The Hidden Run …

… hidden: verheimlicht, hintergründig, versteckt, verborgen, unsichtbar, heimlich, verdeckt. Es gibt viele deutsche Übersetzungen für dieses englische Wort, das mich so angezogen hat, als ich es zum ersten Mal las.
„Es gibt noch 30 Plätze für den HiddenRun!“ stand da auf meinem Twitter-Account. HiddenRun?

Und so googelte ich und surfte, bis ich die notwendigen Informationen zusammengetragen hatte. Der HiddenRun wird vom Orga-Team des Köln-Marathons ausgerichtet, fand nun zum neunten Mal statt und alles klingt nach einer interessanten und skurrilen Alternative zu den normalen Läufen, die mich meist nicht mehr wirklich motivieren.

Schon die Beschreibung des ersten HiddenRun klang gut und machte Lust auf „mehr“:

Der Ford Köln Marathon veranstaltete am 8. April 2006 gemeinsam mit Germanwings, dem Flughafen KölnBonn und Hauptausrüster PUMA den ersten Überraschungslauf auf „verbotener Strecke“. Weltrekord im ‚Speed Boarding‘.

Es begann mit einem Geheimnis und endete mit einem Weltrekord. Es durfte spekuliert werden. Es durfte geraten werden. Gelüftet wurde das Geheimnis aber erst auf der Fahrt zum Start des 1. Hiddenrun am 8. April 2006. Für 50 Läuferinnen und Läufer organisierten die Veranstalter des Ford Köln Marathon einen Lauf der besonderen Art, unvergesslich, unvergleichlich und nicht wiederholbar.

Nur an einem bestimmten Tag konnte sich die exklusive Gruppe für den „Lauf ins Ungewisse“ anmelden. Und die Plätze waren innerhalb kürzester Zeit vergeben. „Wir waren selbst überrascht über den enormen Zulauf“, sagt Dr. Michael Rosenbaum, Geschäftsführer bei der Köln Marathon GmbH, „man konnte förmlich zusehen, wie die Anmeldungen im Sekundenrhythmus eingingen. Leider mussten wir die Anzahl aufgrund der strengen Sicherheitsbestimmungen aber beschränken.“

Entsprechend motiviert kamen die „Hidden Runners“ zum vereinbarten Treffpunkt, von wo aus sie ein Bus der Kölner Verkehrsbetriebe zum Start am Köln-Bonner Flughafen transportierte. Nach Fototermin, gründlichem Sicherheits-Check und Weiterfahrt in einem Flughafenbus mit Security-Begleitung entlang eines Rundweges um das Flughafengelände ging es schließlich los. In zügigem Tempo machte sich die kleine Läufergruppe, digital festgehalten von drei Fotografen, auf die 10,3 Kilometer lange Strecke.

Im Ziel dann die nächste Überraschung: Freundliche Stewardessen und ein Airbus 319 der Günstig-Airline Germanwings erwarteten die vom Wind zersausten Sportlerinnen und Sportler mit einer Erfrischung. Doch wer geglaubt hatte, jetzt sei alles vorbei, der wurde schnell eines besseren belehrt: Es galt nämlich noch einen Weltrekord aufzustellen – und eine neue Disziplin, das „Speed Boarding“, zu kreieren. Anlaufen, einsteigen, hinsetzen, anschnallen, Karte hochhalten – in 44 Sekunden! „Ein Fall für Gottschalk“, glaubt Christof Müller, einer der Teilnehmer, der bei einer weiteren Optimierung des Weltrekordsversuchs gerne behilflich sein möchte. Genau wie alle anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des ersten HiddenRun, die im Anschluss an den Lauf noch vom Flughafen KölnBonn auf das eine oder andere kühle Kölsch samt Brezel eingeladen wurden und eine Überraschungstasche überreicht bekamen.

„Das war von Anfang an aufregend, geheimnisvoll und super organisiert“, so Christof Müller. „Von der Anmeldung über das Sicherheitsprocedere und natürlich den Lauf selbst bis hin zum Weltrekord – eine tolle Veranstaltung und ein echtes Lauferlebnis. Beim nächsten Mal wäre ich gerne wieder dabei. Und beim offiziellen Weltrekord natürlich auch!“

Der zweite HiddenRun führte dann ins streng geheime Testgelände von Ford in Lommel (Belgien). Bis zu 35%-ige Steigungen gab es beim Lauf, ein Berglauf-Wettbewerb und die Durchquerung des Hochgeschwindigkeitsovals, echte Highlights, die Du als Läufer sonst nicht erleben darfst.

