3 Tarzans auf dem Trail

Ich muss gesteh’n, obwohl das eher gegen mich spricht:
Kinder und Kleintiere liegen mir nicht.

Und dieser Pudel war wirklich lächerlich klein.
„Hau ab!“ rief ich, doch er wich mir nicht vom Bein.
Und weil ich ihn doch irgendwie witzig fand,
hab’ ich ihn feierlich “Tarzan” genannt.

(Ulrich Roski aus “Des Pudels Kern”)

Es war gestern Nachmittag gewesen, bei unserem gemeinsamen Wandertag.

Wendy Widmer, meine Gabi und ich hatten schon rund zwei Drittel unserer Wanderung im Westen Gran Canarias hinter uns und der Trail ging an den letzten Häusern eines kleinen kanarischen Dorfes vorbei.
Eine mittelgroße, braune Hündin kam ihres Wegs und schnüffelte ein wenig an uns herum, dann aber fand sie uns wohl nicht interessant genug und ging ihrer Wege.
Na ja, eigentlich will ich für Hunde ja nicht interessant sein, immerhin habe ich eines mit Ulrich Roski gemein: Kleintiere liegen mir auch nicht.DSCI0363Nun führte uns der Trail von der Dorfstraße wieder in die Natur und nach wenigen Metern kamen uns drei kleine Hundchen entgegen, Ulrich Roski hätte sie sicherlich auch “wirklich lächerlich klein” genannt, aber eben auch “irgendwie witzig”. Sie waren tatsächlich irgendwie süß, drollig, wie sie mit ihren kleinen Schwänzen wedelten. Einer der Hunde war schwarz, zweifellos der Mutigste von allen, einer war schwarz mit ein paar weißen Stellen und einer, der ängstlichste Hund der Truppe, war braun wie seine Mutter. Weiterlesen

KÖLNPFAD 2015

Der “Kölner Wochenspiegel” hat gestern, wahrscheinlich als erster Medienpartner, über den KÖLNPFAD berichtet.
Danke nach Köln in die Redaktion!

Leider wurde im Text mein normales Blog, also diese Adresse hier, angegeben, nicht aber der direkte Link zum KÖLNPFAD.
Zum KÖLNPFAD geht es also hier entlang (einfach klicken) …
Kölnpfad

Merci, thank you, danke schön!

Das Jahr 2014 geht, Zeit für einen Rückblick.
Und Zeit, herzlich DANKE zu sagen, danke zuerst einmal an Dich, die / der Du mich in diesem Jahr hier begleitet hast. Ohne das Gefühl, dass das eine oder andere Wort, der eine oder andere Satz und der eine oder andere Ausdruck diese kleine Welt ein wenig verändern konnte, wäre die Zeit, die ich ins Schreiben investiert habe, vergebens gewesen.
DankeNicht alles lief gut in 2014. Um ehrlich zu sein, vieles lief nicht gut. Da war eine ganze Serie von DNFs, erst im wunderschönen Andorra, dann beim SIT in der Schweiz und abschließend auch beim PTL in Chamonix. Auch mein Plan, ganz auf den Pik Lenin hinauf zu kommen, hat nicht funktioniert.
Unter all diesen Dingen leide ich, freilich unter manchen mehr, unter anderen weniger. Weiterlesen

Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen …

… Du weißt nie genau, was Du bekommst, heißt es ja.

Aber es geht auch anders, nämlich dann, wenn Du Dich beispielsweise für die Pralinen “Rocher” entscheidest. Da ist dann jede Praline gleich. Gleich gut und gleich lecker …
Und so wie im Leben, so wie bei der Pralinenpackung ist es auch bei den Läufen, Du weißt auch da oft nicht genau, was Du bekommst.

Und dennoch gibt es auch bei den Läufen solch eine “Rocher” Praline. Und diese Praline heißt Eisweinlauf. 65 Kilometer mit rund 1.800 Höhenmeter vom Bahnhof in Offenburg auf den erleuchteten Weihnachtsmarkt in der Baden-Badener Innenstadt, als Gruppenlauf durchgeführt, mit viel Zeit für alle möglichen Gespräche und das mit Anfangs 100 und zum Ende hin 200 Mitläufern.

