Ein 5.000 Meter Lauf mit reichlich Anlauf…

Ich neige dazu, Geschichten von hinten nach vorne zu erzählen, also mit dem Finish zu beginnen. Das stimmt. Und nicht immer ist das richtig, aber bei meinem Wochenendlauf ist das ein „MUSS“.

Wenn Du um 8.20 Uhr nach einer kühlen und nebligen langen Nacht im Ziel einläufst und Dir ein großes Bettlaken entgegen gehalten wird, auf dem steht: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ und Du in diesem Moment vor Glück zu zerspringen drohst, dankbar, aber auch ein wenig verschämt wegen dieses Empfangs bist, wenn Du Dich umsiehst und viele Menschen entdeckst, die alle es wert sind, Freunde genannt zu werden, dann weißt Du, dass es diese Situation zweifellos verdient hat, als erstes genannt zu werden.

Oft habe ich mich schon gefragt, ob es die einzig denkbare Art ist, Hunderte von Kilometern durch die Gegend zu fahren oder sogar zu fliegen, um dann 42 Kilometer und 195 Meter weit zu laufen. Und ich habe manchmal spöttisch festgestellt, dass die Rolltreppe, die zum Fitness-Studio im ersten Stock führt, eigentlich nicht notwendig wäre.
In einem Buch eines amerikanischen Autors über die Merkwürdigkeiten des amerikanischen Lebens habe ich von einer Frau gelesen, die die nur rund 400 Meter von zu Hause bis ins Fitness-Studio mit dem Auto zurücklegt, um dann dort im Studio aufs Laufband zu steigen und zu laufen. Als der Autor sie fragte, warum sie das Auto nehmen würde, da antwortete die agile Lady souverän: “Weil sonst der Kilometer, den ich laufen würde, umsonst wäre. Ich kann den ja dann nicht in mein Trainigs-Tagebuch eintragen!“ Stimmt doch, irgendwie.
Andererseits gibt es auch beeindruckende Beispiele wie der unbekannte Läufer beim „Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul, der mit dem Fahrrad zum Wettkampf gekommen ist, um dann, nach 24 Stunden Treppen auf- und ab gehen, damit auch wieder nach Hause zu radeln.
Oder „Trailschnittchen“ Julia Böttger. Sie wollte am UTMB in Chamonix teilnehmen und beschloss, die rund 814 Kilometer vom oberbayrischen Hinterriss ins französische Chamonix über die Alpen zu laufen und dabei rund 42.400 Höhenmeter zu bewältigen.


Es waren diese Beispiele, die mir durch den Kopf gegangen sind, als ich überlegt habe, was ich in Ratingen-Breitscheid denn laufe. Durch ein paar DNFs wäre Breitscheid mein „Marathon und länger“ (MuL) Nummer 99 gewesen, der Münster-Marathon meine Nummer 100, aber das motivierte mich nicht ausreichend. Der 24-h Lauf in Breitscheid ist eine Benefiz-Veranstaltung und da sieht man vieles eher locker. Nichts für Bestwerte, nichts für Bestzeiten. Aber eben etwas von Freunden für Freunde.

Mir kam dann ganz plötzlich die Idee, dort hin zu laufen. Bis Köln kenne ich die Strecke gut, in Köln denke ich an den KÖLNPFAD, wo ich mich an den Kölner Ford-Werken in der Nacht verlaufen habe, zwischen Köln und Ratingen aber gibt es nur die Autobahn für mich. Das sollte sich ändern, dachte ich und druckte mir den Reiseweg von map24.de aus. Die gewählte Option war „Fußgänger“ und ich kam auf erst auf rund 93 Kilometer (Ratingen) und dann auf rund 99 Kilometer (Breitscheid, Mintarder Weg). Perfekt, dachte ich.

Mit den Nachtläufen hatte ich ja so meine Probleme in der letzten Zeit. Beim Elbelauf von Dresden nach Hamburg war ich in der ersten Nacht indisponiert und in den nächsten Nächten „schwächelte“ Hauke König ein wenig, einmal wegen des Verlaufens im Stoppelfeld und einmal, weil es einfach nicht gepasst hatte.
Beim PTL war die erste Nacht ja nach dem Spätstart um 22 Uhr relativ kurz, das ist ja noch verhältnismäßig einfach, und in den beiden nächsten Nächten hatte ich ja 3 Stunden bzw. 2 ¼ Stunden geschlafen. Ich wollte aber mal wieder die Nacht durchlaufen.

