… und am Ende herrscht pures Glück

Der TransGranCanaria 2013 (TGC) war schon ein wenig anders als der des Vorjahres und ich war nicht über jede Veränderung froh.
Unser Appartementhaus lag nur 50 Meter vom alten Startplatz entfernt, ideal, wenn um Mitternacht gestartet wird. Du kannst Dich noch bis 23.55 Uhr hinlegen und schlafen, die erste Nacht ist dann eigentlich gar keine mehr.
Aber der Start wurde zur „10th Edition“, zum Jubiläum, nach Agaete verlegt und das bedeutete für mich, dass ich kurz vor 9 Uhr Playa del Inglés verlassen musste, um zum Start nach Las Palmas zu fahren. Von dort gingen dann die Busse Richtung Agaete ab.
Diese waren für 22.15 Uhr geplant und ich frage mich jetzt noch, warum das alles so früh sein musste, immerhin ist Agaete nur gut 30 Kilometer von Las Palmas entfernt. Im Bus wurde ich darauf angesprochen, dass ich mich wirklich dick eingecremt hatte und man das Weiß der Sonnenmilch noch sah. Ich war wohl der Einzige gewesen, der nicht mitbekommen hat, dass es in der Nacht und am Morgen wohl satt regnen würde. „Optimistisch“ nannte man also meine Eincremorgie.
Die Fahrt war wirklich kurz und die Folge war, dass wir schon um 22.35 Uhr am Startort waren, 85 Minuten vor dem Start!

Agaete4Aber wir fanden ein Fischerstädtchen vor, das ich zwei Wochen vorher noch besucht hatte. Damals war es ruhig und fast ausgestorben, jetzt aber pulsierte das Leben dort und jeder von uns Läufern fühlte sich wie ein Star.
Da gingen die Daumen hoch für uns, die wir noch durch die Stadt schlenderten, da erhielten wir Glückwünsche und Motivation auf spanisch von wildfremden Menschen und die Musik der Sambatruppen spielte scheinbar nur für uns.
So lassen sich auch 90 Minuten bis zum Start aushalten … !

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(klicken zum Abspielen …)

Und doch ging es dann irgendwann wirklich los.
Was ich wusste, ist, dass es gleich auf den ersten 10 Kilometern auf 1.200 Meter Höhe geht. Ich erinnerte mich an die Steilstrecken des vergangenen Jahres und war auf einen enorm harten Einstieg gefasst. Es kam aber vollkommen anders.
Bis zur Höhe von 600 Metern über dem Meer war der Anstieg moderat, der Weg fast so breit und eben wie die Kurpromenade von Bad Salzuflen – easy going also. Erst danach wurde es etwas enger und schwieriger, aber noch immer war ich überrascht, wie einfach es doch nach oben ging.
Ich hatte mich ja sofort sehr weit hinten eingeordnet, einf Fehler, wie sich später heraus stellte, weil Du irgendwann an niemandem mehr vorbei kommst und Du die Lücken in der Läuferschlange vor Dir zwar siehst, Du kommst aber nicht an den Vorderleuten vorbei, um diese Lücke zu schließen.
Noch bis zur Höhe von 900 Metern über dem Meer hörten wie die Samba-Musik, sahen das hell erleuchtete Hafenstädtchen und fühlten uns beobachtet und getragen von den bewundernden Blicken der Zuschauer.

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Die Hauptstraße von Agaete zwei Wochen vor dem Event.

Wenn ich mir also Sorgen gemacht hatte, dann waren die vollkommen unbegründet, zumindest bis zur ersten Verpflegung. Und auch da war alles anders. Im Vorjahr noch stand da ein riesiger Wasserwagen und sonst nichts. Dieses Jahr war die Station voll bestückt. Für uns Vegetarier gab s lecker-süße Orangen, aber es gab auch nahezu alles, was Du Dir als Läufer wünschst. Nach 10 Kilometern aber wollte ich noch nichts essen, ich blieb beim Aussaugen der Orangenstücke.
3 1/2 Stunden gibt Dir die Organisation für diesen Streckenabschnitt, ich war bei rund der Hälfte geblieben und war noch immer sehr weit hinten. Auch an der Cut-Off Front gab es also keine Probleme.

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Blau-weiß sind die Farben von Agaete. Dieses Haus war direkt neben dem Start. Aber „in der Nacht sind alle Katzen grau“ – zum Glück habe ich diees schöne Haus auch bei Tageslicht gesehen …

Weiter ging es auf und ab auf einem Hochplateau durch Wald und Wiese und so langsam wachte der Regen auf. Erst ganz sparsam, dann aber immer stärker. Er sollte sich noch zu einem sehr starken Landregen entwickeln mit der Folge, dass die Laufhose klitschnass, die Füße durchweicht und die im Rucksack getragenen Sachen unbrauchbar wurden. Aber die Strecke blieb leicht und gut laufbar, die Ausschilderung war gut und so blieb es auch bis der Morgen graute.
Mal hörte der Regen auf, mal kam er wieder und irgendwann wurde auch die Strecke so, wie ich sie aus dem Vorjahr kannte. Enge Trails, oft überwuchert, sodass Du den Boden nicht sehen konntest, dicke Streine im Weg, steile Anstiege und noch schlimmer: steile Abstiege, die auch deshalb schwer zu laufen waren, weil die Steine durch den Regen sehr glitischig waren. Und das, was sich Trail nannte, war oft nur eine Ansammlung von Matsch. Nasse Füße waren dabei noch das kleinste Problem.

Agaete2Teilweise gab es Stellen, an denen Du Dich nur mit abgestützten Stöcken bewegen wolltest und mein Plan, unter 12 Minuten pro Kilometer zu bleiben, wurde immer mehr zur Makulatur. Immer nachdem es den Berg rauf ging war die kumulierte Zeit über der 12er Marke und das von Anstieg zu Anstieg deutlicher. Bei den Abstiegen oder den flacheren Passagen (gab’s da welche?) habe ich die kumulierte Zeit dann wieder unter diese Marke gedrückt, bei jeder Sequenz aber etwas weniger deutlich.

Mit der zunehmenden Helligkeit wurde es aber weder trockener noch wärmer, im Gegenteil. Wir liefen in ein Nebelgebiet hinein, in dem es so stark regnete und windete, dass uns richtig kalt wurde. Wie sehr war ich froh, ein wenig dieser Kälte in der Vorwoche beim privaten Training erlebt zu haben, so war ich nicht allzu schockiert. Ohne diese Vorerfahrung aber wäre ich wohl dünner angezogen gewesen und hätte noch mehr gefroren.

Die Brigaden in den Verpflegungsstellen taten mir oft leid, ich sah sie oft frieren und war froh, selbst wieder laufen zu können. Nach etwas mehr als der halben Strecke, ich hatte mittlerweile über 5 Stunden gegenüber dem Cut Off gewonnen, liefen wir auf eine Stelle, die ich beim zweiten langen Training in der Woche vor dem Start zufällig entdeckt hatte. Es war die Stelle, an der ich mich damals verlaufen hatte und wo ich dann den offiziellen Track des TGC 2012 verlassen hatte, um mich irgendwie nach oben zu schlagen. Damals hatten mir zwei Einheimische diesen Weg gezeigt und empfohlen.

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Ein Foto kann leider nicht ganz wiedergeben, wie schön dieser Weg war. Vielleicht hätte ein „Fisheye“-Objektiv hier geholfen. Aber wenn Du mal auf Gran Canaria bist, dann gehe nach „Cruz Grande“, um diesen schönen Weg zu wandern …