Beim dritten HiddenRun war die französische Hauptstadt Paris das Ziel der kleinen Läufertruppe.

In zwei Gruppen wurden die Läuferinnen und Läufer danach „auf die Straße geschickt“ – zu der vielleicht sportlichsten Sightseeing-Tour der Welt: Eiffelturm, Trocadéro, Arc de Triomphe, Champs Elyssées, vorbei an den Nobelboutiquen der Avenue George V, zur Place de la Concorde, durch die Tuilerien und den Louvre und im Eilschritt über die Seine, zur Universität und zum Fototermin vor Notre Dame. Eine kleine unfreiwillige Walkeinlage zwang die athletischen Reisenden – bezeichnenderweise am Invalidendom, wo Rennen verboten ist – dann aber doch zu einer „aktiven Regenerationsphase“ bei stark vermindertem Tempo. Im Schlusssprint erreichten die erschöpften aber glücklichen „HiddenRunners“ wieder den wartenden Bus am Eiffelturm.

Am Centre Pompidou, wo sich die Gruppe schließlich in öffentlichen Duschen wieder stadtfein machen wollte, war man angesichts der plötzlichen Übermacht an verschwitzten Leibern offensichtlich verwirrt. Aber schließlich konnten doch noch alle die direkten Folgen der körperlichen Anstrengung loswerden und sich vor dem Rückflug im Germanwings-Flieger im Restaurant „Le Marathon“ im berühmten Quartier Latin stärken.

Und so ging es weiter, zur „Piazza Metallica“, dem Start und Zielpunkt im Landschaftspark Duisburg Nord, wo fünf der Teilnehmer sich sogar im Hochseilgarten aus schwindelerregender Höhe abseilen durften, anschließend ging es durch die Innenstadt von Brüssel und der 6. HiddenRun führte die Läufer nach Luxembourg zum „verstoppte Laaf“, wo es unter anderem auch durch den genau 980 Meter langen alten Atomschutztunnel ging, der das Pfaffenthal mit dem Petrustal verbindet, 65 Meter unter der Erde liegend.
Danach folgten 21 Kilometer „Vienna SightJOGGING“ und eine Stadtrundfahrt durch die beeindruckende österreichische Metropole Wien, die vielleicht zu Recht meine Lieblingsstadt in Mitteleuropa ist.
Der letzte HiddenRun, von dem ich lesen konnte, fand am Bodensee statt. Der Flug nach Friedrichshafen, der Bus nach Lindau, ein kleiner Aufwärmlauf über die Deutsch-Österreichische Grenze und dann der eigentliche Start an der Pfänder Talstation in Bregenz. Es folgte ein Berglauf mit 700 Höhenmetern, der ganz oben einen atemberaubenden Blick auf das Bergpanorama und den Bodensee bot. Danach ging es weitere 12 Laufkilometer durch eine herrliche Landschaft Richtung Rucksteig bei Möggers, eine abschließende warme Dusche, gefolgt von einem anschließenden Sonnenbad auf einer Bergwiese und ein Mittagessen in der seit 124 Jahren dort ansässigen Käserei Bantel.
Dieser 8. HiddenRun war wohl der beste Lauf auf geheimer Strecke überhaupt, ein echter Urlaubstag voller Highlights.
Und alle bisherigen HiddenRuns zählten zwischen 50 und 65 Teilnehmern, eine kleine und überschaubare Gruppe.

Bei diesen Beschreibungen der letzten HiddenRuns erwachsen natürlich Erwartungen. Und diese Erwartungen waren auch der Grund dafür, dass ich sofort buchte und die 99 EUR für den 9. HiddenRun überwies. „Da musst Du dabei sein,“ dachte ich mir. Es war eine grobe Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte.

Nach Wien, Brüssel, Paris und Luxembourg nun also: Nümbrecht.
Nach Atomtunnel, Hochgeschwindigkeitsoval und Berglauf nun also: Schnitzeljagd.