Als ich die Idee bei FACEBOOK gepostet habe, ärgerte ich mich schon schnell darüber, weil es nicht unbemerkt blieb. Und wenn es bemerkt wird, dann entsteht ein gewisser Druck und das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil es mich zwingt, ein wenig das Weichei-Dasein zu verlassen und aus der Wohlfühlzone zu fliehen, schlecht, weil ich dann unter Zugzwang bin. Also laufen, schön parallel mit den Breitscheidern, Start war also am Freitag um 18.00 Uhr, pünktlich.

Mein GARMIN-Ührchen aber wollte 14 Minuten lang nicht mit mir spielen und weigerte sich, die Satelliten zu finden. Ich lief also vielleicht zweieinhalb Kilometer, bis GARMIN-Ührchen sich erbarmte und für mich da war.
Ich hatte mich seit langem wieder einmal für ein ERIMA Outfit entschieden, auch, weil ich in der kurzen X-BIONIC-Hose bei der TorTOUR de Ruhr und beim PTL das hübsche Spiel „TOM und der böse Wolf“ gespielt hatte. Das führte bei der TTdR230 dazu, dass zwei ältere Herren, mutmaßlich Menschen mit einem erhöhten Maß an Schamgefühl, mich verbal attackierten, weil ich die Hose dann so weit nach unten gezogen hatte, dass zwar die Schmerzen weg waren, dafür war aber der obere Teil meines Hinterns zu sehen. Um es kurz zu machen: die beiden Herren fanden das sehr anstößig.
Also ERIMA und einen kleinen Camelback mit 2 Litern Wasser, ein paar Riegel, wenige Salztabletten und etwas Magnesium. Und natürlich meine geliebte Petzl-Stirnlampe mit drei Ersatzbatterien, Größe AA, man weiß ja nie, wie lange die alten noch halten.
Aber leider ist meine Petzl seit dem PTL verschwunden. Trotz intensiver Suche ist sie nicht mehr aufzufinden und ich frage mich, ob ich sie im letzten Nachtlager habe liegen lassen. Ich erinnere mich nicht mehr, ich weiß nur noch, dass ich sie dort abgenommen und zu meinen Sachen gelegt hatte. Von da an war alles hell, nur in meinem Oberstübchen bleibt es diesbezüglich eher dunkel.
Also habe ich schnell umdisponiert und eine andere Stirnlampe eingepackt. Die Nacht wird ja lang und dunkel.

Meine Motivation war schon kurz hinter Wesseling am Boden und ich fragte mich, was mich wohl getrieben hat, eine so doofe Idee zu verfolgen. Menschen bewegen sich seit Jahrtausenden vernünftigerweise in Autos, warum tue ich das nicht? Dabei war die Strecke wirklich schön, immer den Rhein entlang, hübsche Häuser auf der linken Seite, ein ziemlich voller Rhein auf der rechten Seite. Für die, die mitdenken, sei gesagt: Ja, ich lief auf der „richtigen“ Rheinseite!
Bei Köln-Sürth und Köln-Rodenkirchen wurde es noch schlimmer, die Nacht brach herein, die Ersatz-Stirnlampe funzelte vor sich hin und die Muskeln schmerzten. Und ich fragte mich, wie ich jemals in meinem Leben wieder einen Marathon bestreiten könne, wenn ich jetzt hier, bei diesem niedrigen Lauftempo, schon Muskelprobleme hätte. Zudem schmerzte das linke Knie, leider laboriere ich schon ein paar Monate mit diesem Problem.
In Köln wurde ich dann von einem schnellen Läufer überholt, der aber ein paar Minuten später japsend und hechelnd am Wegesrand stand. Ich sprach mit ihm und nahm ihn mit. Es war ein nettes Gespräch mit einem, der auf seinen 2. Marathon hin trainiert und der – natürlich – den Köln-Marathon vor Augen hat.
Und wir liefen gemeinsam durch Köln-Mitte an den Kranhäusern vorbei, wir passierten das ehemalige Stollwerck Schokoladenmuseum, das jetzt aber das Lindt Schokoladenmuseum ist.
Nach dem Verlust der Köln-Arena geht mit dem Stollwerck Museum wieder ein Stück Heimat weg. Eine Schande ist das …