Es war ein Weg der mitten durch hohe Felsen führte, liebevoll gemacht mit tollen Ausblicken, vor allem, wenn man ihn in der umgekehrten Richtung gelaufen wäre. Ich fand ihn nach dem Training so schön, dass ich ihn meiner Gabi schon einen Tag später bei einer gemütlichen Wanderung zeigen musste. Und genau diesen Weg ging es nun nach oben. Glücklicherweise war es mittlerweile schon trocken, die Sonne ist hat sich noch sehen lassen und alles wurde wieder angenehmer, fast schön.
Oben angekommen geht es weiter auf dem Hochplateau bis zum Scheitelpunkt, der Weg dahin war aber viel weiter als vor einer Woche (!) und dort am Scheitelpunkt ging es nicht wieder runter, wie ich gelaufen war, sondern nach links.
Unvermittelt und überraschend kamen wir dann auf einen Weg, der den Roque Nublo mit dem Pico de las Nieves verbindet. 2012 war es ein Teil des Tracks und ich bin ihn mit meiner Gabi bei einer anderen Wanderung auch gegangen. Darin integriert ist ein Teilstück, das normalerweise ungesichtert, aber sehr steil ist. Im Vorjahr haben die Veranstalter für die Läufer ein Sicherungsseil angebracht und es ging diese Passage hinauf.
Dieses Jahr hatten Gabi und ich und bergauf kämpfend gesagt, dass bergab wesentlich schwieriger wäre. „Und wenn die Felsen hier nass sind, dann will ich da überhaupt nicht runter,“ höre ich Gabi noch immer sagen.
Aber der Track des TGC 2013 ging hinunter und die Felsen waren nass. Welch ein Glück, dachte ich, dass ich diese Passage schon kenne, ich glaube, Espen hätten sonst weniger gezittert wie ich. Ich bin ja so ein Angsthase, wenn ich mich nicht sicher fühle.
Anschließend kommt man auf den Parkplatz vor dem Roque Nublo, dort geht es aber nicht hinauf, was ich sehr bedauert habe, sondern runter und wieder rauf Richtung Garanon, dem höchsten Punkt der Strecke, da, wo es wie schon im Vorjahr lauwarme Nudeln gab mit einer Bolognese-Sauce. Für uns Vegetarier blieben die Nudeln eben lauwarm und trocken.
Vielleicht hat mal einer der Veranstalter eine Eingebung und es gibt dort irgendwann auch eine klassische Tomatensauce?

Agaete5Dort in Garanon gab es auch die Drop-Bags, es war der Start des Marathons und die Illusion, dass es nun nur noch abwärts gehen würde. Aus dem Vorjahr aber wusste ich aber noch, dass das ein großer Irrtum war. Ich hatte nach dem Essen und Umziehen noch immer fast fünf Stunden Reserve vor dem Cut Off, ließ mich von diesem Punkt aus auch nicht mehr überholen und ich ließ, vor allem auf den letzten acht Kilometern, mindestens drei Dutzend Läufer hinter mir. Dennoch sank mein Vorsprung auf den Cut Off kontinuierlich und ich konnte nur noch 3 1/2 dieser anfänglichen 5 Stunden ins Ziel retten.
Wer also in Garanon am Zeitlimit war, der „hatte dann auch gleich fertig“. Die Berechnung der Cut Off Zeiten könnte also ein wenig optimiert werden.

Über die Strecke von Garanon aus breiten wir hier an dieser Stelle mal den weiten Mantel des Schweigens aus, ich denke jetzt nicht mehr an die unglaublich falsche Beschilderung, die uns die längsten 13 Kilometer aller Zeiten beschert haben, erst, um uns zu ärgern und dann, um festzustellen, dass es nun noch viel kürzer war als eigentlich angegeben … steile Abstiege, Konteranstiege, der berühmt-berüchtigte Lauf durch das trockene Flussbett und das Einlaufen nach Las Palmas über ein unschönes Gewerbegebiet, all das will wirklich niemand wissen.
Welch ein Glück hatte ich, dass ich mit dem Schweden Magnus einen Laufpartner gefunden hatte, mit dem zu sprechen meine Aufmerksamkeit von den übleren Seiten des Laufs weg nahm.

Beim vorletzten Verpflegungspunkt war ich todmüde. Ich lallte nur noch wie ein Betrunkener und ich wollte unbedingt schlafen. Das ging dort aber nicht, es war zu kalt, es gab keine Liegemöglichkeit, keine Decken und das Gebläse des Heizofens war so laut, dass an Schlaf nicht zu denken war.
Gabi gab mir telefonisch noch einen kleinen „Einlauf“, also gingen wir weiter und beschlossen, schneller zu werden. Magnus meinte, dass das die Müdigkeit hemmen würde. Eine Dose Energydrink aus meinem Rucksack in mich hinein, das Tempo gesteigert ging es weiter durch die Nacht.
Und es wurde besser. Es wurde sogar wieder richtig gut.
Die Müdigkeit verschwand mit jedem Läufer, den wir überholten.

Ob das 119 K Läufer des TransGranCanaria waren oder ob wir die letzten Läufer des 83 K Advance Laufes eingeholt hatten, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich mit vielen dieser Laufkollegen Mitleid hatte. Teilweise war ein normales Gehen nicht mehr möglich, die Schmerzen sah man förmlich in den Gesichtern und ich kann mir gut vorstellen, wie frustrierend es dann sein muss, wenn dann zwei Läufer wie Magnus und ich an diesen Läufern noch einigermaßen locker vorbei gelaufen sind.
So sammelten wir Läufer für Läufer ein.

Drei Kilometer vor dem Ziel gab es dann eine Bodenmarkierung. Die kannte ich schon. Von da an geht es fast nur noch bergab und Magnus und ich trabten diese Strecke gemächlich ab. Irgendwann kam dan die große weiß angestrahlte Brücke, unter der es durch geht. Jetzt waren es nur noch 800 Meter. Das Tempo etwas reduzieren, um Kraft für die Gerade auf der Promenade zu haben, noch 400 Meter bis zum Ziel.
Jetzt langsam das Tempo steigern, die Strandpromenade entlang, am Ziel vorbei, in die Biegung rein und parallel zur Strandpromenade auf den Zieleinlauf. Schneller werden. Das geht noch was.

Hand in Hand mit Magnus liefen ich über die Ziellinie, 85 Minuten später wie erhofft, 34 Minuten später als im Vorjahr, aber glücklich. Ich gab den Zeitnahme-Chip ab, holte meine Finisherweste und grinste.

AgaeteUnd am Ende herrschte nur noch pures Glück, trotz allem Hadern, trotz des Wetters, dem Geläuf, der Versorgung, den Verlaufern und allem, worüber man während knapp 25 1/2 Stunden schimpfen kann.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine wunderschöne Inselmitte, an die Blicke auf den Roque Nublo, den Pico de las Nieves, an diese tolle Passage in den Felsen, an temporäre Laufpartner, die mich motivierten und inspirierten, an leckere Orangen und an die Gesichter meiner Gabi und Magnus‚ Freundin, in denen sich unser Glück spiegelte.

Kurz hinter Las Palmas war ich dann im Mietwagen fest eingeschlafen. Der Schlaf war gerecht und die Träume drehten sich um die letzten 119 Kilometer.

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Im Ziel, die gelbe TransGranCanaria-Finisherweste in der Hand.

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SUT – schöne Buchenwälder im schwäbischen Land

Es
Es geht also noch. Ein Finish bei einem „langen Brett“ hinzubekommen ist eigentlich gar kein großes Problem. Warum tue ich mir dann damit immer so schwer? Warum finde ich so oft keine Einstellung zum Lauf und keine Motivation zu „beißen“?

Ich habe ja in der Vergangenheit einige Dinge ganz gut gemacht, beim zweiten Start aber bekam ich stets mentale Probleme. Den Kölnpfad 2009 finishte ich in unter 24 Stunden, um zwei Jahre später beim ersten Gegenwind früh die Segel zu streichen.
Und auch den KoBoLT 2010 finishte ich an der Seite von Achim Knacksterdt trotz extremer Kälte, trotz Eis, Glätte und Schnee. Auch hier fand ich bei der Neuauflage 2011 bei deutlich besseren Wetterbedingungen keinen Bezug zum Lauf und nahm die erstbeste Versuchung an, auszusteigen.
Selbst bei der TorTOUR 2012 nahmen meine körperlichen Probleme derart überhand, dass ich nach 100 Kilometern aussteigen musste. Die TorTOUR 2010 fand unter fast noch heißeren Wetterbedingungen statt und damals wäre mir ein vorzeitiges Ende nicht in den Sinn gekommen. Ich musste einfach ein TorTOURist werden, denn ein TorTOURist sein ist schon etwas ganz Besonderes und das bleibt man sein Leben lang.

Es muss also eine Parallele zwischen diesen Events geben, etwas Gemeinsames. Vielleicht ist es der Punkt, dass ich all diese Läufe unbedingt schaffen wollte und dass ich für die Wiederholung mental nicht stark genug bin. Das wiederum bringt mich zu der Frage, ob ich den UTMB 2013 dann doch vielleicht lieber von meiner Laufliste streichen sollte?

Beim SUT, dem „Schönbuch Ultra Trail“, einer Erstauflage, die von Andreas Loeffler akribisch über Monate vorbereitet wurde, haderte ich einen Marathon lang auch ständig mit mir, den Meinen, mit dem Lauf und mit der Gegend.
Früh schon schmerzten die Waden, am schlimmsten aber war, dass ich, mit etwas dickeren Wintersocken ausgestattet, nasse Füße hatte und diese an den Schuhen rieben. Bei jedem Schritt tat das weh.
Bernd Rohrmann, mit dem ich die ersten vielleicht 100 Kilometer meisterte, habe ich es zu verdanken, dass er die daraus resultierenden negativen und destruktiven Gedanken nicht gelten ließ. Und nach dem VP2, wo der erste Dropbag lag und wo ich die nassen und dickeren Socken gegen trockene und dünnere austauschen konnte, ging es mir mit einem Mal auch wieder blendend.

