I Think The Answer’s Yes

Relativ kurz nach dem unglaublichen Lauf auf der spanischen Insel „die Größere“ (Mallorca) nun ein Lauf auf der spanischen Insel „die Kleinere“ (Menorca), wobei der Trail auf „die Größere“ kürzer ist wie der auf „die Kleinere“.

Erst einmal etwas über die Lage der Insel:
Neben den Inseln Mallorca und Menorca, die beide die Gymnesischen Inseln darstellen, gehören auch noch die Inseln Ibiza und Formentera, die beide zur Inselgruppe der Pityusen gehören, zur spanischen autonomen Region Balearen. Cabrera, die „Ziegeninsel“, eigentlich ein vorgelagerter Teil von Mallorca, gehört mit seinen rund 20 Einwohnern auch noch zu dieser autonomen Region.

Wie auf Mallorca gibt es auch auf Menorca das Tramuntana-Gebirge im Norden, im Süden liegt Migjorn, das Hügelland. Der Trail Camí de Cavalls (katalanisch für „Weg für Pferde“) ist ein Fernwanderweg auf Menorca, er ist 185 Kilometer lang und trägt im Fernwander-Wegenetz die offizielle Bezeichnung GR 223. Am Wochenende vom 16.-18. Mai sollten wir Trailläufer auf den fünf Streckenlängen von 32 Kilometern bis zu 185 Kilometern die Pferde sein.
CdCNach so viel unnützem Wissen komme ich nun aber doch zu etwas Text über den Lauf, auf den ich mich schon lange freute..

Es war am Donnerstag, dem Tag vor dem Start zum Menorca Ultra Trail.
Wir, das waren Michael (Michi) Raab, seine Lebensgefährtin Kathrin und ich, bewegten uns zur Startnummernausgabe. Das sollte kein Problem sein, dachten wir, immerhin hat Michi diesen Lauf ja in 2013 erfolgreich gefinished.
Wir fanden auch schnell die Zielgegend aus dem Vorjahr, die Halle, in der die Startunterlagen 2013 ausgegeben wurden, zu finden, war schon ein wenig aufwändiger.
2013 war das bei Michi auch schon schwierig gewesen, er war zuerst in der falschen Sporthalle, in der gegenüber dem Hallenbad, und musste dann quer durch die Stadt in die Halle auf der anderen Stadtseite, in die gegenüber dem großen Supermarkt.
Dank einer Eingebung aber erinnerte er sich nun also an den Weg zu dieser Halle, zu der gegenüber dem großen Supermarkt, und dort waren wir dann zum Glück auch nicht alleine. Gleich drei andere Läufer waren dort genauso ratlos wie wir, weil die Halle geschlossen war.
Ein paar Telefonate später war dann klar, dass die Halle gewechselt wurde, weil sich die Teilnehmerzahl so dramatisch gut entwickelt hatte. Jetzt waren wir dann dort richtig, wo Michi noch vor einem Jahr falsch war.
Also erneut quer durch die Stadt, um dorthin zu kommen, in die Halle gegenüber dem Hallenbad.

Dort trafen wir dann gleich Victor, den Chef, den Initiator, den, der für all das verantwortlich zeichnet, was da auf dieser wunderschönen Insel in Sachen Ultralauf passiert. Victor ist ein richtig netter Zeitgenosse, einer, mit dem man sofort warm wird und dessen Freund man auch sofort werden will.
Wir schossen einige gemeinsame Fotos, quatschten über dies und das und natürlich auch über andere Läufer. Und Victor verriet uns, dass noch ein Thomas Dörr kommen würde, der wiederum für ein Laufportal schreiben würde. Für welches aber wusste er im Moment nicht.
Ich hatte ja Victors Wunsch, nach dem Lauf etwas über meine Erlebnisse zu schreiben, schon im Vorfeld positiv beantwortet und war gleich ein wenig eifersüchtig, dass er offensichtlich auch andere deutsche Läufer gebeten hatte, so etwas zu tun.
2014-05-16 08.02.42Es war am Freitag, frühmorgens, vielleicht eine Stunde vor dem Start. Noch war wenig los im Startgebiet und ich suchte Gesprächspartner. Und da war eine Niederländerin, die ihren zweiten Hunderter laufen wollte. Ihre ganze Familie war mitgekommen, um sie nach Kräften zu unterstützen und ihr Vater fotografierte erst mich vor der Startlinie und später dann bat ich ihn, erneut den Auslöser zu drücken, dann aber mit mir und Thomas Dörr.
Ihn sah ich alleine stehend und ich erkannte ihn an dem einen Tag zuvor gehörten Namen. Unter „Kollegen“ sprach ich ihn an und fragte ihn, für welches Portal er denn schreiben würde. „Ich schreibe nicht,“ antwortete er und ich war verdutzt. Wir sprachen weiter und er erzählte mir, dass er erst kurz aus dem Süden in den deutschen Westen gezogen sei und sich Eigentum in der Grafschaft gegönnt habe.
In der Grafschaft?
2014-05-16 08.23.32Und da dämmerte es mir, dass Victor mich Thomas aus der Grafschaft mit ihm Thomas aus der Grafschaft verwechselt haben muss. Ich begann, mich darüber zu freuen, dass Victor meine Berichte offensichtlich doch wohl gut fand und dass er sich wahrscheinlich wirklich über meinen noch ungeschriebenen Bericht über den Menorca Ultra Trail Camí de Cavalls freuen würde.
Was er und ich aber noch nicht wussten, ist, dass es diesen so nie geben würde.

So kam es also, dass bei drei deutschen Startern, Michi Raab auf dem 100 Kilometer Trail, Thomas Dörr und ich auf den 185 Kilometern, zwei TRAIL-MANIAKS dabei waren, zwei Thomas und zwei aus der kleinen Grafschaft in Rheinland-Pfalz.

Dass ich mich überhaupt entschlossen habe, nach Menorca zu fliegen, um diesen Lauf zu bestreiten, hat seinen Grund in einem wunderbar warmen Abend in Michis Münchner Wohnung. Wer weiß, dass ich keinen Alkohol trinke, dem sei gesagt, dass ich für das Ausbrüten verrückter Ideen keinen Alkohol brauche. Gute Gespräche über schöne Trails auf dieser kleinen Welt führen bei mir schon schnell zu einer ganz eigenen Art von Betrunkenheit.
Und weil ich immer Angst vor den Entzugserscheinungen habe, sollen diese Gespräche auch niemals enden …

Michi erzählte also davon, wie schön dieser Trail sei, wie fantastisch diese Insel wäre und wie wunderbar nett die Organisatoren waren. Und er sagte, dass wir das unbedingt einmal gemeinsam machen sollten.
Trotz unserer menschlichen Nähe, die uns seit Anfang 2010 verbindet, hindert uns leider die fehlende räumliche Nähe daran, auf den Trails allzu viel gemeinsam anzustellen.
Da war ein Rennsteiglauf, eine Tagesetappe beim TransAlpineRun und da war der Lauf auf Mallorca 2012. An mehr erinnere ich mich nicht, der Rest musste immer telefonisch erledigt werden. Oder eben an wunderbar warmen Abenden in München.
Aber all das macht nichts. Wenn man sich im Geiste nahe ist, dann ist auch eine räumliche Entfernung lediglich eine Schwierigkeit, definitiv aber kein Hindernis. Und Schwierigkeiten überwinden üben wir ja alle bei unseren Läufen.

Ein, zwei Mal haben wir dann noch über Menorca geredet, aber uns konkret dort einschreiben wollten wir dann doch irgendwie nicht, scheinbar. Aber irgendwann Anfang 2014 berichtete Michi mir davon, dass er jetzt auf der Starterliste stehen würde und diese Reise mit einem längeren Besuch, einem kleinen Urlaub bei Kathrins Tante auf deren Gut in Portugal verbinden würde.
Für Julian, den gemeinsamen Sohn, sollte es die erste weite Reise sein.

Ab dann war ich in der Pflicht, aber auch in der Zwickmühle. Über so etwas wie eine Auslandsreise reden ist das Eine, sich wirklich dafür entscheiden ist das Andere. Es war ja leider ein Wochenende, an dem ich eigentlich hätte arbeiten müssen. Und ich hatte keinen Ersatz für mich, scheinbar.
Dann aber, als ich doch eine kleine Chance auf eine Realisierung sah, habe ich mich dort sicherheitshalber schon mal eingeschrieben, um mir selbst etwas Druck zu machen. Und dann, als mein Sohn Pascal sich bereit erklärte, für mich zu arbeiten, buchte ich, nach der Zustimmung meiner „besseren Zweidrittel“ auch noch die Flüge dazu. Es war eine gute Entscheidung, eine meiner besten in diesem Jahr.

Menorca ist zweifellos eine Reise wert, oh mit Laufen oder ohne. Diese spanische Insel verzaubert Dich mit einer unvergleichlichen und wechselhaften Landschaft auch deshalb, weil die Verantwortlichen dort schon früh begriffen haben, dass Massentourismus auf Dauer nur wenig bringt. Massentouristen sind wie Heuschrecken, die sich dort niederlassen, wo sie scheinbar für ihr Geld das meiste erhalten, am liebsten „all inclusive“.

Zurück zum Trail. Zurück zum Start, alles wieder auf Anfang.
Michi kam 20 Minuten vor dem Start an, ich machte Thomas Dörr und ihn miteinander bekannt, aber ich bin nicht sicher, ob ich Michi auch erkärt habe, welche Zufälle zusammen spielen mussten, damit wir beide,  in diesem Fall ich Thomas aus der Grafschaft und er Thomas aus der Grafschaft,  realisierten, dass wir, die einzigen Ultraläufer der Grafschaft, gemeinsam auf Menorca am Start standen und dass wir uns, kaum drei Kilometer von einander entfernt wohnend, ausgerechnet dort vor dem Start kennen lernen konnten.

