Es ist nicht immer leicht, ich zu sein …

Du sollts Dich immer da abholen, wo Du bist. Und wenn Du nicht da bist, wo Du Dich hinwünschst und nicht da, wo Du mal gewesen bist, dann gilt das immer noch: Du sollst Dich da abholen, wo Du bist.

Selten wurde mir so deutlich vor Augen geführt, dass regelmäßiges Training einen Sinn hat, dass lange Läufe schwer werden, wenn Du nicht regelmäßig läufst. Sechs Wochen lang bin ich also nicht gelaufen. Zuerst war da der Wunsch nach etwas Regeneration nach den drei Läufen Ende September / Anfang Oktober, gepaart mit chronischer Unlust, vermeintlich zu viel Arbeit und dem latenten Wunsch, ein paar Tage lang die Kartoffel auf dem Sofa spielen zu dürfen.


In Afrika aber sollte alles wieder anders werden.
Aber außer den guten Vorsätzen und einer mit Laufklamotten randvoll gepackten Tasche war das nicht möglich. Auch bei meinem letzten Kilimanjaro-Trip blieb es bei einem einzigen Trainingslauf, dieses Mal fiel sogar der aus. Und dann, wieder in Deutschland, war der Schreibtisch voll, die chronische Unlust wieder da und dann blockierte mein ISG, mein Iso-Sakral-Gelenk. Also wieder nichts mit dem Laufen. Das schlechte Gewissen aber nahm ständig zu, ganz im Gegensatz zum Fitnesszustand.

Und in diesem Zustand zum KiLL50? 50 Meilen durch die kalte und nasse Hildesheimer Nacht, mit Gepäck auf dem Rücken? Was ist, wenn ich nach 20, 40 oder 60 Kilometern nicht mehr kann? Dann stehe ich im Niemandsland mitten in der dunklen Nacht, frierend und alleine und muss schauen, wie ich wieder zum Start/Ziel komme. Mir war klar: das geht einfach nicht, noch nicht an diesem Wochenende.

Als Alternative habe ich mir den 6-Stunden-Lauf in Troisdorf ausgesucht. Dieser Lauf war 2005 mein allererster Ultra, der kein Gruppenlauf war. Es war damals der längste vorstellbare Lauf der Welt: 6 Stunden!
Aber die Troisdorfer M.U.T.-ler um den großartigen Michael Irrgang herum belehrten mich damals schnell eines Besseren. Als ich, ganz sicher, die längste denkbare Strecke zu laufen, mal wieder durch das schöne Aggertal-Stadion lief, stellte der Mann am Mikrophon den Zuschauern einen der anderen Läufer als den Deutschen Meister im 24-Stunden-Lauf vor, just erreicht mit weit über 240 Kilometern in Basel.
Ich muss gestehen: ich war damals schockiert und fasziniert zugleich. Ist es tatsächlich möglich, so lange zu laufen?

Mein „längster denkbarer Lauf“ von 2005 war also am vergangenen Wochenende die kürzere Variante, die Alternative zu den 50 Meilen des KiLL50. Irgendwie ist das schon lustig, oder?

Schon am Freitag habe ich den Veranstalter des KiLL50, meinen lieben Freund Michael Neumann, angeschrieben und um Vergebung gebeten und um Verständnis, dass ich, trotz permanenter anderer Zusagen nun doch nicht nach Hildesheim kommen würde. Leid tat es mir nicht nur um ihn, sondern auch um seine bezaubernde Freundin Su, deren Kochkünste ich gerne einmal kennengelernt hätte.
Leid tat es mir aber auch um die Lauffreunde, deren Namen auf der Startliste des KiLL50 standen. Jeder einzelne dieser Namen steht für eine kleine Geschichte und ein kleines Stück meines Lebens. Andreas, Jochen, Michael, Joachim, Torsten, Robert, Thomas und all ihr anderen, Euch sei gesagt, dass ich wirklich gerne dabei gewesen wäre.
Nie werde ich die schöne Nacht im Vorjahr vergessen, wo ich an der Seite von Martin Raulf auf die Wildsauen dieser Gegend Acht geben musste.

Der Samstag begann schon mit einer kleinen Merkwürdigkeit. Beim Anziehen der X-SOCKS Kompressionsstrümpfe habe ich mich gefragt, ob die ausgeleiert seien. Sie gingen so einfach anzuziehen, das war schon merkwürdig. Dass Muskelabbau so schnell gehen kann …

Und trotzdem freute ich mich wie ein kleines Kind auf diesen Lauf. Nicht wegen des zu erwartenden Regens, der noch viel heftiger ausfiel wie ich es befürchtet hatte, …


… sondern, weil ich das erste Mal bewusst die Runningfreaks Melanie und Steffen treffen würde. Und auch mein Freund Helmut Hardy hatte ich auf der Anmeldeliste entdeckt.
Ich war früh dran in Troisdorf, auch deshalb, weil ich ja noch nachmelden musste und ich traf Melanie und Steffen dann draußen auf dem Weg zum Auto, wo ich noch ein paar Sachen verstauen wollte. Ein wenig Sorge hatte ich schon, ob ich die beiden im RL auch wirklich gleich erkennen würde. Fotos, vor allem Avatare, haben nicht immer viel mit dem Aussehen im „real life“ zu tun, aber ich irrte hier gewaltig. Ein Blick und gleich war klar, wer die Freaks sind.