Ich hatte in den letzten sechs Wochen kaum trainiert und ich, der sonst kaum 14 Tage ohne „Marathon und länger“ auskam, hatte seit dem Ticino Semi Trail im Juli keinen offizielllen Lauf mehr hinter mich bringen können. Beim Mountainman in der schönen Schweiz musste ich nach einem schweren Sturz aufgeben und danach waren die Wochenenden voller Arbeit gewesen. Und eben einem Urlaubswochenende in der Türkei, das wir eingeschoben hatten, weil mal ein Wochenende arbeitsfrei war.
Da wollten wir eigentlich nach Marokko fliegen und in diesem Urlaub wollte ich mit Bernhard Sesterheim den UTAT laufen. Aber ich bekam dort keinen Startplatz, keine Reaktion der Veranstalter und selbst auf dem Stand des UTAT in Chamonix im UTMB-Dorf bekam ich nur das Angebot, 30 Kilometerchen zu laufen. Später dann, als die Reise in die Türkei gebucht war und alles festgezurrt war, kam noch eine Mail, dass es nun doch noch ein paar Startplätze geben würde. Schade eigentlich.
Ich war also beim SUT untertrainiert und deshalb in großer Sorge. Aber speziell nach der 100 Kilometer-Marke ging es besser und besser und ich lief wie selten an diesem späten Punkt im Rennen. Ein paar Dinge hatte ich anders gemacht als sonst. Auf Anraten von Bernd habe ich meine Stöcke im Dropbag gelassen und bin den gesamten Lauf ohne diese geblieben. Zwar gab es manchmal Situationen, in denen ich sie sehr vermisst habe, aber sie konnten so meine Neigung, statt zu laufen gehend die Stöcke zu schieben, nicht unterstützen. Faul sein ging also nicht.
Und ich lief auch in der kalten Nacht nur kurzbehost herum. Als bekennender Warmduscher will ich es ja meist muckelig warm haben. Das aber mindert meine Aktivität. Und auch oben herum minimierte ich für meine Verhältnisse die Bekleidung auf ein Mindestmaß. Und deshalb lief ich auch im strömenden Regen und in der Kälte der Nacht noch einigermaßen gut. Etwas, von dem ich lernen darf.

Aber das Verlaufen habe ich dort gelernt, vor allem, nachdem ich meinen kongenialen Laufpartner Bernd in der Nacht leider verloren hatte. Viele der Flatterbänder waren in der Nacht kaum zu erkennen und die in Mehlstaub gemachten Bodenpfeile wurden durch den Regen fast unsichtbar. Oft dachte ich, dass weiße Steine auf dem Boden den Rest eines Pfeiles bilden würden, meist aber lief ich, bis ich merkte, dass es hier nicht richtig sein konnte.
Und so fand ich mich nach dem Verpassen einer Abzweigung auf einem Parallelweg wieder, nur wenige Meter vom richtigen Kurs entfernt. Die paar Meter, dachte ich mir da, kannst Du auch querfeldein gehen. Gedacht, getan. Aber zwischen den beiden Wegen wuchsen immens viele wilde Himbeeren. Und wilde Himbeersträucher haben Dornen. Viele Dornen. Und anstatt bei den ersten Anzeichen umzukehren, den Weg bis zur verpassten Abzweigung zurück zu gehen, ging ich weiter durch die piekenden Büsche. Ich sah den anderen Weg ja schon, zumindest glaubte ich das.
Und es wurde wilder und wilder, die Fesseln brannten und auch die Knie waren aufgerissen und blutig. Und irgendwann gibt es dann auch kein zurück mehr. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, in Wahrheit aber vielleicht nur 10 oder 20 Minuten, bis ich die vielleicht knapp 100 Meter hinter mich gebracht hatte. Die Kratzer und Wunden schmerzen auch heute noch und erinnern mich daran, dass es immer bessere Alternativen gibt.
Vor dem sechsten Verpflegungspunkt verlief ich mich im strömenden Regen erneut. Anstatt nach rechts abzubiegen ging ich geradeaus und fand ich auf einer Straße wieder. Von der anderen Straßenseite her rief Jürgen Baumann zum Nachtessen, was für ein Glück.
Jürgen war sowieso mein Held an diesen Tagen. Als Fotograf fotografierte er am VP1 und am VP2 die Läufer, alle Fotos in diesem Artikel stammen von ihm. (Noch einmal DANKE für diese Mühe und RESPEKT für die Qualität der Aufnahmen.) Und er managte eben auch den VP6.

Wenn Dein Kopflicht nicht stark, die Nacht aber dunkel ist, wenn es in Strömen regnet und Du nur weiße Regenlinien vor den Augen siehst, dann erkennst Du keine Flatterbänder mehr, zumindest ich nicht. Ohne mein GARMIN Oregon wäre ich aufgeschmissen gewesen und wäre frustriert ausgestiegen, denke ich.
Und nach dem VP6 wurde es für mich dann wirklich spannend. Noch 20 Kilometer bis zum VP7 und dann noch 13 Kilometer bis zum Ziel, so war mein Kenntnisstand gewesen.
Da waren dann die Himbeeren gewesen und noch ein weiterer Verlaufer und dann kam der Kilometer 20, aber kein Verpflegungspunkt. Und auch nicht bei Kilometer 21 und nicht bei 22 und auch nicht bei Kilometer 26. Irgendwo muss ich am VP vorbei gelaufen sein und so redete ich im Kopfkino mit Andreas, um ihm das zu erklären. Es war auch nicht mehr weit bis ins Ziel, auf dem Oregon sah ich schon das Dorf. Da fehlten mindestens sechs, sieben Kilometer, dachte ich mir. Und im Kopf bot ich ihm an, noch eine Ausgleichsrunde zu drehen, um die 161 Kilometer voll zu gekommen.
Und dann, nach 27 Kilometern auf meiner Uhr, stand da … ein VP. Ich war verdutzt und fragte, was das denn hier sei.
Blöde Frage, ich weiß, aber mir fiel einfach nichts anderes ein. Ein Verpflegungspunkt, ach so. Und welche Nummer? Die 7! Und ich dachte, ich wäre daran vorbei gelaufen. Die beiden Helfer dort schauten mich an, als würde ich fiebrig und wirr reden. Wie weit es noch wäre, wollte ich wissen und ich erhielt die Antwort, dass es wohl noch gut 11 Kilometer wären. Mit sechs Kilometern hatte ich noch gerechnet, eben mit 33 Kilometern vom VP6 aus.
Und dennoch war ich froh, das Auslassen des VPs nicht erklären zu müssen, nicht zu kurz gelaufen zu sein. Zum Dank verlief ich mich kurz vor Dettenhausen erneut. Ich lief eine S-Kurve wie im Oregon gezeigt, endete aber im Dorf und bemühte mich dort nach oben zu den Sportplätzen. Ich kam dann aus der falschen Richtung an, lief aber etwa 100 Meter parallel am Ziel vorbei wieder auf den richtigen Trail, um beim Zieleinlauf von der richtigen Seite zu kommen.
Für mich war der SUT der längste Lauf des Jahres gewesen. Nach den 123 Kilometern des TransGranCanaria kam ja nichts mehr. Und so hat der SUT doch ein wenig die verkorkste Sommersaison ausgeglichen und für einen läuferischen Höhepunkt gesorgt. Landschaftlich gab er nicht allzu viel her, vielleicht auch deshalb nicht, weil ich ja im Schwäbischen groß geworden bin. Mir fehlten halt die optischen Highlights, die Berge und schroffen Landschaften. Nur die Himbeeren und den Matsch werde ich auf jeden Fall in Erinnerung behalten, denn davon gab es mehr als genug.
Und mir wird in Erinnerung bleiben, wie emsig sich Andreas und sein Team um die 23 Läufer gekümmert haben. Sieben VPs, 160 Kilometer markieren, alles zumindest bis zur Akkuleerung via Racemap ins Internet stellen, Pastaparty und Übernachtung im Sportheim vorher und Starter- und Finishergeschenke hinterher, verblüffend viel gab es da.
Und so bleibt auch nur noch, Andreas und seinen vielen Helfern DANKE zu sagen, DANKE für diesen Lauf, für die Betreuung, für die vielen Stunden, die man sich da wegen uns um die Ohren gehauen hat und DANKE, dass ich durch den SUT wieder den Glauben an mich selbst wiedergefunden habe.

