Die Schatzkiste hat ihren Platz gefunden …

Jetzt bin ich doch glatt den letzten Hinweis schuldig geblieben. Aber das ist gar nicht so schlimm, weil ich heute doch einen Platz wählen musste, der noch etwas südlicher liegt als der, den ich zuerst im Auge hatte.
Die „KÖLNPFAD“-Läufer müssen also hinter Köln-Rodenkirchen noch nicht nach rechts abbiegen, sondern weiter dem Radweg folgen, ganz genau bis zu diesem Zeichen:

Die schlechte Fotoqualität liegt dabei daran, dass ich im Morgengrauen dort war.

Wir sind also noch etwas südlicher als Köln-Rodenkirchen, nämlich auf der Höhe von Köln-Sürth. Wenn Du von Köln aus kommst, dann bist Du in etwa am letzten schönen Punkt der Strecke, kurz bevor mit dam Hafen und den Raffinerien von Wesseling der wenig schöne Teil des Rheins beginnt. Sehen kannst Du diese Beleidung der Augen aber schon …

Von Bonn aus kommend ist die Welt natürlich schöner. Du hast den Umweg um den Hafen hinter Dir und bist gerade wieder auf dem Radweg und läufst Richtung Köln. Der Dom ist zwar noch nicht zu sehen, aber Du merkst schon, wie Dein Herz vor Vorfreude auf die Silhouette des Doms höher springt. Der Rhein liegt rechter Hand, momentan jedoch fast ohne Wasser und schon bald würde die schöne Promenade von Rodenkirchen kommen.
Du siehst als das:

Am deutlichsten aber ist das Versteck mit dieser weißen Markierung beschrieben:

Oder, um ganz genau zu sein, hinter eben dieser weißen Markierung:

Immer noch nicht ganz klar? Das verstehe ich gut. Aber schau doch mal hier:

(Klicken zum Vergrößern ... )

Zufall – nur für Bedienstete …

… oder die PHOTOKINA für mich.

Heute war ein interessanter Tag. Ein Tag voller Pläne, denn heute hat die PHOTOKINA, die weltgrößte Messe für alles rund ums Foto und Video, die Tore geöffnet. Traditionell ist das die Zeit in Köln, in der die Asiaten, allen voran die Japaner und Chinesen, die Mehrheit der Kölnbesucher bilden.
Als Fotograf muss ich natürlich auch auf die PHOTOKINA, wenigstens für einen Tag. Und ich wollte nicht alleine dorthin, sondern ich wurde begleitet von der Leiterin unserer Fun-Artikel Produktion, von der Kollegin, die für die grafische Abteilung verantwortlich ist und natürlich auch von meiner Gabi.

Wir sind um 9 Uhr losgefahren und ich habe etwas nach Köln mitgenommen, das mir sehr wichtig war, ein kleines, aber sehr nützliches Paket.


Gesehen haben wir nicht viel Neues, nur das Mega-Thema „Fotobuch“ in allen Varianten, teils im digitalen Offsetdruck erstellt oder eben auf hochwertigem Fotopapier belichtet, war omnipräsent. Vor allem die Italiener und Spanier haben hier einen Vorsprung in der grafischen Umsetzung, die phänomenal und bewundernswert ist. Na ja, denke ich, das liegt wohl auch daran, dass in Südeuropa ein Hochzeitspaar nicht gleich die Alarmglocken klingeln hört, wenn so ein hochwertiges Hochzeits-Fotobuch mal 2.000 EUR und mehr kostet. Dann aber klingelt wenigstens die Kasse des Hochzeitsfotografen.
Natürlich müssen wir nun auch endlich da mitspielen und so haben wir uns für ein relativ simples Sytem entschieden, mit dem wir wohl schon in wenigen Tagen arbeiten können. Ich jedenfalls freue mich darauf.

Gesehen haben wir aber auch, dass diese PHOTOKINA die wohl kleinste größte Messe im Fotobereich ist, die es je gegeben hat. Die Hallen 7 und 8, 10 und 11 sind erst gar nicht belegt, noch vor einigen Jahren wäre das ein echtes „no go“ gewesen. Zwar musste man keine Wartelisten einhalten, aber einen Platz auf der PHOTOKINA bekommen war für kleinere Unternehmen früher zwar möglich, aber eben ohne jeglichen Anspruch auf eine besondere Platzierung. Heute kannst Du über alles verhandeln und Deine Wünsche werden erhört. Die Fotowelt der Wunder also.

