Alle Jahre wieder kommt …

Anfang September 2008, genau eine Woche vor dem TransAlpineRun 2008, Ende September 2009, am Dienstag vor der Deutschen Meisterschaft im 100 Kilometer Straßenlauf in Bad Neuenahr am darauf folgenden Samstag und Ende Oktober 2010, also gestern …
alle Jahre wieder kommen die Schmerzen wieder. Und nicht nur die.

Sie sind gepaart mit der Unfähigkeit, mich bewegen zu können, höllischen Schmerzen und auch der Chance, jedes Mal aufs Neue eine andere Krankenhaus-Notaufnahme von innen kennen lernen zu dürfen. Neue Ärztinnen, neue Pfleger, neue Schwestern, stundenlanges Warten und halbwegs lustige Späße im Warteraum, um die bleierne Zeit etwas zu verkürzen.

Bisher war es immer eine durch Kälte bewirkte Verhärtung der Muskelstränge im Rücken, die diese zur Kontraktion brachten und deren Verhärtung auf die nur wenige Millimeter entfernt liegenden Nervenstränge dückte. Durch den ersten Schmerz, der sich wie ein Stich in den Rücken äußert, gehst Du gebückt wie Methusalix in den einzelnen Asterix-Heften.

Gestern aber war es anders, irgendwie neu für mich. Und ich habe ein Gelenk kennen gelernt, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte: das Ilio-Sakral Gelenk. Dieses Gelenk, das wie ein Teil der Kirchentheologie klingt, eben irgendwie heilig, ist für den aufrechten Gang des Menschen verantwortlich.


Das Iliosakralgelenk bzw. Sakroiliakalgelenk oder Kreuzdarmbeingelenk ist die gelenkige Verbindung zwischen dem Kreuzbein und dem Darmbein.
Es handelt sich dabei um ein straffes, wenig bewegliches Gelenk mit einer engen Gelenkhöhle. Die beiden aneinanderstoßenden Gelenkflächen werden jeweils Facies auricularis genannt. Um diese Gelenkflächen stellt Faserknorpel die weitere Verbindung her. Aufgrund des (reibungsfrei gedachten) Gelenkspaltes können die Gelenkflächen des Iliosakralgelenks ausschließlich Normaldruckkräfte übertragen.
Die Bänder (Ligamentum sacrotuberale, sacrospinale, iliosacrale ventrale und iliosacrale dorsale) müssen alle weiteren Kräfte soweit kompensieren, dass die resultierende Kraft stets durch das momentane Bewegungszentrum des Gelenkes verläuft.

Wenn nun aber dieses heilige Gelenk verschoben ist, dann drückt es auf das umliegende Gewebe, dieses kontraktiert wieder und Du hast die ähnlichen Schmerzen wie bei den altbekannten Problemen, die ich schon kannte, einzig das Zentrum des Schmerzes hat einen anderen Sitz. Statt mittig im Rücken liegt es etwas nach links versetzt, vielleicht der Grund, dass ich die ersten Anzeichen für mein aktuelles Problem nicht schnell genug erkannt hatte.

Also war ich gestern wieder beim Tennis spielen, wo mich das Malheur in drei Schüben ereilt hat, erst ein ganz leichter Stich, dann ein etwas stärkerer Stich, verbunden mit einem Wegknicken der Beine.
Das Gute daran war, dass wir diesen letzten Punkt im vorletzten Spiel des zweiten Satzes dadurch gewinnen konnten, die Überraschung der beiden Gegner ob meines Wegknickens wohl zu groß war.

Mein folgendes Aufschlagspiel zum Satz- und Matchgewinn brachte ich dann auch noch durch, obwohl ich nicht mehr in der Lage war, feste Schläge anzubringen, aber nach dem Matchgewinn und dem entscheidenden letzten Stich war es Zeit für mich, aufzuhören und mit Schmerzen nach Hause zu fahren.

Dort habe ich mir sofort ein Wärmepflaster auf den Rücken geklebt, mich warm eingepackt und gehofft, dass ich damit schnell genug gehandelt hätte. Hatte ich allerdings nicht, denn als wir Besuch bekamen und ich geschlagene 10 Minuten gebraucht habe, um aus dem Bett aufzustehen, da wusste ich, dass ich wieder eine unfreiwillige Laufpause einlegen darf.

Ich quälte mich nach unten ins Wohnzimmer, um wenigstens ein bisschen mit den beiden über die Themen des Tages zu reden, aber nach etwa zwei oder drei Minuten am Tisch sitzend, drückte plützlich kalter Schweiß mit Vehemenz aus meinen Poren. Innerhalb von Sekunden rann mit der Schweiß über die Nase und tropfte auf den Tisch. So etwas hatte ich noch nie erlebt, so viel Angst um mich wie in diesem Moment hatte ich noch nie.
Ich wurde kreidebleich, sah Sternchen, der Kreislauf kippte weg und meine liebe Gabi rief den Notarzt.
Ich fühlte mich wie ein alter Mann, dem seine letzten Stündchen geschlagen hatten.

Aber genauso schnell, wie der Schweißschub kam, verschwand er auch wieder und als die beiden netten Notärzte kamen, war ich schon wieder bester Laune und mitten in meinen Erzählungen vom Kilimanjaro-Aufstieg. Was für eine Tragödie wäre es gewesen, wenn mich diese Verschiebung des heiligen Gelenks auf einem der beiden hoch gelegenen Camps der Machamé-Route ereilt hätte.
Ein Abstieg wäre nicht mehr möglich gewesen und die Helikopterflieger hätten sich eine kleine goldene Nase verdient. Und ich, ich hätte einen der schönsten Tage in meinem Leben, eben den Gipfeltag mit dem anschließenden Kraterbesuch, verpasst.

Wie geht es nun weiter für mich? Wenn ich noch dreißg Jahre zu leben habe, dann werde ich vielleicht noch dreißig Mal diese oder eine andere Krankenstation besuchen müssen. Ob sich mein Problem durch das Laufen verstärkt oder verkleinert weiß ich ebenso wenig wie die Antwort auf die Frage, ob ich von nun an im Leben mehr oder weniger Gas geben sollte.