Viel lernen von den Vielers

Ich weiß, dass mancher schon lange auf eine kleine Geschichte wartet, die zu erzählen ich bei meinem eintägigen Gastspiel beim TransAlpineRun 2012 versprochen habe.
Dank der Einladung durch Uta Albrecht, der Racedirektorin des TAR, die immer um die Vielzahl der laufenden „Schäfchen“ bemüht ist, kam ich ja nach vier Jahren wieder in den Genuss, wenigstens einen Tag lang diese vielleicht am besten organisierte Strapaze über mich ergehen lassen zu dürfen. Ein echter Hochgenuss, nicht nur, weil das Team von Plan B dort Dinge macht, die wirklich bemerkenswert sind, Dinge, wie beispielsweise die Einrichtung des Rescue Teams, stahlharte Burschen, die ständig auf ihren Motocross-Motorrädern unterwegs sind und die Dich von überall herunter holen, wo auch immer Du Dich verletzen könntest, sondern auch, weil ich mich mit „Pferdesalbe“ umgeben durfte.
„Pferdesalbe“ in Form von zwei Mädels aus unserer engsten Familie. Aber von Betti Mecking und Susanne Alexi will ich ja heute gar nicht erzählen.

Es war eben auch mein Ziel, die beiden wieder zu treffen, die zwar manchmal TorTOURen planen, die sich aber selbst noch viel öfter TorTOURen stellen, bei denen jeder halbwegs durchschnittliche Ultraläufer neidvoll und bewundernd aufblickt. Dass es hier also um „die Vielers“ geht, iss klar, wa … und gerade Jens erhöht dann auch noch seine Taktfrequenz in diesem Bereich.
Nach dem vielleicht heißesten Rennen der Welt, nach Badwater, war jetzt der Spartathlon dran. Und alles schafft er scheinbar mühelos und stets in atemberaubender Geschwindigkeit.
Dabei schätze ich Julias Leistungen der letzten Monate sogar fast noch mehr. Von der Gelegenheitsläuferin suchte sie ihren Weg zur Ultraläuferin – und das in kürzester Zeit. Noch Mitte 2011 waren die 78 Kilometer des K78 SwissAlpine in Davos eine hohe Hürde für sie, die sie geduldig bewältigt hat. Die Schwelle von 100 Kilometern nahm sie dann nicht in Biel, sondern sie wählte dafür eine besonders schwere Variante. Der TransGranCanaria mit seinen harten 123 Kilometern war Anfang März ihre erste Strecke über eine dreistellige Laufdistanz. Man hätte es sich viel leichter machen können, viel leichter aber ist keine Option für eine Vieler.

Aber noch mehr als Julias Leistung bewundere ich, was die beiden Vielers zusammen machen. Und wie sie es zusammen machen. In Davos kümmerte sich Jens so liebevoll um Julia, die ihren ersten Lauf über die Marathondistanz machte. Er, der Schnelle, verbreitete keinerlei Anzeichen von Hektik oder Eile und nutze die Gunst der Situation, statt seiner Schuhe eben mal seine Fotokamera zu strapazieren.
Ich bin damals irgendwann auf die beiden aufgelaufen und durfte einige Minuten diese Ruhe und diese Entspanntheit genießen. Und da war es auch, wo ich zum ersten Mal hörte, dass sich die beiden für 2012 das gemeinsame Ziel TAR gesetzt haben.
Kann es etwas Schöneres geben, als sich seine gegenseitige Liebe mit so einem Gemeinschaftserlebnis zu zeigen?
Statt eines Blumenstraußes gibt es bei Vielers eben viel mehr: eine Startkarte für den TransAlpineRun 2012! Einfach himmlisch, diese Idee.

Und auch beim TransGranCanaria, der nächsten Trainingshürde für Julia, war Jens wieder tiefenentspannt. Ich konnte noch auf den ersten Kilometern im Sand mit ihm quatschen, normalerweise wäre et mir hier schon um Längen enteilt gewesen. Aber er war geduldig auf der Suche nach Fotomotiven, die er auch reichlich fand. Und auch im Ziel durfte ich wieder das Glück der beiden teilen und wieder dabei sein.

Und dann also der TAR. Und wieder durfte ich zusehen und begreifen, wie hier Liebe weiter wächst. Julia litt merklich unter den Strapazen, immerhin war es schon die sechste von acht Etappen. Das Laufen im Flachen fiel ihr sichtlich schwer und Jens versuchte stets, sie zu bremsen. Spätestens aber, wenn es wieder die Berge hoch ging, war Julia wieder ihre Schmerzen los und ich hatte Mühe, hinterher zu kommen. Und Jens war stets die Ruhe selbst.
Trotz der vielen Jahre, die ich die Vielers jetzt schon kenne, war ich froh, an diesem Tag auf dieser Etappe mal mehr von den beiden erfahren zu können als man das üblicherweise am Rande der einzelnen Laufevents sonst tun kann.

Und da gibt es für mich so vieles, was ich schon wusste und so vieles, was auch neu war für mich. Während viele in der Familie gerade in den Jahren, wenn die Laufgeschwindigkeiten langsamer und die Laufstrecken länger werden, nach neuen Lebensinhalten suchen und nach neuen Partnern, mit denen sie die diese neuen Inhalte teilen können, setzten die Vielers Tag für Tag neue Zeichen.
Ganz genau weiß ich nicht, wie lange die beiden schon zusammen sind und wie lange sie schon verheiratet sind, man munkelt aber, dass damals die Eiszeit noch nicht lange vorbei gewesen war. Cäsar noch regiert hat oder dass zumindest der Webstuhl noch nicht erfunden war. Und dennoch, großmütterlich und großväterlich wirken die beiden nun wirklich nicht. Und während die Aussicht, selbst irgendwann Opa zu werden, mich erschreckt und ängstigt, haben die beiden diese Situation für einen weiteren Schritt aufeinander zu genutzt.

„Meine Liebe ist tief und sie hält für ein ganzes Leben,“ habe ich mal auf einer Karte gelesen. Das gilt mit Sicherheit auch für die beiden. Jens schreibt über sein Spartathlon-Abenteuer:
„Jeder Meter und jede Sekunde waren es wert!“ Und damit meint er auch seine Beziehung zu Julia.
Und dann zeigt er ihr das nach acht schweren Etappen des TransAlpineRun 2012 mit einer ganz einfachen Geste. Er machte das, was jeder von uns ganz am Anfang der Ehe auch getan hat. Man trägt seine Partnerin über die Schwelle, die neues Glück verheißt …
Und 2013, wenn die beiden in Nepal den nächsten großen Schritt miteinander tun, darf ich dann auch wieder dabei sein und wieder viel lernen von den Vielers.
Danke, Julia und Jens, für dieses Beispiel!

Mein kleiner privater airanaCnarGsnarT

Vielleicht hatte ich meine Familie nur deshalb davon überzeugt, den diesjährigen Sommerurlaub erstmals auf Gran Canaria zu verbringen, weil ich den TransGranCanaria Ultra noch einmal laufen wollte. OK, dachte ich, Marokko wäre noch eine Alternative gewesen. Ein wenig durch die Sahara laufen, das Atlasgebirge unter meine Fußsohlen bringen – das hätte auch etwas Flair gehabt.

Aber Gran Canaria hatte für alle etwas.

Für meine Gabi, dass sie seit rund 38 Jahren (upps, ist sie denn schon so alt?) nicht mehr dort war und ihre eigene kleine Zeitreise machen konnte. Drei Mal war sie als junges Mädchen auf der Insel gewesen, zwei Mal davon noch mit ihrem leider viel zu früh verstorbenen Vater, einmal nur mit ihrer Mutter und ihrer Tante.
Die drei Hotelnamen von damals waren auch nach den vielen Jahren noch bei ihr präsent – und wir haben tatsächlich jedes dieser Hotels auch wiedergefunden. Manchmal bleibt die Zeit halt einfach stehen. Gabi erinnerte sich an die Büdchen am Strand, an denen ihr Vater am liebsten Langusten gegessen hatte und an viele weitere Kleinigkeiten, die sie für 10 Tage wieder viele Jahre zurück gebeamt haben.

Für unsere großen Kinder, dass dort viel Leben ist. Bergsteigen, Wassersport, Schwimmen, Paintball, Tennis und noch viel mehr ist auf so einer Insel möglich. Bisher hatten wir ja Touristenparadiese immer gemieden, dieses Mal aber wollten wir auch mal dabei sein, vor allem auch deshalb, weil der Urlaub ja auch ganz besonders kurz war. 10 Tage, was ist das schon?

