Runfire Cappadocia

Das mit dem „Daily Blog“ hat ja leider gar nicht geklappt. Ich hatte keinen Zugang zum Internet.
Die Lehre daraus muss sein, dass ich mir beim nächsten Mal schon vorneweg eine nationale SIM-Karte besorge, damit ich unabhängig bin von Anderen.
Aber die täglichen Gedanken habe ich alle ins Diktiergerät gesprochen, sie müssen nur noch abgetippt werden. Dann kommt er, der „Daily Blog“, zeitversetzt eben … man kennt das ja aus dem Fernsehen.

Nun aber zu meiner Geschichte über den „RUNFIRE Cappadocia“, das Highlight des Sommers …2015-08-01 20.12.49„Du sollst Dir kein Bildnis machen …“ heißt es in der Bibel.
Auch nicht von Läufen … heißt es hier an dieser Stelle.
Ich aber hatte mir ein Bild dieses Laufes gemacht, ein sehr detailliertes Bild sogar. Und ich hatte diese Veranstaltung so falsch eingeschätzt und ich habe mich verschiedentlich so sehr vertan. Falsche Schuhe, falsches Material, falsche Einstellung, falsche Ziele …

Dass es aber am Ende doch die vielleicht schönste 6-Etappen-Veranstaltung wurde, die ich je erleben durfte, das verdanke ich einem zauberhaften Stück Welt, zauberhaften Menschen und einem zauberhaften Abschluss-Abend, den ich wohl niemals in meinem Leben vergessen werde.
Jeder Abschluss-Abend wird nun an diesem Abend in Uçhisar gemessen werden. Und es wird schwer werden für die Abende, die noch kommen werden, ganz sicher.

Es war ein warmer Abend auf einem Open Air Platz etwas unterhalb der Stadt Uçhisar gelegen.
Es gab ein unglaubliches Ambiente, das durch das Nacht-Design zu einem Traum wurde, eine perfekte Beleuchtung der vorhandenen natürlichen Chimneys. Es gab tanzende Derwische, eine hoch emotionale Siegerehrung der Sieger und der Teilnehmer an den Bewerben 4G, 6G und Ultramarathon, es gab Reden, roten und weißen Wein aus Kappadokien, EFES-Bier und Finger Food.
Es gab Musik, viel Musik, jeder tanzte (sogar ich) und jeder, wirklich jeder, hatte Spaß.ScreenShot(Direkter Link zum Film: https://www.dropbox.com/s/yuk119yf1grrfgc/2015-08-01%2019.40.06.mp4?dl=0)

Und unter diesem Open Air Platz lag das Land, das ich auch niemals vergessen werde. Nicht, weil es das Land meines Vaters ist, sondern, weil es das Land unglaublich freundlicher Menschen in einer unglaublich schönen Gegend ist.
Ein Land, in dem täglich Hunderte an Fesselballons aufsteigen und das man eigentlich auch von oben besehen haben sollte. Oder es eben in Gänze belaufen haben sollte. Rauf und runter, wie wir das am letzten, am Abschlusstag, getan haben. Ein Lauf von nur gut 15 Kilometern, aber 15 Kilometer, die ich noch nie, wirklich noch gar nie, so schön erlebt habe.

Ich selbst bin jetzt wieder zurück, meine Gedanken, meine Seele und mein Hoffen aber sind dort geblieben, irgendwo zwischen Uçhisar und Göreme. Und es ist eines ganz sicher.
2016 werde ich wieder dort sein, um meine Gedanken, meine Seele und mein Hoffen dort zu besuchen. Dabei wäre es schön, wenn die oder der Eine oder Andere mich dorthin begleiten würde. Es muss ja nicht gleich der Ultramarathon-Bewerb sein.
Ich glaube sowieso, dass ich mit dem 6G-Bewerb mehr als zufrieden wäre. Und das schafft nun wirklich jeder: 6 Tage lang Strecken zwischen 13 und 21 Kilometer laufen und ansonsten eine perfekte mobile Stadt vorzufinden mit bestem Catering und mit allem, was man sonst außerhalb der Zivilisation vermisst.
Geh‘ in Dich und dann geh‘ mit … 2016, dann wieder im Juli!
2015-08-02 06.31.03


„Zurück zu den Wurzeln“? Woher kommt man, wohin geht man?
Für viele ist zumindest der erste Teil dieser Frage leicht zu beantworten. Da sind Mama und Papa, da sind die Großeltern mütterlicherseits und die Großeltern väterlicherseits, alles ganz einfach.