R(ud)olf Mahlburg, der Chef des Events

Dabei ist die beste Werbung für diesen Lauf, dass ich seit 2006, mit einer einzigen Ausnahme im Jahr 2011, wo ich unbedingt an der letzten Austragung der berühmten “Georgsmarienhütter Null” teilnehmen musste, wollte, jedes Jahr aufs Neue dem Ruf von Brigitte und R(ud)olf Mahlburg folge, folgen muss. Es war heuer also das achte Mal, dass ich diese schöne Strecke über die Höhen des Schwarzwaldes gelaufen bin. Kein anderer Lauf hat mich öfters als vier Mal gesehen … Weiterlesen

Trail-Maniaks auf dem GR 20 oder “Vive la Corse!”

GR20Es war schon die Ausschreibung, die mich irgendwie zwischen Frieren und Freuen hievte, die in mir den Wunsch schürte, die Zeit bis Juni 2015 vorzuspulen und wegen der ich endlich einmal nach Korsika muss:

Der 5 Tage, 15 Highlights, 181,8 km und 12.000 Hm
Ein einzigartiges Abenteuer für 25 Trail Runner mit Erfahrung und dem richtigen Spirit.
Sentier de Grande Randonnée 20
wurde 1974 eröffnet und ist mittlerweile ein Klassiker. weltweit zählt er zu den schönsten Fernwanderwegen und ist aufgrund seiner alpinen
Wegführung der extremste in Europa. Und genau deshalb die perfekte Challenge für wahre TRAIL-MANIAX und ein echter guerilla run, denn zu 98 Prozent führt er durch den Parc Naturel Régional de Corse.
GR20Urlaubsparadise und Gebirge im Meer?
Für Pauschaltouristen stehen diese beiden Begriffe im krassen Gegensatz. Für uns jedoch ergeben sie zusammen einen absoluten Premium-Trail.
Wie schwer dieser selbst für einen Ausnahmeathleten wie Kilian Journet ist, zeigt seine Bestzeit von 32 Stunden und 54 Minuten. Das ist nicht einmal ein Schnitt von 5,5 km/h (im Vergleich dazu liegt seine UTMB Zeit bei 8,2 km/h).

Die besonderen Reize des GR20. 

Natürlich zehren sowohl die Höhenmeter in der Summe als auch die Wege über Blockgelände, Grate und entlang an seilversicherten Stellen an den physischen und psychischen Kräften. Deshalb, wenn bei einem Blick auf die Uhr nach einer Stunde nur zwei Kilometer stehen, ganz ruhig bleiben, Kilian Journet war auch nicht viel schneller.

Außerdem ist für uns nicht die Stoppuhr das entscheidende Kriterium, sondern die Schönheit dieses Laufs, die immer wieder phänomenalen Ausblicke auf noch mehr Gipfel und in der Ferne auf das Meer. Auch wenn wir uns fünf Tage als sportliches Ziel gesetzt haben, so sollte auch Zeit zum Genießen, Schauen und Fotografieren sein.

Der inov-8 guerilla run. 

Auf der einen Seite sind hierbei ein hohes Maß an Eigenverantwortung und entsprechende Erfahrungen im alpinen Ultrabereich gefordert, auf der anderen Seite wollen wir für die richtigen Leute das richtige Event mit der besonderen Note an persönlichem Herzblut und individuellem Service bieten. Und genau deshalb bist Du dabei. Wir freuen uns auf Dich und Deinen Spirit!
Gut zu wissen …

Weiterlesen

Wish you were here …

“Dynafit Feline Superlight” heißt er und auf die Berge rauf will er.
Also in etwa das, was wir alle wollen …

Er sieht kräftig und bissig aus, hat eine griffige Sohle von “Vibram”, zu den Vibram-Sohlen komme ich später noch im Detail, und er ist nicht nur super leicht, sondern auch super schön.
Den Tipp, mit ihm diesen Sommer über die Berge zu laufen, bekam ich am Pik Lenin von Bastian “Basti” Haag, der Hochalpinist, der nur gut einen Monat später so tragisch bei einer Speed-Besteigung im Himalaya von einer Lawine erfasst und dabei tödlich verletzt wurde.
Es ist schon schlimm, dass ich in den letzten zwei Monaten gleich zwei Mal Trauer tragen musste … aber das gehört nicht hierher.