Und für mich bot die Insel eben auch eine kleine Zeitreise, wenn auch nur zurück in die ersten Märztage. Den TransGranCanaria (TGC) noch einmal laufen, was für eine tolle Vorstellung. Während sich manche Anderen stundenlang am Swimmingpool krebsrot rösten lassen und am Abend in der Disco „Ringelpietz mit Anfassen“ spielen, kommt bei mir ein Urlaubsgefühl auf, wenn ich ganz alleine lange laufen darf, am liebsten durch die Nacht – dachte ich zumindest.

Und da passte es gar nicht, dass sich am Tag vor dem Abflug auf die Sonneninsel mein Rückenproblem weiter verschärft hatte! Der lange Lauf geriet in weite Ferne. In der Notfallklinik auf Gran Canaria, in die mich die Schmerzen getrieben hatten, hätte ich nicht gewagt, jemandem zu erzählen, dass ich vor nur viereinhalb Monaten tatsächlich einmal quer über die Insel gelaufen bin. Niemand hätte mir das dort zugetraut, wo schon der Weg vom Wartezimmer in das Sprechzimmer eine Herausforderung war.
Aber dann wurde es von Stunde zu Stunde besser und besser und nach insgesamt fast drei vollkommen lauffreien Wochen lief ich irgendwann das erste Mal wieder – fünf Kilometer über die Dünen von Maspalomas nach Playa des Inglés, immerhin. Mein kleiner privater TransGranCanaria Lauf rückte wieder näher, das Urlaubsende allerdings auch.
Die einzelnen Familieninteressen waren dann nicht anders zu koordinieren, als dass ich die Strecke anders herum laufen sollte, also von Las Palmas über den Pico  de las Nieves und über Maspalomas nach Playa des Inglés. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich mich während des Laufs versorgen sollte, vor allem die Flüssigkeitsaufnahme war ein Problem. Und ich hatte weniger Zeit als im März, weil wir für den Abend einen Tisch im schönsten Hotel von Maspalomas gebucht hatten, um den Urlaub standesgemäß ausklingen zu lassen.

Ich entschied mich also, mir auch die Möglichkeit einzuräumen, ein wenig abzukürzen. Hauptsache rauf auf den Berg und dann irgendwo wieder runter an die Küste, dachte ich. Und ich legte meinen Start auf 19 Uhr am Abend, sodass ich noch etwas Zeit im Hellen hatte und doch im Wesentlichen durch die Nacht laufen konnte, so wie ich es liebe.

Jeder, den Du fragst, sagt Dir, dassder TGC ein toller Lauf ist, nur die letzten 21 Kilometer sind doof. Ich aber dachte, dass diese Kilometerchen, zu Beginn und im Hellen gelaufen, vielleicht doch nicht so schlimm sind. Aber das war ein fataler Irrtum.
Ich freute mich zwar manchmal, dass die Strecke am Anfang näher an der Küste verlief als ich mir das in der Nacht gewahr wurde, aber die Gegend hinter Las Palmas blieb öde, die Ausblicke auf Autoschrottplätze unromantisch und die Strecke war auch im Hellen besehen schlecht. Lockere Steine lockern Deinen Willen, der Gestank in dem ausgetrockneten Flussbett war auch nicht in die Ferien gefahren, Du verläufst Dich ein Dutzend Mal, trotz des auf dem Garmin gespeicherten Tracks, und eines hatte ich nach dem Lauf total vergessen oder verdrängt. Aber das war auch noch da. Und das war sogar noch schlimmer und lauter als beim eigentlichen Event.
Während ich das schreibe, höre ich es auch noch, das Jaulen und das Bellen unzähliger Hunde, vor allem auf jenen letzten, für mich ersten 21 Kilometern. Mitten in der Nacht sind die Hunde wohl nicht so wach, am frühen Abend aber wirst Du verbellt, bis Dir die Ohren klingeln. Und nicht nur das.
Die Hunde zu hören ist nämlich das Eine, sie zu sehen ist das Andere. Und von diesen Anblicken hatte uns die laue Nacht im März verschont.

Das schöne Städtchen Teror auf 600 Metern über N.N., etwa auf dem halben Weg zwischen Las Palmas und dem Pico de las Nieves, auch der Platz eines Versorgungspunktes beim TGC.

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Die alte demokratische Forderung: „One House – one dog!“ gilt nicht in Spanien. Wie es bei uns hierzulande vielleicht starken Ohrkneiferbefall im Badezimmer gibt, sind dort die großen und kleinen Häuser von Hundemeuten regelrecht befallen. Und alle, alle bellen Dich aus, rennen an den Zaun, wedeln mit dem Schwanz oder fletschen die Zähne und bellen! Manche sind aber auch im Zwinger, andere stehen hoch über Dir auf Mauern und verbellen Dich von dort aus.
Und zwei Hunde, die ganz besonders wild und gefährlich aussahen, standen vielleicht 10 Meter neben mir. Und das Tor zum Hof war weit offen. Und mein Herz in der Hose.
Die beiden Hunde sahen mich, kläfften, bleckten die Zähne und rannten auf mich zu. Ich bekam richtige Angst, ein Umstand, der bei mir aber sehr leicht geht, weil ich Hunden nun wirklich nicht vertrauen kann und ich überlegte mir, wie ich meine Stöcke zur Selbstverteidigung einsetzen könnte.
Nach vielleicht drei, vier Metern wurden die Hunde dann jäh zurück gerissen. Es tat sogar mir körperlich weh, das anzusehen. Die Hunde waren angeleint, zum Glück, und das Ende der Kette war erreicht, meine Stöcke mussten keinen Nahkampf bestehen und ich schaute, nun ein wenig schneller von diesem Ort weg zu kommen.
Insgesamt müssen es wohl Hundert Hunde oder mehr gewesen sein, die sich gedacht haben, dass ich ein gutes Ziel und meine Angst ein netter Abendzeitvertreib wäre.

Ein einziges Mal konnte ich meinen Flüssigkeitsvorrat wieder auffüllen. Das war eben nach jenen 21 Kilometern, wo ich neben Wasser zum Auffüllen auch noch zwei Dosen eines EnergyDrinks kaufen konnte und wo beim TGC der Halbmarathon beginnt. Ich füllte meinen neuen Salomon S-Lab Rucksack wieder auf, das Teil, das ich eigentlich gar nicht mehr bekommen sollte, weil es ja bis Ende August ausverkauft ist. Aber nicht bei Rolli und seinem Laden „Wat läuft“, das jedes Läuferherz höher schlagen lässt. Er schickte mir sofort noch diesen 12 Liter Rucksack, der sich wirklich wie eine zweite Haut anschmiegt, ganz so, wie es die Werbung dafür versprochen hat. Was ich mir speziell für den SwissIronTrail gegönnt hatte, durfte jetzt also auf Gran Canaria eingeschwitzt werden.
Ein Mal ist aber nicht allzu viel, wenn auch die Nachttemperaturen noch sehr hoch sind und so begann ich gegen Mitternacht, meine Flüssigkeitsaufnahme zu reduzieren, damit ich in jedem Fall noch so viel Reserve gehabt hätte, um ein richtiges korperliches Problem zu lösen. Optimal aber ist das nicht.

Gelaufen bin ich mit nagelneuen und daher gut gedämpften Asics Gel Kayano, in der schicksten Farbe, die es so gibt: in strahlendem schwarz. Ganz neu ist dabei auch nicht optimal, aber die gute Dämpfung eines brandneuen Schuhs, sagte ich mir, kann nicht schlecht für meinen Rücken sein. Auch diese Schuhe hatte ich mir eigentlich für die Schweiz gekauft.