Um 16.30 Uhr waren wir mit allem fertig, was wir sehen wollten, haben mit allen gesprochen, mit denen wir reden wollten. Ich hatte bis dahin die erstaunliche Entdeckung gemacht, dass ich früher immer gehofft habe, auf der PHOTOKINA oder einer der anderen Messen dieser kleinen Welt möglichst viele Menschen zu treffen, die ich kenne. Heute habe ich gehofft, möglichst einige Menschen, die ich kenne, dort nicht zu treffen und habe diese Hoffnung dadurch unterstützt, dass ich um manche Stände einen weiten Bogen gemacht habe. Ich will einfach mit manchem von früher nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun haben.

Wir gingen also zurück zum Auto oder besser: wir wurden im Bus zum Parkplatz 22 gefahren, der mit Sicherheit mehr als einen Kilometer vom Eingang Nord entfernt liegt. Solche Distanzen können ohne eine funktionierende Busverbindung unmöglich überwunden werden, das verstehe ich sehr gut.
Ich war ja so unzufrieden in den letzten Wochen und ich hatte ein richtig schlechtes Gewissen. Nach dem Breitscheider Lauf durch die Nacht habe ich nichts mehr getan, teilweise, weil ich so viel gearbeitet habe, teilweise aber auch, weil ich einfach keine Lust auf das Laufen hatte. Ich war einfach leer und ziellos, aber das schlechte Gewissen nagte an mir und an meinem Selbstbewusstsein. Da kam dann der Marathon in Münster gerade recht.
Am darauf folgenden Montag wollte ich dann eine Pause machen, am Dienstag hatte ich dann keine Lust und nachdem Michael Neumann mich an dem Dienstag Abend zu einem „Manager Survival Training“ im fränkischen Münnerstadt eingeladen hatte, das leider den Erwartungen nicht gerecht werden konnte (ich berichte an dieser Stelle bald darüber) und ich so den Freitag Nachmittag auch nicht im Büro sein konnte, musste ich an den Abenden des Mittwochs und am Donnerstags Sonderschichten schieben. Wieder nichts mit Laufen.
Beim „Manager Survival Training“ entdeckten wir die Langsamkeit und taten läuferisch eher nichts als wenig und mein schlechtes Gewissen nagte weiter. Und weil ich gestern Abend schon wieder den „Couchpotato“ gegeben habe, habe ich mir nach Köln das kleine, aber sehr nützliches Paket mitgenommen.

In dem Paket waren eine kurze Laufhose, ein kurzes Laufshirt, eine Windjacke, die ich aber nicht brauchte, die GARMIN 310, ohne die ich keinen Schritt mehr machen will, meine Ersatzlaufschuhe, die Kompressionsstrümpfe, eine Kappe und natürlich ein kleiner Trinkrucksack. Ich hatte so ziemlich an alles gedacht, nur nicht an eine Stirnlampe und auch nicht an eine Kamera und das am Tag der PHOTOKINA!
Und dann lief ich vom Parkplatz 22 beim Messegelände Köln-Deutz erst einmal an den Rhein, über die Brücke und dann immer den Rhein entlang. Kurz hinter der Innenstadt sah ich dann rechts ein weißes Schild: „Zufall – nur für Bedienstete!“ Ich habe keine Ahnung, was das Schild aussagen will, aber irgenwie fand ich den Text lustig und ich lief weiter. Das Schild fotografieren war ja in Ermangelung einer Kamera leider nicht möglich.
Bald kam ich auf einen Teil des KÖLNPFADS, dem ich sehr lange folgte, bis er weit hinter Köln-Rodenkirchen nach rechts abknickte und ich geradeaus weiter lief.
Obwohl ich langsam laufen wollte, überholte ich insgesamt fünf Läufer und ich lief einen Schnitt, der, wie ein Läufer beim Münster Marathon sagte, war wie sein Notenschnitt: eine glatte 6.