Mit Michi laufen wollte ich nicht. Er wollte sowieso „nur“ die kurzen 100 Kilometer Trailsprint laufen, außerdem wollte er auf Zeit laufen, angreifen, um mindestens in die Top Ten zu kommen. Zehnter werden hat er am Ende dann doch nicht geschafft, als Altersklassenerster wurde er Gesamtzweiter. Wahrscheinlich war dieses Übertreffen des Ziels psychisch kein allzu großes Manko, bleibende Schäden und eine nennenswerte Erosion des Selbstwertgefühls sind also nicht zu erwarten.
Und dieser zweite Platz wurde ihm dann mit einer wunderschönen Trophäe versüßt. Die hätte es ja auch nicht gegeben, wenn er „nur“ Zehnter geworden wäre.
Michi hat sich also mal wieder als ein TRAIL-MANIAK mit Vorbild-Charakter gezeigt, so hat er auch das Recht und die Pflicht, die Mädels und Jungs vom TRAIL-MANIAK Lauftreff München ein wenig zu ziehen und zu quälen, aber nur so weit, dass man gefordert ist, der Spaß aber nicht vergessen wird.
2014-05-28 20.22.05Also lief ich mit Thomas Dörr. Zwei Grafschafter auf dem Weg von Ciutadella nah Ciutadella, zwei Grafschafter, die beide dieses Ziel nicht sehen würden, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Ich blieb bei Thomas bis zum ersten Verpflegungspunkt. Dazwischen lief er mir immer wieder davon, wenn ich Fotos machte. Und eine Lücke von wenigen Metern zulaufen ist doch schwerer, als man denkt.
Dann aber verschwand ich eher aus dem Verpflegungspunkt als er und ich sah ihn danach auch nicht mehr wieder, leider.
Heute weiß ich, dass er am Ende nur rund eine halbe Stunde hinter mit lag, wahrscheinlich hätten wir zusammen bleiben sollen.
Hinterher ist man halt immer schlauer …

Beim Lauf selbst ging es mir fantastisch. Ich fühlte mich gut und ich war komplett schmerzfrei. Ein Aussteigen am 100 Kilometer Punkt war vollkommen undenkbar, auch deshalb nicht, weil mich die Landschaft so faszinierte.
Aber die Strecke, die Temperaturen und das Profil waren alle härter als ich das erwartet hatte. Und mir saßen das Wissen um das Endspiel im DFB-Pokal, das am Samstagabend übertragen wurde und das ich so gerne sehen wollte, im Nacken.
Ich erlebte, deutlich langsamer zu sein, wie ich es erwartet hatte und wähnte, meinen Plan voraussichtlich nicht erreichen zu können, das demotivierte mich.

Die Strecke aber war ein Traum. Die Szenerie wechselte ungefähr alle 10 Kilometer, ein Tal war schöner als das andere, ein Ausblick auf die Insel schöner als der nächste.
Aber ich stürzte schon nach 25 Kilometern und die Wunde am Ellenbogen des rechten Arms wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Ich wollte mal wieder ein „nice guy“ sein, als ich beschleunigte, weil ein vor mir laufender Kollege für mich eines der unzähligen Gatter aufhielt, um es mir leichter zu machen. Um ihm ein paar Sekunden zu ersparen, hektikte ich Richtung Tor, allerdings ohne auf den Boden zu achten und so lernte mein Ellenbogen die Härte und den Staub des Bodens kennen und ich schlug mit dem Kopf gegen das Gatter. Nur meine neue X-Kross Sportbrille verhinderte, dass ich auch im Gesicht verletzt wurde.
Der Kratzer auf der orangenen Sichtscheibe heilt hoffentlich noch irgendwann. Für den GUCR habe ich jetzt erst einmal auf die Radfahr-Scheiben umgestellt.
Ich ersparte dem unbekannten Läufer also keine Zeit, sondern ich hielt ihn auch dadurch auf, weil er sich nun erst einmal um mich kümmern musste, dafür hatte ich meinen Laufpartner für die nächste Etappe des Laufs gefunden.

Beim Lauf ging es mir dann nicht mehr so gut. Ich litt unter der Hitze, die Oberschenkel schmerzten und ich begann, mir Sorgen zu machen wegen der 145 Meilen beim GUCR (Grand Union Canal Race), das am nächsten Wochenende folgen würde. Meine Aufenthalte in den Verpflegungspunkten wurden länger und ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, dass ich langsamer und langsamer wurde.
Zwar lief ich noch immer in der gleichen Liga wie die Mädels und Jungs um mich herum, da waren zwei, die ich immer laufend überholte, beim nächsten Berg aber zogen die beiden wieder an mir vorbei. Solch ein Spiel kann man stundenlang spielen, es erweckt aber den Eindruck, dass Du Stück für Stück nach hinten durchgereicht wirst.

Harte Trails, sandige Passagen über die zauberhaften und vollkommen leeren Strände des Nordens, eingebettet in aufregende Felsformationen und weit entfernt von menschlichen Ansiedlungen, Holztreppen, die schön, aber auch sehr heftig waren und dann kamen knapp 10 Kilometer, vor denen schon ein Schild auf dem Tisch des Verpflegungspunktes davor gewarnt hatte. Auf Deutsch!
Es waren die einzigen deutschen Worte, die ich auf Menorca gelesen habe und die waren tatsächlich wahr. Aber auch diese Etappe ging vorüber.
2014-05-16 13.11.04

Beim Lauf ging es mir dann richtig schlecht. Ich haderte an mir und an meinem Tempo. Das GUCR, das Pokalendspiel, die Hitze des nächsten Tages, die nässende Wunde am Ellenbogen, die Oberschenkel und nicht zuletzt das Gefühl, nun wirklich niemanden mehr hinter mir zu haben, ließen mich an Alternativen denken.
Ich fand einen dritten und letzten Laufpartner, mit dem ich in den Verpflegungspunkt bei 100 Kilometern einlief. Nach 15 Stunden und 3 Minuten!
Ich hatte in diesem Moment fast schon genug, also fragte ich, ob ich den Bewerb switchen könnte. „Ja“, sagte die Lady dort, „ich nehme Dich auf die 100 K Liste“. Ich bekam das Finishershirt und später auch die Medaille und dann gönnte ich mir die weiche Matraze, die mich sicher und warm durch die Nacht gebracht hat.

Thomas Dörr stieg, wie ich später erfahren habe, auch bei 100 K aus. „Falsche Schuhe, falsche Einstellung, andere falsche Entscheidungen“ schrieb er mir. Und so kam es, dass alle deutschen Teilnehmer nicht über die 100 K heraus kamen und wir alle in Es Grau, einem Städtchen nahe der Hauptstadt Maó, das Ende unserer Läufe fanden.

Für Michi, der mit einer so guten Platzierung wohl nicht gerechnet hatte und seinen Rückflug nach Deutschland schon auf einen Zeitpunkt vor der Siegerehrung terminiert hatte, nahm ich stellvertretend die Ehrung als Altersklassen-Sieger in Empfang. Dabei freute ich mich ein wenig darüber, in der nächstjüngeren Altersklasse noch eine einigermaßen gute Figur zu machen.
Und ich nahm, wieder stellvertretend für Michi, auch die Ehrung als Gesamtzweiter in Empfang. Dabei freute ich mich aber gar nicht, ich fühlte mich eher unwohl. Auf dem Podest des Altersklassen-Siegers stand ich ja schon manchmal, ein Mal sogar ganz oben, auf dem Podest der Gesamtsieger aber war ich noch nie. Und da werde ich auch nie hinkommen, außer Umstände wie auf Menorca führen mich da hinauf, um andere zu vertreten.
2014-05-18 13.02.03Für Thomas Dörr war dieser Trail sicher eine Lernerfahrung, die ihn in eine läuferisch großartige Zukunft führen wird und für mich war Menorca auch ein Signal, auf mich selbst zu achten und immer, wirklich immer, unterhalb meiner Möglichkeiten zu laufen. Denn nur dann hast Du noch Kraft für die Kilometer, die nach dem 100 Kilometer Sprint, nach dem 100 Kilometer Bambini-Lauf, kommen.
Und mit diesem Bewusstsein flog ich nach England, nach Birmingham, wo der Start zum GUCR war.

Auf den Heimflug wartend amüsierte ich mich noch darüber, dass es zwar keinen Direktflug von Deutschland aus nach Menorca gibt, wohl aber einen von Birmingham, dem Startort des GUCR. Ich hätte also gleich dort diesen Flieger besteigen können und ich hätte mir so viel Zeit gespart.

Und eine weitere positive Überraschung erlebte ich nach dem Menorca Trail Costa Nord.
Ich war nicht der Einzige, der sich in diese Insel und in diesen Lauf verliebt hat.
TRAIL-MANIAK organisiert für 2015 eine Gruppenreise nach Menorca.

Und wenn die TRAIL-MANIAKS mich fragen, ob ich dabei bin?
Dann würde ich wohl an das zauberhafte Lied der Gruppe „The Beautiful South“ denken und ich glaube, die Antwort wäre „Yes“.

MP3-Soundplayer „The Beautiful South – I think the Answer’s Yes“ – hier klicken …

Und wie wäre Deine Antwort?

Die Bildergalerie zu diesem Lauf:
Menorca_GalerieMenorca_Galerie

Backen für Fortgeschrittene …

MallorcaMan nehme:
Eine Insel, nicht allzu groß.
Einen Gebirgszug, möglichst schroff. Man stelle ihn ins UNESCO Welterbe World Heritage.
Einen Trail, möglichst eng und steinig.
Ein Meer, blau, zum drauf schauen.
Eine Horde Läufer, mindestens 350 Stück.
Viel direkte Sonne.
Ein Orga-Team, das sich um die Läufer kümmert.
Zuschauer, die stundenlang applaudieren und anfeuern.