Ich weiß nicht, ob es die Legalisierung von Marihuana in Köln war, die die Planer so abstürzen ließ oder einfach die plumpe Gier nach Geld, aber das, was da angeboten wurde, grenzte schon deutlich an das, was landläufig „Frechheit“ genannt wird.
Aus einer kleinen und persönlichen Truppen wurde ein vier Busse starkter Tross von 160 Läufern, die, in zehn Gruppen aufgeteilt, zur Hälfte im Süden und zur Hälfte im Norden Nümbrechts ausgesetzt wurden.
Die einzelnen Gruppen erhielten jeweils eine Beschreibung, wie wir sie als Achtjährige bei unseren Schnitzeljagd-Abenden bekommen hatten. Anhand dieser Wegbeschreibungen mussten wir den Weg zum Ziel finden. Um das Erlebnis aber abzurunden und auch, um unseren Verstand etwas zu beleben, wurden je Team insgesamt 7 Fragen gestellt, die an 7 unterschiedlichen Punkten beantwortet werden mussten.

Die Wegbeschreibung war dabei durchaus verwirrend. Wer kommt denn schon darauf, dass er nach links abbiegen muss, wenn da steht: „Nach 360 Metern biegst Du dahin ab, wo der Daumen rechts ist.“
Und auch die Fragen waren kompliziert und überaus knifflig. Ohne genaue Ortskenntnisse von Nümbrecht und der näheren Umgebung würdest Du wohl nie diese Frage beantworten können: „Bei mir bekommst Du kein Geld, dennoch bin ich eine …. !“
Bemerkst Du, wie wichtig ein gut ausgebildeter einheimischer Guide gewesen wäre?

Zum Glück allerdings liefen wir in den 2 Stunden und 15 Minuten, auf den 14 langen Kilometern durch die kühle Nümbrechter Nacht immer wieder auf den gleichen Wegen, um einen Golfplatz herum, kreuz und quer durch den Wald und weil die anderen vier Gruppen, die ebenfalls im Süden Nümbrechts ausgesetzt wurden, nur wenige Meter nach uns frei gelassen wurden, trafst Du oder sahst Du im Minutentakt wenigstens eine der anderen Gruppen. Wenn Du permanent auf den gleichen Wegen unterwegs bist und alle Kopflichter tragen, dann begreift man spätestens nach einer Stunde, dass die sich bewegende Kette von fünfzehn Kopflichtern wahrscheinlich auch dieses Mal keine Gruppe nachtblinder Rehkitze mit Stirnlampen, sondern eben wieder Läufer sind. Und wenn die stehen bleiben, dann weißt Du, wo das nächste Zwischenziel ist, bei dem Du die schwierige Frage nach der Nummer des Golflochs beantworten musst, das sich neben diesem Zwischenziel verbirgt.

Um es kurz zu machen: wenn Du 160 Menschen in vier Busse steckst, sie in die Metropole Nümbrecht karrst, sie zwei Stunden auf langweiligen Feldwegen unterwegs sein lässt, dann ist das für die Erwartungshaltung, die erzeugt wurde, eindeutig zu wenig. Dafür muss dann schon eine der anderen Bedeutungen des englischen Wortes „hidden“ herhalten: verborgen.
Dieser 9. HiddenRun hat es verdient, verborgen zu bleiben und wenn die Macher des Laufs aus ihrer Trance wieder aufwachen, dann werden sie es sicher auch so sehen.

Dass diese Nacht für mich dennoch nicht zum vollkommenen Frust-Erlebnis wurde, dafür sorgte Klaus Adelmann. Ich traf ihn zufällig vor dem vierten Bus und blieb an seiner Seite bis zum Ende der Veranstaltung. Klaus ist nicht nur ein total netter Kerl und ein unermüdlicher Marathoni, er gibt auch den „RunME.de Laufkalender“ im Internet heraus, zudem ist er einer der Blogger des Frubiase SPORT Blogs, in dem auch meine Lauffreunde Hauke König und Volker Schillings schreiben, in dem Thomas Ehmke und Carsten A. Mattejiet bloggenderweise unterwegs sind und dessen Macher dankenswerterweise und überaus erfolgreich die Promotion für „Haukes irren Lauf“ von Dresden nach Hamburg übernommen haben.

Ich habe Klaus zum letzten Mal vor fast genau einem Jahr getroffen, beim Einlauf in die Stadt Baden-Baden am Ende des Eisweinlaufs von Offenburg nach Baden-Baden. Es ist immer schön, mit ihm zu reden. Er erzählt interessant und hat teilweise einen Blick hinter die Kulissen des Laufsports, der mich sehr interessiert. Und er ist auch ein Süddeutscher, der zurzeit zwischen Freiburg und Würzburg pendelt. Auch das verbindet.