... den Feline gibt es auch in rot, ich habe ihn aber so, wie er hier abgenbildet ist.

… den Feline gibt es auch in rot, ich habe ihn aber so, wie er hier abgenbildet ist.

Ich bekam also den Tipp, diesen Schuh zu ordern und ich konnte es kaum abwarten, bis er endlich bei mir zu Hause war. Nein, ganz stimmt das nicht. Weil die Zeit vor den Bergevents so weit fortgeschritten war, gab ich als Lieferadresse die Adresse meiner Eltern in Südbaden an. Dort musste ich ja stets vorbei fahren und so war ich sicher, dass ich nicht barfuß … oder sonstwie hätte “aufi kraxeln” müssen.
Sicher war, dass ich von meinen HOKAs, die ich auf der Straße noch immer liebe, weil man damit auf dem Asphalt schwebt, nicht mehr die steilen Downhills bewältigen wollte. Andorra lässt grüßen, ich erinnere mich, wie ich dort ständig weggerutscht bin.
Es musste also etwas mit “mehr Zähnen” sein, mit mehr direktem Kontakt zum Boden. Irgendwie ist es wie bei den Worten “Honolulu”, sehr weich, und “Gran Canaria”, eher etwas mit Zähnen, aber der dazu gehörende Witz will mir einfach nicht mehr einfallen …

Natürlich war mir Dynafit dem Namen nach bekannt, in den regionalen Laufshops aber konnte ich ihn nicht finden. Gut, dass es “das Netz” gibt und natürlich auch DHL, UPS und Co. Häufiger findest Du den Feline in Süddeutschland, so richtig auf den Steinen festbeißen kann er sich ja sowieso am besten in den Alpen, hier in der Eifel sind die Ansprüche an das Schuhwerk vielleicht etwas geringer.
Aber wenn Dir einer, der Läufe gewinnen kann, einen Schuh empfiehlt, dann weiß ich, dass ich gut beraten bin, dieser Empfehlung zu folgen. Warum dieser Feline dennoch nicht meine aktuellen Träume dominiert, dazu komme ich auch später noch.

Ganz besonders ist an diesem Schuh natürlich das niedrige Gewicht, die gute und schnell zu bedienende Schnürung und natürlich eben diese Vibram-Sohle.
Auf der Shopping-Messe in Chamonix anlässlich des UTMB 2014 traf ich mich mit Filippo Goi vom italienischen Tester Team von Vibram und ich unterhielt mich mit ihm. Über den Feline, über die Sohle und auch darüber, dass mittlerweile andere Schuhhersteller auch vibramsüchtig werden. Salomon hat Modelle mit Vibram-Sohlen, ja selbst HOKA wird in 2015 ein Modell mit einer Vibram Sohle anbieten. Der Dealer wird es wissen und freudig lächeln, schätze ich …

Vibram kennen wir ja alle von den “Five Fingers”, jetzt kenne ich auch die fantastische Sohle, die, zumindest bislang, keinerlei Abnützungserscheinungen zeigt. Es soll ja Schuhe geben, die nach einigen Hundert Kilometern schon einige Anteile ihres Profils verloren haben, die Vibram-Sohle ist bis jetzt lediglich schmutzig. Und das soll sie ja auch sein, denn bekanntlich ist es ja kein Trail, wenn da kein Wasser, kein Dreck, keine Pfützen und kein Matsch war.
Die Vibram-Leute haben in den letzten Jahren wirklich gute Arbeit gemacht. Und dass sie jetzt von den großen Trailschuh-Herstellern hofiert werden, belegt die Aufmerksamkeit, die man dieser Sohle mittlerweile zollt.