Zuerst nimmst Du die Insel. Du positionierst sie so, dass sie gut erreichbar ist. Und Du positionierst sie im Süden, damit es warm ist, aber nicht zu tief im Süden, damit die Temperaturen noch auszuhalten sind.
Das Gebirge schichte nicht allzu hoch auf, damit noch Platz für Wälder und Sträucher bleibt. Am besten ist es, wenn man das Gebirge nicht mitten in der Insel aufschichtet, sondern irgendwo am Rand.
In dieses Gebirge legst Du nun den Trail. Achte dabei darauf, dass Du diesen möglichst oft wieder bis ganz runter in die Täler führst.
Das Meer legst Du um die Insel herum, damit die Aussichten darauf schön sind.
Die Läufer bereitest Du einzeln vorab vor
(siehe Rezept: Wie mache ich aus Menschen Läufer?),
achte dabei darauf, dass sie alle einen Rucksack tragen, stecke dort etwas Essbares rein und fülle die Trinkblasen mit sehr viel Wasser. Die Läufer werden es brauchen.
Wenn Du all das hast, dann köchle alles unter direkter Sonneneinstrahlung. Achte darauf, dass mindestens 27 Grad erreicht werden und dass die Hitze möglichst lange anhält und nicht allzu sehr abfällt gegen Abend.
Das Orga-Team verteile ungefähr gleichmäßig am Anfang des Trail, den wir „Start“ nennen und an das Ende des Trails, das wir „Finish“ nennen. Und vergiss nicht, dieses Team auch in den vielen Tälern zu verteilen. Statte die Team-Mitglieder mit viel Essen und mit sehr vielen Getränken aus. Sie sollen diese Sachen den Läufern geben.
Und statte die Team-Mitglieder im Finish auch mit hübschen Metallplättchen aus, die Du, damit sie besser um den Hals getragen werden können, mit einem Textilband versiehst. Dazu statte diese letzten Team-Mitglieder auch mit wärmenden Vlies-Pullis aus, die sie am Ende den Finishern geben sollen. Auf die Pullis nähe vorab ein hübsches Bildchen, dann sind die Läufer noch stolzer.
Die Zuschauer verteile sporadisch in den Tälern, die meisten aber stellst Du vor dem Finish auf. Achte darauf, dass die Zuschauer andauernd „¡Ánimo!“ rufen, je lauter, desto besser, je öfter, desto besser. Für den Erfolg des Rezepts ist es vor allem sehr wichtig, dass die Zuschauer vor dem Finish zahlreich und laut sind.
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Wenn Du all das richtig zusammenstellst, Dir die nötige Ruhe antust, das alles wirken zu lassen, dann wird das Ergebnis ein Lauf sein, der seinesgleichen sucht. Der ULTRA TRAIL SERRA DE TRAMUNTANA auf Mallorca ist solch ein Lauf, der es wert ist, von vielen aus unserer Läuferfamilie gelaufen zu werden. Und das sage ich, wohl wissend, dass ich schon den einen oder anderen Lauf auf der einen oder anderen Insel hinter mir habe und deshalb durchaus Vergleiche ziehen kann.
Ganz besonders schön finde ich dabei, dass dieser Lauf nicht wie die meisten Inselläufe von einer Küste zur anderen Küste geht und man dazwischen das Meer meist gar nicht sieht, sondern der Trail läuft parallel zur nord-westlichen Küste und verwöhnt Dich immer wieder mit imposanten Ausblicken auf das große, stille, blaue Meer, das von oben immer so harmlos und glatt aussieht, so mächtig und attraktiv, dass ich stets denke, dass wir Menschen uns heimlich immer noch dahin gezogen fühlen, wo wir eigentlich herkommen.

Die Organisatoren feilen dabei ständig am Konzept und an den Details. So haben sie gegenüber 2012, wo ich dort das erste Mal gelaufen bin, den Startplatz verändert. Statt ganz profan auf der Straße neben dem „PALAU MUNICIPAL D’ESPORTS“ hat man sich für 2014 ein Kastell ausgesucht, das wunderschön erleuchtet ist und den mitternächtlichen Start besonders bemerkenswert macht.
Für Lars, Hendrik und mich, die wir uns kurz vor dem Start noch ein Wässerchen gegönnt hatten und die die Ruhe weg hatten, obwohl wir mittlerweile nur noch die „letzten Mohikaner“ in dem Bistro waren, hätte das fast ein Riesenproblem werden können. Wissend, dass der Start gleich draußen vor der Türe stattfindet, hatten wir uns gewundert, warum die anderen Läufer alle schon Richtung Start gegangen waren, bis ein aufgeregter Bistro-Mitarbeiter uns darauf hingewiesen hat, dass wir noch einen längeren Fußweg bis zum Start zu bewältigen hätten. Also zogen wir los, nicht in Hektik, aber auch ohne die übliche Gelassenheit, um gerade noch rechtzeitig zum Massenstart auf dem Kastell zu kommen.

Die zweite Änderung war, dass man nach Valldemossa, dem Startort des „Trails“, also der kürzeren Variante, nicht links über die Berge ging, sondern rechts herum durch eine Schlucht, die mich so sehr fasziniert hat, dass ich am liebsten stehen geblieben wäre. Dachte ich bislang, dass die Schlucht auf Gran Canaria, die zum Cruz Grande führt, einen „Magic Moment“ darstellt, so blieb das für mich weit hinter dieser Schlucht zurück.
Der Vorteil auf Mallorca ist dabei, dass es nicht so hoch ist und auch nicht so heiß ist im Jahresverlauf, einen richtigen Winter haben kann und daher Gebiete bewaldet sind, die auf Gran Canaria einfach nur mit niedrigem Buschwerk bewachsen sind. Und dieser optische Vorteil kommt eben dieser Schlucht zu Gute.

Aber jede Münze hat zwei Seiten, sagt man, alles hat seinen Preis. Und der Preis für diese schöne Schlucht war dann nach einem fantastischen Höhenweg mit Blick auf das Meer ein Downhill, den ich erst schnell angegangen bin. Dann aber habe ich gemerkt, dass ich das ja gar nicht kann und ich reduzierte mein Tempo. Bis dahin war ich wirklich gut in der Zeit gelegen, die ersten 56 von 112,2 Kilometern habe ich in 8:58 Stunden hinter mich bringen können.
Aber trotz dessen, dass ich langsamer wurde, begannen die Oberschenkel zu brennen und ich hatte das Gefühl, dass jetzt nichts mehr gehen würde.

Diese Phase war die vielleicht einzige, vor der ich Sorge hatte.
2012 erreichte ich Valldemossa um 7:40 Uhr und dann, nach dem nächsten Uphill, rannten mich die noch frischen Cracks des kurzen Trails TRAIL SERRA DE TRAMUNTANA, der um 8:00 Uhr startet, auf dem Downhill tot. Eingeschüchtert ob meiner Langsamkeit blieb ich immer wieder stehen, um die Züge der Cracks vorbei zu lassen, für die es ja der erste Downhill war.
Die großartige Steph Lieb von den TRAIL-MANIAKs war da auch darunter.
2014 wollte ich diese Situation weitgehend vermeiden. Ich lief also schon um 6:59 Uhr in Valldemossa ein und um 7:02 Uhr dort aus und der erste der schnellen Trailer holte mich erst kurz vor dem Ende des deutlich schwierigeren Downhills ein.
Dennoch blieb das Überholen durch die Trailer ein Dauerzustand und ich weiß nicht, ob ein Start um 10 Uhr da nicht sinnvoller wäre.
Insgesamt überholten mich bis zum Finish 431 der rund 1.200 Starter, also rund ein Drittel der Gestarteten. Und ich war nun wirklich nicht langsam unterwegs.

Von Läufern des Ultra wurde ich sehr selten überholt. Die Schnellen waren ja sowieso vorne, da ich wie immer langsam und verhalten begann. Deshalb war ich anfangs recht weit hinten im Feld, aber dann holte ich Position für Position auf. Natürlich hat jeder seine guten und schwachen Phasen und so gab es einige Ultras, die mich überholten, die ich überholte und mit denen ich im Grunde einen großen Teil des Rennens gemeinsam gelaufen bin.
Aber eben die Trailer, die mich überholten, waren seit Valldemossa mir gegenüber ja 58 Minuten schneller unterwegs, keine Frage, dass die alle nicht mehr einzuholen waren. Dennoch tröstete es mich, dass mir 417 Läufer des Trails diese 58 Minuten nicht abnehmen konnten, obwohl sie die rund 46 Kilometer zuvor nicht in den Beinen hatten und dass beispielsweise der letzte der Trailer kaum mehr als drei Stunden weniger für seine Strecke gebraucht hat wie ich für die gesamte Strecke.

Dann aber kamen die Verpflegungspunkte mit Kohlenhydraten. Hintereinander folgten Nudeln, Reis und erneut Nudeln. Auch das war neu. Ein Mal Nudeln in Soller war alles, was es 2012 gab. Und noch etwas war neu und absolut himmlisch: Wasser und Cola wurden in großen Bottichen gekühlt und waren zwar nicht eiskalt, aber eben nett kühl.
Mit Grausen erinnere ich mich an die Cola im Jahr 2012, die so warm war, dass ich sie nicht mehr haben und trinken konnte.

Und es kam Soller. Soller ist ein wirklich nettes Städtchen mit einem pulsierenden Stadtzentrum, wo Tausende von Menschen vor den Cafés und Bistros im Freien saßen und den April einen schönen Monat sein ließen.
An denen ging es vorbei bis zum großen Verpflegungspunkt und wieder ertönten „¡Ánimo!“ Rufe. Einige der Zuschauer waren dabei enorm sachkundig und erkannten, dass die Läufer mit den grünen Startnummern in Valldemossa gestartet waren, die mit den roten Startnummern aber schon in Andratx los gelaufen waren.
Die mit den roten Startnummern waren wohl 400 Starter gewesen, davon sind 286 Läufer im Ziel angekommen, die letzten kurz vor dem Cut-Off um 24.00 Uhr.
Und weil, wie schon geschrieben, jede Medaille zwei Seiten und alles seinen Preis hat, bezahlten wir das Erlebnis in Soller mit dem Anstieg auf den höchsten Punkt des Rennens. 1.250 Meter ging es nach oben. Und das auf einem Weg, der steil war und direkt von der gnadenlos brütenden Sonne beschienen wurde.
Ein Polizist fing am Anfang jeden Läufer ab, fragte ihn, ob er wisse, wo er sei und was da auf ihn zukommen würde. Ich wusste es. Ich hatte diesen Uphill 2012 hassen gelernt. Und ich hatte die Fotos beispielsweise von Birger Jüchter und Hans-Peter Roden aus dem Jahr 2013 bewundert, die diese Passage im Nebel bewältigen durften. Wo bitteschön, ist das Paradies?
Bei 27 Grad im Schatten wird daraus eine echte Herausforderung.