Ob Klaus mit dem HiddenRun ähnlich unzufrieden war wie ich, weiß ich nicht, ich weiß aber, dass für ihn diese Nacht besonders kurz werden würde. Während ich, nachdem ich um 3.00 Uhr frühmorgens zu Hause war, lange ausschlafen konnte, musste er schon früh wieder raus, um einen Freund in Frankfurt abzuholen. Beide wollten dann nach Hahn, um schon am frühen Vormittag nach Palermo zu fliegen.
Der Marathon in Palermo wird die Erinnerungen von Klaus an diesen HiddenRun wahrscheinlich verblassen lassen. Und das ist auch gut so.

Oder dachten die Macher dieses Laufs, dass wir alle direkt danach nach Sizilien fliegen würden, um dort zu laufen? Vielleicht war das sogar ein Teil des Laufs, ich habe es nur leider nicht bemerkt und die Party zu früh verlassen …

Der Ford Köln Marathon veranstaltete am 8. April 2006 gemeinsam mit Germanwings, dem Flughafen KölnBonn und Hauptausrüster PUMA den ersten Überraschungslauf auf „verbotener Strecke“. Weltrekord im ‚Speed Boarding‘.

Köln, 10. April 2006. Es begann mit einem Geheimnis und endete mit einem Weltrekord. Es durfte spekuliert werden. Es durfte geraten werden. Gelüftet wurde das Geheimnis aber erst auf der Fahrt zum Start des 1. Hiddenrun am 8. April 2006. Für 50 Läuferinnen und Läufer organisierten die Veranstalter des Ford Köln Marathon einen Lauf der besonderen Art, unvergesslich, unvergleichlich und nicht wiederholbar.

Nur an einem bestimmten Tag konnte sich die exklusive Gruppe für den „Lauf ins Ungewisse“ anmelden. Und die Plätze waren innerhalb kürzester Zeit vergeben. „Wir waren selbst überrascht über den enormen Zulauf“, sagt Dr. Michael Rosenbaum, Geschäftsführer bei der Köln Marathon GmbH, „man konnte förmlich zusehen, wie die Anmeldungen im Sekundenrhythmus eingingen. Leider mussten wir die Anzahl aufgrund der strengen Sicherheitsbestimmungen aber beschränken.“

Entsprechend motiviert kamen die „Hidden Runners“ zum vereinbarten Treffpunkt, von wo aus sie ein Bus der Kölner Verkehrsbetriebe zum Start am Köln-Bonner Flughafen transportierte. Nach Fototermin, gründlichem Sicherheits-Check und Weiterfahrt in einem Flughafenbus mit Security-Begleitung entlang eines Rundweges um das Flughafengelände ging es schließlich los. In zügigem Tempo machte sich die kleine Läufergruppe, digital festgehalten von drei Fotografen, auf die 10,3 Kilometer lange Strecke.

Im Ziel dann die nächste Überraschung: Freundliche Stewardessen und ein Airbus 319 der Günstig-Airline Germanwings erwarteten die vom Wind zersausten Sportlerinnen und Sportler mit einer Erfrischung. Doch wer geglaubt hatte, jetzt sei alles vorbei, der wurde schnell eines besseren belehrt: Es galt nämlich noch einen Weltrekord aufzustellen – und eine neue Disziplin, das „Speed Boarding“, zu kreieren. Anlaufen, einsteigen, hinsetzen, anschnallen, Karte hochhalten – in 44 Sekunden! „Ein Fall für Gottschalk“, glaubt Christof Müller, einer der Teilnehmer, der bei einer weiteren Optimierung des Weltrekordsversuchs gerne behilflich sein möchte. Genau wie alle anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des ersten HiddenRun, die im Anschluss an den Lauf noch vom Flughafen KölnBonn auf das eine oder andere kühle Kölsch samt Brezel eingeladen wurden und eine Überraschungstasche überreicht bekamen.

„Das war von Anfang an aufregend, geheimnisvoll und super organisiert“, so Christof Müller. „Von der Anmeldung über das Sicherheitsprocedere und natürlich den Lauf selbst bis hin zum Weltrekord – eine tolle Veranstaltung und ein echtes Lauferlebnis. Beim nächsten Mal wäre ich gerne wieder dabei. Und beim offiziellen Weltrekord natürlich auch!“

Was Du schon immer mal wissen wolltest …

… über den Trail des Canyon du Verdon.
Die „abartige“ Strecke, wie Dr. Alfred Witting sie genannt hatte, die Strecke, die mich pyschisch derart belastet hat, dass ich in dem schönen Örtchen Moustiers Sainte Marie der Einladung des deutschen Pensionärs und seiner finnischen Frau gefolgt bin und die Wasserflaschen gegen zwei, drei Glas herrlich trockenen und fruchtigen französischen Weißwein getauscht habe, ist es wert, einmal näher betrachtet zu werden.