Bei meiner Schwester Iris, meinem Bruder Wolf (gest. 13.10.2014) und bei mir waren da drei Großelternpaare und da war stets das Gefühl, dass da irgend etwas nicht wirklich passt. Das ging so, bis ich 13 Jahre alt wurde und unsere Mutter, meine Mutter, uns ins Wohnzimmer gebeten hat. Sie müsse uns etwas sagen. Ich weiß bis heute nicht, warum damals „der Tag“ dafür war. Auf jeden Fall hatte ich seither Klarheit.
Mein Bruder war nicht mein Bruder, meine Schwester nicht meine Schwester, mein Vater nicht mein Vater, die „Maxfeld-Oma“ war auch nicht meine Oma und die Großeltern in Frankenthal waren auch nicht meine Großeltern.
Dafür hatte ich seither einen neuen Namen im Leben, den meines leiblichen Vaters, Ahmet Lütfi Duman

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Erst Jahre später erfuhr ich dann, dass ich nun noch eine Halbschwester und einen Halbbruder dazu gewonnen hatte, die damals alle drei in Basel lebten …


KappadokienEtwas über Kappadokien (Cappadocia):
Die Region wurde vor etwa 60 Millionen Jahren geformt, als die weichen Schichten aus pulverisierter Lava und Asche von den Vulkanen Erciyes, Mount Hasan and Mount Güllü von Regen und Wind erodierten.

Die Menschen, die heute in dieser Region leben, haben diese einzigartigen Steinformationen „fairy chimneys“, „Zauberschlote“, genannt.

Kappadokien hat eine einzigartige Schönheit, wobei sich Natur und Geschichte vereinigen. Durch die gesamte Geschichtsschreibung hindurch hatten die Menschen dort diese „Zauberschlote“ als Unterstände, Höhlenwohnungen und Tempel verwendet. So können noch heute die Fußabdrücke von Tausenden Jahren der Zivilisation betrachtet werden.

Menschliche Sesshaftigkeit geht dabei zurück bis in die altsteinzeitliche Ära. Einst das Land der Hethiter wurde es später eines der wichtigsten Zentren des Christentums. Die Häuser und Kapellen, die aus den Felsformationen geschnitten wurden machten die gesamte Region zu einem gigantischen Schutzdach für Christen, die den Kämpfen mit den Heiden entkommen konnten.

Kappadokien war ein Königreich, gegründet nach dem Tode von Alexander dem Großen und der Name „Kappadokien“ bedeutet, aus dem Persischen übersetzt, in etwa „das Land der schönen Pferde“.
Kızılırmak ist dabei der Endpunkt der Täler der Region, das Schloss Uçhisar ist dabei wie ei Auge, das die langen Täler und „Zauberschlote“ Kappadokien beobachtet. Die Gegend um Haymana beinhaltet dabei die Städte Nevşehir, Kırşehir, Niğde, Aksaray and Kayseri.


Race ProgramDas ist also das „Race Program“ – Ankunft im Flieger am 25. Juli, Registrierung, Campsite belegen, Materialcheck, Briefing.
26. Juli bis 01. August: 6 Etappen Laufen an sieben Tagen.
01. August: Finish, Siegerehrungen und ein leckeres türkisches Abendessen.
Abreise dann für mich schon sehr früh am 02. August, noch vor der offiziellen Abreise-Uhrzeit …


Cappadocia

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6 Tagesetappen zwischen 18,6 km und 104,4 km, vor allem die „Königsetappe“ fasziniert mich. Und ich denke an die rund 83 km lange „Königsetappe“ beim MdS 2010, wo ich in den letzten Stunden, wo es kühler wurde, wieder richtig schnell laufen konnte. Vorbei an den anderen Läufern, die einem gebannt hinterher schauen und rein ins Ziel.
Ob mir das in Kappadokien am Donnerstag/Freitag (30./32. Juli) auch wieder gelingen wird?
Egal, Hauptsache, dass diese 260 km gerockt werden …