Ein Sonnenstich in 2012 holte ich mir da, Nasenbluten am höchsten Punkt, weswegen ich anhalten und Läufer um ein Tempo bitten musste, später dann musste ich mich insgesamt vier Mal übergeben, eine Situation, die ich weder davor noch danach noch einmal hatte.
Ja, ich wusste, was mich erwarten würde.
Dem Polizisten sagte ich: „Ja, ich weiß, 1.250 Höhenmeter, steiler Trail, kein Schatten, brütend heiß!“
Er war zufrieden.

Ich war es auch, denn es gab dennoch hin und wieder doch etwas Schatten. Den hatte meine Erinnerung vollkommen ausgeblendet. Aber weil ja meine Oberschenkel noch immer zeitweilig gekrampft haben, musste ich unter dem Krampfpunkt laufen und wählte einen langsamen, aber stetigen Läufer als meinen Pacer, den ich keinesfalls überholen wollte. Das war eine richtig gute Entscheidung, weil ich merkte, wie ich zu regenerieren begann.
Allen, die solch eine Situation noch nie erlebt haben, sei gesagt, dass es immer die Chance gibt, zu regenerieren. Früher bin ich in solchen Situationen gelegentlich ausgestiegen, weil ich dachte, dass ich in dem Zustand, in dem ich war, nicht mehr finishen könnte. Aber wenn Du dann bewusst langsam machst, ein, zwei, drei Stunden lang, dann geht es Dir wieder besser. Und Du „verlierst“ in der Stunde vielleicht zehn Minuten, also maximal eine halbe Stunde, wenn Du das drei Stunden lang machst. Aber Du kannst wieder laufen, kannst finishen und alles wird gut.
Danke an dieser Stelle meinem unbekannten Pacer.

Ein Verpflegungspunkt auf 850 Metern, dann der Anstieg auf den 1.250 Meter hohen Gipfel und dann ging es runter.
Aber eins hätten wir dann doch noch …
Nach dem Abstieg auf etwas mehr als 1.000 Meter geht es dann doch noch einmal auf knapp 1.200 Meter hoch, ein kleiner Test für Deine Psyche, den Du dann aber locker meisterst. Wer bis dahin rund 90 Kilometer bewältigt hat, der lässt sich von so einem letzten Berg nicht abschrecken.
Aber dann ging es wirklich runter, runter bis zum Kloster Lluc. Ich lief und trabte im Wohlfühl-Modus, ich war nicht sicher, wie es mir gehen würde und wollte mich etwas schonen.
Dann aber, nach dem letzten Verpflegungspunkt im Kloster Lluc, ging es einen letzten Trail downhill. Noch etwa 17 Kilometer, da geht noch was. Und wenn danach alles weh tut, dann ist das egal. Dann ist da das Finish und alles wird wunderbar!

Ich heftete mich an die Fersen eines Trail-Experten. Ich lief in seiner Spur, stellte die Füße dort auf, wo er es tat und so bildeten wir einen Zwei-Mann-Kurzzug, der Läufer um Läufer überholte. Wir waren so schnell, wie ich alleine niemals gewesen wäre. Ich bin ja eher ein ängstlicher Downhiller, ständig in Sorge, umzuknicken, zu stürzen oder, noch schlimmer, an jemandem vorbeizulaufen, den ich kenne und ihn nicht grüße!
Ich weiß nicht, wie viele Läufer wir auf diesen 9 Kilometern downhill überholt haben und wie viele davon Trailer und wie viele davon Ultras waren, ich weiß nur, dass ich diesen Lauf fantastisch fand.
Und dann folgten etwas mehr als 7 Kilometer fast flach bis ins Ziel. Mal auf der Straße, mal auf einem Trail daneben. Ich hielt das Laufen nicht mehr permanent durch und wechselte von schnellem Gehen über das Traben zum Laufen und wieder zurück.
Als das Schild „Noch 7 Kilometer“ kam, rechnete ich mit maximal noch 10 Minuten pro Kilometer, also mit maximal noch 70 Minuten. Ein Finish unter 19:30 Stunden war also sicher, bis dahin wären es sogar noch 74 Minuten gewesen. Unter 19:00 Stunden zu finishen war auch illusorisch, da hätte ich nur noch 44 Minuten Zeit gehabt. Eine glatte Sechser-Zeit … aber nicht nach über 100 Kilometern in den Beinen.

Und irgendwann kam dann die Stadt Pollença, das Ziel. Ich wurde schneller.
Je mehr Menschen den Weg säumten, desto schneller lief ich. Nur einmal, an einem Anstieg im Dorf, schaltete ich kurz zurück, um dann mit Verve und Elan die letzten Meter zur Finish-Line zu nehmen.
Ich packte gefühlt eine 4:30er Zeit aus, mein Garmin hatte mich schon lange verlassen, aber ich war so schnell wie selten. Vor mir, kurz vor dem Ziel, machte mir noch ein Läufer Platz und er forderte mich auf, ihn zu überholen.
Aber das wollte ich nicht und ich sagte ihm, dass ich das nicht fair fände. Wir liefen also zusammen ein und schon auf den letzten 50 Metern begannen wieder die Tränen zu laufen.

Aus den Tränen wurden Sturzbäche und die Orga-Team-Leute wussten nicht recht, was sie mit mir anfangen sollten.
Dabei war ich einfach nur überglücklich.
Das sind die Momente, für die ich laufe, für die ich lebe!
19:07 Uhr stand auf der Anzeige über mir, die Menge jubelte und ich fühlte mich so, also hätte ich dieses Rennen gerade gewonnen.
Man stellte mir einen Stuhl hin und ich bemühte mich, durch Wackeln des Oberkörpers dem Körper noch etwas Bewegung zu geben, um langsamer runter zu kommen.
Dass ich den 7. Platz der Altersgruppe MÀSTER MASC erreicht hatte, wusste ich erst viel später. Auch der 136. Platz von allen ist für mich in Ordnung. Mehr ist für mich alten Mann eben nicht mehr drin.
Im vorderen Drittel der Gestarteten, deutlich in der vorderen Hälfte der 286 Finisher, was will ich mehr?

So bleibt mir nur, mit guten Gedanken Richtung Mallorca zurück zu denken, den Organisatoren des TRAIL SERRA DE TRAMUNTANA von Herzen zu danken und ihnen zuzurufen:
„Da habt Ihr etwas ganz, ganz Tolles auf die Beine gestellt. Respekt, Hut ab und tief, ganz tief, verneigt!“Start

 

Warum es schön ist, durch die Nacht zu laufen …

Hat Dich die Antwort auf diese Frage schon einmal bewegt:
„Was treibst Du denn so in Deinen Nächten?“

„Schlafen“ ist da sicher die klassische Antwort oder eben all die Dinge, die man im Bett so machen kann. Aber hoch im Kurs stehen auch „Party machen“, „in die Disco gehen“, einfach „feiern“. Studenten beantworten die Frage oft banal mit „lernen“, andere lassen sich von Domian inspirieren, wieder andere freuen sich über merkwürdige Clips in dubiosen Sparten-Fernsehsendern. Nachtschwestern im Krankenhaus verstehen überhaupt nicht, warum sie das gefragt werden und manche säubern den Strand vom Touristenmüll oder präparieren die Skipisten für den Schneespaß am nächsten Tag.
Auch das „Regale im Supermarkt auffüllen“ und die Arbeit in der Backstube sind beliebte Antworten und Börsenmanager sowie Computerfreaks schätzen die Nachtarbeit, weil eben genau dann auf dieser Welt das Meiste passiert, wenn es in den USA taghell ist.

„Laufen gehen“ ist jedoch selten die entsprechende Antwort, oft löse ich damit lediglich Kopfschütteln und Unverständnis aus. Die meisten Nichtläufer dieser Welt verstehen ja schon nicht, wie man am Tag Laufen gehen kann und die Mehrzahl der Läufer dieser Welt wollen beim Laufen meist etwas von der Natur sehen, die Landschaften erleben und einfach schneller unterwegs sein.
Und doch ist es wunderschön, durch die Nacht zu laufen, zumindest für mich.
lakenOft zwingen Dich ja die Wettkämpfe zum „durch die Nacht laufen“ und da meine ich nicht die 10 Kilometer „Nachtläufe“ von Zons oder Köln oder die „Nachtmarathons“ von Luxemburg oder Marburg, die in der Regel alle am späten Abend schon enden, sondern ich meine die Bewerbe, bei denen eben so lange Distanzen zu bewältigen sind, dass Du zwangsläufig eine, zwei oder „etcetera“ viele Nächte durchlaufen musst.

Und genau dafür habe ich vor einigen Jahren mal angefangen, das Laufen in der Nacht zu trainieren. Und bei diesen Trainingsläufen habe ich mich ins Nachtlaufen verliebt.

Einer dieser Läufe fand im September 2010 von mir zu Hause nach Ratingen-Breitscheid statt. Über diesen Lauf habe ich damals hier an dieser Stelle berichtet:
„Ein 5.000 Meter Lauf mit reichlich Anlauf …“
Es ist für mich immer wieder ein tolles Erlebnis, in der Nacht mit Menschen zu reden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Alkohol, den ich statistisch trinken müsste, den ich aber wegen meiner Alkoholabstinenz nicht aufnehme, für mich mit zu konsumieren – und vielleicht auch noch den von anderen Menschen, die ebenfalls auf ihren statistischen Alkoholwert verzichten.