Und mit dem super leichten Gewicht, dem direkten engen Bodenkontakt und mit dieser Sohle ist der “Dynafit Feline Superlight” der echte Anti-HOKA. Spüren statt fliegen, beißen statt rutschen, stehen statt rutschen.
Ein “echt geiles Teil”, wenn ich mir diese Wertung erlauben darf.

Was für eine Sohle, findest Du nicht auch?

Was für eine Sohle, findest Du nicht auch?

Aber das Bessere ist der Feind des Guten und das Schönere der des Schönen, heißt es.
Und wenn ich mir jetzt für die Agenda 2015 Gedanken mache, für meinen “MMM”, also für “Madeira – Mallorca – Menorca” – und natürlich für den Trans-Korsika Guerilla-Run von Trail-Maniak auf dem legendären GR-20, bei dem ich mich ehrfurchtsvoll vor jeder anderen Laufkollegin und vor jedem anderen Laufkollegen verbeugen darf, so illuster ist diese kleine 25-Mensch-Truppe besetzt, und wenn mir dann in den Nächten die Worte “wish you were here” in den Sinn kommen, dann denke ich nicht an das fantastische Lied und die atemberaubende Stimme von Jewel, ich denke auch nicht an den “Feline Superlight”, dann denke ich an etwas Besseres, an etwas Schöneres …Jewel

“Wish you were here” gilt nämlich dem Dynafit MS Feline SL, knallig blau und der, wegen so vieler Vorschusslorbeeren richtig knallrot geworden, eben auch in diesem rot erhältlich ist. Oder sein wird …?
Auch diese Schuhe habe ich in Chamonix live sehen dürfen. So eine Läufermesse hat doch wirklich was.

Oder doch einen anderen Schuh aus der Feline Familie? WS, MS, SL, GTX, X7 …
“Ist ja alles so schön bunt hier …!” würde wohl Nina Hagen sagen.
Gut, dass ich erst in eineinhalb Wochen Geburtstag habe, da verbleibt dann noch genug Zeit, um diese letzten Fragen zu klären.
Man soll sich ja selbst auch was zum Wiegenfeste gönnen, oder?

MS Feline GTX

MS Feline GTX

WS Feline SL

WS Feline SL

MS Feline X7

MS Feline X7

MS Feline SL

MS Feline SL

MS Feline SL

MS Feline SL

MS Feline SL

MS Feline SL

WS Feline GTX

WS Feline GTX

Zwei Ameisen aus Bonn …

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beinchen weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

Joachim Ringelnatz

(1883 – 1934), eigentlich Hans Bötticher, deutscher Lyriker, Erzähler und Maler

OWDie Idee war schon groß. Und ich erfuhr von ihr schon recht frühzeitig.
Schon im Frühjahr 2014 fragte mich Oliver Witzke, ob ich ihn bei seinem Plan, vom 01. November bis zum 09. November 2014 von Bonn nach Berlin zu laufen, begleiten würde.
Bonn? Berlin? 9. November? Da war doch was …

Der 9. November, einst einer der schrecklichsten Tage der Deutschen, hat ja vor 25 Jahren eine ganz neue, dieses Mal positive Bedeutung gewonnen. Während am 9. November 1938 noch eingeschlagen wurde, wurde am 9. November 1989 endlich eingerissen. Und statt “Kristall”, statt Scheiben und Glas, fiel stahlharter Beton der Geschichte zum Opfer und statt unschuldiger Juden wurde eine gesamte Staatsführung an diesem Tag attackiert.
Und so wurde genau 51 Jahre nach dem bitterbösen Unrecht auf deutschem Boden die frohe Botschaft geschrieben, die unsere Welt in eine friedlichere Zukunft führen sollte.
Ob wir diese friedlichere Zukunft aber tatsächlich leben, das jedoch steht leider auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch auf einem anderen Blatt.