Warum bin ich ausgestiegen? Auf diesem Foto (alle Aufnahmen stammen von Volker Schillings) sah ich doch noch richtig gut aus und der kleine Anstieg war auch noch nicht repräsentativ für die gesamte Strecke. Aber Du kannst schon gut die Markierungen sehen, das rot-weiße Band, das uns Kilometer für Kilometer weiter geführt hat. Ich habe es fürchten gelernt …

Dass ich überhaupt ein paar Kilometer mit Volker Schillings laufen konnte, verdankte ich einem Zufall. Die erste Verpflegungsstelle lag etwa bei km 10, nach dem ersten langen und knackigen Anstieg, kurz vor unserem Hotel. Hans-Peter Gieraths hatte uns erzählt, dass genau bei diesem Hotel der Einstieg in die Schlucht stattfinden würde und deshalb wartete Gabi, meine liebe Frau und Begleiterin bei diesem Trip, dort auf der Terrasse, um sich am Ende dem Läuferfelde anzuschließen.
Aber es kam anders. Wegen eines großen Steins, der Tage vorher direkt auf die Laufstrecke gefallen war und diese unpassierbar machte, wurde die Strecke geändert und so liefen wir in einiger Entfernung am Hotel vorbei die Straße entlang, um dann nach links abzubiegen. Volker Schillings stand plötzlich da und fragte einen Mitläufer, wo denn der richtige Weg sei, immerhin war er vor einer halben Stunde schon an genau dem geleichen Punkt.
Es war ein kleiner Schock für ihn, als er erfahren hat, dass er eine mittlere Runde also zwei Mal durchlaufen musste. Am Ende des kurzen Wegs von der Straße bis zum Hauptweg ging es dann wieder nach rechts, den ursprünglich gekommenen Weg zurück bis zur zweiten Verpflegung, die identisch mit der ersten war. Weil Volker aber nach links ging, kam er wieder am Hotel vorbei und vielleicht würde er heute noch dort laufen, wenn er da nicht gefragt hätte.

Ein wenig gefrustet war er also schon an jenem 2. Verpflegungspunkt. Wir beschlossen dort, ein paar Kilometer gemeinsam zurück zu legen. Eigentlich ist er mir ja zu schnell, aber er musste eben sein Tempo verlangsamen und ich habe „eine Schippe draufgelegt“ und lief schneller, als ich es alleine getan hätte.
Meine Belohnung waren dann ein paar Fotos, die mir verwehrt geblieben wären, weil meine eigene Kamera seit ein paar Wochen beleidigt ist.

(Klicken zum Vergrößern ... ) Obwohl wir hier nur wenige Höhenmeter zu bewältigen hatten, kamen wir auf dem Geröllfeld nur sehr langsam voran. Ein wenig geflucht habe ich schon auf diesen großen Steinen ...

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(Klicken zum Vergrößern ... ) Nur die rot-weißen Bändchen machen Dir klar, dass das hier der Trail ist. Steil runter, steil rauf - und das, ohne auf dem Boden irgend eine Entsprechung zu finden. Wirklich grenzwertig.

(Klicken zum Vergrößern ... ) Kurz vor Moustiers Sainte Marie ging es über diesen großen Stein und unter diesem Tor durch. Zumindest groß gewachsene Läufer mit einem dicken Rucksack hatten hier mächtige Probleme und bei mir hat unter anderem diese Passage dazu geführt, dass ich mich gefragt habe, warum ich mir das antue ...

Aber es gab auch echte „Magic Moments“, Situationen, in denen Du denkst: hier gehe ich nie wieder weg!
Dort, wo ich Volker und er dann anschließend mich fotografiert hat, war ein solcher Moment. Du bist in der Höhe und Du siehst in den Canyon und auf den grünlich-blauen Fluss. Und Du willst diesen Moment in Dein Bewusstsein einbrennen, ihn nie wieder vergessen und ihn mit der ganzen Welt teilen.
Wie schade, dass den meisten Menschen diese Situationen ihr Leben lang verwehrt bleiben! Aber dafür müssten die Menschen halt runter von Ihrem Sofa, raus aus ihrem Wohnzimmer und rein in die nahe und entfernte Landschaft. Wir Läufer tun das, wir Läufer wissen das!