Eine nicht glücklich machende Idee habe ich in den folgenden Sätzen bei meiner Recherche im Internet gefunden:

Eine Behandlung muss zuerst identifizieren, in welcher Position das
Gelenk steht. Das ist schwierig, da nur wenige Tests eine echte Aussage
liefern können, dann muss das Gelenk korrigiert werden und in der Korrekturstellung „trainiert“ werden.
Nur so haben die Bänder Zeit und die Möglichkeit, dem Gelenk auch wieder passive Stabilität zu geben.
In dieser Zeit sind auch solche Sachen wie joggen, springen, sitzen,
Treppensteigen, etc. zu vermeiden oder zu minimieren – sonst verschiebt
sich das Gelenk wieder von neuem.

Bei Frauen nach der Entbindung ist das ganz leicht zu machen: sie
bekommen einen Beckengurt, den sie für 6 Wochen tragen. Danach sind die Beschwerden in der Regel weg. Die Ursache liegt hier in einer durch die
Schwangerschaft „erlittenen“ vorübergehenden Bänderschwäche.

Männer aber sind so ein Fall für sich …

Für mich endete der gestrige Tag also in der Notaufnahme des Bonner Universitätskrankenhauses und da blieb ich bis weit nach Mitternacht. Eine Schmerz stillende Infusion, eine Spritze ins Gelenk, muskelspannungslösende Tabletten, Ibu 600 und etwas, damit der Magen nicht verrückt spielt, all das gab es für mich … und heute eben einen Bett-Tag.

Tja,, und ich frage mich, was der unbekannte Autor dieser Zeilen unter „minimieren“ versteht? Ist es schon Minimierung genug, wenn ich dieses Jahr nicht mehr die 100km-Marke überschreite oder ist die Grenze beim Marathon oder sogar nur dem 10K-Lauf zu suchen?

Ich werde es erfahren … und Du auch!

Ein wirklich extremer Lauf …

Wenn man seinen eigenen Nonstop-Längenrekord deutlich verbessert, dann sollte man glücklich und stolz sein. Ich aber bin vor allem dankbar. Nicht nur, weil diese zwei Lauftage ohne einige Menschen nicht möglich und nicht denkbar gewesen wären, sondern weil ich mir spätestens jetzt im Klaren bin, dass sich andere Menschen wirklich für mich interessieren und sich um mich sorgen.

Mein erster Dank geht natürlich an Jens Vieler, den Veranstalter der TorTOUR de Ruhr. Wenn man sieht, worum er sich schon im Vorfeld gekümmert hat, wie viele Briefing-Mails er vorab geschickt hat, wie er im Rahmen seiner Budgets versucht hat, es den Läufern möglichst angenehm zu machen, dann beschleicht Dich fast so etwas wie Demut. Und auch beim Lauf selbst war er omnipäsent, von Q wie Quelle bis Z wie Ziel gewissermaßen. Jens war an den Verpflegungsstellen, Jens war ständig telefonisch erreichbar und er war auch beim Zieleinlauf da.
Und Jens hat „seine“ Läufer auch gesucht. Nach der vorletzten offiziellen Verpflegungsstelle, die von Peter J. Hunold, ebenfalls einem erfahrenen und allseits geschätzten Ultra-Marathonläufer, betreut wurde, habe ich mich, warum auch immer (dazu später mehr), entschlossen, mir im Auto meiner Frau Gabi ein Schläfchen zu gönnen. Später rief dann Jens an, um sich zu erkundigen, wie es mir ginge, ob ich dabei sei und auch dabei bleiben würde.

Jens, selbst nicht nur ein geschätzter Ultra-Marathonläufer, sondern auch noch einer, der mit besonderen Resultaten und Platzierungen aufwarten kann, nimmt Dich gewissermaßen mental in die Arme, pudert Dich und pampered Dich. Nur noch laufen musst Du noch selbst.


Mein zweiter Dank geht mal wieder an meine Frau Gabi. Als Supporterin ist sie schon einigermaßen erfahren, 2009 war sie schon meine Batterie und Motivation bei der 24-h DLV Challenge in  Delmenhorst, aber vor allem den KÖLNPFAD hätte ich nicht ohne ihre Unterstützung bewältigen können. Ihr Support ist so herausragend, dass sie von meinen Mitläufern Hans-Peter Gieraths beim KÖLNPFAD genauso gelobt wurde wie dieses Mal von Hauke König, mit dem ich so lange gemeinsam gelaufen bin.
Ich danke ihr außerdem, weil sie nicht nur sah, dass es mir richtig schlecht ging, sondern sie versuchte auch, den Zustand zu verbessern. Sie zwang mich kurz nach dem oben erwähnten vorletzten Verpflegungspunkt zu einem Schläfchen in ihrem Auto, weil sie merkte, dass ich schon anfing zu lispeln, keine klaren Sätze mehr artikulieren konnte und wohl auch richtig schlecht aussah. Wenn man so umsorgt wird, dann weiß man, was Liebe ist.

Mein dritter Dank geht an die beiden Mitläufer Martin Raulff und eben an Hauke König, ohne die die TorTOUR noch mehr zur Tortour geworden wäre. Dass beide nicht finishen konnten, lag teilweise auch an mir und deshalb fühle ich mich ein wenig schuldig und ich schäme mich. Zumindest bei Hauke hätte ich darauf bestehen müssen, dass er sich von mir absetzt, aber sein Pflichtbewusstsein und sein „Helfersyndrom“ sind so stark ausgeprägt, dass er bei mir blieb. Schlussendlich hat ihm dann seine Archillessehne gesagt, dass er mich verlassen muss. Da war es aber schon zu spät.
Ich erinnere mich in solchen Situationen immer an das, was mein Laufpartner Heiko Bahnmüller vom TransAlpineRun 2008 zu mir gesagt hat: „Du hast keinen ersten Gang!“
Damit meint er, dass ich schnell gehen kann, sehr schnell sogar. Und ich kann auch laufen, aber ich kann nicht sehr langsam laufen.
Das wiederum führt dazu, dass ich, wenn mein Akku leer ist und ich auf das Gehen umstellen muss, meinen Mitläufern Schwieriges zumute. So schnell zu gehen wie ich gelingt nur den Wenigsten und das führt zu einer Mischung aus Gehen und Tippeln – sehr belastend für die Archillessehne. Ich hätte Hauke das sagen müssen.