Und zu diesem Jahrestag des Mauerfalls wollte Oliver also aus der alten Bundeshauptstadt Bonn nach Berlin, in die neue Bundeshauptstadt, laufen.
Irgendwann versprach ich ihm, ihn wenigstens an den ersten beiden Tagen zu begleiten, mehr schien mein Terminplan im Vorweihnachtsgeschäft nicht herzugeben.

Doch dann kam alles anders.
Nach dem plötzlichen und für mich äußerst schmerzvollen Tod meines Bruders Wolf Siegfried in Berlin hatte ich zuerst die Idee, eventuell doch die gesamte Strecke mit Oliver zu laufen, vielleicht kurz nach der Beisetzung meines Bruders, vielleicht sogar hin zur Beisetzung in Berlin Schöneberg, je nachdem, wann die Beisetzung endgültig stattfinden würde. Dann wurde die Beisetzung auf den Donnerstag, den 06. November 2014 um 10 Uhr festgelegt und deshalb vereinbarte ich mit Oliver, ihn immerhin vier komplette Lauftage und noch einen Teil der fünften Etappe zu begleiten, also ungefähr bis zur ehemaligen innerdeutschen Grenze.
2014-11-01 10.51.46Meiner Achillessehnenverletzung geschuldet war ich seit Ende August erst einen Monat lang gar nicht und dann nur wenig und nie wieder über 27 Kilometer gelaufen, solch eine gewaltige Strecke drohte also für mich zum Fiasko zu werden.
Die erste Etappe begann am Samstag, den 01. November um 9 Uhr direkt am Bonner Marktplatz vor dem wunderschönen Rathaus der Stadt. Das Wetter war unser Freund. Es war zwar noch etwas frisch und leicht windig, aber die Sonne stand hell am Himmel und wir starteten bei optimalen Läuferbedingungen.
Wir starteten zu Dritt, Holger aus Remscheid-Lennep, der auch mit seiner Sandra unser “Herbergsvater” der kommenden Nacht war, selbst mit einer “Persönlichen Bestzeit” von 2:56 Stunden ein Marathoni der besseren Sorte, begleitete uns durch Troisdorf und die ersten Kölner Stadtteile hindurch bis nach Köln-Dellbrück. Dort entschied er sich für die Bahn, um alles für unser Eintreffen bei ihm vorzubereiten. Das war nach knapp 30 Kilometern auch in etwa der Zeitpunkt, an dem es auch bei mir begann, weh zu tun, vor allem in den Oberschenkeln, in denen ich rechts und links ziemlich mittig einen schmerzhaften Druckpunkt spürte. Außerdem begann ich damit, mir in einer neuen Dreiviertelhose einen “Wolf” zu laufen.

Eine Pause machten wir danach gleich an einem türkischen Imbiss. Die regulären Läden hatten ja wegen des allerheiligsten Feiertags leider alle geschlossen. Für Oliver gab es einen Döner, für mich einen Couscous-Salat und einen Bohnensalat in roter Sauce. Das tat gut, schmeckte halbwegs ordentlich und wir gingen weiter. Später dann führte uns die gewählte Strecke auch an Olivers Heimstatt vorbei, ich nutzte die Gelegenheit, um in einem Café etwas zu trinken. Warum er die Strecke so gewählt hat und nicht den direkten Weg nach Remscheid-Lennep, weiß ich nicht, angesichts solch einer großen Herausforderung, alle neun Etappen zusammen gerechnet, hätte ich es nicht getan und ich hätte mit jedem Kilometer gegeizt.
So aber sah ich “Schloß Burg” und die dorthin führende Seilbahn mal von unten und eine zauberhafte Altstadt von Solingen-Unterburg, die es tatsächlich wert war, belaufen zu werden.