In Köln-Godorf erledigt sich das mit dem Laufen am Rhein und Du machst einen großen und wahrlich nicht schönen Bogen um den Hafen und die dortigen Industrieanlagen. Wenn die Häuser Köln-Godorfs und Wesselings, zumindest die an der Durchgangsstraße, nicht so hässlich wären, dann hätten diese Industrieanlagen beste Voraussetzungen für die Kür zum „Schandfleck des Ortes“. So aber müssen sich die Fünfziger Jahre Bauten an der Durchgangsstraße um diesen wichtigen Titel streiten.


In Wesseling machte ich dann eine kleine Pause in einem Kiosk, in dem ich ordentlich trank und danach zwei Riegel zu mir nahm. Etwas mehr als ein Halbmarathon waren gelaufen, knapp über 2 Stunden hatte ich dafür gebraucht, ich war zufrieden. Ich hatte keine Lust, wieder an den Rhein zu laufen und wollte einfach an der Straße bleiben. Der Fahrradweg war breit und in einem sehr guten Zustand. Aber schon kurz hinter Wesseling ärgerte ich mich über meine Idee. Der Fahrradweg war nämlich plötzlich weg. Ein Fahrradweg weg  gewissermaßen.
Aber zurück gehen wollte ich auch nicht, also lief ich ganz links auf der Bundesstraße, während es immer etwas dunkler wurde. Jeweils nach zwei Kilometern kam wieder ein Ort und damit wieder ein Bürgersteig, aber nach dem Ort war eben vor dem Ort, also wieder der Lauf auf der linken Straßenseite.
Was sich die Autofahrer wohl gedacht haben mögen?

Erst in Bornheim-Widdig fand ich eine parallele Straße, die Gartenstraße, die ewig lang war und sich durch Bornheim-Hersel fortsetzte. Dort, am Ende von Hersel, sah ich dann einen Lidl an der Hauptstraße und ich schloss messerscharf, dass dort, wo ein Lidl ist, auch ein Fahrradweg sein müsste. Und das stimmte. Noch einen Kilometer bis Bonn. Inzwischen war es schon richtig dunkel und ich rief meine Gabi an, damit sie mich abholen kommt.
Dann erreichte ich die Kölnstraße in Bonn und ich lief sie immer geradeaus. Die Kölnstraße in Bonn ist wirklich sehr lang, ich habe das als Autofahrer schon immer bemerkt, als Läufer ist sie schier unendlich. Ganz am Ende, direkt an der Kreuzung zum Kaiser-Karl-Ring, traf ich mich dann mit Gabi und so war mein Lauf nach rund 36 Kilometern zu Ende.
Das schlechte Gewissen ist für heute erst einmal weg und ich fühle mich ein wenig besser vorbereitet für den Lauf in Brugg am kommenden Wochenende. Aber einen langen Lauf will ich vorher noch machen, wahrscheinlich am Donnerstag.

Dann hat das schlechte Gewissen endgültig verloren.

Ein 5.000 Meter Lauf mit reichlich Anlauf…

Ich neige dazu, Geschichten von hinten nach vorne zu erzählen, also mit dem Finish zu beginnen. Das stimmt. Und nicht immer ist das richtig, aber bei meinem Wochenendlauf ist das ein „MUSS“.

Wenn Du um 8.20 Uhr nach einer kühlen und nebligen langen Nacht im Ziel einläufst und Dir ein großes Bettlaken entgegen gehalten wird, auf dem steht: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ und Du in diesem Moment vor Glück zu zerspringen drohst, dankbar, aber auch ein wenig verschämt wegen dieses Empfangs bist, wenn Du Dich umsiehst und viele Menschen entdeckst, die alle es wert sind, Freunde genannt zu werden, dann weißt Du, dass es diese Situation zweifellos verdient hat, als erstes genannt zu werden.