(Klicken zum Vergrößern!)

Dankbar bin ich auch für die vielen schönen Momente, die ich bei der TorTOUR de Ruhr erleben durfte.

Einer davon war zum Beispiel, als Bernd Krayer mich überholte. Bernd ist nicht nur ein hervorragender Ultra-Marathonläufer, sondern auch noch der Motor des TuS Breitscheid e.V., einem Verein, dem ich bin heute zutiefst verbunden bin. Mit den Läufern dieses Vereins habe ich am 3. Oktober 2005 zum ersten Mal die Längenmarke „Marathon – 42.195 Meter“ überwunden. Und ohne den Einsatz von Robert Zeller, einem erfahrenen Trainer dort, hätte ich das auch nicht geschafft.
Er aber zeigte mir nach 45 km, dass man weiter kommt, wenn man die Geschwindigkeit reduziert. Und auch wieder regeneriert. Der Seniorenmeister im Langstreckenlauf, das war er zumindest in dieser Zeit, kümmerte sich liebevoll um mich und so konnten wir ab km 55, als ich wieder bei Kräften war, noch eine Läuferin einsammeln, die beim Ratinger Rundlauf die Kilometer von 30 bis 60 laufen wollte und nach 25 Kilometern vollkommen am Ende war.

Ich wusste gar nicht, dass Bernd meinen Laufweg beobachtet hatte und wurde mir dessen erst bewusst, als er mir eine Mail schrieb, dass er sich für den Bambini-Lauf der TorTOUR de Ruhr angemeldet hat und mit Freude sah, dass ich mich für die große, die ganze Strecke des Ruhr-Radwegs von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein entschlossen habe. Als Bernd mich dann überholte, hatte ich schon mindestens 150 Kilometer hinter mir und befand mich im totalen Tief.
Schade, denn sonst wäre die Begrüßung wesentlich herzlicher ausgefallen. Falls Du, Bernd, diese Zeilen also lesen solltest, dann sehe mir das nach und fühle Dich nachträglich gedrückt und geherzt.

Ein anderer dieser Momente war, als ich bei der Verpflegungstelle „130 km“ ankam. Dort begrüßte mich ganz herzlich mein lieber Lauffreund Rainer Wachsmann aus dem westfälischen Münster. Ihn hatte ich zuletzt beim Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon gesehen, den er in beeindruckender Weise finishte. Mit ihm hatte ich gar nicht gerechnet und er war auch nur da, um die Einführungsrunde für die 100 Meilen-Läufer zu laufen. Ein kleiner Lauf, aber ein TorTOURist ist er immerhin schon. Und auch sonst hat er fast alles gefinished, was auf der Agenda der meisten Ultra-Marathonläufer steht.

Für andere Momente sorgten die vielen Fahrradfahrer und Spaziergänger auf der TorTOUR-Strecke. Viele wussten, was wir hier trieben, manche aber stellten die immer gleichen Fragen: „Was ist das für ein Lauf? Wie weit lauft ihr?“
Wenn Du die letzte Frage mit: „230 Kilometer“ beantwortest, dann kommt ein entsetztes „Was?“ zurück und auch die besten Wünsche. Einer der vielen ungeplanten Zaungäste fragte mich so vieles. Er wollte alles wissen. Warum wir so etwas tun, wie wir leben und arbeiten, wie wir uns vorbereiten. Und er verriet mir, dass er selbst Marathons laufen würde. Weiter aber, so ergänzte er, hätte er sich noch nie getraut. Ein interessierter, wirklich netter Mann. Vielleicht bekommt er irgendwann auch den „Kick“ und er gönnt sich die Vorsilbe „Ultra“ vor dem Wort „Marathoni“?


Kurz vor dem Ende, vielleicht bei km 217, passierte ich zwei junge Männer, die, beide einheitlich mit einer Flasche Bier und einer Zigarette bewaffnet, sich lautstark unterhielten Der eine sagte zum anderen: „Ich bin kein schlechter Mensch! Ich bin kein schlechter Mensch, nur weil ich …“
Zu gerne hätte ich erfahren, was ihn vielleicht zum schlechten Menschen gemacht hätte, aber da war ich schon zu weit von den beiden entfernt.

Schon kurz danach gab es ein Problem. Der Ruhr-Radweg verlief durch ein Gebiet, auf dem eine riesige Pfingstfeier stattfand. Ich war irritiert und fragte zwei der Gäste, wie ich von hier (ich zeigte auf den Punkt auf der Karte) nach da (wieder zeigte ich auf die Karte) käme. Beide Gäste waren, wie eigentlich auch alle anderen auf diesem Fest, schon aus der Phase des Biertrinkens heraus. Mehr wäre wohl auch nicht mehr gegangen.
„Mann, was ist denn hier los? Alle wollen hier durch!“ Sein Kumpel antwortete daraufhin: „Na, das ist doch die Marathon-Scheiße.“
Und dann erklärte er mir den richtigen Weg.

Ohne diese schönen Momente, diese „Magic Moments“, wie Amerikaner sie nennen würden, hätte ich diesen Lauf wohl nicht gepackt.
So bleibt mir die Erinnerung an die vielen „Magic Moments“, an Lauffreunde, die mir sehr, sehr nahe stehen, an einen Lauf, bei dem ich mich zwar oft verirrt, aber nie verloren gefühlt habe. Mir bleiben intensive und ehrliche Gespräche vor allem mit Hauke König und mit Martin Raulff. Und mir bleibt das Bewusstsein, dass wir Läufer irgendwie alle zusammen gehören, zusammen hängen, dass die Welt zugleich riesengroß und auch so winzig klein ist.

Und wenn ich heute Beschwerden an den Füßen habe, dann sind sie geringer als bei anderen Großevents. Wenn ich nur schwer in die Senkrechte komme, dann immer noch leichter als nach anderen Events. Eines aber wird mir sicher in Erinnerung bleiben, aber darüber schreibe ich das nächste Mal.