(Klicken zum Vergrößern ... )



Das obere Foto ist auch eines meiner Lieblingsfotos, weil es deutlich macht, wie teilweise die Streckenführung ausgesehen hat. Gerade vor Moustiers Sainte Marie hatte ich das Gefühl, dass die Neuplanung der Strecke zu Situationen geführt hat, wo die Läufer irgendwie von der neuen auf die alte Strecke geführt werden müssen, ob da ein Weg ist oder nicht. Oder hättest Du gedacht, dass Du bei dem rot-weißen Bändchen mitten durch die Büsche musst?

Oder – und dafür steht das untere Foto – einfach quer durch die Gegend, über Stock und über Stein – und auch noch über diesen umgestürzten Baum. Und dann ging es die Anhöhe herauf, das kleine Bändchen oben in der Bildmitte zeigt den Weg. Das war ätzend, steil und nur zu bewältigen, weil der Baum oben Erbarmen gezeigt hat und ein paar Wurzeln aus dem Erdreich hat ragen lassen. Die waren unser Halt und unser Glück. Eine wahrhaft „abartige“ Strecke, da stimme ich Alfred hundertprozentig zu …



Beim oberen Foto war ich schon nicht mehr dabei. Einerseits war ich froh, dass dieses Drama vorbei war, andererseits hätte ich diese Steilwand doch gerne noch erlebt. Die Läufer hatten zu diesem Zeitpunkt so ungefähr schon 70 der insgesamt 102 harten Kilometer hinter sich und ich bin sicher, diese Kletterpassage wäre schon hart und gefährlich, wenn Du sie frisch, ausgeruht, wach und im Hellen machst. Wenn Du aber etwas langsamer warst, dann konnte es zu diesem Zeitpunkt durchaus schon dunkle Nacht sein …


Alles in allem denke ich heute, dass dieses Event einfach nicht „meine Veranstaltung“ war. Ich will zwar nicht immer gemütliche Läufe auf weichem Waldboden haben, es darf ruhig mal steil und steinig sein, aber der Trail des Canyon du Verdon ist zumindest in 2010 wohl eine Nummer zu hart, zu schwer, zu gefährlich und zu „abartig“ für mich gewesen.

Und wie sagte Dr. Alfred Witting letzte Woche so schön zu mir: „Die Gefahren dieses Laufs kannst Du nicht kalkulieren. Ich muss das nicht haben!“ Andererseits habe ich dadurch einen Canyon kennengelernt, der so schön ist, dass er für immer Platz in meinen Gedanken haben wird. Ich habe das süße Städtchen Moustiers Sainte Marie im glänzenden Sonnenlicht erlebt und ich habe mich in die riesigen Lavendelfelder verliebt. Und das ist ja auch was …

Mein Schluchtgedankenpechlehrerbericht

Es ist Samstag, 14:09 Uhr in dem malerischen an die französischen Berge gebauten Örtchens Moustiers Sainte Marie. Die Sonne scheint auf den belebten Platz vor der Kirche und Hunderte von Menschen sitzen in den Cafés und Restaurants und genießen das Essen, den französischen Wein oder sie sehen sich das Spektakel an, das sich da vor ihren Augen abspielt.
Gleich am Eingang auf diesen Platz laufen Dutzende von Ultraläufern ein, weil dort die vierte Verpflegungsstelle des 100 km UltraTrails des Canyon du Verdon aufgebaut ist. Zudem gibt es eine Massagestation und einen Läufer, dem gerade Erste Hilfe zuteil wurde, für den ein Krankenwagen kam.

(Klicken zum Vergrößern!)

Ich war einer der Menschen, der zu den Zuschauern gehörte. Ich genoß einen trockenen, fruchtigen Weißwein und war glücklich, Gast zu sein einer finnischen Dame und ihres deutschen Ehemanns, die beide seit seiner Pensionierung irgendwo zwischen der aus dem Film „Das Parfum“ berühmten Stadt Grasse und Cannes wohnen. Aber wie kam ich denn zu dieser Einladung?
Ich fragte mich das immer wieder, während ich mit dem Gastgeber ein ausgesprochen interessantes Gespräch führte. Er, der Deutsche, der eine Finnin geheiratet hat und nun in Südfrankreich lebt, der vier Kinder hat, die alle perfekt Französisch sprechen, erzählte mir, dass er 38 Jahre lang europäischer Verkaufsdirektor in einem Unternehmen war, das Weltmarktführer bei Sprühdüsen ist, Sprühdüsen, wie sie für Haarspraydosen oder Deodorantdosen gebraucht werden. Ein richtig multikultureller Europäer, gebildet, weltoffen und zudem ein begeisterter Golfer.