Oft habe ich mich schon gefragt, ob es die einzig denkbare Art ist, Hunderte von Kilometern durch die Gegend zu fahren oder sogar zu fliegen, um dann 42 Kilometer und 195 Meter weit zu laufen. Und ich habe manchmal spöttisch festgestellt, dass die Rolltreppe, die zum Fitness-Studio im ersten Stock führt, eigentlich nicht notwendig wäre.
In einem Buch eines amerikanischen Autors über die Merkwürdigkeiten des amerikanischen Lebens habe ich von einer Frau gelesen, die die nur rund 400 Meter von zu Hause bis ins Fitness-Studio mit dem Auto zurücklegt, um dann dort im Studio aufs Laufband zu steigen und zu laufen. Als der Autor sie fragte, warum sie das Auto nehmen würde, da antwortete die agile Lady souverän: “Weil sonst der Kilometer, den ich laufen würde, umsonst wäre. Ich kann den ja dann nicht in mein Trainigs-Tagebuch eintragen!“ Stimmt doch, irgendwie.
Andererseits gibt es auch beeindruckende Beispiele wie der unbekannte Läufer beim „Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul, der mit dem Fahrrad zum Wettkampf gekommen ist, um dann, nach 24 Stunden Treppen auf- und ab gehen, damit auch wieder nach Hause zu radeln.
Oder „Trailschnittchen“ Julia Böttger. Sie wollte am UTMB in Chamonix teilnehmen und beschloss, die rund 814 Kilometer vom oberbayrischen Hinterriss ins französische Chamonix über die Alpen zu laufen und dabei rund 42.400 Höhenmeter zu bewältigen.


Es waren diese Beispiele, die mir durch den Kopf gegangen sind, als ich überlegt habe, was ich in Ratingen-Breitscheid denn laufe. Durch ein paar DNFs wäre Breitscheid mein „Marathon und länger“ (MuL) Nummer 99 gewesen, der Münster-Marathon meine Nummer 100, aber das motivierte mich nicht ausreichend. Der 24-h Lauf in Breitscheid ist eine Benefiz-Veranstaltung und da sieht man vieles eher locker. Nichts für Bestwerte, nichts für Bestzeiten. Aber eben etwas von Freunden für Freunde.

Mir kam dann ganz plötzlich die Idee, dort hin zu laufen. Bis Köln kenne ich die Strecke gut, in Köln denke ich an den KÖLNPFAD, wo ich mich an den Kölner Ford-Werken in der Nacht verlaufen habe, zwischen Köln und Ratingen aber gibt es nur die Autobahn für mich. Das sollte sich ändern, dachte ich und druckte mir den Reiseweg von map24.de aus. Die gewählte Option war „Fußgänger“ und ich kam auf erst auf rund 93 Kilometer (Ratingen) und dann auf rund 99 Kilometer (Breitscheid, Mintarder Weg). Perfekt, dachte ich.

Mit den Nachtläufen hatte ich ja so meine Probleme in der letzten Zeit. Beim Elbelauf von Dresden nach Hamburg war ich in der ersten Nacht indisponiert und in den nächsten Nächten „schwächelte“ Hauke König ein wenig, einmal wegen des Verlaufens im Stoppelfeld und einmal, weil es einfach nicht gepasst hatte.
Beim PTL war die erste Nacht ja nach dem Spätstart um 22 Uhr relativ kurz, das ist ja noch verhältnismäßig einfach, und in den beiden nächsten Nächten hatte ich ja 3 Stunden bzw. 2 ¼ Stunden geschlafen. Ich wollte aber mal wieder die Nacht durchlaufen.

Als ich die Idee bei FACEBOOK gepostet habe, ärgerte ich mich schon schnell darüber, weil es nicht unbemerkt blieb. Und wenn es bemerkt wird, dann entsteht ein gewisser Druck und das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil es mich zwingt, ein wenig das Weichei-Dasein zu verlassen und aus der Wohlfühlzone zu fliehen, schlecht, weil ich dann unter Zugzwang bin. Also laufen, schön parallel mit den Breitscheidern, Start war also am Freitag um 18.00 Uhr, pünktlich.