Cappadocia1Ahmed Lütfi Duman, später dann Ahmed Lütfi Hakan, war der Name meines Erzeugers. Ich weiß von ihm, seit ich dreizehn Jahre alt bin, aber dann ging dieses Wissen verschollen, weil es ja eines der vielen „Familiengeheimnisse“ war. Etwas, über das man nicht spricht, ungefähr so wie man auch nicht über die Rolle des Großvaters im Dritten Reich spricht und auch nicht über den Suizid meines ältesten Onkels.
Aber dann, am 6. März 1992, als unsere Tochter Milena geboren wurde, war die Erinnerung wieder da.
Milena wurde mit einem Mongolenfleck, auch Asiaten- oder Hunnenfleck genannt, am Rücken geboren und die Hebamme sagte: „Oh, ein Asiate in der Familie?“
Ach ja, da war doch was …

Im gleichen Jahr, 1992, brannte das Haus türkischer Mitbürger in Mölln, es kam zwischen dem 22. und 26. August 1992 in Rostock-Lichtenhagen zu rechtsradikalen Ausschreitungen gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein gegen Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter im sogenannten „Sonnenblumenhaus“ und nicht viel später, 1993, brannte es in Solingen, wieder waren türkische Mitbürger Ziel der ewiggestrigen Verbrecher.
In welcher Republik waren wir angekommen, fragte ich mich und ich erinnerte mich an den Geschichtsunterricht, in dem uns gelehrt wurde, dass es im finstersten Kapitel deutscher Geschichte ausgereicht hat „Viertel-“ zu sein, Vierteljude in diesem Fall.

Nun ist dieses unschuldige Mädchen Vierteltürkin, ich bin Halbtürke, es gibt die Ausschreitungen, Grund genug, mich auf die Suche nach meinen Wurzeln zu machen, dachte ich damals. Das war aber leichter gedacht als getan, denn ich konnte nicht auf die Hilfe meiner Mutter zählen. Auch die Internet-Recherche brachte wenig Erhellendes und außer mit vielen vor allem türkischen Freunden zu reden, blieb mir nicht viel übrig.
Bis sich Jahre später ein türkischer Nachbar, dessen Sohn mit unserem Sohn auf der Grundschule in einer Klasse war, meiner Sache annahm. Und auch er brauchte zwei ganze Jahre, um einen Teilerfolg zu erzielen.
Er nahm Kontakt auf zu Sabuncu Sakir, einem Moderator der türkischen Sendung „DISHATLAR“, in der versucht wird, Menschen, die sich verloren haben, wieder zusammen zu bringen. Und Sakir kam – mit einem kleinen Fernsehteam. Das Resultat war eine Sendung, die sich zu einem Drittel ausschließlich um meine Suche nach meinem Erzeuger drehte, das Resultat war aber auch … nichts, nada, näischt, niente,hiç bir şey gewissermaßen. Heute weiß ich, was der Fehler war. Damals wussten wir noch nichts von der Nachmamensänderung meines leiblichen Vaters und alle Personen, die betroffen waren, hießen eben Hakan und nicht Duman. Wie auch sollten die wissen, dass sie gemeint waren?
Nach dem darauf folgenden Skiurlaub ging es dann jedoch sehr schnell. Ich bekam einen Anruf, ich solle sofort nach Aksaray kommen, der Gouverneur hätte Interesse an meiner Geschichte gefunden und er hätte mir etwas zu sagen. Also flogen Sakir und ich erst nach Istanbul, dann nach Kayseri und dann fuhren wir mit dem Auto nach Aksaray.
Dabei passierten wir die vielleicht schönste Landschaft, die ich vom Auto aus bis dahin jemals gesehen habe: Kappadokien (Cappadocia).

