach Kloake am Ende des Flussbetts. Du wirst durch eine Gewerbegebiet geführt, weit weg von der Stadt Las Palmas. Aber wenigstens hast Du wieder festen Boden unter den Füßen. Georg Kunzfeld hatte uns schon vor den letzten 25 Kilometern gewarnt, Schonung habe ich also nicht erhofft.
Als es noch rund 13 Kilometer waren, dachte ich, dass wir doch eine Chance haben, wenigstens unter 25 Stunden zu bleiben. Aber mein spanischer und mein finnischer Freund sind etwas langsam. Wir verlieren Zeit auf meinen Plan.
Achim müsste mittlerweile schon lange im Hotelzimmer sein, dachte ich. Alle sind schon drin. Nur ich nicht.

Bei der letzten Versorgung trennen sich unsere Wege. Ich gehe alleine weiter, verzichte auf frisches Wasser oder etwas zu essen. Noch acht Kilometer, hieß es. Mit diesen acht Kilometern käme ich auf 126,6 K auf meiner Uhr. Und ich habe noch knapp über 80 Minuten dafür. Unter 25 Stunden, das ist zu packen.
Weitere 5, 4 Kilometer später steht auf dem Asphalt, ja, es war mittlerweile laufbar, die Krämpfe waren komplett verschwunden und ich konnte auf niedrigstem Niveau sogar wieder laufen, dass es noch 3 Kilometer seien, also doch 400 Meter weiter als berechnet.
Noch hatte ich 27 Minuten. Neun Minuten pro Kilometer. Das sollte reichen, dachte ich.

Weitere 700 Meter später stand da ein Schild: noch drei Kilometer! Ich rechnete neu. Ich musste schneller werden, deutlich schneller, wenn dieses Schild richtig war.
Und ich lief und lief und lief.
Erst einen Kilometer vor dem Ziel war ich mir sicher, dass es reichen würde, egal, ob die ominösen 700 Meter nun noch dazu kommen würden oder nicht.
Sie kamen nicht mehr dazu, ich finishte um 0:51 Uhr. Ich hätte noch vielleicht eineinhalb Kilometer mehr gehen können, bevor es 1 Uhr wurde. Ich war versöhnt mit dem Lauf, immerhin hatte ich es geschafft, Jens Vielers Zeitlimit zu unterbieten.

Ich nahm ein Taxi für die wenigen Hundert Meter zum Hotel und schlich mich humpelnd in unser Zimmer. Aber Achim war noch nicht da. Ich ließ mir viel warmes Badewasser ein, wärmte stets nach und schlief in der Wanne ein. Ich wachte auf, weil ich einen enormen Durst verspürte.
Aus der Wanne zu steigen war ein Erlebnis. Hätte jemand zugesehen, dann wäre ich sofort in die Kategorie der alten Männer gepackt worden. Und das Anziehen der Jeans und der Strümpfe war nicht weniger peinlich.
Warum sind auch die Füße und der Boden so tief unten?

An der Rezeption kaufte ich zwei Flaschen kalten Wassers, wankte nach oben und dann kam auch Achim ins Zimmer. Die Hände aufgerissen, die Knie blutig. Er hatte mehr Pech beim Laufen und stürzte einige Male, vor allem bei den steilen Bergabpassagen. Er kam rund 14 Minuten nach mir ins Ziel, allerdings gleich als nächster Läufer. Irgendwann muss ich ihn überholt haben, wahrscheinlich, als er für ein paar Meter einen falschen Weg nahm. Meine alten Mitläufer, der Finne und der Spanier, kamen erst nach Achim ins Ziel, alles richtig gemacht, dachte ich.

Am Sonntag frühstückten wir nicht, aßen nicht zu Mittag und gingen am Abend wieder zu Tanja und Kurt ins Hotel, um uns dort am Buffett zu bedienen. Es schmeckte fürchterlich.
Und auch am Rückflugtag, dem Montag, konnte ich bis zum Abend nichts essen. Nichts schmeckte, der Körper hatte sich verändert. Schon das war eine Erfahrung, die jeder missen muss, der nie so lange, so harte und so heiße Läufe gemacht hat.

Beim Abholen des Drop-Bags und der Rückgabe der Chips gab es dann die Finisher-Shirts und die Finisher-Weste. Beide waren superschön. Im Flugzeug war ich aber der Einzige, der das Shirt und die Weste trug. Achim flog schon zwei Stunden vor mir, Ulla und Rolf, Tanja und Kurt durften noch zwei Tage lang auf dieser schönen Insel bleiben.

Und weil es doch eine schöne Geschichte aus dem virtuellen Facebook-Land ist, soll sie auch wie eine schöne Geschichte enden:
… und wenn sie nicht gestorben sind, dann dürfen sie jetzt auch von dieser schönen Insel träumen …