Mein GARMIN-Ührchen aber wollte 14 Minuten lang nicht mit mir spielen und weigerte sich, die Satelliten zu finden. Ich lief also vielleicht zweieinhalb Kilometer, bis GARMIN-Ührchen sich erbarmte und für mich da war.
Ich hatte mich seit langem wieder einmal für ein ERIMA Outfit entschieden, auch, weil ich in der kurzen X-BIONIC-Hose bei der TorTOUR de Ruhr und beim PTL das hübsche Spiel „TOM und der böse Wolf“ gespielt hatte. Das führte bei der TTdR230 dazu, dass zwei ältere Herren, mutmaßlich Menschen mit einem erhöhten Maß an Schamgefühl, mich verbal attackierten, weil ich die Hose dann so weit nach unten gezogen hatte, dass zwar die Schmerzen weg waren, dafür war aber der obere Teil meines Hinterns zu sehen. Um es kurz zu machen: die beiden Herren fanden das sehr anstößig.
Also ERIMA und einen kleinen Camelback mit 2 Litern Wasser, ein paar Riegel, wenige Salztabletten und etwas Magnesium. Und natürlich meine geliebte Petzl-Stirnlampe mit drei Ersatzbatterien, Größe AA, man weiß ja nie, wie lange die alten noch halten.
Aber leider ist meine Petzl seit dem PTL verschwunden. Trotz intensiver Suche ist sie nicht mehr aufzufinden und ich frage mich, ob ich sie im letzten Nachtlager habe liegen lassen. Ich erinnere mich nicht mehr, ich weiß nur noch, dass ich sie dort abgenommen und zu meinen Sachen gelegt hatte. Von da an war alles hell, nur in meinem Oberstübchen bleibt es diesbezüglich eher dunkel.
Also habe ich schnell umdisponiert und eine andere Stirnlampe eingepackt. Die Nacht wird ja lang und dunkel.

Meine Motivation war schon kurz hinter Wesseling am Boden und ich fragte mich, was mich wohl getrieben hat, eine so doofe Idee zu verfolgen. Menschen bewegen sich seit Jahrtausenden vernünftigerweise in Autos, warum tue ich das nicht? Dabei war die Strecke wirklich schön, immer den Rhein entlang, hübsche Häuser auf der linken Seite, ein ziemlich voller Rhein auf der rechten Seite. Für die, die mitdenken, sei gesagt: Ja, ich lief auf der „richtigen“ Rheinseite!
Bei Köln-Sürth und Köln-Rodenkirchen wurde es noch schlimmer, die Nacht brach herein, die Ersatz-Stirnlampe funzelte vor sich hin und die Muskeln schmerzten. Und ich fragte mich, wie ich jemals in meinem Leben wieder einen Marathon bestreiten könne, wenn ich jetzt hier, bei diesem niedrigen Lauftempo, schon Muskelprobleme hätte. Zudem schmerzte das linke Knie, leider laboriere ich schon ein paar Monate mit diesem Problem.
In Köln wurde ich dann von einem schnellen Läufer überholt, der aber ein paar Minuten später japsend und hechelnd am Wegesrand stand. Ich sprach mit ihm und nahm ihn mit. Es war ein nettes Gespräch mit einem, der auf seinen 2. Marathon hin trainiert und der – natürlich – den Köln-Marathon vor Augen hat.
Und wir liefen gemeinsam durch Köln-Mitte an den Kranhäusern vorbei, wir passierten das ehemalige Stollwerck Schokoladenmuseum, das jetzt aber das Lindt Schokoladenmuseum ist.
Nach dem Verlust der Köln-Arena geht mit dem Stollwerck Museum wieder ein Stück Heimat weg. Eine Schande ist das …


Und wir sahen die Absperrungen für den KÖLN 226 Triathlon am nächsten Tag und Dutzende von Motorhomes, in denen die Triathleten nächtigten. Ganz bestimmt wäre es schön gewesen, einfach zu bleiben und am nächsten Tag dort zuzuschauen.
Mich aber hat dieser gemeinsame Laufabschnitt wieder richtig motiviert. Wenn Du das Gefühl hast, etwas weitergeben zu können, jungen Läufern eine Ahnung geben zu können, was es heißt, etwas anderes zu laufen als flache Straßen, wie es schmeckt, gesunde Bergluft zu atmen, wie viel Spaß es macht, Kühe wegzuscheuchen und auf hohen Gipfeln zu schwitzen, dann fühlst Du Dich schnell wieder besser.


Als ich wieder alleine war, beschloss ich, an der Mülheimer Brücke auf die „schäl Sick“ zu wechseln, um den Wegen bei den Ford-Werken zu entgehen. Es war ein Fehler, obwohl ich bis kurz vor Leverkusen dort fantastische neue Luxuswohnungen gesehen habe und edle gediegene Alt-Villen.
Ich sah immer seltener das Fahrradweg-Zeichen und landete in einem Teil, das eigentlich für „nicht Befugte“ verboten war. Irgendetwas von Wasserbehörde stand da, aber ich hatte einfach keine Lust, zurück zu gehen und den richtigen Weg zu suchen. Am Ende traf ich dann doch noch auf den normalen Weg, aber ich hatte viel Zeit verloren.