„Wir gehen dabei so um die 13 Kilometer,“ sagte er zu mir, „aber das ist ja nicht nennenswert für Sie, oder?“
„Doch, doch,“ antwortete ich, „ich finde es schon sehr gut, dass Sie von Abschlag zu Abschlag gehen und nicht die Unsitte der Amerikaner kopieren, diese Strecken mit dem Elektroauto zurück zu legen.“ Der deutsche Pensionär hatte so viele Fragen an mich. Warum ich mir so einen Lauf antun würde, was mich antreiben würde und wie ich zum extremen Laufen gekommen sei. Und ihn interessierte, was ich beruflich mache, wie ich Familie, Beruf und das Ultralaufen unter einen Hut bekomme. Und so kamen wir von Thema zu Thema und immer wieder fragte ich mich, wie ich denn zu dieser Einladung kam. Ich rekapitulierte im Geiste den ganzen Tag.

Begonnen hat er um 3:40 Uhr, als mein Wecker mich daran erinnerte, dass für mich die Nacht vorbei war. Um 4 Uhr traf ich mich vor dem Hotel mit meinem Laufpartner Hans-Peter Gieraths und mit den Läufern Norbert und und Markus, die ich am Vorabend beim Abend essen kennen gelernt hatte. Beide sind gut mit Thomas Hildebrand-Effelberg bekannt und mit den schönsten Läuferschwestern in der kleinen Ultralaufwelt, mit den „Geschwistern Fürchterlich“. Natürlich hatten wir vieles zu besprechen an diesem Abend vor dem Lauf.

Leider musste der Streckverlauf des UltraTrails des Canyon du Verdon wegen eines auf der Strecken liegenden Riesensteins geändert werden. Wir gingen also nicht wie geplant nach etwa 15 Kilometern in die Schlucht, sondern der Abstieg sollte von der anderen Canyonseite erst gegen Ende des Laufs stattfinden. Das hat mich irritiert und enttäuscht, waren doch die Bilder aus dem Canyon das Hauptmotiv für mich, bei diesem Lauf dabei zu sein.

Als wir um 5 Uhr im Dunklen starteten, merkte ich als erstes, dass ich die Stöcke im Hotel liegen lassen hatte. Das hat den Auf- und später auch den Abstieg auf und von dem etwa 1.600 Meter hohen ersten Berg enorm erschwert. Oben auf dem Berg, fast exakt bei der Marke 7,5 Kilometer, wurde mir dann ein Stein zum Verhängnis, über den ich stolperte. Ich versuchte, mein Gleichgewicht wieder zu bekommen, aber das schaffte ich nicht mehr. Als ich merkte, dass ich stürzen werde, dachte ich nur noch daran, mich einigermaßen kontrolliert über die rechte Schulter abzurollen.

Ich hatte glücklicherweise die Armlinge an und so ist nichts Schlimmes passiert, aber die Druckstellen schmerzen auch heute noch und haben eine gelbliche und bläuliche Farbe angenommen, am rechten Oberschenkel habe ich heute sogar einen entsprechend gefärbten unschönen Höcker auf dem Muskel. Aber ich merkte, dass ich dennoch weiter laufen konnte und so versuchte ich, nicht mehr an den Sturz zu denken, aber ich lief etwas vorsichtiger und fortan auch etwas langsamer.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von der Streckenänderung und bin noch davon ausgegangen, dass wir an unserem „Hotel Grand Canyon“ vorbei gehen, um dort in die Schlucht abzusteigen. Ich wusste, dass meine Frau Gabi gerne diesen Teil der Strecke mitgelaufen wäre und ich hatte ihr geraten, sich einfach den letzten Läufern anzuschließen. Dazu aber konnte es wegen der Streckenänderung nicht kommen, das war wirklich schade. Ich dachte mir, dass Gabi deshalb traurig war. Das irritierte und verunsicherte mich weiter.
Unser Hotel lag etwa fünf Kilometer hinter dem ersten Versorgungspunkt und der war auch gleichzeitig der zweite Versorgungspunkt, ein Umstand, der den ambitionierten und guten Trail-Läufer Volker Schillings aus Trier so verwirrt hat, dass er eine Schleife gleich doppelt gelaufen ist. Zur Belohnung für mich lief er von der zweiten Station bis zur dritten Station mit mir.