Aber das Laufen in der Nacht hat auch einen strategischen Vorteil für mich: ich kann mich voll auf mich konzentrieren, ich erlebe das Nachtdesign der Landschaft, durch die ich laufe, ich kann später dann mit meiner Familie frühstücken und trotz allem noch einen netten Tag mit meinen Lieben verleben, ich kann ohne Sorgen auch auf den Straßen laufen, wenn das sinnvoller erscheint, weil die Straßen leer sind und Autos früh wahrgenommen werden und ich rieche und schmecke die Natur deutlicher als am Tag und ich sehe Dinge, die ich am Tag nicht sehen würde.
Den Mond beispielsweise, der in er einen Stunde noch riesengroß und gelblich vor Dir steht und in der anderen Stunde weit oben klein und weißlich auf Dich scheint.
Oder auch Katzen, deren Augen im Schein Deiner Stirnlampe funkeln und Du Dich erst erschreckst und mit denen Du dann das Spiel spielst, dass der verliert, der zuerst flieht. Meist sind das die Katzen, gelegentlich aber fliehe aber auch ich …

Im letzten Jahr war ich vor dem TransGranCanaria Lauf zwei Mal durch die Nacht unterwegs, raus aus Playa del Inglés, rauf in die nächtlichen Berge. Ein Mal war es in einer kanarischen Karnevalsnacht, als ein dicker Karnevalist mit Flügeln an den Armen und einem Schwan auf dem Kopf sturzbetrunken aus einer Kneipe kam, mich mit der gesamten Laufausstattung gesehen hat und ungläubig fragte: „Wie siehst Du denn aus?“
Männer mit Schwänen auf dem Kopf sind hierbei aber nicht immer vorbildliche Fragensteller, finde ich.

Dieses Jahr aber entgeht mir eine Serie von Nachtläufen, die zu laufen für mich eine wahre Freude gewesen wäre. Aber ich will Dir diese Nachtlaufserie ans Herz legen …
Ich selbst werde mich an diesem Wochenende wieder im fairen Kampf „Läufer gegen Kanal“ versuchen, nicht übermüdet in denselben zu fallen und am Grand Union Canal vorbeilaufen, von Birmingham nach London. Und das mit zwei Handvoll anderer Deutscher, auf die ich mich schon jetzt ganz besonders freue.
TRAIL-MANIAK Black-Forest_BachDa man aber nicht gleichzeitig in England am Kanal und in Deutschland im Schwarzwald sein kann, entgeht mir also der „Black-Forest TRAIL-MANIAK 2014 – the dark edition“, leider.
Der Ausdruck „dark edition“ deutet bei Schokoprodukten ja auf besonders dunkle Schokolade hin und damit auf einen ganz besonderen Genuss, an dem ich leider kaum vorbei komme. Das eine oder andere Pölsterchen im Bauch- und im Hüftbereich legt dabei Zeugnis ab, wie gierig ich oft nach „dark edition“ bin.

Dass „dark edition“ auch anders geht, zeigt der Schwarzwald. Da läufst Du in drei Nächten 100 Meilen durch den Schwarzwald mit einem Finish auf dem höchsten Berg des Schwarzwaldes, dem Feldberg. Oder Du läufst in zwei Nächten 100 Kilometer oder in einer Nacht einen Marathon oder wenigstens einen Halbmarathon durch den Schwarzwald und, na klar, mit einem Finish auf dem Feldberg.
Ob sehr viel Spaß auf 100 Meilen, viel Spaß auf 100 Kilometern, Spaß mit einem Marathon oder wenigstens etwas Spaß mit einem ungewöhnlichen Halbmarathon, eine „dark edition“ wäre immer meine Wahl.

„Mach doch mal was Verrücktes“ heißt es da vom Veranstalter. Und das stimmt, es ist schon ziemlich abgefahren, was da probiert wird. Noch nie hat es eine solche „dark edition“ Veranstaltung gegeben. Wenn Etappen gelaufen werden, dann eben genau anders herum. Du läufst am Tag und ruhst in der Nacht.
Und auf „Abgefahrenes“ stehen wir doch alle, oder?
Unter Tage schwitzen, einen Tag auf der Treppe leiden, sich durch Wüsten schleppen oder Pulkys hinter uns her ziehen – alles sein außer „normal“.

Die ganzen Details dieser „dark edition“ Veranstaltung siehst Du hier (klicken zum Vergrößern!):
TRAIL-MANIAK Black-Forest 2014Einen kleinen Trost aber habe ich dennoch für mich. Wenn wir die 145 Meilen Richtung London laufen, dann werden wir in der einen Nacht, die wir durchlaufen werden, sicherlich auch so schöne Stirnlampen-Muster in den Nachthimmel zaubern wie hier:

TRAIL-MANIAK Black-Forest_StirnlampeAllen, die wie ich gerne durch die Nacht laufen, ob im Schwarzwald, in England oder sonstwo auf einem Trail, wünsche ich allzeit gute Sicht und unvergessliche Momente in den durchwachten Nächten.

Männer mit Schwänen auf dem Kopf würden Dich verstehen …

UTMB für Runaways …

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Wenn ein Engel herunter geschwebt kommt vom großen Berg, in diesem Falle vom Weiler Bovine, und wenn Dir dieser Engel dann ein Geschenk anbietet, dann musst Du dem Himmel oder dem Wahnsinn nahe sein …

„Nein, ich gehe auf keine Finisher-Zeit,“ sagte ich Tom Dörner. Schlimm genug, dass er gewonnen hat!
„Ich setze 50 EUR auf Deinen Start,“ hat er gesagt. Aber niemand hat dagegen gehalten, auch ich nicht. Die Oberschenkel fühlten sich noch bis Donnerstagmorgen an wie feste Schienen, erst die Wanderung mit Uwe Herrmann zum „Refugio Belle Lachat“ lockerten sie auf. Aber die Knie und die Kniescheiben wackelten wie Pudding herum. Und richtige Lust zu starten hatte ich eigentlich auch nicht.
Eher war es die Überlegung, nichts mit mir anfangen zu können, wenn alle beim CCC oder UTMB laufen und ich ziemlich alleine im „Deutschen Haus“ herum lungere. Und wieder nur surfen? Facebook, bis die Fingerkuppen qualmen? Nein, dachte ich, dann doch lieber laufen gehen!
UTMB
Die Organisatoren hatten mir mit ihrer Mail am Donnerstagnachmittag die letzten Sorgen genommen, nicht starten zu dürfen. „Wer sich noch nicht eingeschrieben hat, der möge es morgen früh ab 9.00 Uhr bitte tun!“ Also tat ich es.
Es war leichter als befürchtet. Niemand fragte mich wegen des Starts beim PTL, wie auch, bei 2.300 Startern? Aber wenn man die Einschreibeprozedur des PTL hinter sich gebracht hat, dann stellt man fest, das die gleiche Prozedur beim UTMB ein Vielfaches an Zeit benötigt. Alles wird detailliert kontrolliert. Und Du läufst von Pontius nach Pilatus, um erst einen Schein zu erhalten mit Deinen Daten, dann die Materialkontrolle über Dich ergehen zu lassen, das Bändchen für das Handgelenk zu erhalten, das Plastikfähnchen an den Rucksack zu bekommen, die Startnummer und das Starterpack zu erhalten, das Starter-T-Shirt ausgehändigt zu bekommen und noch das nette Sackerl des UTMB für Deine Abfälle abzugreifen, das dann an Deinen Rucksack montiert werden soll.
Mir hätte die Startnummer und das strahlend blaue Starter-T-Shirt schon genügt. Aber das Shirt war schon sehr, sehr wichtig.
Nach den guten Jahren 2009 und 2010 gab es ja manche Geschmacksverirrung im Starter-T-Shirt Design, 2013 aber ist das Shirt wieder ein Traum. Gut, dass ich zwei Mal gestartet bin. Zwei Starts – zwei Shirts, so gehört sich das!

Der 4er Club der UTMB-Starter des „Deutschen Hauses“ setzte sich schon um 14.30 Uhr Richtung Startlinie in Bewegung. Na ja, eigentlich war es gar kein 4er Club, eher ein 2x2er Club. Zwei Rennhasen, Axel, der am Ende eine unglaubliche Zeit abliefern sollte und Gerald auf der einen Seite und zwei Rennschnecken, Marius, der sich selbst wegen seiner Knieprobleme nur eine 50%-Chance gegeben hatte, das Ding zu finishen und ich auf der anderen Seite.
Und wir warteten geduldig vor dem Start auf dem Boden sitzend. Selbst hier wurden manche noch stichprobenartig auf die Vollständigkeit der Pflichtausrüstung kontrolliert. Na ja, alles, was ablenkt, ist gut und hilft, dass die Zeit schneller vorbei geht.
Aber das zog sich hin und erst vielleicht 15 Minuten vor dem Start, alles stand natürlich schon wieder, begann das Kribbeln im Bauch, die Nervosität und der Wille, dieses Ding auch ein zweites Mal zu finishen.