Kurz bevor ich auf dem Damm wieder den richtigen Radweg betreten konnte, wurde es gefährlich. Da stand ein Schild, das darauf hinwies, dass es keinen Winterdienst gäbe und dass das Begehen des Dammes auf eigene Verantwortung stattfinden würde. Auf eigene Verantwortung? Das hatte ich ja noch nie gemacht. Immer ist doch irgendjemand für mich verantwortlich. Aber das war es nicht, was mich störte. Mir fiel auf, dass gerade eben meine Ersatz-Stirnlampe ausgegangen war.
Aber ich hatte Glück, es war eine Bank genau zur rechten Zeit da, ich hatte die Ersatzbatterien –  was willst Du mehr, TOM?

Leider hatte ich erst die Ersatzbatterien eingepackt und wollte dann die Petzl-Stirnlampe dazu packen. Als ich die nicht finden konnte und umdisponierte, dachte ich aber nicht mehr an die Ersatzbatterien. Und die Batterien der Ersatz-Stirnlampe waren kleiner, Größe AAA. Du kannst machen, was Du willst, Du bekommst die großen AA Batterien da einfach nicht rein.
Ich habe dann den Strahler ausgeschaltet und eine kleine LED eingeschaltet, weil die nur wenig Strom braucht. Dafür war noch ein wenig Reserve da, aber die Nacht wurde fortan deutlich dunkler und ich durfte mir den Satz ins Stammbuch schreiben, dass Ersatzbatterien alleine nicht glücklich machen, es sollten schon die richtigen sein!

Und so ging es weiter, bis ich den Rhein auf der linken Seite hatte und den langen Zaun der BAYER-Werke auf der rechten Seite, ganz lang weiter.
Dann aber endete der immer schlechter werdende Weg im Rhein, einfach so.

Ich hätte nie gedacht, dass das BAYER-Gelände doch so groß ist! Wenn Du fast das ganze Gelände zurück laufen musst, dann das Gelände in der Breite abläufst und dann irgendwann das Gelände auf der anderen Seite erneut abtrabst, dann weißt Du, dass dort sehr viele Menschen arbeiten müssen.
Meine Probleme waren dann aber noch nicht vorbei. Die Beschilderung war miserabel, oft hattest Du an einer Kreuzung zwei Fahrradweg-Zeichen, eines nach rechts, eines geradeaus. Dann denkst Du Dir, dass Du durchaus siehst, dass das Fahrradwege sind, aber wohin führen die?
Und wenn dann mal eine Beschilderung nach Ortschaften vorhanden war, dann steht da nicht „Langenfeld“ oder „Hilden“, sondern „Leverkusen-Hitdorf“, „Leverkusen-Opladen“ und andere Teilorte Leverkusens, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.
Wie genau war denn noch einmal die Aufreihung der Teilorte Leverkusens gewesen?

Ich lief wohl kreuz und quer in dieser Zeit und deshalb beschloss ich, dem Rhein „Lebewohl“ zu sagen und dem ausgedruckten Plan zu folgen, den ich dabei hatte. Aber ich war ganz woanders und musste erst einmal einen Punkt finden, der auf der Liste verzeichnet war. Zwei „Red Bull“ Dosen halfen mir durch die erste Hälfte der Nacht, zudem leerte ich eine große Flasche Apfelschorle. Der Kioskbesitzer, ein Perser, war nett und füllte sogar meinen Camelback mit frischem Wasser. Später dann half mir ein ganzer Liter „Take Off“, auch so ein Energy-Drink, durch die zweite Nachthälfte.