Ab der dritten Station aber lief ich wieder alleine und bei km 32 ging es nach einem steilen Abstieg über ein Kieselfeld über eine Brücke, die einen grandiosen Einblick in die Schlucht bot. Was mich am meisten faszinierte, war die Farbe des Wassers. Das Wasser hatte ein helles blaugrün, ähnlich wie Gletscherwasser, unnatürlich und magisch anziehend, ein Traum, von dem ich nie gedacht hätte, dass es so etwas Schönes in Zentraleuropa gibt.
Was dann aber kam, das hatte es wirklich in sich. Weil die Strecke hier irgendwie zusammengeschustert wurde, waren es manchmal gar keine Pfade mehr, auf denen wir liefen. Eine der Passagen, die mich psychisch vollkommen aus der Spur brachten, war der Überstieg über einen großen, vielleicht einen guten Meter hohen Stein. Gleichzeitig aber war nach oben kaum Platz. Einigermaßen groß gewachsene Läufer wie ich, die mit einem durchschnittlichen Rucksack bestückt waren, hatten da mehr als nur Probleme. Ich fand es so schlimm, dass sich einige Gedanken in meinen Kopf schlichen, die in mir Vorstellungen weckten, die nicht gut waren.

Da waren zum Beispiel die Gedanken an die voraussichtliche Zielzeit. Vor dem Lauf dachte ich, gegen Sonntag Mittag einzulaufen. Nun war ich aber auf einem Kurs von vielleicht 23 bis 25 Stunden und es drohte mir ein Zieleinlauf zwischen vier Uhr und sechs Uhr am Morgen. Gabi hatte ein Hotelzimmer, das bald eine Autostunde entfernt war und ich hatte Angst zu frieren. Andererseits dachte ich auch daran, jetzt alles betont langsam anzugehen, ausgiebige Pausen an den Versorgungsstationen zu machen, um bewusst später, also wenn die Morgensonne wieder scheint, anzukommen. Ich überlegte, was ich tun sollte und ich war zunehmend mehr irritiert.

Und dann kam dieses Dörfchen: Moustiers Sainte Marie.
Es war so schön, dass ich dachte: diesen Eindruck muss ich mit meiner Gabi teilen! Der Weg ging es eine kleine Gasse hoch und die ganze Gasse roch nach Essen. Es duftete nach Crèpes, nach Torten, nach Wein. Dann ging es nach rechts auf den großen Platz vor der Kirche und da war dann die nächste Versorgungsstation.
Das erste, was ich tun wollte, war, meine Gabi anzurufen, um zu erzählen, was ich bisher erlebt hatte, aber auch, um zu diskutieren, welche Stategie ich nun anwenden solle.

Und dann kamen die Fragen. Der pensionierte Deutsche, der mich unvermittelt ansprach, war interessiert an dem, was er da sah und ich setzte mich fast automatisch zu ihm und zu seiner finnischen Frau. „Darf ich Sie zu einem Getränk einladen?“ fragte er mich, „wollen Sie vielleicht ein Bier?“ „Bier trinke ich nicht,“ antwortete ich, „aber wenn Sie mich zu einem Glas Wein einladen würden, würde ich nicht ablehnen.“ Er bestellte dann eine 0,375 Liter große „halbe“ Flasche eines trockenen, aber sehr fruchtigen französischen Luxusweins. So also kam ich zu der Einladung, so kam es zum Ende meines Trail-Runs.


Danach habe ich mich noch schön massieren lassen und ich genoss die Mittagssonne. Als dann Markus und Norbert aus Remscheid und Wuppertal an der Versorgungsstation ankamen, da ging es mir so gut, dass ich mich gefragt habe, ob ich hier eine falsche Entscheidung getroffen habe. Ich dachte, ich hätte dann einfach mit den beiden weiterlaufen sollen. Aber dann kam Gabi, um mich abzuholen, wir gingen noch eine heiße Schokolade trinken.

Was dann am nächsten Tag passierte und warum sich die Entscheidung doch gelohnt hat, erzähle ich dann beim nächsten Mal ..