Aber der CDU-Mann Axel E. Fischer, der uns alle zu kleinen Witzchen herausgefordert hat, hat vielleicht doch Recht. Klarnamen haben Vorteile, eindeutig. Als es plötzlich hieß: „Hi, ich bin die Eva!“ war ich schon erstaunt. Miss Monster hatte ich mir anders vorgestellt. Der Avatar erinnerte mich stets an Frankenstein, in Wahrheit war Eva bezaubernd und räumte mit all meinen Vorurteilen, die ich bislang Monstern gegenüber hatte, auf.
Dabei war es nur der Fehler der Visagistin, die vor dem Foto-Shooting dafür gesorgt hat, dass das Avatarfoto so wenig mit der Realität zu tun hatte. Was doch so eine Visagistin alles verändern kann …

Ich war froh, mit Miss Monster laufen zu dürfen. Unser gemeinsamer Plan, zwei, drei gemeinsame Stunden mit einer knapp über 6:00 er Zeit zu laufen, um dann von meiner Frau Gabi abgelöst zu werden, misslang. Gabi war es zu nass, zu kühl, einfach viel zu eklig.
Also war ich nach gut zwei Stunden allein mit mir, aber nach dreieinhalb oder vier Stunden begleiteten mich Schmerzen in den Oberschenkeln. Ich war so schlapp, so schwach, so untertrainiert …

Aber ich träumte ein wenig. Immer wenn Daniel Schwitter mich überrundete dachte ich, dass ich gerne schneller wäre, fitter, dass ich gerne nicht meine Probleme mit dem Rücken hätte, nicht die mit den beiden rechten Zehen am rechten Fuß und dass ich eigentlich überhaupt gerne ein wenig anders wäre. Es ist eben nicht immer leicht, ich zu sein …

Ich lief wohl zum siebzehnten Mal den aus einer einzigen Schlammpfütze bestehenden Damm hinter dem Stadion entlang, als die Veranstalter das Lied spielten, dessen Text mir gerade durch den Kopf ging. Die Wise Guys sangen: “ Es ist nicht immer leicht …“
Mein Gesicht war schon vom Regen und dem Schweiss klitschnass, das war gut, denn niemand sah, dass da nun auch noch ein paar Tränchen kamen.

(Klicken zum Vergrößern ... )

Am Ende war ich froh, nach dem Punkt 42.195 Meter noch die Runde zu beenden und dann auszusteigen. Mein „Marathon und länger Nummer 103“ war erledigt, ich habe nette Menschen kennen gelernt und viel über mich nachdenken können.
Und ich habe eine Entscheidung getroffen: ab sofort wird wieder täglich gelaufen, die Wochenkilometer müssen wieder rauf.

Gestern habe ich damit angefangen. Die Lauffreunde vom TV Altendorf-Ersdorf haben mich auch gleich wieder erkannt, vielleicht nur am Nummernschild des Autos, vielleicht aber auch, weil sie mich wirklich vermisst haben.

MissMonster hat einen kleinen Film mit mir gedreht und Steffen hat auch etwas über unser Treffen geschrieben, alles ist gut.

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5 Kommentare zu “Es ist nicht immer leicht, ich zu sein …

  1. Hallo Tom,

    ich kann dir gar nicht sagen wie sehr ich mich darüber gefreut habe, dich ENDLICH mal in der wirklichen Welt getroffen zu haben – alleine die Zeit war viel zu kurz. Ich hätte 10000000000000 Fragen an dich gehabt, über 1000000000 Themen sehr gerne mit dir gesprochen, doch irgendwie hat es an diesem Samstag nicht sollen sein.
    Tom, was soll ich sagen, was soll ich über dich sagen, mein Schatz versuchte schon die passenden Worte zu finden, sprach davon das du unheimlich charmant usw. seist, Tom, du bist weit mehr als das, du bist mehr als das, was hier in deinem Blog steht, mehr als alles das, was du schon erreicht hast…du bist einfach…..TomWingo!
    Kurz – ein prima Kerl und Freund

    Danke für den wunderbaren Moment mit dir, und ich freue mich schon auf den nächsten, bei dem wir hoffentlich länger reden und noch viel lieber einige Kilometer miteinander genießen können.

    Schön dich zu kennen,
    Steffen

  2. Charmant, wie Du Dich aus der Visagistennummer rausgewurschdelt hast. 😉
    Schade, daß Du so kämpfen mußtest, aber ich finde, wie schon geschrieben, daß Du Dich nach der langen Pausenzeit mit 6 Stunden Laufen und mehr als einem Marathon nicht verstecken mußt. Hinterfragen, wieder in Form kommen, etwas tun, ok, aber nicht grämen. Alles Gute! 🙂

    • Tja, Evchen, ich fand unsere Korrespondenz zu diesem Thema so lustig, dass ich die unbedingt im Blog erwähnt wissen wollte.

      Ich werde mich langsam wieder aufbauen und die Kompressionsstrümpfe wieder füllen. Gerade jetzt, in der Nikolauszeit, ist es ja wichtig, prall gefüllte Strümpfe zu haben. Nur so, sagt man, kommt man über den Winter …

  3. für mich ist momentan noch ein Marathon der längste vorstellbare Lauf. OK, vor drei Jahren habe ich noch nicht mal an 5km gedacht.. So verändern sich halt die Ziele.
    Viel Spaß beim Wiedereinstieg.

    • Vor drei Jahren hast Du noch nicht einmal an 5 Kilometer gedacht … ein netter Satz. Ich war nicht ganz so bescheiden am Anfang, aber ich weiß noch gut, wie neidvoll ich auf den Teil des Lauftreffs gesehen habe, der 2004 für den Halbmarathon in Alfter trainiert hatte.

      „Ein Halbmarathon – das wär’s!“ dachte ich damals. Und mit der Zeit wachsen die Ziele und die damaligen Laufpartner verstehen Dich bald nicht mehr, wenn deren höchstes Ziel, der Marathonlauf, Dein unterstes Ziel darstellt.

      Timekiller, das wird, stay tuned …

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