Ich hasse eigentlich die zweiten Läufe.
Bei der TorTOUR de Ruhr hatte ich 2010 die 230 K finishen können, trotz großer Hitze und immenser Schmerzen. 2012 hat wieder etwas weh getan und dann war nach 100 Kilometern Schluss für mich. Nein, Jens Vieler, das passiert mir nicht noch einmal! 2014 musst Du mich wieder im Ziel bei der berühmten Stele empfangen.
Beim KoBoLT konnte ich in der ersten Edition bei klirrender Kälte finishen, ein Jahr später hatte ich schon nach 35 Kilometern mehr Lust, mit Günther Brun Bahn zu fahren und zu quatschen.
Wahrscheinlich ist es das: beim ersten Mal bist Du bis in die Haarspitzen motiviert und Du willst Dir beweisen, dass Du es kannst. Beim zweiten Mal weißt Du, dass Du es kannst. Die Frage ist nur, ob Du es wirklich noch einmal willst.
KarteAber den UTMB wollte ich wirklich noch einmal. Spätestens als „die Musik“ spielte, als sich die 2.300 Läufer in Bewegung setzten und Du gefeiert wurdest wie ein Star. Der Start beim PTL war schon „Emotion pur“, der Start beim UTMB 2013 war einfach unbeschreiblich. Ich würde mich immer wieder dort anmelden, nur, um diesen Start erleben zu dürfen. So viel Gefühl, so viel Begeisterung!
Mit einem Mal sind alle Gedanken an das, was zu Hause an Problemen auf Dich wartet, weg geblasen und Du bist beseelt von dem Wunsch, die Vorschusslorbeeren, die diese Menschen Dir auf den ersten zwei Kilometern gegeben haben, auch wirklich zu verdienen.
Ich hätte den Menschen in Chamonix nicht mehr in die Augen sehen können, wenn ich dieses Rennen ohne triftigen Grund nicht gefinished hätte. Zudem kam dazu, dass schon die ersten Finisher des TDS im Ziel waren. Und die hatten die Weste!
Die Weste des UTMB ist ja eines der am besten gehüteten Geheimnisse dieser Welt. Selbst die Nachfrage bei der NSA hilft da kaum weiter. Aber spätestens, wenn der erste Finisher des TDS im Ziel ist, ist das Geheimnis gelüftet. Und dieses Jahr war das Geheimnis rot! Strahlend rot!
Die Weste passt so schön zum strahlend blauen Starter-T-Shirt! Es ist einfach wunderbar.

Ich begann locker trabend, aber etwas zügiger als 2009. Aber ich hatte immer eine kleine Bremse im Kopf. So viele machen sich schon auf dem Weg nach Les Houches kaputt. Aber was kannst Du auf den ersten 7,6 Kilometern denn gewinnen? Vielleicht 10 Minuten. Aber was kannst Du hinten heraus verlieren?
Das gilt auch für den ersten Abstieg. Abstieg ist da eigentlich nicht der richtige Ausdruck, Abfahrt trifft es besser. Es ist eine ordentlich steile Skipiste, die ich im Winter wohl kaum ohne Päuschen durchfahren würde. Aber bergab laufen scheint ja so einfach zu sein. Und viele, so viele, sind ohne Rücksicht auf Knie, Oberschenkel oder sonstige Verluste da runter gespurtet, als gäbe es kein morgen mehr, keine weiteren vielleicht 150 Kilometer!

Ansonsten gibt es wenig zu schreiben über diesen Lauf bei mir. Das rauf und runter schien weniger als 2009 zu sein, vielleicht weil 9.600 Höhenmeter heute nicht mehr so gewaltig klingen wie damals, vielleicht auch, weil nach den Erlebnissen des PTL die „Bergautobahn“ des UTMB mehr dem Auslaufen als dem Anstrengen zu dienen schien.
Und alles war gut – bis kurz vor Courmayeur.

Ich war ja auch bestens vorbereitet. Als ordentlicher Trail-Maniak hatte ich auf neue Stöcke gesetzt, auf die leichtesten, die es zurzeit gibt, auf die FIZAN-Stöcke. Sie kamen gerade noch rechtzeitig vor meiner Abreise nach Chamonix, schade, dass ich sie heute nicht mehr habe. Aber dazu später.
Und ich habe mich ja dem Fanclub der CLIF BARS angeschlossen, das schrieb ich ja hier an dieser Stelle nach dem Pitztal Gletscher Marathon schon. Und weil ich ja ursprünglich vorhatte, vor dem UTMB erst ein paar Bergtrainingstage einzulegen, habe ich von den fünf leckeren Sorten jeweils vier CLIF BAR Riegel mit nach Chamonix gebracht.
Und zuletzt hatte ich vor allem für die zweite UTMB-Nacht bei unser aller „Dealer“, dem großartigen Rolli von WAT LÄUFT, einige Ampullen des Wachhalters Activator aus dem Hause Sponser bestellt. Da ist so ziemlich alles drin, was mit -in aufhört: Koffein, Taurin, … auch eine gute Wahl, die ich schon in den beiden Nächten des PTL getestet hatte.

Aber auch FIZAN-Stöcke haben so ihre Grenzen. Kurz vor Courmayeur auf dem schmalen Waldweg runterwärts, gar nicht an einer extrem steilen Stelle, sondern eher in einer gemäßigten, die Gedanken schweiften ab, ich fragte mich, ob Eric Tuerlings vielleicht dort zu Besuch wäre, da fädelte ich an einer Wurzel ein, stolperte und konnte mich nicht mehr fangen. Ich sah einen großen Baum auf mich zukommen und drehte ab, den Abhang hinunter. Dort fiel ich dann auf den Rücken, zum Glück durch den Rucksack abgefedert. Und da lag dann ein abgesägter Baumstamm. Es ging alles so schnell und instinktiv. Ich stoppte mit dem linken Fuß an dem Baum, schüttelte mich, zählte meine Extremitäten, alle waren noch da. Nur einer der Stöcke fehlte. Nach knapp der halben Strecke und als passionierter Stöckeschieber musste ich auf einen Stock verzichten. Mehr noch als die Wunde am Rücken, die ich in Courmayeur versorgen ließ, schockierte mich diese Situation und der Verlust enorm und bremste mich auf Stunden ein.
Du glaubst gar nicht, wie vielen Läufern ich danach erklären musste, warum ich nur einen Stock dabei hatte!
ProfilAus Courmayeur heraus lief ich auf Gabi Kenkenberg auf und wir beide beschlossen, lange Zeit zusammen zu laufen. Für Gabi, die auf ebenen Strecken sämtliche Rekorde dieser Welt knacken kann, war es nach dem CCC im Vorjahr der erste wirklich lange Berglauf und ihr ging es sichtlich schlecht. Mir auch, aber eher wegen des Sturzes. Mittlerweile wurde ich beim Kopf drehen immer wieder an den Sturz erinnert, der Nacken tat weh, der Rücken schmerzte und ein Stock war weg.
Und Gabi und ich trabten und trotteten die Berge rauf und runter.
Am einem sonnenbeschienenen Berg ohne Büsche und Bäume, dafür mit hohen Temperaturen, großer Müdigkeit und sinkender Motivation, ich glaube, es war der Grand Col Ferret, mit 2.537 Metern höchster Punkt des UTMB, konnte und wollte ich Gabi nicht mehr halten. Ich musste ein paar Minuten ruhen, mich die Wege hinauf quälen und ich hatte das Gefühl, dass mich in dieser Phase Hunderte anderer Läufer überholten. Aber dann war ich auch dort oben und – alleine.

Immer, wenn es rauf ging, kannst Du Dir sicher sein, dass es auch wieder runter geht. Und dann auch wieder rauf. Verpflegungspunkte gibt es zu Hauf beim UTMB, Höhenmeter auch. Und irgendwann kam der Berg, an den ich mich nur mit Grausen erinnern kann. 2009 war der Bovine richtig schwer und steil, enorme Steinstufen waren zu überwinden. Nach einem Regenjahr schrieb Rainer Wachsmann über diesen Berg einmal, er sei „Körperverletzung“. Und dieser Berg kam. Ich habe mir vorher noch in einem Vorsorgungszelt die sich anbahnenden Blasen am linken Fuß versorgen lassen, dabei hatte ich auch den anderen Stock versehentlich stehen lassen. Jetzt war ich also komplett auf mich alleine gestellt. Und das vor dem Bovine.
Die Organisatoren hatten ja schon geschrieben, dass es den Versorgungspunkt auf dem Bovine nicht mehr geben würde, man solle sich essensmäßig und von den Getränken her doch darauf einstellen. Aber direkt vor dem Berg standen drei vielleicht 8-jährige Mädchen, die Spaß daran hatten, die Läufer mit Wasser zu versorgen. Ein kleines Wunder, eines von zweien, das diesen Berg zu meinem Freund werden ließ.
Und als ich die ersten Meter nach oben gelaufen war und den Berg als wesentlich unproblematischer erlebt hatte, kam Engel Gabi Kenkenberg mit einem japanischen Läufer von oben. Sie hatte ein schmerzverzerrtes Gesicht und erzählte mir, dass der Rumpfbeuger nicht mehr mitspielen würde. Sie müsste hier und jetzt aussteigen.
Und sie fragte mich, ob ich mir ihre Stöcke ausleihen wollte! Das zweite Wunder des Bovine. Aber klar doch, nur mal her damit.
Bis dahin dachte ich immer, dass Engel weiße Flügel haben, es gibt sie aber auch in einer Läufer-Edition.

UTMBNun, wieder mit Stöcken, war der Bovine ein eigentlich einfacher Berg. Aber ich schickte bei den nächsten beiden Abstiegen ein Stoßgebet nach oben. Abstiege ist dabei eigentlich nicht das richtige Wort für die Strecken runter nach Trient und nach Vallorcine, die Dinger sind so steil und so wenig griffig, dass Du wirklich froh bist, dass Du Stöcke hast und irgendwann tatsächlich unten bist. Welcher Landschaftsarchitekt sich bei der Planung und dem Bau dieser Berge eine solch üble Passage ausgedacht hat?