Walpurgisnacht auf dem Blocksberg

Es sollte dunkel sein in der Nacht auf den Bergen. Nicht aber in dieser Nacht. Maifeuer brennen auf den Gipfeln, um der heiligen Walburga zu gedenken. Die Pestilenz soll sie weghalten von den Menschen, die Tollwut und den Husten.
Die Menschen tanzen in dieser Nacht in den Mai hinein, in der Nacht, die genau in der Mitte liegt zwischen der Frühlings-Tagundnachtgleiche und der Sonnenwende und die Hexen fliegen eifrig auf ihren Besen und reinigen dabei die Luft.
Der Brocken im Harz ist mit dem Hexenplatz und der benachbarten Rosstrappe das Zentrum dieses alten heidnischen Walpurgisnacht-Brauchtums.


Die beste Zeit also, um auf den Brocken zu laufen.
Steil ist sie, die durch Betonplatten panzerbefahrbar gemachte Strecke, die ohne Windungen direkt hinauf führt von der Eckertalsperre auf den mystischen Berg, den Brocken. Und sie ist ein Teil von gleich drei Lauf-Events, die dieses Teilstück im Nationalpark Harz nutzen, vor allem, weil der Läufer hier merkt, wie schwer ein Aufstieg sein kann.
Die Brocken-Challenge, der Brocken-Marathon und eben auch der Brocken-Ultra führen die Läufer jene rund 1.000 Höhenmeter nach oben, um dort Heinrich Heines „Die Harzreise“ zu genießen, im Schweiße des Angesichts, abgekämpft und müde. Dass Petra Rösler, Natascha Bischoff und ich am Sonntag diese Harzreise übertrieben wörtlich genommen haben, sei vorweg erwähnt.

Und die meisten, die einen der drei Events schon mal gelaufen sind, berichten von einem mystischen Brocken, der im Nebel oder in Wolken liegt und kein Einsehen hat, dass die Läufer auch mal bis ins Tal sehen wollen.
Das galt auch für unseren zweiten Tag, den Sonntag, der so nebelige Sichtverhältnisse bot, dass auch die gelbe Jacke unserer Vor-Läuferin uns nicht auf dem rechten Weg – oder genauer gesagt auf dem mittleren Weg – führen konnte.
Am ersten Tag aber, am Samstag, da war die Luft klar und rein. Die Sonne scheinte, der Blick war frei bis in die Täler. Hier hatten die Hexen mit ihrer Luftreinigung wirklich gute Arbeit geleistet.
Und der Brocken war voll mit Menschen, die die Frühlingssonne für einen kleinen Spaziergang nutzten. Freilich waren der überwiegende Teil der Brockenbesucher mit der Bimmelbahn oder einem Pferdefuhrwerk nach oben gekommen und so entgingen sie den Strapazen des Aufstiegs, vor allem, wenn Du von ganz unten, von Eckertal kommst.
Nur die 26 Läufer der Schar von Dieter Grabow gingen zu Fuß und das, nachdem wir bis Eckertal schon rund 50 Kilometer über flaches Land gelaufen waren, teilweise an der Oker entlang, durch Wälder, durch Dörfer oder einfach auf befestigten Wegen überland.

Ich wollte eigentlich langsam sein und mich endlich auch tempomäßig auf die TorTOUR de Ruhr einstellen, also wartete ich erst auf den vielgeprüften Hans Würl, lief zuerst mit ihm und so ließ ich Lars Schläger ziehen. Aber dann lief ich mit Frank Endriss voraus, nachdem er mir erzählt hatte, dass auch er Mitte Juni durch den Canyon du Verdon laufen will. Wir haben uns beim Reden von Hans Würl und Günter Meinhold abgesetzt, ohne das wirklich zu merken. Und dann war Frank plötzlich auch weg und ich lief für rund 30 Kilometer ganz alleine.
Nach Eckertal dann, als es steil wurde, lief ich plötzlich doch noch unerwarteterweise auf Lars auf und wir haben beide unseren schnellen Bergschritt gewählt, um möglichst schnell auf dem Brocken zu sein.

Ich bin mit Lars schon so oft gelaufen, zuerst den Trans Alpine Run 2008, zwei Mal den Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon, den Unter-Tage-Marathon in Sondershausen, den UTMB, den Lars und ich dann gleichzeitig abgeschlossen hatten, nachdem wir uns auf dem letzten Berg trafen, aber noch nie konnte ich so viel mit ihm reden wie auf dem Weg hinauf auf  den Berg, der als Grenzberg für Westler zwar immer präsent, aber eben gesperrt und unerreichbar war. Dieses Reden war richtig schön und ohne die gegenseitige Motivation wäre ich wohl nur etwas langsamer nach oben gekommen.
Und dann, als es rund 10 Kilometer lang auf der Asphalt-Straße runter bis nach Schierke ging, da sammelten wir auch noch Björn Gnoyke ein, dessen Wadenkrämpfe nun, mit uns laufend, weggezaubert waren. Ob hier auch noch die Hexen im Spiel waren?
Wir legten uns jedenfalls mächtig ins Zeug und wäre ich nicht am Ende die Spaßbremse gewesen, dann hätten wir das Tempo von teilweise deutlich unter 5 Minuten pro Kilometer auch noch auf den beiden letzten Kilometern eingehalten. Aber so reduzierte ich das Tempo ein wenig, weil längst klar war, dass wir unter der Marke von 8:30 Stunden enden würden.
Genau dann fingen auch die Spiele der Fußball-Bundesliga an und Lars wollte doch wenigstens am Radio dabei sein, wenn „seine“ Schalker um die letzte Chance kämpften, doch noch Deutscher Fußballmeister zu werden. Das aber konnte ohne die Hilfe der Hexen nicht funktionieren – und die waren ja alle auf dem Brocken, dem „Blocksberg“, versammelt. Kein Schalker Sieg also, lieber Lars, aber dafür haben Lars, Björn und ich gemeinsam einen 10. Platz der Tageswertung erreicht und das in, wie ich finde, guten 8:25:58 Stunden. Für 75 Kilometer und rund 1.000 Höhenmeter ist das respektabel, als Vorbereitung für die TTdR230 eigentlich zu schnell. Und zu kurz.