Wenn Du um 2.00 Uhr, 3.00 Uhr oder 4.00 Uhr auf der Straße jemanden etwas fragst, dann realisierst Du, dass zu dieser Zeit jeder betrunken ist. Bei unseren Nachtläufen fällt das kaum auf, weil die Menschen um Dich herum auch Läufer sind, die Wege markiert sind und die Zaungäste nur klatschen. Reden tust Du mit denen ja nie. Aber hier war das vollkommen anders. Ich musste wissen, wie ich nach Langenfeld komme, nach Hilden, nach Ratingen und nach Breitscheid.
Wenn die Gefragten noch lallen konnten, dann war ich einigermaßen zufrieden, die Antworten aber waren meist sehr dürftig. Und während ein Russe mich in Russisch zutextete und seine Freundin halb verständlich versuchte, das alles zu übersetzen, was ihr aber nicht gelang, war eine Gruppe von vielleicht 8 oder 10 jungen Leuten in Langenfeld, die auf einer Empore saßen, schon kreativer. Der erste hielt mir eine Whiskey-Flasche vor die Nase und fragte mich, ob ich etwas Whiskey haben wolle, der zweite empfahl mir „Berentzen musst Du trinken!“ und ich weiß nicht, welche Angebote ich noch bekommen hätte, wenn ich das alles nicht unterbrochen hätte.
Manche bezeichneten mich als Alien, wahrscheinlich wegen der Stirnlampe, andere als Schneemann und einer fragte mich verwundert, ob ich den Lauf „als Sport“ machen würde. Ich denke, er war in Sorge, ich könnte antworten, dass ich mir das Busticket durch die Nacht nicht leisten könne.

Dem Gefragten in Ratingen war meine Frage, wie ich von Ratingen denn nach Ratingen-Breitscheid kommen würde, einfach noch zu früh am Morgen und die Frau, die ich danach ansprach, sagte, dass „da vorne links“ der Busbahnhof sei und dort solle ich den Bus nehmen.
Dort, es war dann der Ostbahnhof, habe ich einen Taxifahrer nach dem Weg gefragt, den er mir zuerst gar nicht und dann falsch erklärte. Zudem bemerkte er: „Das ist aber weit! Mindestens 10 Kilometer!“ Aber ich wollte nun wirklich nicht Taxi fahren und obwohl er mir zwei Kreuzungen weit folgte, verirrte ich mich nicht in sein Taxi. Irgendwann gab er entnervt auf und ließ mich weiter ziehen, zum Glück gab es dann irgendwann einen detaillieren Stadtplan von Ratingen, an den ich mich halten konnte.

Gerade war ich auf der Mülheimer Straße aus Ratingen heraus gelaufen, rief mich Susanne Alexi an, um nachzufragen, wo ich denn bliebe. Ich hatte ja gesagt, dass ich um 8 Uhr beim gemeinsamen Frühstück vor Ort sein wolle. Sie gab mich dann weiter an Stefan, der mir den weiteren Weg erklärte. Also erst nach Breitscheid herein bis zum Kreisverkehr mit den beiden Tankstellen und dann noch einen Kilometer bis zu einer skurrilen modernen Kirche, die als rote Pyramide ausgebildet war. Dort hat Stefan mich abgeholt und ist als Radbegleitung mit mir den letzten Kilometer durch das Wohngebiet geradelt.

Dort, auf dem Sportplatz von Breitscheid, gab es dann den „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ Empfang, Frühstück, nette Gespräche und ein Nickerchen für mich. Lust auf einen Marathon, Lust auf meine „Nummer 99“, hatte ich aber nicht mehr.

Als die Sonne dann wärmte, lief ich mit Susanne Alexi und Joachim Siller eine 5.000 Meter „Ehrenrunde“, eine Runde, für die ich wirklich reichlich Anlauf genommen hatte.

Und da waren noch die Gespräche mit Sigi Bullig, der mich nicht nur mit einem Altbier verwöhnte, sondern mir auch einen Schlafsack um die Schultern legte, weil er sah, wie sehr ich fror und die mit Bernd Nuss, mit dem ich über seinen Geburtstagslauf „Rund um den Seilersee“ geredet habe, über den heftigen Regen in der damaligen Nacht, über Jeffrey Norris, den ich dort zum ersten Mal gesehen habe und über Gott und die Welt, eben über all das, was uns Läufer vereint.

Und wieder wurde mir klar, dass wir Ultra-Läufer nie alleine sind und nie alleine laufen: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“

Danke, lieber Bernd Krayer, liebe Susanne Alexi, liebe Breitscheider Freunde, für diese Nacht, für diesen Tag.