Und wir sahen die Absperrungen für den KÖLN 226 Triathlon am nächsten Tag und Dutzende von Motorhomes, in denen die Triathleten nächtigten. Ganz bestimmt wäre es schön gewesen, einfach zu bleiben und am nächsten Tag dort zuzuschauen.
Mich aber hat dieser gemeinsame Laufabschnitt wieder richtig motiviert. Wenn Du das Gefühl hast, etwas weitergeben zu können, jungen Läufern eine Ahnung geben zu können, was es heißt, etwas anderes zu laufen als flache Straßen, wie es schmeckt, gesunde Bergluft zu atmen, wie viel Spaß es macht, Kühe wegzuscheuchen und auf hohen Gipfeln zu schwitzen, dann fühlst Du Dich schnell wieder besser.


Als ich wieder alleine war, beschloss ich, an der Mülheimer Brücke auf die „schäl Sick“ zu wechseln, um den Wegen bei den Ford-Werken zu entgehen. Es war ein Fehler, obwohl ich bis kurz vor Leverkusen dort fantastische neue Luxuswohnungen gesehen habe und edle gediegene Alt-Villen.
Ich sah immer seltener das Fahrradweg-Zeichen und landete in einem Teil, das eigentlich für „nicht Befugte“ verboten war. Irgendetwas von Wasserbehörde stand da, aber ich hatte einfach keine Lust, zurück zu gehen und den richtigen Weg zu suchen. Am Ende traf ich dann doch noch auf den normalen Weg, aber ich hatte viel Zeit verloren.

Kurz bevor ich auf dem Damm wieder den richtigen Radweg betreten konnte, wurde es gefährlich. Da stand ein Schild, das darauf hinwies, dass es keinen Winterdienst gäbe und dass das Begehen des Dammes auf eigene Verantwortung stattfinden würde. Auf eigene Verantwortung? Das hatte ich ja noch nie gemacht. Immer ist doch irgendjemand für mich verantwortlich. Aber das war es nicht, was mich störte. Mir fiel auf, dass gerade eben meine Ersatz-Stirnlampe ausgegangen war.
Aber ich hatte Glück, es war eine Bank genau zur rechten Zeit da, ich hatte die Ersatzbatterien –  was willst Du mehr, TOM?

Leider hatte ich erst die Ersatzbatterien eingepackt und wollte dann die Petzl-Stirnlampe dazu packen. Als ich die nicht finden konnte und umdisponierte, dachte ich aber nicht mehr an die Ersatzbatterien. Und die Batterien der Ersatz-Stirnlampe waren kleiner, Größe AAA. Du kannst machen, was Du willst, Du bekommst die großen AA Batterien da einfach nicht rein.
Ich habe dann den Strahler ausgeschaltet und eine kleine LED eingeschaltet, weil die nur wenig Strom braucht. Dafür war noch ein wenig Reserve da, aber die Nacht wurde fortan deutlich dunkler und ich durfte mir den Satz ins Stammbuch schreiben, dass Ersatzbatterien alleine nicht glücklich machen, es sollten schon die richtigen sein!

Und so ging es weiter, bis ich den Rhein auf der linken Seite hatte und den langen Zaun der BAYER-Werke auf der rechten Seite, ganz lang weiter.
Dann aber endete der immer schlechter werdende Weg im Rhein, einfach so.

Ich hätte nie gedacht, dass das BAYER-Gelände doch so groß ist! Wenn Du fast das ganze Gelände zurück laufen musst, dann das Gelände in der Breite abläufst und dann irgendwann das Gelände auf der anderen Seite erneut abtrabst, dann weißt Du, dass dort sehr viele Menschen arbeiten müssen.
Meine Probleme waren dann aber noch nicht vorbei. Die Beschilderung war miserabel, oft hattest Du an einer Kreuzung zwei Fahrradweg-Zeichen, eines nach rechts, eines geradeaus. Dann denkst Du Dir, dass Du durchaus siehst, dass das Fahrradwege sind, aber wohin führen die?
Und wenn dann mal eine Beschilderung nach Ortschaften vorhanden war, dann steht da nicht „Langenfeld“ oder „Hilden“, sondern „Leverkusen-Hitdorf“, „Leverkusen-Opladen“ und andere Teilorte Leverkusens, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.
Wie genau war denn noch einmal die Aufreihung der Teilorte Leverkusens gewesen?