26 Starter versammelten sich also in Braunschweig, nachdem Dieter Grabow zum Brocken-Ultra gerufen hatte, um zwei Mal 75 Kilometer weit zu laufen, zwei Mal den Brocken zu besteigen  und zwei Mal vom Organisationsteam gut versorgt und behütet zu werden. Für so einen kleinen Lauf war die Versorgung vorbildlich, nur eines hätte ich mir noch gewünscht, das bei den meisten Ultra-Läufen vergessen wird: Salztabletten oder eben einfach eine offene Schale mit Jodsalz.
Ansonsten aber war alles da. Von Malzbier über alkoholfreies Bier, ein Isogetränk, Wasser, Säfte, Cola und was ich besonders schätzen gelernt habe war die große Menge an Christinen Sportdrinks, die nach Limone schmeckten und ungeheuer erfrischend waren.
Zu Essen gab es hochwertige Riegel, Erdnüsse, Schokolade, Käsewürfel, Salami, Salzbrezeln und auch etwas, was ich normalerweise nie essen würde: Kinder Milchschnitten. Labberiges Zeug, aber es hat geschmeckt, den Zuckerhaushalt korrigiert und es hat wirklich geholfen.

Man hat zwei Dinge bei dieser Veranstaltung gesehen:
Erstens: Dieter Grabow ist ein Läufer, er weiß, was wir brauchen. Das aber habe ich schon beim Blick auf Dieter Grabow’s DUV-Statistik gesehen. Dieter, Runner 25309 bei der DUV, hat dabei sehr ähnliche Zeiten gelaufen wie ich. Zwar war ich in Biel 2008 um rund eine Minute schneller als Dieter in seinem besten Jahr 2004, dafür hat Dieter mir beim Rennsteiglauf 2002 gegenüber meinem besten Lauf dort in 2008 rund 4 Minuten abgenommen.
Zweitens: Dieter Grabow ist ein echter Gastgeber, er war omnipräsent. Natürlich hat er den Start eingeläutet, er war aber auch da, als die Strecke in Wolfenbüttel ein wenig schwierig zu finden war. Sie war zwar hervorragend ausgeschildert, dennoch hatte Dieter stets ein Auge darauf, dass wir uns nicht verlaufen. Und er ließ es sich nicht nehmen, auch beim Zieleinlauf bei seinen Läufern zu sein.
Bemerkenswert fand ich auch, dass er insgesamt fünf Fahrradbegleiter aufgeboten hat, einen für den führenden Läufer Dirk Vinzelberg, einen für den letzten Läufer und drei für das Mittelfeld. Die waren für mich besonders hilfreich, weil Du von denen durchaus auch mal eine Flasche Cola oder ein Fläschen Wasser bekommen konntest, wenn Du das wolltest. Zwei Mal habe ich das am Samstag in Anspruch genommen, beide Male, als ich mit Lars unterwegs war, zuerst ein Wasser bei der Eckertalsperre und dann ein Wasser und eine Flasche Cola oben auf dem Brocken, als ich schon schneeweiß auf den Händen und im Gesicht war.
Die Salzmenge, die es mir am Samstag aus dem Körper getrieben hat, ließ meine schwarze Skinfit Jacke ein ganz neues Muster haben und ich sah aus, als wäre ich durch den Schnee gelaufen. Aber ich weiß nicht, warum mich das immer so viel stärker betrifft wie viele andere. Eine Läuferin war über meinen Zustand so verwundert, dass sie sich fragte, ob sie denn normal wäre, weil man weder an ihr noch an ihren Laufklamotten irgendwelche weißen Ränder sah.

Kurzum: der Brocken-Ultra ist eine tolle zweitägige Veranstaltung, die mit viel Engagement und Liebe veranstaltet wird.
Wir Läufer können froh sein, dass es so engagierte Läufer-Kollegen wie Dieter gibt und wir sollten das durch rege Präsenz honorieren!
Wenn wir dafür den einen oder anderen Stadtmarathon auslassen, dann haben wir uns und den Veranstaltern etwas Gutes getan.
Uns, weil das Laufen durch die Natur, auf Berge, eben außerhalb der Städte, schön und gesund ist und den Veranstaltern, weil es gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, was ein bedeutet, eine Strecke von 75 Kilometern zu betreuen, auszuschildern und die Versorgungspunkte dafür zu platzieren und offen zu halten. Das verdient Respekt und Dank, finde ich.

Dass für mich der Sonntag, der Rückweg, nur weniger glücklich war, lag nicht an der Veranstaltung, sondern an der Kombination aus meinem engen Terminplan und meiner geringen mentalen Stärke. Ich hatte eine Einladung zu einem Abendessen in Bonn um 20 Uhr und wusste also, dass ich spätestens um 16 Uhr in Braunschweig losfahren hätte sollen, „geduscht, geduzt und ausgebuht“, um mit Max Goldt zu sprechen.

Nachdem Natascha, Petra und ich uns im Nebel des Brocken aber auf Heinrich Heines Spuren zu weit Richtung Ilsenburg gewagt hatten und uns so, als wir das korrigierten, hinter dem letzten Läufer fanden, war dieser ehrgeizige Zeitplan nicht zu schaffen und in solchen Situationen knickt stets meine Psyche ein und ich sinke herab von meiner „Läuferwolke Nummer 7“ in die Gefilde der Normal-Menschen, die sowieso nicht verstehen, warum ich so viele Dinge gleichzeitig versuche. Und wenn ich dann „normal bin“ und über mich nachdenke, dann sehe ich das genauso – und steige aus.
Im Falle des Brocken-Ultra bedeutete das, das ich insgesamt 30 Kilometer innerhalb der Strecke ausgelassen habe, um dann wieder 20 Kilometer vor dem Ziel erneut einzusteigen und den Rest des Weges in Ruhe nach Hause zu tippeln.
Immerhin habe ich am Sonntag immerhin insgesamt etwas mehr als 48 Kilometer hinter mich gebracht, ich bin pünktlich, entspannt und glücklich in Bonn beim Abendessen gewesen, ich habe „Kilometer gefressen“ für die TorTOUR de Ruhr – alles war gut.