Trotzdem war ich dann froh, in Vallorcine zu sein. Seit dem Aufstieg zum Catogne war ich auch nicht mehr alleine gewesen. Jörg, ein Schweizer, kam mir auf dem Weg nach oben entgegen. „Was machst Du denn?“ fragte ich ihn. Und er antwortete vergeistigt, dass er müde wäre, aufhören würde und in Trient schlafen würde. Ich redete auf ihn ein wie auf ein unartiges Kind. „Nein,“ sagte ich, „das machst Du nicht. Du gehst jetzt mit mir auf den Berg, dann wieder runter und schläfst in Vallorcine. Du hast mehr als genug Zeit für das Laufen und das Schlafen.“ Jörg folgte artig. Oben dann, auf dem Berg, war ich froh um ihn, weil ich so müde wurde, mich immer wieder auf die Stöcke stützen musste und in Trance irgendwelchen Blödsinn erzählte. Mehr lallen als ich dort kann auch kein halbwegs ambitionierter Alkoholiker.
Später dann, in Vallorcine, war Jörg dann nicht mehr müde. Schlafen wollte er nicht mehr, also sollte es gleich weiter gehen. Aber Schweizer sind ja eher gemütlich. Bis wir uns wieder weiter bewegt hatten, das dauerte. Und ich hatte mir ausgerechnet, dass wir mein eigentliches und erstes Ziel, die Strecke unter 40 Stunden zu bewältigen, erreichen konnten. Aber Jörg war langsam. Für einen, der in 24h 230 Kilometer laufen kann, der den Halbmarathon in unter 1:30 Stunden ablaufen kann, war er doch sehr, sehr langsam. Ich blieb das flache Stück bis zum Col des Montets bei ihm und dann wurde es wirklich steil. Die üblen Steinstufen waren an diesem Berg, nicht da, wohin meine Erinnerungen sie gepackt hatten.

Aber Dank des Geschenks des absteigenden Engels war ich schnell und ich nahm keine Rücksicht mehr auf den immer langsamer werdenden Schweizer. Ich wollte sicher gehen, unter 40 Stunden einzulaufen, da durfte ich kein Risiko mehr eingehen. Rauf auf den Tete aux Vents, immer in Gedanken an das Jahr 2009, wo ich diese Strecke im Sonnenschein mit Lars Schläger hochgestiefelt bin. Ich wusste noch, dass Du da immer denkst, gleich oben zu sein. Und wenn Du dann scheinbar oben warst, dann ging es noch weiter und noch weiter …
Oben überholte ich noch eine Gruppe Läufer und dann begann ich diesen Berg zu hassen. Eine Steinwüste, nichts war mit Laufen oder Tempo machen, es ging Ewigkeiten von großem Stein zu großem Stein und die Zeit verrann. Noch eine Kontollstelle, noch ein Versorgungspunkt, noch zwei kleinere Anstiege. Und dann ging es abwärts.
Meine Füße, mittlerweile von drei Rot-Kreuz-Leuten begutachtet, waren voller Blasen und schmerzten wie noch nie. Tausend Gründe, langsam zu machen. Aber ich hatte kaum mehr als 38 Stunden auf der Uhr und es waren vielleicht noch 9 Kilometer abwärts, vielleicht noch 10 Kilometer. Vielleicht geht da noch was, die 39 Stunden-Marke schien erreichbar.
Blasen hin, Schmerzen her, der letzte Abstieg darf schmerzen!
Wenn Du drin bist, dann gibt es keinen Berg mehr, Du brauchst keine Reserven mehr. Und so lief ich Trail. Wie ein Trail-Maniak so schnell, wie ich Trails eigentlich nie laufe. Und ich überholte einen Läufer nach dem anderen. Da waren zügige Läufer dabei und Läufer, die sich kaum mehr bewegen konnten. Und vor mir war ein guter Trail-Läufer. Er machte die Geschwindigkeit, ich folgte auf Abstand.
Es war die vielleicht schönste Dreiviertel Stunde meines Lebens. Wir rasten gemeinsam den Wald-Trail hinab, passierten alle und jeden, Läufer, die ehrfürchtig zur Seite gingen, als sie uns anfliegen hörten. Und dann kam der letzte Abschnitt vor Chamonix, die breite Waldautobahn.
Der Trail-Läufer vor mir, ein Franzose, war mir auf der Autobahn vollkommen unterlegen. Ich zündete den Turbo, genau an der Stelle, wo ich 2009 nur noch tippeln konnte und ich rannte und rannte und rannte. Ich ließ ihn einfach stehen, überholte einen weiteren Läufer, der es mir sehr schwer machte und dann kam die Straße.
Und die Staße in Chamonix ist lang.
Ich hatte mittlerweile Zeiten von 4:30 Minuten pro Kilometer, aber ich wusste nicht, wie weit es noch war. Und da kam dann der erste Bogen.
Unmittelbar ein paar Meter vor dem Bogen überholte ich noch einen Italiener und ich sah den Zeitnahmebalken unter dem Bogen. Und ich bekam ein schlechtes Gewissen.
Überholen nach 168 Kilometern fünf Meter vor dem Bogen gehört sich nicht. Also stehen bleiben, die Hand des Italieners greifen und gemeinsam durch das Tor laufen.
Trail-Maniak_LogoAber er korrigierte mich und sagte, dass das erst der Vorbogen wäre. Noch ein weiterer Kilometer! Und er schickte mich los und ich gab wieder Gas. Rechts an der Strecke stand Julia, unser Trailschnittchen und feuerte mich an. Und ich rannte und rannte und rannte wie noch nie nach 100 Meilen. Als die 39 Stunden um waren war ich gerade beim Hotel Alpina und es ging nach rechts ein paar Meter bergauf.
Die Luft war jetzt leider ein wenig raus, also ein paar Meter gehen und verschnaufen. Und dann wieder gebremst Fahrt aufnehmen. Die Fußgängerzone entlang, nach rechts Richtung Start-/Zielbogen und dann nach 39:03 Stunden richtig glücklich rein.

Es hat gar nicht weh getan, das mit den drei Minuten. Ich freute mich, fühlte mich wie im „7. Himmel“, ich wollte endlich meine strahlend rote Weste haben und ich wartete noch ein Weilchen auf andere Läufer.
Ich war tatsächlich richtig glücklich. Die Füße schmerzten zwar sehr, aber der Verstand war so klar und rein wie der Morgen. Trailschnittchen kam, wir warteten noch auf den Einlauf von Marius aus dem „Deutschen Haus“ und dann gingen wir gemeinsam nach Hause.
Erst duschen, dann frühstücken.
Tränen rollten auf dem letzten Weg zum „Deutschen Haus“ mal wieder über meine Wangen, aber es war einer der schönsten Momente meines Lebens.
Nach dem Abbruch beim PTL hatte ich mir doch noch eine Weste erlaufen können. Und nur für diese Weste laufen wir ja.
Ich glaube, ich ziehe sie nie wieder aus …

UTMB Abschlussfoto  3

(klicken zum Vergrößern …)

Was für eine geile Strecke …

Nach den 400 Kilometern des „Thames Ring Race“ vom letzten Wochenende war ich noch nicht richtig regeneriert, zudem bekam ich am Dienstagabend zuerst leichte Kopfschmerzen, dann Bauchschmerzen, Fieber und einen Darminfekt, der mich bis Freitagfrüh im Griff hatte.
Lauter gute Gründe, an diesem Wochenende nicht allzu viel zu tun.
Trail-ManiakWas machst Du aber, wenn an diesem Wochenende der TRAIL-MANIAK Pitztal Gletscher Ultra stattfindet und Du dort für die 95 K Distanz gemeldet bist?
Ich habe über diese Frage lange gegrübelt und viele Meinungen eingeholt.
Gar nicht laufen und einfach die schöne Landschaft genießen?
Das ist auch keine Alternative, weil  ich mich gut genug kenne, dass ich dann nur die Zeit vertrödeln würde.
Den 13 K Einsteiger Trail-Lauf mitmachen?
Mit solchen Distanzen fange ich wirklich nicht an, schon gar nicht, wenn die Veranstaltung immerhin 9 Autostunden von mir zu Hause entfernt ist.
Doch den 95 K Trail machen?
Spät ins Bett kommen, sehr früh raus, auch noch die Nacht zum Sonntag durchlaufen und das in meinem Zustand? Nee, an diesem Wochenende wollte ich das nicht auf mich nehmen, obwohl ich immer ein kleines Problem damit habe, wenn ich eine Strecke laufe, die kürzer ist als die Hauptstrecke des Events.
Also den 42 K Bergmarathon laufen.
Das heißt schlafen bis nach 7 Uhr am Morgen, ordentlich frühstücken, ein zweites und finales Racebriefing um 9 Uhr und ein Start um 10 Uhr.

Die Maximalzeit betrug laut Ausschreibung 9 Stunden, weil Mario Schönherr und Michi Raab gut drauf waren, gab es vom Anfang an eine Stunde „gratis“ oben drauf. Wie lange braucht man für solch einen Lauf?
Beim Gondo-Event hatte ich 6.15 Stunden und 6.45 Stunden gehabt und kam mir extrem langsam vor. Wie sehr ich in diesem Punkt irrte!
Direkt nachdem ich mich für das „Downgrading“ vom 95 K auf den 42 K entschieden hatte, klingelte mich Didi Beiderbeck mit der Frage an, ob ich ihn dort guiden könnte. Kann ich, sagte ich gerne. Ich weiß, dass Didi zuvor eine ellenlange Telefonliste abtelefoniert hatte, wo auch zumindest mit Birte Döring eine Läuferin dabei war, die Didi überhaupt nicht kannte.
Wie sagte doch John Wayne im Film „The Fighting Seabees“: „It’s a dirty job, but somebody has to do it.“
Didi und ich trafen uns kurz vor dem Start im Läuferzelt, bastelten das Seil um unsere Hüften und gingen nach dem Startschuss gemächlich los.