Ich lief wohl kreuz und quer in dieser Zeit und deshalb beschloss ich, dem Rhein „Lebewohl“ zu sagen und dem ausgedruckten Plan zu folgen, den ich dabei hatte. Aber ich war ganz woanders und musste erst einmal einen Punkt finden, der auf der Liste verzeichnet war. Zwei „Red Bull“ Dosen halfen mir durch die erste Hälfte der Nacht, zudem leerte ich eine große Flasche Apfelschorle. Der Kioskbesitzer, ein Perser, war nett und füllte sogar meinen Camelback mit frischem Wasser. Später dann half mir ein ganzer Liter „Take Off“, auch so ein Energy-Drink, durch die zweite Nachthälfte.

Wenn Du um 2.00 Uhr, 3.00 Uhr oder 4.00 Uhr auf der Straße jemanden etwas fragst, dann realisierst Du, dass zu dieser Zeit jeder betrunken ist. Bei unseren Nachtläufen fällt das kaum auf, weil die Menschen um Dich herum auch Läufer sind, die Wege markiert sind und die Zaungäste nur klatschen. Reden tust Du mit denen ja nie. Aber hier war das vollkommen anders. Ich musste wissen, wie ich nach Langenfeld komme, nach Hilden, nach Ratingen und nach Breitscheid.
Wenn die Gefragten noch lallen konnten, dann war ich einigermaßen zufrieden, die Antworten aber waren meist sehr dürftig. Und während ein Russe mich in Russisch zutextete und seine Freundin halb verständlich versuchte, das alles zu übersetzen, was ihr aber nicht gelang, war eine Gruppe von vielleicht 8 oder 10 jungen Leuten in Langenfeld, die auf einer Empore saßen, schon kreativer. Der erste hielt mir eine Whiskey-Flasche vor die Nase und fragte mich, ob ich etwas Whiskey haben wolle, der zweite empfahl mir „Berentzen musst Du trinken!“ und ich weiß nicht, welche Angebote ich noch bekommen hätte, wenn ich das alles nicht unterbrochen hätte.
Manche bezeichneten mich als Alien, wahrscheinlich wegen der Stirnlampe, andere als Schneemann und einer fragte mich verwundert, ob ich den Lauf „als Sport“ machen würde. Ich denke, er war in Sorge, ich könnte antworten, dass ich mir das Busticket durch die Nacht nicht leisten könne.

Dem Gefragten in Ratingen war meine Frage, wie ich von Ratingen denn nach Ratingen-Breitscheid kommen würde, einfach noch zu früh am Morgen und die Frau, die ich danach ansprach, sagte, dass „da vorne links“ der Busbahnhof sei und dort solle ich den Bus nehmen.
Dort, es war dann der Ostbahnhof, habe ich einen Taxifahrer nach dem Weg gefragt, den er mir zuerst gar nicht und dann falsch erklärte. Zudem bemerkte er: „Das ist aber weit! Mindestens 10 Kilometer!“ Aber ich wollte nun wirklich nicht Taxi fahren und obwohl er mir zwei Kreuzungen weit folgte, verirrte ich mich nicht in sein Taxi. Irgendwann gab er entnervt auf und ließ mich weiter ziehen, zum Glück gab es dann irgendwann einen detaillieren Stadtplan von Ratingen, an den ich mich halten konnte.

Gerade war ich auf der Mülheimer Straße aus Ratingen heraus gelaufen, rief mich Susanne Alexi an, um nachzufragen, wo ich denn bliebe. Ich hatte ja gesagt, dass ich um 8 Uhr beim gemeinsamen Frühstück vor Ort sein wolle. Sie gab mich dann weiter an Stefan, der mir den weiteren Weg erklärte. Also erst nach Breitscheid herein bis zum Kreisverkehr mit den beiden Tankstellen und dann noch einen Kilometer bis zu einer skurrilen modernen Kirche, die als rote Pyramide ausgebildet war. Dort hat Stefan mich abgeholt und ist als Radbegleitung mit mir den letzten Kilometer durch das Wohngebiet geradelt.