Außer den Hunden gibt es auf dieser kleinen Kanareninsel auch andere Tiere. Irgendwann mitten in der Nacht, ich war kurz unterhalb des Gipfels des Pico  de las Nieves, klingelte in der dunklen Nacht ein helles Glöckchen. Ich drehte mich um und schaute in vielleicht drei Dutzend leuchtende Augen, vermutlich von Schafen, die viel mehr Angst vor mir hatten wie ich vor den Hunden Stunden zuvor. Sie stoben auseinander und drei Dutzend Glöckchen spielten ein spontanes Nachtliedchen. Und ein Hund bellte aus der Ferne dazu, natürlich.
Irgendwo flog dann ein wahrscheinlich größerer Vogel im Dunklen auf und ich erschreckte mich. Immer wieder hörte ich Geräusche, die ich nicht zuordnen konnte und fragte mich, ob es auf Gran Canaria wilde Tiere gibt. Und neben allen Sorgen vor den wilden Tieren musst Du Dich auch noch um den Weg sorgen. Im Kegel Deines Kopflichts findest Du den Weg oft nicht, weil dort irgendwie alles so aussah, als wäre es der Weg. Und ich verlief mich – wieder und wieder.
Es begann, hell zu werden, als ich endlich ganz oben auf dem Dach der Insel war. Ich hatte mir Blasen gelaufen, war dehydriert, müde und demotiviert und so beschloss ich, wirklich „nur“ noch nach Ingenio abzusteigen, einem Örtchen kurz vor dem Flughafen, um mich dann dort abholen zu lassen. Da ich dann aber meiner Familie nicht erreichen konnte, ging ich weiter bis zu Flughafen, um dort einen Bus zum Faro von Maspalomas, zu dem Leuchtturm, zu besteigen. Es war dann für mich auch wirklich genug gewesen. Ich konnte dann noch schön schlafen, hatte noch etwas vom letzten Urlaubstag und das Abendessen war dann auch noch ein echter kleiner Traum.

Vielleicht waren meine ursprünglichen Ziele etwas hoch gesteckt, weil eine Strecke bei einem Event immer leichter und kürzer ist als sonst, weil Du versorgt wirst, motiviert wirst, mit Menschen quasseln kannst und auch, weil Dich der Läufer vor Dir immer ein wenig mitzieht.
Und vor dem Hundegebell hast Du auch weniger Angst, wenn Du nicht alleine bist.

Schön war mein kleiner privater airanaCnarGsnarT aber trotzdem.

Schnee auf dem Pico de las Nieves

Der 1949 Meter hohe Pico de las Nieves ist der höchste der Berge Gran Canarias, die Läufer vom Trans Gran Canaria (TGC) wissen das. Und sie wissen auch, dass dort, am höchsten Punkt der Insel und am höchsten Punkt des TGC, zahlreiche Menschen standen, die uns Läufer bejubelten, anfeuerten und heimlich bewunderten. Heute, als meine Familie und ich dorthin hochfuhren, lief niemand an den beiden kleinen Obelisken vorbei. Niemanden konnte ich versuchen zu motivieren, niemand lief schwitzend dort hinauf, hoffend, dass das Leiden in der heißen Sonne der Kanaren erst einmal vorbei ist.
Aber ich sah hinüber zum Roque Nublo, dem Wahrzeichen der Insel, dorthin, wo wir im März 2012 noch den kleinen Loop gelaufen sind und die Kletterer, die sich diesen Riesenfelsen zu besteigen vorgenommen haben, mit neidvollen Blicken beobachtet haben. Irgendwo zwischen diesem Kletterfelsen und der Inselhöhenspitze lag auch die Partie, wo wir nur dank der gespannten Fixseile weiter in die Höhe kamen.

Die große grüne Kugel auf der Bergspitze, mutmaßlich zur Beobachtung der Sterne gebaut, gehört zu einer militärischen Anlage, das wussten wir Läufer. Dass der Zugang dorthin aber unmöglich war, wussten wir nicht. Aber wir wussten auch vieles andere nicht von diesem Berg, dem Pico de las Nieves. Zum Beispiel hat uns niemand von den Schneegruben (spanisch Horadada – „Loch“) erzählt. Eine davon haben wir heute besucht. Sie war riesig und wir dachten, dass man, wenn man dort hinein fallen würde, niemals wieder ohne fremde Hilfe herauskommen könnte. Aber ein Sturz in diese Grube würde man wahrscheinlich sowieso nicht überleben, in diesem Fall ist die Sorge um das heraus klettern aus der Grube eher nebensächlich. Da gäbe es dann Menschen, die darauf spezialisiert wären. Aber das wäre Dir dann auch egal.
Man schrieb den 18. September 1699, als die Domherren des kanarischen Domkapitels beschlossen, eine Grube zur Aufbewahrung des im Winter gefallenen Schnees zu graben.
Diese Grube, die sich auf einer Höhe von 1.910 Metern befindet, wurde gemeinsam mit einer anderen im Jahr 1694 angelegten, nur 300 Meter entfernten, genutzt.

Ich staunte nicht schlecht. Selbst oben auf dem Berg in fast 2.000 Metern Höhe war es noch brütend heiß und da hat man – Schnee gesammelt? Irgendwie klingt das schon ein wenig verrückt, aber die Geschichte um die beiden Schneegruben ist so noch nicht zu Ende erzählt. Immerhin wurden diese Schneegruben dann irgendwann vollkommen vergessen und erst die Forschungen und die Doktorarbeit von Dr. Salvador Miranda Calderin ließen die Gruben wieder auferstehen. Er suchte sie, legte sie frei und übergab sie der Öffentlichkeit zur Besichtigung.

Der Doktorarbeit von Dr. Salvador Miranda Calderin zufolge kamen die Einwohner von San Mateo, Cueva Grande, La Bodeguilla und anderen Ortschaften aus dem Bergvorland zur Schneegrube, wenn es schneite. Ein von den Geistlichen des Domkapitels ernannter Vorarbeiter organisierte die Arbeit und die Versorgung. Das Sammeln, Verdichten und Isolieren des Schnees dauerte im Durchschnitt fünf Tage lang.
Die Arbeiter sammelten in der Umgebung den Schnee und beförderten ihn in Weidenkörben zur Grube, wo ihn die Facharbeiter, die sogenannten „Stampfer“, mit Hilfe einer Handramme in Formen verdichteten.
Im Inneren der Grube wurden die Formstücke in Reihen aufgeschichtet, jedes durch eine dicke Schicht Stroh voneinander getrennt. Im 18. Jahrhundert führten diese Arbeiten im Durchschnitt 26 Arbeiter und 10 „Stampfer“ aus.
Um den niedrigen Temperaturen standhalten zu können, bestand das tägliche Menü aus gepökeltem Fleisch, Gofio (Mehl aus geröstetem Mais), Brot aus Weizenmehl und Käse.
All dies wurde großzügig mit einem hochprozentigen Wein begossen. Es handelte sich um eine hypokalorische Ernährung. Die Nahrungsmittel kamen auf dem Rücken von Lasttieren aus San Mateo oder sogar Las Palmas de Gran Canaria.

Im Sommer wurde der Schnee dann abermals kompaktiert und wurde dann in Formen auf den Rücken der Lasttiere bis zum Eisspeicher hinter der Kathedrale gebracht.

Unglaublich, finde ich, aber was tut man nicht alles für ein kühles Bier im heißen Sommer!

Diese Schneegruben wurden dann Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr genutzt und gerieten in vollkommene Vergessenheit. Die Schneegrube, die wir besichtigten, war dann bis zum Februar 1998 verschüttet. Vergessen, verschüttet, verwaist.

Der Forscher Dr. Salvador Miranda Calderin machte sie schließlich ausfindig, indem er den Beschreibungen der Engländerin Olivia Stone aus dem Jahre 1887 folgte.

Olivia Stone hatte 1883 aus die Grube besichtigt und beschrieb sie damals so:

“ Die Grube besteht aus einer weiß getünchten Wand, unten lagern einige mit Stroh bedeckte Schneeblöcke, zu denen man durch eine an der Seite befindlichen Treppe gelangt.
das Dach aus Ziegeln auf Pfosten bedeckt die Grube, an jedem Ende gibt es Türen, die zeigen, dass die Grube verschlossen werden kann.“

Nach dem Wiederfinden der Grube leitete Dr. Salvador Miranda Calderin 1999 die von der Umweltschutzbehörde des Inselrats Gran Canarias begonnene Restaurierung. Im Rahmen der Freilegung der Grube wurden Steine der eingefallenen Mauern und Dachziegel gefunden. Mit der zu Tage geförderten Erde wurde ein kleiner Aussichtspunkt errichtet.

Wir jedenfalls waren alle von der Idee und der Dimension der Schneegrube fasziniert.

Hier auf Gran Canaria zu sein ist sowieso etwas ganz Besonderes. Gestern sind Pascal und ich den umgekehrten Weg über den Strand gelaufen, an dem der TGC startete. Pascal kürzte die Strecke zwischen dem Leuchtturm in Maspalomas und dem Ausstieg in Playa des Inglés ein wenig ab, indem er den direkten, geraden Weg durch die Dünen lief, ich folgte im Wesentlichen der Strecke am Strand. Trotz erheblich besserer Laufbedingungen für mich war Pascal schon geduscht, als ich in unserer Bungalowanlage eintraf.