Nicht gemächlich los aber ging der Trail. Gleich auf den ersten 3 Kilometern waren 600 Höhenmeter zu bewältigen, das aber war noch ein relativ leichtes Unterfangen, weil sich vor uns oft ein Stau bildete und wir dadurch immer wieder eingebremst wurden. Eigentlich blieb Dir auch nichts anderes übrig, als das Tempo Deiner Vor-Läufer mitzugehen, nicht schneller, nicht langsamer. Und dann kommt nach der Seilbahn-Mittelstation irgendwann auch die Bergstation und damit Wasser, Isodrink, Red Bull in verschiedenen Variationen und etwas, was ich bisher nicht kannte. CLIF heißt ein Riegel, der für mich einfach perfekt ist. Er schmeckt richtig gut, ist weder hart und trocken noch weich und klebrig, sondern er hat eine Konsistenz, die sehr angenehm ist. Diese Riegel haben das Zeug, meine Lieblingssnacks auf den Bergen zu werden, eine echte Entdeckung!
(Hinweis: CLIF Bars bei http://www.bergfreunde.de)
Blueberry_CrispCrunchy_Peanut_ButterBei dieser ersten, wirklich sehr frühen, Labestation habe ich auch endlich einmal den Laufspass.de-Betreiber Thomas Schmidtkonz persönlich kennen gelernt. Am Abend sollte ich auch noch Jörg Kornfeld kennenlernen, beides Läuferkollegen, von denen man viel auf Facebook liest, mit denen man aber bis dato noch nie direkt kommuniziert hat. Auch zwei kleine Gewinne für mich.
Wir wussten, dass die nächste Labestation sehr weit weg sein würde, also gönnten wir uns ein paar Minuten Ruhe in der Sonne der Berge und stritten und danach mit Thomas und einer weiteren Läuferin um die „rote Laterne“.
Rechts herum um den Rifflsee und dann begann eine lange und sehr trailige Passage, die uns ständig schräg nach oben und weit weg von der Rifflsee-Bergbahn führte. Und wo Trail draufstand war auch Trail drin. Echter Trail. Da waren Klettersteigpassagen verpackt, wo Du Dir mich Eisen-Fixseilen helfen musstest, da gab es in den Stein eingelassene Metalltritte, kurz, es war ein Stück Welt, wie es kaum schöner sein konnte.

Chocolate_Almond_FudgeChocolate_Chip

Und Didi und ich waren langsam. Sehr langsam.
Um die um eine Stunde verlängerte Zeitvorgabe zu erfüllen, darfst Du im Schnitt nicht mehr Zeit brauchen als 14 Minuten, Pausen inklusive. Und wir waren nach einem Viertel der Strecke schon kumuliert bei über 18 Minuten. Da begann ich darüber nachzudenken, dass wir eventuell keine Finisher werden könnten. Und da begann ich auch, zu treiben, zu ziehen und einen Schlag schneller zu laufen. Es endete aber immer damit, dass wir eben frisch gewonnenen Raum durch ein Atem-Päuschen schon wieder verloren.
Nach 13.8 Kilometern kamen Didi und ich dann überein, dass das wohl nichts ist an diesem Tage in dieser Situation an diesem Berg und ich bat den direkt vor uns laufenden Detlef, Didi zu übernehmen.
Und ich hatte noch fast 30 Kilometer Zeit, ein wenig Luft zwischen die rote Laterne und mich zu bringen. Lange war da aber niemand. Aber dann traf ich die ersten Läuferinnen und Läufer, später überholte ich dann Grace Sacher und ich überholte und überholte und muss mich wohl für die vor mir Laufenden wie eine Lokomotive angehört haben, die laut schnaubend und donnernd durch das Gebirge fuhr. Meistens ließ man mich sofort passieren.
Und weil jeder Loop auch einen Wendepunkt hat, ging es irgendwann zurück, ein steiles Sandstück herunter, nicht aber, ohne zuvor einen Panoramablick zu bieten, wie Du ihn nur sehr selten hast. Dieser Ausblick, gepaart mit echtem Kaiserwetter, wäre schon allein die Mühe Wert gewesen, dorthin zu laufen.

Nach der zweiten Labestation, wieder mit CLIF Bars, Red Bull, viel Wasser und etwas Iso, ging es daran, aus meiner kumulierten Zeit, die ich auf 15 Minuten 30 Sekunden gedrückt hatte, eine gute Zeit zu machen. Da kam der lange und flach abfallende Forstweg bis nach Mandalfen gerade recht. Unter fünf Minuten pro Kilometer lief ich die vielen Kilometerchen ins Tal und drückte die kumulierte Zeit auf 12 Minuten und 14 Sekunden, immerhin.
Das Ziel war auch die Durchgangsstation für die Zwischenzeit-Messung und auch die dritte Labestation, gekrönt mir schon trinkfertig eingeschenkten Bierbechern mit alkoholfreiem Erdinger Weißbier. So ein Becher musste natürlich rein, kühl, köstlich, aufbauend.
Es ging noch zwei weitere Kilometer leicht abwärts, ich trabte gemeinsam mit Karin Walder und ich dachte, dass ich für die noch anstehenden 15 Kilometer vielleicht noch 3.30 Stunden oder 3.45 Stunden benötigen würde, nachdem die ersten 27 Kilometer mit 4:50 Stunden trotz des langsamen Starts so gut gelaufen sind. Das aber war eine klassische Fehleinschätzung.
Gut, es waren, als es nach links in den Berg ging, ziemlich genau 1.000 Höhenmeter, die zu bewältigen waren. Und weil das Pitztal kein Tal wie andere ist, sondern eher ein in Länge und Breite geschrumpftes Tal, ist da alles steiler rauf und runter als anderswo.

Beim Aufstieg sammelte ich Läufer ein wie selten und ich fühlte mich gut. Dank des Thames Ring und dank der Darmerkrankungen vor und nach diesem Event hatte ich am vergangenen Freitag das niedrigste Gewicht auf die Waage gebracht, das ich seit meiner Jugend hatte. Und das hilft sehr beim Aufstieg. Trotzdem war ich am Ende froh, dass es vorbei war. Gerade die letzten dreihundert Höhenmeter in der Sonne waren extrem steil. Meine kumulierte Zeit sank trotz der 1.000 Höhenmeter auch nur auf 13 Minuten und 49 Sekunden je Kilometer ab.
Und von nun an geht es ja „nur noch runter“.

Dieser Downhill aber war der härteste Downhill, den ich je erlebt habe. Nicht einmal die schwierigen Passagen des PTL oder des TdG hätten da mithalten können. Steinig und wirklich supersteil am Anfang, dann kamen längere Passagen über Schneefelder, insgesamt sicher ein Kilometer lang. Da war das Rutschen auf dem Hintern oft noch die beste Idee, ansonsten musst Du Deine Hacken fest in den Schnee drücken und mutig viel Körpergewicht drauf geben. Feigheit wird sofort bestraft, insgesamt drei Mal durfte ich den Boden küssen.
Noch schwerer als diese Downhillpassage auf dem Schneefeld war aber eine Schneefeld Querung an einem recht steilen Stück. Jeden Fuß bewusst und kontrolliert aufsetzen, langsam sein, denn wenn Du da ausrutschst, dann findest Du Dich am unteren Ende des Schneefelds wieder.
Meine kumulierte Zeit erhöhte sich permanent.
Mann, dachte ich, Du bist nicht einmal in der Lage, im Downhill eine kumulierte Zeit von 13:49 nach unten zu korrigieren? Wo bist Du hier?

Irgendwann war der Schnee weg und das nasse Gras begann. Die Latschenkiefern begannen. Und unter denen mussten wir durch. Jeder Läufer über 120 Zentimeter Körpergröße hatte damit seine Probleme und viele Läufer haben am Ende eine Blessur auf der Stirn gehabt. Du schaust nach unten, weil es steil ist und matschig, steinig und nass. Du schaust aber auch nach oben, weil immer wieder die Latschenkiefern Brücken gebaut haben. Und so ging es rund 1.300 Höhenmeter bis hinunter ins Tal. Endlos.
Im Tal angekommen hatte ich eine kumulierte Zeit von 14 Minuten und 45 Sekunden erreicht. Mit einem einfachen Dreisatz wäre jetzt auszurechnen, wie lange ich effektiv für jeden Downhill-Kilometer gebraucht habe. Ich kann es nicht mehr, ich will es auch gar nicht wissen, es ist einfach zu traurig.

Unten im Tal ging es dann erst einmal rund 300 Meter lang nach links zur letzten Labestation beim Kilometer 36. In dieser Phase kam mir Stefanie Lieb entgegen, die beim 95 K Ultra an dieser Station aufhören musste, weil sie die Cut-Off Zeit überschritten hatte. Steffi die Schnelle hat den Cut-Off nicht erreicht!
Beim 95 K Ultra haben insgesamt sowieso nur 10 Teilnehmer die gesamte Strecke bewältigen können, die anderen wollten oder mussten vorzeitig unter die Dusche. Es soll wirklich niemand sagen, dass das im Pitztal kein Trail war oder das das einfach war!

9 Stunden und einige Minuten waren nun vergangen, die ursprüngliche Maximalzeit für den Marathon war abgelaufen, aber noch hatte ich ausreichend Zeit, das Ding innerhalb der „Bonus-Stunde“ fertig zu rocken. Noch 6 Kilometer Forstweg, permanent um insgesamt 300 Höhenmeter ansteigend. Ich entschied mich für eine Mischung aus Laufen und schnellem Gehen, ich holte Steffi ein, übholte noch drei oder vier andere Teilnehmer, aber auf halber Strecke ist dann doch das Entsetzliche geschehen: ich wurde überholt!
Seit der Trennung von Didi gab es nur Ranking-Verbesserungen und nun das!
Ich heftete mich an die Fersen des Delinquenten und schob ihn vor mir her. Er zog mich hinter sich her und ich kam nicht wieder ran, er kam nicht wirklich weg. Und so rannten wir am Ende immer schneller bis ins Ziel.

Ein langer roter Teppich, das riesige Red Bull – Tor, eine jubelnde Menge, etliche Hände, die ich abklatschen durfte, es war himmlisch. Und es war ein verdienter Lohn für insgesamt 9 Stunden und 45 Minuten „hardloop“, wie die Niederländer sagen.
Eine Veranstaltung war nun fast vorbei, die ihresgleichen sucht. Hochprofessionell organisiert, beste Wetterbedingungen, super trailige Laufstrecken, die mich bis an die Grenze forderten. Die anfängliche Sorge, ich könnte nach dem Marathon noch nicht ausgelastet sein, war unnötig. Es war genau das, was ich am Samstag brauchte. Und glücklicherweise auch nicht mehr.
Aber allem voran war es vor allem eines:

WAS FÜR EINE GEILE STRECKE WAR DENN DAS DA IM PITZTAL!
Tor