Dort, auf dem Sportplatz von Breitscheid, gab es dann den „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ Empfang, Frühstück, nette Gespräche und ein Nickerchen für mich. Lust auf einen Marathon, Lust auf meine „Nummer 99“, hatte ich aber nicht mehr.

Als die Sonne dann wärmte, lief ich mit Susanne Alexi und Joachim Siller eine 5.000 Meter „Ehrenrunde“, eine Runde, für die ich wirklich reichlich Anlauf genommen hatte.

Und da waren noch die Gespräche mit Sigi Bullig, der mich nicht nur mit einem Altbier verwöhnte, sondern mir auch einen Schlafsack um die Schultern legte, weil er sah, wie sehr ich fror und die mit Bernd Nuss, mit dem ich über seinen Geburtstagslauf „Rund um den Seilersee“ geredet habe, über den heftigen Regen in der damaligen Nacht, über Jeffrey Norris, den ich dort zum ersten Mal gesehen habe und über Gott und die Welt, eben über all das, was uns Läufer vereint.

Und wieder wurde mir klar, dass wir Ultra-Läufer nie alleine sind und nie alleine laufen: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“

Danke, lieber Bernd Krayer, liebe Susanne Alexi, liebe Breitscheider Freunde, für diese Nacht, für diesen Tag.

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Die kleine Vorsilbe „Ultra“

Jens Vieler hatte gleich doppelt Unrecht:

in seiner letzten Mail vor der TorTOUR de Ruhr (TTdR230) schrieb er, der Lauf sei etwas wie ein Kindergeburtstag, es gäbe „alle paar Meter eine Pause“.

Das war der Moment, in dem ich überlegte, ob ich mich beim falschen Bewerb angemeldet habe. Und ich begann, die Ausschreibung erneut zu lesen.
Sollte es doch ein Lauf über 23,0 Kilometer sein und ich habe irgendwo das Komma übersehen? So etwas passiert ja leicht, dachte ich mir, aber ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, dass die Ruhr so kurz sein und gleichzeitig einer ganzen Region ihren Namen aufdrücken könne.

Aber Jens hatte Unrecht. Die TorTOUR de Ruhr war wahrlich kein Kindergeburtstag, die Liste derer, die aussteigen mussten, belegt das eindringlich.

Alle paar Meter eine Pause?


Gut, die erste Verpflegungsstelle lag etwa bei km 30, also hinter einer Strecke, die selbst passionierte Normalläufer nie oder nur selten erreichen. Ich meine hier die Läufer, die zwei, drei Mal die Woche eine Strecke zwischen sechs und zwölf Kilometern zurücklegen und für die der Halbmarathon noch eine lange Einheit ist.

Und die zweite Verpflegungsstelle lag dann beim Start der TTdR160 bei km 73, also war dahin rund eine Marathon-Entfernung zu laufen. Ein Marathon, eben mal so zwischen zwei Verpflegungspunkten!
Der Marathon ist immerhin die Krönung für fast jeden Läufer. So viele träumen davon, einmal im Leben einen Marathon zu schaffen, andere laufen regelmäßig diese Distanz. Aber nur sehr wenige laufen diese Distanz, um von einem Verpflegungspunkt zum nächsten zu kommen.

Beim Thema Marathon frage ich mich ja immer, woher die These stammt, dass man nicht mehr als zwei Marathons im Jahr laufen dürfe, alles andere sei schädlich für die Gesundheit. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass der Marathon nur der Anfang ist. Die kleine Vorsilbe „Ultra“ ist es, die mich so fasziniert. Aber nur extrem wenige Marathonis schmücken sich mit eben dieser kleinen Vorsilbe „Ultra“. Alleine die Vorstellung, auch nur einen einzigen Meter über die Marathon-Distanz hinaus zu laufen, löst meist Abscheu, Angst oder Verwunderung aus und häufig muss ich meinen Gesprächspartnern die Handys abnehmen, wenn wir auf meine langen Läufe zu sprechen kommen.
Das passiert dann genau in dem Moment, wenn diese Gesprächspartner das örtliche Zentrum für die psychologische Betreuung „geistig Verwirrter“ anzurufen versuchen.
Diese Marathon-Entfernung zwischen zwei Verpflegungspunkten läuft bei Jens noch unter „Kindergeburtstag“?!