Vor einigen Tagen, als mir mein Rücken noch zu schaffen machte und ich so langsam war, dass ich nicht einmal mit einer Zweijährigen, die, von ihren Eltern begleitet, vor mir ging, mithalten konnte, gingen wir zum berühmten Roque Nublo, dem Wahrzeichen der Insel, auch wieder ein Teilstück des TGC, das wir in umgekehrter Richtung begingen. Schon auf der Fahrt dort hoch und dann bei der Wanderung erklärte ich meiner Familie wahrscheinlich öfters, als die das hören wollten, wo genau der TGC entlang ging.
Aber ich sah immer wieder die Strecke, die Kreuzungen, an denen wir entlang gingen und da musste das einfach immer wieder aus mir raus.
Schön, dass meine Familie meine Mitteilsamkeit klaglos über sich ergehen ließ.
Danke, dass man so viel Geduld mit mir und Verständnis für mich hatte.

Heute morgen in Maspalomas tat ich auch noch etwas, was ich mich bei der Wanderung, bei der ich so langsam war, dass ich höchstens als Elendshaufen durchgegangen wäre, noch nicht getraut hatte. Ich zog meine TGC Finisherweste an und wir schauten uns den trockenen Flusslauf an, durch den man nach dem Abbiegen am Faro von Maspalomas in die Berge kam.
Die TGC Läufer unter uns werden sich an diese Fotos erinnern, auch wenn wir diese Passagen nur in tiefster Nacht erlebt haben:
Wie im März war der Fluss trocken, die Luft aber war viel heißer als damals. Und wenn ich in der Nacht im März überhaupt nicht realisiert habe, dass neben dem Strand die wunderschönen und gigantischen Dünen von Playa des Inglés liegen und wie manche Gegend, die wir im Dunklen durchstreift haben, im Hellen aussieht, dann konnte ich das alles in diesem Urlaub nachholen.

Den Roque Nublo aber sahen wir auch damals im gleißend heißen Tageslicht – und er sieht so schön aus! Da müssen wir Läufer alle, Du und ich, noch einmal hin, vielleicht zum Trans Gran Canaria 2013?

Bad decisions make good stories …

Der 106,7 K lange Mallorca Ultra Trail Tramuntana war eigentlich schon nach vier Tagen ausgebucht und so hatte ich meine erhoffte Teilnahme schon lange abgehakt. Erst eine Mail eines Freundes, der mich darüber informiert hat, dass ich mich doch noch nachmelden könne, erlaubte mir, nach dem TransGranCanaria nun auch noch als Inselhopper die schöne Baleareninsel Mallorca läuferisch zu durchqueren.

Auf Mallorca waren meine Gabi und ich erst ein Mal. Und das ist schon weit über 20 Jahre her. Und ich erinnerte mich an so gut wie nichts mehr. Schon gar nicht an die Serra de  Tramuntana (kastilisch: Sierra de Tramuntana), die Gebirgskette im Nordwesten Mallorcas. Hätte ich es getan, dann wäre meine Vorfreude auf diesen Lauf wahrscheinlich noch viel größer gewesen als sie sowieso war, denn diese Gebirgskette hat dem Gebirge von GranCanaria eines voraus: Meeresblick allerorten, denn sie verläuft eben parallel zur Küste. Und was ist schöner, als von oben herab auf das Meer zu sehen? Schöner, als Gebirgsseen und Gebirgsstauseen zu erleben und stets das Blau des Meeres im Hintergrund zu haben?

Meine Gabi und ich wollten uns also auf Mallorca ein schönes und langes Wochenende machen und hatten die Chance, bei Mario Schönherr und seinem Wörthersee Trail Team beim Trail Maniac Camp ein paar Tage dabei zu sein. In netter Gesellschaft, mit netten anderen Läufern ist doch jedes Laufevent und jeder Kurzurlaub noch schöner. Ein wenig abseits war das Hotel zwar, aber es war relativ nahe dem Ziel und eine Busstunde von Palma entfernt. Aber das Hotel war groß und sauber und direkt am Strand gelegen, das Buffet bot für uns Vegetarier ausreichend Alternativen und es gab WLan wenigstens im Restaurant und an der Bar.

Die Teilnehmer und die Organisatoren, aber auch der begnadet schnelle Traillauf-Trainer Thomas Bosnjak wuchsen uns schnell ans Herz. Ich hatte nie das Gefühl, nicht dazu zu gehören, nur, weil wir nur ein Drittel der Camp-Zeit anwesend sein konnten. Manche der Teilnehmer waren sogar zwei Wochen lang Trail Maniac, die anderen immerhin eine Woche lang. Sie sind zusammen durch die Büsche gerannt, haben sich gemeinsam die Schienbeine zerkratzt und hatten alle eine richtig gute Zeit.
Und die war nicht nur schön, sie war auch sehr erfolgreich.

Thomas lief zwar am Ende als Einziger die lange Distanz, die er als Gesamtzweiter bewältigte. Nur der mallorcasiegerprobte Miquel kam an ihm vorbei. Die anderen liefen alle die 67K Kurzstrecke, wenn man 67K als kurz bezeichnen darf. Und dort räumten sie ordentlich ab. Platz 1 und Platz 3 bei den Ladies auf den Spuren von Trailschnittchen Julia Böttger, ein Platz 1 bei den Senioren Herren in der Altersklasse … da muss etwas passiert sein mit den Läufern, dort, auf den Wegen rund ums Hotel, getrieben von den Tipps und Tricks des B’jac Thomas.
Die meisten werde ich ja am Rennsteig wiedersehen und vor allem bei den Damen werde ich genau nachsehen, wie die sich in diesem großen Teilnehmerfeld dann schlagen werden.

„Bad decisions make good stories“ habe ich diesen Artikel betitelt. Was für schlechte Entscheidungen?
Oh ja, diese schlechten Entscheidungen gab es bei diesem Lauf zuhauf.

Bad decision number 1

Die erste falsche Entscheidung habe ich aus einer falschen und verklärten Erinnerung an den TransAlpineRun 2008 getroffen. Damals bin ich mit einem großen Beckengurt gelaufen und das war so schön. Der Rücken war frei, alles war leicht erreichbar, alles war perfekt. In der Erinnerung. Aber so vieles in der Erinnerung scheint gut, was erst durch den Filter guten Willens und beginnender Senilität betrachtet wird.
Um es deutlich zu sagen: Beckengurte sind wie Leggings! Vielleicht war das mal modern und gut, objektiv betrachtet hat die deutsche Geschichte eines gezeigt: Leggings und Beckengurte sind Scheiße!
Ich bemerkte meinen Fehler schon nach wenigen Metern. Wenn Du den Taschenteil auf dem Hintern trägst, dann schlägt er dauernd hoch und runter, Laufen ist kaum möglich. Wenn Du den Taschenteil aber nach vorne drehst, was ich auch beim TransAlpineRun 2008 getan habe, dann schlägst Du permanent mit den Oberschenkeln von unten auf die Wasserflaschen. Zweifellos ist das noch etwas besser als das Herumgewackele, aber ich hätte viel darum gegeben, in diesem Moment den Rucksack dabei gehabt zu haben, der sich an diesem Tag im Hotelzimmer eine Auszeit gönnen durfte.

Bad decision number 2

Beim RheinBurgenWeg-Lauf habe ich bewusst auf die Stöcke verzichtet, um auch mal wieder Hügel ohne Stöcke zu laufen. Zudem tat ich mir so viel leichter, Didi Beiderbeck zu führen. Es war aber kein Wettkampf, keine Eile, wir gingen nicht ans Limit und es war auch nicht heiß. Beim Ultra Trail Tramuntana auf die Stöcke verzichten war ein großer Fehler, den ich stundenlang bereuhen durfte.
Warum in aller Welt hatte ich die Dinger im Koffer hin- und her transportiert, wenn ich sie dann doch nicht verwenden wollte?
Vielleicht hat mich die Hitze, der Strand und die Gruppendynamik an klaren Gedanken mangeln lassen. Mein Rat an Dich, vor allem aber an mich: 4.300 Höhenmeter machst Du mit Stöcken! Und zwar immer!