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Der Rest dieser Geschichte ist schnell erzählt. Der Gouverneur fand heraus, dass es eben diese Nachnamensänderung gab, dass noch drei Halbgeschwister existieren, die seinerzeit alle in Basel lebten und dass mein Erzeuger leider schon in Paterson / New Jersey verstorben war.
Ich war also angekommen, ich war an meinem Ziel. Mitten in Aksaray auf dem Marktplatz küsste ich in Gegenwart von zwei Fernsehteams und drei Kollegen der schreibenden Presse meinen Onkel, den Bruder meines leiblichen Vaters, mit dem er sich so gestritten hatte, dass er seinen Nachnamen ändern ließ und unter großem Applaus und vielkehligem Geschnatter begann ich, mir zu überlegen, wie es mit diesen Informationen nun weiter gehen sollte.
Cappadocia2Und nun, vom 25. Juli 2015 bis zum 02. August 2015, darf ich insgesamt 260 Kilometer lang durch diese Region laufen. Und bei jedem Schritt werde ich an meinen Erzeuger denken, an meine Halbschwester Suna, die zu sehen mir nur ein einziges Mal vergönnt war. Und an meine beiden Halbbrüder Senol und Bülent, mit dem mich eine mittlerweile jahrelange Facebook-Freundschaft verbindet.
Senol traf ich einige Male in Basel, zuletzt gingen wir in Köln zusammen in ein chinesisches Restaurant und Bülent traf ich in Basel und zuletzt live letztes Jahr im Flughafen von Istanbul. Dort besuchte er mich bei einem Stop over mit seiner ganzen Familie. Mittlerweile ist Bülent wieder in der Schweiz wohnhaft und ich drücke ihm und seiner Familie beide Daumen, dort nun endgültig angekommen zu sein.

RUNFIRE CAPPADOCIA heißt der Bewerb, die Fotos lassen mich träumen (Hoppla, sehe ich da nicht ein bekanntes Gesicht?) und die Tage bis dahin einzeln rückwärts zählen.

Aus der Beschreibung des Bewerbs:
„Der RUNFIRE CAPPADOCIA findet in der bezaubernden Landschaft von Kappadokien statt. Kappadokien ist in der UNESCO World Heritage Liste von historischen Sehenswürdigkeiten gelistet.
Der Kurs startet in Uçhisar und führt durch viele spektakuläre Täler und Gegenden wie das Pigeon Valley, Ürgüp, Göreme und Ihlara. Der Kurs verspricht ein unvergessliches Erlebnis auf diesem einzigartigen Trail hin zum Lake Tuz, einem spektakulären Salzsee.

Die Strecke misst ungefähr 260 km und wird als Selbstversorger-Lauf in 6 Etappen durchgeführt. Die Athleten schlafen jede Nacht unter den Sternen, immer in einer anderen Location, stets in traditionellen türkischen Zelten, gemeinsam, aber alleine mit der Natur.
Die Route des RUNFIRE CAPPADOCIA Ultra Marathon wird seit 2010 regelmäßig vom Ministerium für Kultur und Tourismus der Türkei unterstützt und wurde vom RaceDirector, Prof. Dr. Taner Damcı, ausgewählt, der selbst schon viele schwierige internationale Ultra-Marathons gefinishted hat.

Der Bewerb ist unter den ’25 besten Abenteuer Marathons der Welt‘ im Men’s Journal Magazine gelistet. RUNFIRE CAPPADOCIA Ultra Marathon lädt Dich ein, Dich selbst wiederzufinden und das auf einer aufregenden Route mit wüstenähnlichen Wetterbedingungen.“

Und ich kleines Läuferlicht darf da dabei sein.
Und ich werde auch dort einen „Daily Blog“ schreiben, garniert mit vielen Fotos, so ich eine Internetverbindung habe. Oder ich mache den „Daily Blog“ auch wieder zeitversetzt wie beim „Lenin Race“, falls das Internet nicht so mag wie ich …

Ich freue mich so sehr darauf ….
Zurück zu meinen Wurzeln!
Cappadocia3

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5 Kommentare zu “Runfire Cappadocia

  1. Faszienierende Geschichte Thomas. Werde deinen Trail durch Cappadocia folgen. Wird ohne Zweifel eine Traumstrecke werden. Viel Erfolg mit deinen Vorbereitungen. Grusse aus der Niederlande

  2. Ergreifende Geschichte.
    Einiges kommt mir aus eigener Erfahrung und doch halt anders bekannt vor. Unser Leben war und ist kein gerade Weg. Mit Glück können wir uns auf einem Trail kurvig austauschen. Bis bald…

    • Das Leben ist wahrlich kein gerader Weg. Aber jede Kurve macht uns interessanter.
      Mögen die Kurven in den Pyrenäen auch interessant sein, auf denen wir uns austauschen könnten.

      Danke für Deinen Kommentar und liebe Grüße!

  3. Pingback: Köln – Istanbul – Ankara – Şereflikoçhisar – marathonundlaenger.de

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