Bis Remscheid-Lennep zog sich der Weg dann noch hin über Hügel und Täler und schlussendlich über eine tiefnasse, matschige und scheinbar endlose Wiese hinweg und ich freute mich, nach 69 Kilometern gegen 19.30 Uhr endlich das wohlige Warm des Hauses von Sandra und Holger zu sehen. Der Empfang war dann liebevoll, die Kerzen auf dem Eingangspodest leuchteten in die für Novemberverhältnisse extrem warme Nacht hinein. Wir wurden dort bestens versorgt, sowohl am Abend als auch am darauf folgenden Morgen.

Aber ich musste mit Oliver wegen des Aufstehens und des Weiterlaufens verhandeln. Ich halte mich ja für einen Langschläfer unter den Ultraläufern. Ungern starte ich vor sechs Uhr in der Frühe. Aber später starte ich auch nicht gerne. Dennoch schlug ich einen Start um 7 Uhr vor, Oliver wollte mir mit 8 Uhr entgegen kommen und wir einigten uns auf 7.30 Uhr. Kurz vor Mittag also …
Das Gute daran war, dass wir schon gute 10 Kilometer hinter uns hatten, bis wir den Startzeitpunkt des Vortages erreicht hatten. Das Schlechte daran war, dass wir für die restlichen 56 Kilometer noch genauso lang brauchen sollten wie für die 69 Kilometer des Vortages.

Wir legten regelmäßige Trinkpausen ein (Lieber Weihnachtsmann, schenke dem Oliver bitte eine Trinkblase für seinen Rucksack), ich lernte Freunde an einer Bushaltestelle und seine Tante und seinen Onkel in deren Häuschen kennen. Und wir verloren uns an einer Stelle, fanden uns dann aber glücklicherweise wieder.
Ein paar Mal musste ich ihn dafür anrufen. Stets bekam ich eine Leitung, aber ich konnte ihn nicht hören. Nach vier oder fünf Versuchen erst fiel mir auf, dass bei mir noch die Kopfhörer eingesteckt waren … da war sie wieder, die Geschichte mit dem Hirn eines Läufers und der Größe desselben während eines Laufes …

In Hagen erlebten wir Schönes. Erst ein wildes Gehupe hinter uns. Sandra und Holger hatten sich aufgemacht, uns auf dem Weg zum Freilichtmuseum in Hagen kurz an der Strecke aufzusuchen, nicht ohne uns einen Schokoladenkuchen, mit bunten Smarties bedeckt, mitzubringen. Später dann, am Hagener Hauptbahnhof, gab es für Oliver einen Burger und bei mir leuchteten die Augen, weil es einen auch an diesem Sonntag offenen “REWE to go” gab. So konnte ich mir einen Linsensalat aus kleinen roten Linsen mit aufgelegtem Ziegenfrischkäse gönnen, dazu einen Gurkensalat in einer weißen Sauce.

In Menden aber war die “vis comica” von Oliver ziemlich am Ende. Wie beim römischen Legionärsausblilder Nixalsverdrus bei “Asterix als Legionär” war die “Kraft der Komik” bei Oliver dem Zweifel gewichen. Er sah an der Bushaltestelle nach der Buslinie 514 zu unserem Etappenziel Wickede (Stadt). “Nur aus Interesse,” selbstverständlich. Aber er äußerte schon, dass wir das nächstgelegene Hotel aussuchen sollten, das kommen würde und nicht das, das uns HRS ausgewählt hatte. Am Ortseingang von Wickede war das dann die “Alte Poststube”, zwei Kilometer vor dem Stadtkern von Wickede, 66 Kilometer hinter Remscheid-Lennep.
Mir ging es seit dem Nachmittag immer besser, der Hirschtalg schonte mich im Schritt, die Oberschenkel waren schwach, aber ohne Schmerzen und die neuen Einlegesohlen entlasteten meine Achillessehne, “alles paletti” sozusagen.

Gegessen hat Oliver dann, wie auch am Vorabend, eher wenig. Ein Fehler, darauf wiesen ihn am Abend zuvor schon Holger und in Wickede auch ich hin.
Wir gingen zeitig zu Bett, der Wecker war auf 6 Uhr gestellt, spätestens um 7 Uhr sollte es weiter gehen, immerhin auf eine Etappe von 71.5 Kilometer nach Paderborn. Ständig geradeaus, an der B1 entlang, alles Straße, wie fast die gesamte Strecke der beiden Tage zuvor.