Bad decision number 3

Meine Gabi hat früher unseren Kindern im Urlaub immer eingeschärft: „Iss nie Eis in südlichen Ländern!“ Und das hat seinen Grund. Wenn das Stromnetz instabil ist – und das ist sogar im hochtechnisierten Deutschland gelegentlich der Fall – dann bleibt auch mal die Kühlung aus. Und das kann, vor allem bei heißen Außentemperaturen, zum Problem werden. Irgendwann laufen die Eistüten dann unter Umständen auch ganz von alleine.
Aber ich wollte ja nicht hören. Und wer nicht hören kann muss fühlen. Und ich fühlte mich schon während des Laufs nicht wirklich gut. Das OREO-Eis vom Vortag war zwar süß, extrem süß sogar, aber es hat mir mehr geschadet als genutzt.
Ich wollte ja, dass es rein geht in meinen Körper, das Eis aber wollte raus. Und zwar so schnell wie möglich. Und da war dem Eis der Weg über den Darm zu weit oder zu langsam und so wählte das Eis die Abkürzung über den Weg, über den es auch in den Körper hinein gelangt war. Unterstützt von einem leichten Sonnenstich zwang es mich irgendwo im Tal zwischen der letzten Verpflegung in Lluc und dem Ziel in Polenca gleich vier Mal dazu, mich zu übergeben.
Neben einem nicht gerade ansprechenden Anblick sorgte das auch für eine kleine zusätzliche Pause, aber danach ging es mir dann sukzessive wieder besser.
Also gibt es beim nächsten Mal im Süden kein Eis mehr, schon gar nicht am Tag vor einem Wettkampf, außer es gäbe neben der Altersklassenwertung auch eine eigene Wertung für Reiher. Ob man dort dann vielleicht eine gute Platzierung erreichen könnte?

Bad decision number 4

Vieles war ähnlich auf Mallorca wie beim TransGranCanaria. Es war fast genauso heiß, fast genauso staubig, ich war fast genauso frustriert und ich haderte fast genauso mit der Verpflegung. Nein, auf Mallorca haderte ich sogar erheblich mehr mit der Verpflegung als auf GranCanaria, vor allem die flüssige Verpflegung ließ doch manchen Wunsch offen.
Es gab stilles Wasser, das immer wärmer wurde und immer ekliger schmeckte. Das Iso-Getränk, das ausgeschenkt wurde, war vollkommen ungenießbar und die warme Billigcolabrühe, die es gab unterstützte eher den Würgereiz als das ich Lust darauf bekommen hätte. In einem Dorf, in Soller, lief ich an einem Bistro vorbei. Da musste ich rein und ich gönnte mir zwei Flaschen eiskalte leckere Coca Cola. Ich war im Himmel, zumindest für ein paar Minuten.
Ansonsten trank ich, aber ich trank definitiv zu wenig. Zu wenig für die lange Strecke, zu wenig für die Hitze, zu wenig für die viele direkte Sonneneinstrahlung. Und auch das war eine definitiv falsche Entscheidung.
Der Körper wurde also heißer und heißer, der Blutdruck stieg und als ich dann den höchsten Punkt erklommen hatte, begann das rechte Nasenloch zu bluten. Fast sturzbachähnlich strömte es aus mir heraus und es wollte nicht mehr aufhören. Ich legte mich ins Gras und versuchte, den Nacken zu kühlen. Ein vorbei laufender Spanier sagte mir, dass das die falsche Taktik sei. Nach vorne beugen, meinte er. Das Blut muss raus. Und dann hört es auch von ganz alleine wieder auf.
Ich versuchte es mal so, mal so, nahm die Taschentücher eines Mitläufers dankbar an und ging mit gebremstem Tempo und an die Nase gedrücktem Taschentuch weiter, als das Bluten schwächer wurde.
In Lluc ging ich zuerst zur Ambulanz-Station. Die vier Mediziner waren froh, endlich mal Besuch zu haben und hatten nicht vor, mich so schnell wieder gehen zu lassen. Anstatt mir schnell etwas gegen die Blutungen zu geben wurde erst einmal ausgiebig der Blutdruck gemessen. Der war ihnen dann wohl zu hoch.
Anschließend wurden die vier Zahlen auf meiner Garmin-Uhr bewundert.

So lange bist Du schon unterwegs?
Wann bist Du denn dann gestartet?
Und das ist Deine durchschnittliche Geschwindigkeit? Uiuiui …
Und so weit bist Du schon gelaufen? Ich fühlte mich wie im falschen Film und ich fragte mich, ob die nicht wissen, auf welcher Veranstaltung sie hier Dienst schieben.

Aber mein Puls machte ihnen doch Sorgen. 242, unverändert. Du musst wissen, dass die vier Ambulanz-Mediziner nur ein sehr schlechtes Englisch sprachen und nun war es meine Aufgabe, denen zu erklären, dass die vierte Zahl auf dem Display nicht der Puls ist, sondern „the altitude“, die Höhe über NormalNull. Bei Bergläufen brauche ich diesen Wert, um meine Kraft einzuteilen und auch, um mich kurz vor den Gipfeln neu zu motivieren.
Es hat ein Weilchen gedauert, bis der Groschen beim medizinischen Personal fiel und die Besorgnis um mich abnahm. Dann bekam ich mit auf den Weg, mich jetzt 30 Minuten hinzulegen und zu pausieren, danach wieder zu kommen. Dann würde erneut der Blutdruck gemessen und dann würden die vier entscheiden, ob ich weiterlaufen dürfe.
Ich war nett und sagte artig zu, verließ dann aber eiligst die Station, ging noch etwas essen und trinken und machte mich auf den Weg, weg von den fantastischen Vier von der Medizin-Tankstelle. Aber ich sagte mir auch, dass ich den Kreislauf unten halten sollte und begab mich auf Wanderschaft. Die meisten anderen allerdings wanderten zu diesem Zeitpunkt auch nur noch und wenn das Eis nicht mitten auf dem Wanderabschnitt hätte meinen Körper verlassen wollen, wäre wohl alles OK gewesen.

Die letzten vier, fünf Kilometer ging ich dann mit Jacqueline, mit „Jacky“. Und wir liefen sogar wieder, immerhin. Ohne Eis im Körper ging es mir von Minute zu Minute wieder besser und wir wollten dann einfach nur noch drin sein, heim in den Stall, wo ihr Ehemann aus Yorkshire und meine Gabi auf uns warteten.
Und es warteten auch wunderschöne Finisher-Jacken, aber das habe ich erst kurz vor dem Abflug von Lars Schläger und Hans Würl erfahren, mit denen wir noch eine Stadtbesichtigung von Palma vor dem Abflug nach Hause machten.

Bad decision number 5

Ich dachte noch, dass es sehr schade ist, dass es weder ein Finisher-Shirt noch eine Medaille im Ziel von Polenca gibt und die Entscheidung, im Ziel nicht nach Finisher-Geschenken zu suchen, war die letzte der falschen Entscheidungen.
Nun habe ich die Veranstalter angeschrieben und ganz lieb nach der Finisher-Jacke gefragt. Eine Antwort habe ich bisher noch nicht bekommen, aber ich hoffe noch …

Quer und hoch durch das 17. deutsche Bundesland …

Und wieder geht es quer über eine Insel. Der „Ultra Mallorca Serra de Tramuntana“ von Andratx nach Pollença über immerhin 105 km ist gespickt mit vielen positiven und negativen Höhenmetern. Wie das in etwa aussieht, siehst Du oben. Lecker, nicht … ?

Wie diese Anstiege laufbar sein werden weiß ich nicht.
Wie heiß es auf Mallorca werden wird weiß ich auch nicht.
Ich weiß aber, dass ich mich auf diesen Kurzurlaub fast noch mehr freue wie auf den TransGranCanaria.

Wieder ist es ein „Familientreffen“, aber dieses Mal kommen zu den unzähligen lieben Ultraläufer-Freunden etwas dazu:
Mario Schönherr, natürlich auch ein Bürger des glücklichen Facebook-Landes, veranstaltet mit seinem „Wörthersee Trail Team“ das von X-BIONIC unterstützte „X-BIONIC Wörthersee TRAIL-MANIAK Running Camp Mallorca“ und meine Gabi und ich werden von morgen, Mittwochabend, an im gleichen Hotel wohnen und so vielleicht noch den einen oder anderen Meter mit den Campern mitlaufen können.
Auf jeden Fall können wir mit den Mädels und Jungs zum Start des „Ultra Mallorca Serra de Tramuntana“ mitfahren – eine Sorge weniger.
Und ich freue mich, Mario endlich auch im RL (real life) kennen zu lernen.
Wir hatten uns schon für den Start des „Trail du Petit Ballon d’Alsace“ vereinbart, dort aber konnten wir uns im Getümmel nicht ausmachen. Jetzt ist dafür genug Zeit.
Ich hoffe, dass ich von Mallorca aus mehr Informationen posten kann wie vom JUNUT, aber von dort aus gab es ja genug Facebook-Land Bewohner, die die Facebook-Nation mit Informationen über diesen Ultralauf gefüttert hatten.

Jetzt, denke ich, bin ich dran.