Am meisten gefreut hat es mich allerdings, dass Carsten A. Mattejiet am Samstag Abend mit seiner Familie auch in der Jugendherberge von Schierke war. Auch wenn wir in einem Punkt meiner Vorbereitung für den Marathon des Sables unterschiedlicher Auffassung waren, so sind wir doch beide einigermaßen ordentliche Vertreter der großen Familie der Ultra-Läufer, jener Gemeinde, in der eigentlich nur nette Menschen zu finden sind.
Carsten und ich sind auch bei FACEBOOK als Freunde verbunden und es tat richtig gut, am Samstag Carsten tief in die Augen zu sehen, seine Hand zu drücken und zu wissen, dass wir auch im „real life“ Freunde sind.
Und für diese Erfahrung brauchten wir weder Hexen noch die Walpurgisnacht, aber so etwas am „Blocksberg“ zu erleben ist doppelt schön.

Es gibt Tage, an denen ich weinen könnte …

… heute ist beispielsweise so ein Tag gewesen.

Nicht, weil ich mit jedem Tag, der vergeht, nervöser werde und immer mehr unbeantwortete Fragen über den Marathon des Sables (MdS) finde.
Fragen, was ich in der Nacht trage, Fragen, welche Strümpfe, welche Armlinge und welche speziellen Wüstenteile ich wähle. Fragen, was ich an diesen sieben Tagen essen soll, worauf ich mich bette und ob das, was ich mir vorstelle, auch wirklich alles richtig ist und Fragen, ob ich das ganze Gewicht werde stemmen können.

Nein, ich hatte Tränen in den Augen wegen etwas anderem.

Auf FACEBOOK hat mich heute der große Achim Achilles von sich aus auf die Kontaktliste gefügt, das motiviert schon sehr. Aber sollte es mir Tränen der Freude und des Glücks in die Augen treiben?
Das nun auch wieder nicht, obwohl wir Läufer alle stets aufs Neue von seinen Geschichten erfreut werden. Wir alle kennen den „Klemmbrett-Karraß“, seine Frau Mona und seine Probleme mit dem Laufen, wo jede einzelne Geschichte aus unserem eigenen kleinen unwichtigen Läuferleben sein könnten. Und wir alle denken über Walker das, was Achim für uns vordenkt.

Nein, die Tränen in die Augen trieb mir ausgerechnet die freundliche Postbotin der Deutschen Post AG, die jeden Tag bei uns ins Büro kommt, um uns mit unserer Post zu versorgen. Und in dieser Post war etwas drin. Für mich. Für mich ganz allein.
Es war ein Buch des Verlages Groh „Ich drück dir fest die Daumen!“
Und an dem Buch hing noch etwas, ein kleines Kamel von NICI beauties:
Und ein Brief war dabei, ein Brief meines lieben Läuferfreundes Kurt Süsser, derjenige unter uns, der stets erst an die anderen Menschen denkt und erst danach an sich selbst.

Kurt ist auch derjenige, mit dem ich eigentlich diesen Wüstentrip geplant hatte. Und er hätte mich auch begleitet, wenn seine Frau nicht eine so schwere Lebensprüfung erlitten hätte, eine Lebensprüfung für beide, die auch Kurt mehr zu Hause hält als ihm lieb ist. An dieser Stelle schicke ich „gute Gefühle“ Richtung Ulm. Gute Besserung, Cherie!

„Viel Glück!“ steht handschriftlich im Buchdeckel innen.
Mit „Ich wünsche Dir viel Glück und Erfolg, …, großes Abenteuer, neue Eindrücke und Erlebnisse …“ beginnt der beiliegende Brief. „Das Kamel ist dafür, dass Du immer genügend zu trinken hast …,“ steht da weiterhin. Gerade das Trinken ist so wichtig und ein großer Teil meiner Sorgen, mit dem Kamel aber sollte es einfacher werden. Und Kurt weiter schreibt von einer Oase, damit ich immer einen Lichtblick in der Wüste hätte und auch wenn ich mit den Augen nur Sand sehen könnte, so würde meine Seele und meine Vorstellungskraft das sehen und spüren, was ich möchte. Wie lieb und wahr!

„Ich wollte so gern mit Dir zusammen laufen,“ schreibt Kurt und sagt, dass er mit mir gemeinsam diesen Lauf gemeistert hätte. Daran zweifle ich keine Sekunde, Kurt ist ein erfahrener Ultraläufer, dem ich meist nur hinterher schauen kann.
Zuletzt tat ich das beim Rennsteiglauf 2009 und auch beim Trans Alpine Run 2008 haben Kurt und sein Laufpartner Walter stets besser abgeschnitten als das „TEAM ERIMA SPORTSWEAR“, das aus Heiko und aus mir als Bremser bestand.

Mit den Worten „Ich werde … jeden Tag an Dich denken“ endet der Brief.

Lieber Kurt, ich werde das gleiche tun. Und ich werde das Kamel mit auf die große Reise nehmen, am Rucksack befestigen und bei jedem Schluck Wasser noch ein paar „gute Gedanken“ Richtung Deutschland schicken.

Danke für diese Tränen, Kurt, das hat mich heute stolz und glücklich gemacht.

Und erstens kommt es anders … und zweitens als man denkt!

Für den Braveheart Battle hatte ich in Münnerstadt ein Quartier gesucht und habe deshalb bei Google „Münnerfeld“ und „Übernachtung“ eingegeben. Ich bekam eine Liste von 5 Hotels, wobei ich eines davon anrief und sofort gebucht habe, weil der Preis stimmte. Als ich am Freitag Abend dort ankam und auf mein Zimmer geführt wurde, ging gerade die Türe zum Nachbarzimmer auf. Die Gäste neben mir waren auch Braveheart Battle – Reisende.