Daraus aber wurde … nichts.
Oliver konnte am Morgen nicht mehr auftreten, alles tat weh. Was für ein Pech!
Sein Fersensporn, was für ein Frust!

Weniger für mich, da ich sowieso nur bis nach Seesen gelaufen wäre und mein Lauf somit keinen “höheren Abschluss” gehabt hätte. Aber eben für Oliver. Für sein Bonn-Berlin-Projekt. Für seinen Spendenlauf. Für sein Selbstvertrauen.
Aber so ist das Ultralaufen eben. Nicht jeder, der einen schnellen Marathon laufen kann, kann auch richtig lange laufen. Und nicht jeder, der einen Hundermeiler stemmen kann, kann auch Etappenläufe bewältigen. Und alles auch umgekehrt. Wer einen 300 Kilometer Etappenlauf hinbekommt, der kann noch nicht automatisch eine TorTOUR durchstehen.
Es war also der Morgen des Erkennens, der Morgen der Wahrheit.

Und wahr war, dass wir sogar zum Wickeder Bahnhof ein Taxi bestellen mussten, um dann von dort aus erst nach Hagen und dann nach Wuppertal zu fahren. Dort trennten sich dann auch unsere Wege.

Was bleibt nach solch einem Erlebnis?
Oliver muss sich diese Frage selbst stellen und beantworten. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sein Ehrgeiz, mal wieder einen schnellen Marathon zu laufen, gestiegen sein dürfte. Sicherlich wird es sich aber auch fragen, ob ein einziges Hundert Kilometer Rennen und viele Marathons und ein paar Läufe “dazwischen” ausreichen, um sich so viele Straßenkilometer zuzumuten.
Ich wiederum fühle mich wie die beiden Ameisen aus dem Gedicht von Joachim Ringelnatz auf der Chaussee in Altona …
Und es passt zu einem Laufjahr 2014 mit seinen Ups, der Kirgistan-Reise, dem für mich fantastischen Ergebnis beim Ultra Tramuntana auf Mallorca und seinen Downs, mit dem Pech, den Chip beim TGC verloren zu haben, mit der Abkürzung der Laufstrecke von Menorca von 185 K auf 100 K  und mit den DNFs in Andorra, beim SIT und beim PTL, mit dem verpatzten Sommerurlaub auf Sumatra, der schon in Amsterdam am Check-In scheiterte, dem abgesagten Spendenlauf und der entzündeten Achillessehne, meiner ersten “richtigen” Sportverletzung, die mehr als nur meinen Körper dauerhaft geschwächt hat.

Aber eines kann uns keiner nehmen: es waren zwei sonnige Lauftage im November, herrliches, fast zu warmes und sonniges Herbstwetter. Es waren insgesamt 135 Kilometer, die wir gelaufen sind, immerhin.
Und ich konnte einen weiteren Läufer näher kennen lernen und wieder die These bestätigt finden, nach der alle Ultraläufer irgendwie eigen, ja, irgendwie verrückt, sind.
Jeder von uns hat seine Ups und Downs, seine Vorlieben und Macken, seine Stärken und eben auch die Dinge, die manche anderen einfach nicht verstehen.
Oder nicht verstehen wollen.

Und da ist nicht zuletzt auch die Erkenntnis, dass es gut ist, wenn man sein Leben damit zubringt, mit verrückten Menschen merkwürdige Dinge zu tun.
2014-10-04 12.38.48Diese zwei Tage werden wohl ewig in meiner Erinnerung bleiben und es wird eine Kerbe in mein kleines läuferisches Kerbhols geschnitten sein, wie es nur wenige andere Kerben auf meinem läuferischen Kerbholz gibt.
Tom Wingo, we all never walk alone …

Bei Bonn lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Berlin reisen.
Bei Wickede auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beinchen weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

frei nach Joachim Ringelnatz