Im Ernst stellte ich mir die Frage, ob seine Kinder bei ihren Kindergeburtstagen ähnliche Bedingungen vorfanden. „Kaiser, wie viele Kilometer gibst Du mir?“ könnte eins der Kinderspiele gewesen sein. Oder das berühmte Eierlaufen. Du läufst mit einem Ei auf einem Löffel 42,195 Kilometer entlang, der Löffel steckt im Mund und wer das bis ins Ziel schafft, der darf dann zurücklaufen, um beim Topfschlagen teilzunehmen. War so „Happy Birthday“ bei den Vielers?


Schauen wir uns mal die Liste der Aussteiger an, hoch engagierte Ultraläufer der Spitzenklasse sind da dabei und ganz ehrlich: als ich mich das erste Mal verlaufen hatte, wäre ich fast auch dabei gewesen. Nur Susanne Alexi und Florian Bechtel, die ihren Fahrrad-Guide Raimund Slabon ausgeschickt hatten, mich zu finden und auf den rechten Weg zurück zu führen, haben das verhindert.
Das hat so gut getan, zu wissen, dass sich andere Sorgen um Dich machen … also musst Du weiter und darfst Dich nicht eintragen in die Liste derer, die noch einen schönen Sonntag haben wollten.

Ausgestiegen sind Tom Wolter-Roessler, Martin Raulff, Jörg Eberling, Dirk Vinzelberg, Mattin Becker und Sarah Hreczkun, alle wohl schon vor der 100km-Marke, Tom Kuschel, Angela Ngamkam, Martin „Tasso“ Schöer und Ralph Dietz noch vor der 180km-Marke und nach der 180km-Marke erwischte es zuletzt noch Hauke König, Günther Bruhn und HUPSI (Dirk Przybyllok).
Als Hauke aussteigen musste, drückte er mich und sagte: „Du musst mir eines versprechen: finishe das Ding bitte!“
Kann man so einen Auftrag unerledigt lassen?

Es war also kein Kindergeburtstag, sondern richtig harte Arbeit und vor allem die Kilometer von vielleicht 140 bis etwa 180 waren lang, quälend lang.


Ich kam so schlecht durch die Nacht wie noch nie und daher habe ich am Sonntag drei Mal eine Parkbank aufgesucht, um wenigstens einen Kurzschlaf zu nehmen. Das tat ich immer dann, wenn mit beim Laufen immer wieder die Augen zufielen, mein Kopf hin und her wackelte und ich nicht mehr in der Lage war, mich klar zu artikulieren. Ich nuschelte, ich lispelte, ich redete Unsinn in diesen Momenten.
Wer mich näher kennt, der weiß, dass ich das öfters tue, aber ich rede eben sonst anderen Unsinn als dort bei der TorTOUR.

Warum ich so schlecht durch die Nacht kam, glaube ich heute zu wissen.
Natürlich hatte ich in der Nacht zuvor einfach zu wenig geschlafen, der Tag war hektisch und arbeitsreich gewesen und nach dem Wecker um 4:30 Uhr am Samstag früh haben meine Frau Gabi und ich uns noch um die letzten Versorgungsdetails gekümmert. Aber sicher war auch ein Grund, weil wir so langsam gelaufen, eigentlich fast ausschließlich gegangen sind.
Der Puls bleibt niedrig, die Ausschüttung von Adrenalin und Wasweißichfür-in’s ist reduziert, das Schlafbedürfnis steigt.
Wie auch immer, viele haben am Sonntagvormittag geglaubt, dass ich den Mittag nicht mehr als TorTOURist erleben würde.

Der zweite Punkt, in dem Jens Vieler sich geirrt hat, war folgender:
für jeden der vielen Teilnehmer hat Jens eine kleine, individuelle „Hymne“ geschrieben, eine wohlwollende Vorstellung, damit die Webseiten-Besucher wissen, was die einzelnen TorTOURisten so gelaufen haben und was sie noch vorhaben.