Die junge Dame, die aus dem Zimmer schaute, kam mir ein wenig bekannt vor, ihr Partner aber noch viel mehr. Es waren Michael Neumann und seine Freundin Susanne Holz, die zufällig im gleichen Café Hotel eingebucht waren wie ich.

Michael Neumann und Susanne organisieren Läufe wie den KiLL50, den HiLL50, den STUNT100 und in 2010 noch drei 100-Meiler wie den ESELSTREIBER oder den RUN2KILL, die Bestandteile des „German Sixpack“ sind, was aber nichts mit der gleichnamigen Portion Dosenbier zu tun hat. So kam ich zu einem netten Abendessen mit den beiden beim Münnerstädter Griechen „Taverne Dionnyos“. Und wieder habe ich begriffen, wie klein unsere Welt der Ultra-Läufer ist.

Michael Neumann im säuischen "Kampfdress". Er ist irgend etwas zwischen "Schweinchen Babe" und einem Ursaurier ...

Nach einer großen Flasche griechischen Wassers und einer riesigen Portion Bauernsalat für wirklich kleines Geld sind wir dann noch zusammen auf die Abendparty im Braveheart Battle – Zelt gegangen. Wir erlebten gleich das erste Hindernis des Braveheart Battle schon vor dem eigentlichen Lauf: die Bürgersteige waren hochgeklappt und genauso verhielt es sich mit der groß angekündigten Abendparty im Zelt. Zum Glück waren einige Vertreter der CABANAUTEN anwesend, die wenigstens ein wenig Stimmung verbreiteten. Ohne diese lustige Gruppe wäre das Zelt wohl leer gewesen. Ein Grund für mich, den Heimweg ins Hotel anzutreten.

Nach einem gemeinsamen Frühstück mit Susanne und Michael, bei dem wir uns über die halbe Ultra-Läuferwelt unterhalten haben, bin ich ins Startzelt gegangen, um meine Startunterlagen abzuholen. Völlig ungewohnt war, dass in dem großen Umschlag außer der Startnummer nur noch vier Büroklammern drinnen waren, keine Werbung, keine Pröbchen und auch keines der gefürchteten Gewinnspielchen. Und dann wurde die Zeit lange und ich war froh, dass die CABANAUTEN sich mit Sunblocker und Farbpigmenten eingerieben hatten, so war wenigstens etwas los im Zelt. Michael erstrahlte am Ende in einem neonrosa, das ihn zart und niedlich machte. Am liebsten hätte ich ihn „Babe“ genannt und ihm eine Zitronenscheibe in den Mund geschoben.

Später kamen dann mein TAR– und MdS– Laufkumpel Heiko Bahnmüller, der gleich mit einer ganzen Truppe seiner Luftwaffeneinheit erschienen ist, Bernie Conradt und seine hochschwangere Frau Sabine, der auch mit zwei Freunden da war, mein Lieblingsfotograf Klaus Duwe, den ich nicht erst seit dem fantastischen Foto im Ziel des UTMB in meine Abendgebete einschließe und ich hatte etliche nette Gespräche mit Läufern, die mir einiges über deren Laufleben erzählt haben.


Beim Start fehlte vieles.
Vor allem fehlten Starter. 596 Starter sind einfach nicht viel. Es fehlte aber auch Musik als Aufputschmittel. Es war ungewohnt ruhig und langweilig am Start und die Läuferkollegen hatten Glück, die entweder Freunde oder etwas zu lesen dabei hatten, am besten sogar beides.
Trotz der kleinen Schar an Läufern gab es keinen Massenstart, sondern es wurde in Gruppen gestartet, um nicht den Stau am ersten Hindernis zu haben, der vom StrongManRun her berühmt und berüchtigt ist. Ich startete mit Bernie und seinen Freunden ganz hinten und hatte auch vor, bei den Vieren zu bleiben. Aber schon beim ersten Hindernis, einer Flußdurchquerung, habe ich die Jungs nicht mehr gesehen und musste mich also alleine auf die lange Strecke wagen.

Nach dem ersten Hindernis kam die 6,5 Meter hohe Wand, vor der ich schon ein wenig Sorge hatte. Mir gingen immer Bilder durch den Kopf von Bundeswehr-Übungen, wo man sich an solchen Wänden hochziehen muss. Und das wäre überhaupt nicht mein Ding gewesen. Aber diese Wand war einfach, fast lächerlich einfach. Und schon nach zwei, drei Hindernissen habe ich den Lauf geistig als „gut gemeint“ abgehakt. Es war mir zu dieser Zeit einfach zu wenig anspruchsvoll und ich dachte, dieses Rennen schnell zu Ende zu bringen und dann zur Tagesordnung überzugehen.

Dass mich der erste Eindruck getäuscht hat, sei schon jetzt verraten.

Es ging zwei Kilometer weg von Münnerstadt und dann, nach einer erneuten Flußquerung, wieder zwei Kilometer zurück. Und dann kam die lange Schleife und die anspruchsvollen Hindernisse warteten auf uns.
Erwähnen will ich vor allem die selbst gebastelte Brücke aus labilen Holzscheiten, die es geschafft hat, mich in Wild-West-Manier abzuschütteln und so kam ich zu meinem Tauchgang und zu meinem Szenen-Applaus. Die Tauch-Einlage war nicht schlimm, eklig aber war es, aus diesem Wasser wieder heraus zu kommen. Danke an dieser Stelle dem Läuferkollegen, dessen helfende Hand dafür gesorgt hat, dass ich nicht auch jetzt noch in diesem Loch zubringen muss.


Auch die Hindernisreihe mit den Stromschlägen seien lobend erwähnt. Ich selbst bin dort zwar nicht geweckt worden, aber Heiko erzählte mir im Ziel, dass er ein paar Engelchen singen hörte, als er Kontakt mit den Schnüren hatte. Was streckt Heiko auch seinen Hintern so hoch?