Meine Hymne ging so:

Falsch, Jens, absolut falsch. Was Jens meinte ist, dass ich bei km 178 Neuland bei Nonstop-Läufen betrete. Zwar dauerte der UTMB für mich noch länger als die TorTOUR de Ruhr, aber er hat „nur“ bescheidene 166 km, der KÖLNPFAD mit seinen 171 km in knapp 24 Stunden ist auch ein eher „kurzer“ Lauf und mein bisher längster Nonstop-Lauf, die 24-h Lauf der DLV Challenge in Delmenhorst im Juni 2009 brachte eben jene knapp 180 km, genau 177,520 km.
Ab dann zählte es also wirklich.

Die Oberschenkel waren seit langem verhärtet, aber ab etwa km 185 begann ein kleines Wunder. Ich konnte und ich wollte wieder laufen. Ich lief dann zwar nur noch eine 8er Zeit, weiter bekam ich die Beine nicht mehr auseinander, aber immer noch schneller als das Gehen der vergangenen Stunden, trotz meiner Schnelligkeit beim Gehen.
Nach der letzten Verpflegung bei der dem alten Herrn Hans Jansen konnte ich sogar wieder eine 7er Zeit laufen. Ob mich der alte Herr dazu animiert hat?

Herr Jansen bewachte die letzte Verpflegungsstation, weil die offizielle Betreuung zusammen gepackt hatte. Also wurde die Verpflegung ein paar Häuser weiter auf einen Campingtisch vor das Haus der Jansens verlegt. Das Angebot war immer noch üppig und Susanne Alexi, ihr Trupp und ich genossen noch diese letzten Kalorien. Dabei sollten wir das Alter von dem alten Herrn Jansen schätzen. Aber auf wie alt schätzt man einen alten Mann?
Ohne Höflichkeitsfloskeln hätte ich ihn auf mindestens Ende 70 geschätzt, mit einem Höflichkeitsbonus jedoch ging er auch für 72 durch, fand ich.
„Ich werde in drei Wochen 90 Jahre alt,“ sagte er stolz zu mir und ergänzte, dass er auch ein Läufer gewesen sei, allerdings ein Kurzstreckenläufer, damals 1936.

Wer jetzt glaubte, von Schulrekord bei den damaligen Bundesjugendspielen zu hören, der sah sich getäuscht. „11,1 Sekunden bin ich damals auf die 100 Meter gelaufen!“  Jesse Owens, der damalige Goldmedaillengewinner, lief mit 10,2 Sekunden nur knapp eine Sekunde schneller.
Ich muss zugeben, ich war beeindruckt. Und diese 15 oder 20 Jahre, die er jünger aussah als er war, verdanke er dem Sport, sagte er.
90 Jahre alt, kein Stock, auf den er sich stützen musste, vollkommen gerade auf den Beinen und klar im Kopf – so will ich auch das hohe Alter erreichen. Wenn ich da an die vielen auf lebenserhaltende Geräte angewiesenen bettlägerigen Achtzigjährigen denke, dann hätte ich in diesem Moment auf die Knie fallen und „Halleluja!“ rufen sollen.
Und ich hätte ihn nach den Kindern Renate und Burkhard fragen sollen und danach, wie stolz er auf die beiden sein muss. Renate ist Marathonläuferin und eine der Hauptorganisatorinnen beim 24-h Lauf des TuS Breitscheid und Burkhard ist einer der erfahrensten Marathonis des TuS Breitscheid und zurzeit auf Pilgertour auf dem Jakobsweg.
Oder ich hätte nach Frau Jansen fragen sollen, die ebenso gesund aussah, aufrecht ging und mit liebevollem Stolz auf ihren Mann hinter ihm stand. Vielleicht war sie auch eine große Sportlerin gewesen, dachte ich, aber ich traute mich nicht, danach zu fragen. Was für eine sportliche Familie …

Wenn die TorTOUR de Ruhr also für etwas gut war, dann dafür, mir mal wieder zu zeigen, dass wir alle es zum guten Teil in der Hand haben, zu entscheiden, wie wir alt werden wollen. Und wenn es uns gelingt, das so hinzubekommen wie die die Jansens, dann hat sich jeder Meter laufen, jede Minute Sport, jede Anstrengung gelohnt …