Und auch die vier tiefen Löcher verdienen eine lobende Erwähnung. Da haben die Veranstalter-Jungs wohl lange gegraben, um so tiefe Löcher zu fabrizieren, deren Wände so steil und rutschig waren, dass ich im ersten Loch lange überlegt habe, wie ich da wohl wieder heraus komme. Nach vier dieser Übungen war ich wirklich gezeichnet, vor allem, weil diese Löcher ganz oben auf dem Berg waren. Und dieser Berg muss auch erwähnt werden.


Natürlich hatte ich im Vorfeld gelesen, dass es irgendwann 3,5 Kilometer bergauf gehen würde, aber dieses bergauf schien harmlos. Erst war es eine längere Straße, dann eine flach ansteigender Wiese, die aber sehr matschig war und dadurch Kraft gekostet hat. Und dann kam wieder ein Feldweg mit einem relativ wenig anspruchsvollen Hindernis, eine schmierige Strecke einen Bach entlang. Und dann musste wieder gerobbt werden, gerobbt bis zu ihm, zu dem Berg.
Im Braveheart Battle – Forum habe ich ein paar Kommentare gelesen, die sich diesen Berg weg gewünscht haben, ich liebte ihn. Beim StrongManRun haben wir stets angemerkt, dass die Laufpassagen zu kurz kamen. Und jetzt wollen wir es einfach und bequem haben?
Beim ToughGuy wiederum gab es das Hindernis „Slalom“, ein steiler Anstieg auf einen Hügel, der dann gleich wieder runter und wieder rauf gelaufen wird, insgesamt zehn Mal ein scharfer kurzer Anstieg, der die ToughGuys in zwei Lager teilte.
Die Läuferfraktion durfte weiterlaufen, die „Wenig-Läufer“ mussten eine Ereigniskarte ziehen, auf der stand: „Du hast Muskelkrämpfe in den Waden. Gehe nicht weiter, ziehe nicht auf Los. Du musst eine Runde aussetzen!“

Der Berg war hart im Anstieg, steil, so steil, dass ich mich in Schwäbisch Gmünd beim „Schwäbische Alb (Ultra-)Marathon“ wähnte. Und dann, endlich oben, kamen die Löcher, die mich vor so große Probleme stellten. Und wenn ich beim Aufstieg noch dachte, dass mich das Tempo machen beim Bergablaufen glücklich machen würde, dann sah ich mich mal wieder getäuscht. Es war steil, stramm durch den Wald, rutschig und glitschig, keine Chance, Zeit aufzuholen.
Es war ein Stück Laufstrecke in bester Trail-Manier und ich war glücklich. Endlich etwas für Läufer! Und ich wusste, dass es von jetzt an leicht werden würde, zumindest leichter, weil es tendenziell berab gehen würde, die Schleife noch zu Ende und dann noch einmal die 4 Kilometer lange Anfangsschleife, ein paar Hindernisse noch, die alles nicht allzu wild waren.

Aber der Berg hatte auch die Mitstreiter des Braveheart Battle getrennt. Nur wenige Läufer waren übrig geblieben, die mit mir noch laufen konnten, viele schalteten um auf das Gehen und sie verwandelten sich in Hindernisse, in Slalomstangen, die ich teilweise bedauert habe und denen ich versucht habe, mit ein paar motivierenden Worten Unterstützung zu geben.
Bei einem der letzten Hindernisse rief mir ein Passant zu: „Du siehst noch gut aus!“ Ich lachte und antwortete, dass ich jetzt, wo ich auf die 30 zugehen würde, mich richtig gut fühlen würde. Er traute wohl seinen Ohren nicht und stand mit offenem Mund da, nur die junge Lady neben ihm war schlagfertig und fragte zurück: „Zum wievielten Mal?“

Beim Überqueren der 6,5 Meter hohen Wand, die bei den ersten beiden Malen noch niedrig und wenig anspruchsvoll schien, hatte ich aber mehr Mühe und ich fragte mich, ob die Organisatoren in der Zwischenzeit noch ein paar Meter aufgestockt hatten. Beim vierten und letzten Überqueren merkte ich durch ein Ziehen im Oberschenkel, dass ich kurz vor dem Krampf war. Und das ist selten bei mir. Es spricht für die Organisatoren und dafür, dass ich die Strecke viel zu schnell in eine falsche Schublade gesteckt habe.

Die erste von insgesamt vier Überquerungen der 6,5 Meter hohen Wand. Und jedes Mal wurde sie höher ...

Es war schon ein gutes Stück Arbeit gewesen, zudem war die Strecke laut meinem GPS Protokoll 20,5 Kilometer lang, also rund zwei Kilometer länger wie ausgeschrieben. Mein Ziel, unter der Marke von 2:30 Stunden zu bleiben, habe ich aber dennoch erreicht. Meine Uhr blieb bei 2:27 Stunden stehen, mal sehen, ob sich das mit dem offiziellen Resultat deckt.
Ganz zum Schluss, nachdem ich erst die hart erarbeitete „Medal of Honor“ erhalten und dann ein Plastiktüte über den Kopf gestülpt bekommen habe, musste ich stoppen und eine nette Lady vom Roten Kreuz schob mir ein Thermometer ins linke Ohr, um meine Körpertemperatur zu messen. Es waren 33,6 Grad – und das war durchaus normal nach diesen Strapazen. Auf welche Temperaturen die Kollegen heruntergekommen waren, die erst zum Ende der Veranstaltung eintrudelten, will ich gar nicht wissen.

Mir jedenfalls ging es trotz der 33,6 Grad gut, kein Vergleich mit dem Zittern und dem Verschütten des warmen Kakaos beim ToughGuy. Welche Körpertemperatur ich damals im Ziel hatte, will ich besser auch gar nicht erst wissen. Oft ist es besser, wenn man nicht allzu viel weiß …


Am Ende sind aus 596 Startern 410 Bravehearts geworden, 186 Startern verbleibt die traurige Erkenntnis, dass auch vermeintlich kurze Läufe Dir alles, aber auch wirklich alles abverlangen können. Aber sind wir nicht genau dafür dort angetreten?

Fotos vom Lauf gibt es unter anderem hier: http://www.lauf-news.de/Bilder_Rockstar_Braveheart_Battle_2010.aspx

Bernie Conradt und seine Freunde nach dem Zieleinlauf im Zelt.